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26.01.1996 - 

Einigung wird zunehmend schwieriger

Arbeit des ATM-Forums verliert durch Grabenkaempfe an Dynamik

Waehrend sich der Asynchronous Transfer Mode (ATM) langsam den Weg aus den Universitaeten bahnt, um in der Wirtschaft seinen Platz zu finden, kommt nun das fuer die vorlaeufige Standardisierung des Verfahrens zustaendige Gremium ins Schleudern. Lange war es gerade das ATM-Forum, das durch seine schnellen Beschluesse den Fortgang der ATM-Standardisierung und damit die Implementationen sicherstellte.

Kritiker sehen nun jedoch den Willen der Hersteller zur Kooperation schwinden. Das ATM-Forum sei zu einer Plattform fuer Grabenkaempfe, Verzoegerungstaktiken und Verschleierung der eigentlichen Aufgaben verkommen. "Die Zunahme der Mitgliederzahl und die Eigeninteressen bringen sicherlich Unruhe in das Forum", meint auch Herbert Almus, Leiter des European Advanced Networking Test Centers (EANTC) in Berlin. "Bei 30 und mehr Leuten in den Arbeitsgruppen ist es schwierig, sich zu einigen." Vorwuerfe, welche die Offiziellen der Gruppe dementieren.

Doch es gibt Beispiele, die die Thesen der Kritiker stuetzen. So konnte ein Arbeitskreis sich auf keinen Standard verstaendigen, wie Multiprotokoll-Daten- und Sprachverkehr in ATM-Netzen behandelt werden sollen. Als Resultat der Blockade hat sich jetzt eine Gruppe abgesplittert, die auf eigene Faust eine Loesung finden will.

Noch vor diesen Ausreissern brach erstmals IBM die Uebereinkunft der Allianz, Mehrheitsentscheidungen zu respektieren. Waehrend das ATM- Forum an einer 51-Mbit/s-Version arbeitete, sammelte Big Blue eine Gruppe von Herstellern fuer einen anderen Vorschlag mit 25-Mbit/s- Uebertragungsrate zur Desktop-Vernetzung um sich. IBM, Marktfuehrer im Token-Ring-Bereich, verfolgte damit ein besonderes Eigeninteresse. 16-Mbit/s-Token-Ring-Netze benoetigen aufgrund der Bitcodierung und des Overheads Installationen, die eine Bruttotransferleistung von 32 Mbit/s aufweisen. Das von ATM verwendete Codierverfahren laesst in diesen Netzen einen maximalen Nettodatentransfer von 25 Mbit/s zu. Mit der von IBM vorgeschlagenen Methode koennen Anwender mit Token-Ring- Installationen unter Verwendung der herkoemmlichen Netzsysteme auf ATM migrieren.

Dieser Vorschlag wurde jedoch vom ATM-Forum mehrheitlich abgelehnt. IBM und die ATM-25-Allianz gingen dennoch ohne den Segen des ATM-Forums zur Vermarktung ueber. "Letztlich musste das ATM-Forum den IBM-Vorschlag akzeptieren", schildert Almus den Fall.

Derartige Alleingaenge koennten die Stellung des ATM-Forums als gemeinsame Entscheidungsinstanz fuer Interoperabilitaets- Spezifikationen zwischen Produkten und Diensten gefaehrden. In der Folge kaeme die Entwicklung von ATM-Angeboten langsamer voran. Potentielle Kunden, die befuerchten muessten, in eine proprietaere Loesung zu investieren, koennten auf andere High-speed-Verfahren wie Fast-Ethernet oder die neue Gigabit-Version migrieren.

"Der Geist des ATM-Forums der ersten Jahre, Entscheidungen schnell zu faellen und damit ein Interesse an dem Verfahren zu erzeugen, ist dahin", kritisiert Frank Dzubeck, President der Communications Network Architects Inc., Washington. "Das ATM-Forum war niemals mehr als ein momentanes Nebeneinander verschiedener Hersteller, es war also immer schon gefaehrdet", beurteilt Thomas Nolle, President der Cimi Corp., Voorhees, New Jersey, die Allianz. Nolle weiter: "Es gab eine Herstellergruppe, die fuer eine gewisse Zeit gemeinsame Interessen hatte. Diese Zeiten sind vorbei. Wenn der Wettbewerbsdruck zunimmt, driften die Ziele der einzelnen Beteiligten auseinander, dann wird es sehr schwer, Fortschritte zu machen."

Die Anhaenger des ATM-Forums stufen die Schwierigkeiten jedoch als natuerlichen Prozess ein. Die Unstimmigkeiten seien auch aus dem hohen Anspruch an das Forum entstanden, einen ueberdurchschnittlichen Standard fuer das zukunftstraechtige Verfahren zu finden. Streitigkeiten seien zudem die Ausnahme und nicht die Regel. "Wir moegen keine Zustaende wie in der Internet Engineering Task Force (IETF), wo nur wenige Leute alles entscheiden", verteidigt Roger Kosak, Chairman des ATM-Forum, die Allianz. "Demokratische Gremien haben immer ihre Staerken und Schwaechen."

Der Versuch des ATM-Forums, Standards zu finden, ist haeufig auch ein Balance-Akt. Bei jeder Norm finden sich Hersteller aus Nischenmaerkten, fuer die die beschlossenen Loesungen nicht optimal sind. In solchen Situationen, so gesteht George Swallow, Vorsitzender der Arbeitsgruppe Multiprotocol over ATM (MPOA), nehmen Minoritaeten bisweilen die Sache in die eigene Hand und entwerfen selbstaendig Vorschlaege. "Als Resultat ergibt sich dann eine Loesung, die nicht das Mass an Interoperabilitaet hat, das wir uns wuenschen", raeumt Swallow Probleme ein. Dennoch gebe es keine Aufloesungserscheinungen oder Verzoegerungen bei der Arbeit.

In den letzten sechs Monaten konnte das ATM-Forum gegenueber der Oeffentlichkeit nicht besonders ueberzeugen. In den Arbeitskreisen, so versichern die Beteiligten, wuerden jedoch viele notwendige Aufgaben angegangen und erledigt. So haben beispielsweise einzelne Gruppen daran gearbeitet, das Signaling, das Privat Network-to- Network Interface (PNNI, siehe Lexiko-thek) und das Verkehrs- Management zu harmonisieren. Jede Gruppe habe dadurch den anvisierten Zeitplan ueberschritten, "doch das Warten ist es wert", versichert Swallow.

Besonders ersehnt wird das ATM-Routing-Protokoll PNNI, das noch im Februar als Standard verabschiedet werden soll. "PNNI ist eine ganz wichtige Komponente fuer die Kommunikation zwischen Endsystemen und den verschiedenen angeschlossenen Switches in grossen Netzen", stuft auch Almus die Bedeutung des ATM-Routing- Protokolls ein. Zustaendig fuer den Verbindungsaufbau und die Wegefindung, muss es zudem die geforderten Dienstequalitaeten auf den Uebertragungswegen beruecksichtigen.

"Bei den Dienste-Eigenschaften hapert es noch", meint auch Hermann Hartenthaler, Projekt-Manager bei der DeTeBerkom. Funktionen wie Available Bit Rate, Constant Bit Rate und Variable Bit Rate sind zwar theoretisch definiert, es fehlen allerdings noch Erfahrungswerte aus der Praxis, die in kuenftige Standards des Forums eingehen muessen.

Doch bei den Herstellern schwindet der Wille zur Harmonisierung der verschiedenen Loesungen und Erfahrungen. Im fruehen Stadium der Normierungsarbeit konzentrierten sich die meisten Beteiligten auf technische Fragen. Seit viele Unternehmen Produkte auf den Markt gebracht haben, fehlt es an der Bereitschaft, eigene proprietaere Verfahren zugunsten einer einheitlichen Norm und eines voranschreitenden Standardisierungsprozesses zurueckzustellen.

Dieser Fall ist etwa beim Verkehrs-Management eingetreten. Die meisten Mitglieder sprachen sich fuer einen ratenbasierten Mechanismus aus. Einige Anbieter, die sich mit dieser Loesung nicht abfinden wollten, gruendeten eine eigene Arbeitsgruppe fuer eine mengenabhaengige Flusskontrolle. Als Ergebnis muessen sich Anwender kuenftig Gedanken machen, welche Loesung sie einsetzen wollen.

"Dem ATM-Forum ist es bisher immer gelungen, proprietaere Ausreisser wieder zu integrieren", zeigt sich Hartenthaler trotz der Streitigkeiten optimistisch. Die Querelen innerhalb der Herstellerallianz wuerden schlimmstenfalls dazu fuehren, dass sich das Gremium neu formiert und neue Arbeitsgruppen bildet. Mit proprietaeren Loesungen, meinen Hartenthaler wie auch EANTC-Chef Almus, werde kein Hersteller am Markt bestehen koennen.

Andere Kritiker koennen der kontroversen Diskussion innerhalb des Forums auch Gutes abgewinnen. Cimi-President Nolle glaubt etwa, die besten Arbeiten habe das ATM-Forum geliefert, wenn dem Ergebnis heftige Debatten vorausgingen. So sorgte der IBM- Vorschlag insbesondere wegen Big Blues Vorgehensweise fuer erhebliche Veraergerung innerhalb des ATM-Forums. Mittlerweile halten viele Mitglieder die ATM-25-Spezifikation dennoch fuer eine gelungene Loesung und favorisieren sie sogar gegenueber der urspruenglichen 51-Mbit/s-Version.