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02.07.1999 - 

Menschliche Würde speist sich aus produktiver Tätigkeit

"Arbeit für alle" ist machbar und bezahlbar

Arbeit für alle ist keine Utopie. Diese Ansicht legte Patrick Liedtke bereits vor zwei Jahren in einem vielbeachteten Bericht an den Club of Rome dar. Veronika Renkes* sprach im Auftrag der CW mit dem Makroökonomen.

CW: Wie beurteilen Sie die künftige Entwicklung des Arbeitsmarktes?

Liedtke: Erstens: Wir müssen eine effizientere und praktikablere Lösung für das Arbeitslosenproblem anbieten. Zweitens: Wir müssen die Integration der Arbeitslosen in eine arbeitsorientierte Gesellschaft tatkräftig fördern. Drittens: Wir müssen die Verantwortung der Gesellschaft gegenüber den Arbeitslosen stärker artikulieren und einfordern, dabei aber gleichzeitig die Verantwortung der Arbeitslosen gegenüber der Gesellschaft ins Bewußtsein rufen.

CW: Was könnten Arbeitslose für die Gesellschaft tun?

Liedtke: Nehmen wir unser ineffizient organisiertes Gesundheitswesen. Dort gibt es einen enormen Bedarf an Pflege- und Betreuungskräften, auf der anderen Seite haben wir über vier Millionen Arbeitslose. So etwas muß besser zusammengeführt werden. Wir wollen keine Umverteilung der bestehenden Arbeit, sondern die Organisation und Erschließung neuer Arbeitsfelder und -formen.

CW: Sie haben in Ihrem Bericht an den Club of Rome ein Modell entworfen, das "Arbeit für alle" gewährleisten soll: Wie stehen Sie angesichts der unverändert hohen Arbeitslosenzahlen heute dazu?

Liedtke: "Arbeit für alle" darf nicht mit Vollbeschäftigung verwechselt werden. Wenn man die Menschen fragt, was sie 24 Stunden am Tag unternehmen, dann merkt man, daß sie alle vollbeschäftigt sind. Wenn man allerdings darunter das tradierte, normale Arbeitsverhältnis versteht, mit fester Anstellung, einer 40-Stunden-Woche und lebenslanger Arbeitsplatzgarantie, gab es das noch nie und wird es auch nicht geben. Produktive Tätigkeit ist mehr als Erwerbstätigkeit. So müssen ehrenamtliche Tätigkeiten als wertvolle Beiträge zur Wertschöpfung mehr Anerkennung erhalten.

CW: Wie soll das alles bezahlt werden?

Liedtke: Wir müssen die Zahlungsströme aus Arbeitslosen- und Sozialhilfe umlenken und die Tätigkeit anstatt der Nichttätigkeit bezahlen. Bisher haben wir mit Geld, das ein Leben über dem Existenzminimum ermöglicht, den Arbeitslosen einen gewissen Konsum sichergestellt. Dieser Ansatz vernachlässigt jedoch den Anspruch an den Menschen, sich aktiv und produktiv in eine Gesellschaft zu integrieren: Warum degradieren wir die Arbeitslosen zu Bittstellern? Warum nutzen wir das vorhandene Geld nicht, um Menschen dafür zu bezahlen, daß sie aktiv tätig und in die Gesellschaft integriert sind?

CW: Worin sehen Sie die Aufgaben von Politik und Wirtschaft?

Liedtke: Die spannende Frage lautet: Finden wir in erträglicher Zeit ein Modell, das vielen Menschen hilft? Dazu gehört auch die Frage, mit welchen Methoden wir in unserer Gesellschaft Konsens erzielen können. Zudem benötigen wir eine soziale Reaktion auf das, was im wirtschaftlichen Bereich vor sich geht. Der Globalisierung muß von den politischen Institutionen nachvollzogen werden, die ein Gegengewicht zu den wirtschaftlichen Aktivitäten bieten können.

CW: Können unsere deutschen Politiker dieses Problem überhaupt auf nationaler Ebene lösen?

Liedtke: Die Entwicklung ist bipolar. Zum einen gibt es transnationale Lösungen und politische Einrichtungen, die den wirtschaftlichen Interessen von globalisierten Unternehmen gesellschaftliche Präferenzen und Konsensstrukturen gegenüberstellen. Andererseits werden Aktivitäten auf eine dezentrale Ebene verlagert. Der Konzentrationsprozeß in Wirtschaftsräumen und Regionen existiert in Zukunft nicht mehr. Wir müssen dezentrale Lösungen finden, die auch dezentral gemanagt werden können. Verantwortlichkeit wird in viel kleinere Einheiten heruntergebrochen werden als heute. Der Nationalstaat wird wesentlich unwichtiger werden.

CW: Ihre Ideen wurden heftig debattiert - wurden sie aber auch von Politik und Wirtschaft aufgegriffen oder gar umgesetzt?

Liedtke: Wir befinden uns noch in der Phase, in der wir Anstöße geben und Handlungsbereitschaft erzeugen wollen. An die Politiker gerichtet ist die Aufforderung, daß sie nicht permanent versuchen sollen, Risiken zu vermeiden. Das Schlagwort heißt: Ausprobieren. Die Politiker müssen begreifen, daß die Zukunft der Arbeit eines der zentralen Probleme ist. Die traditionellen Ansätze beziehen sich aber nur auf einen bestimmten Ausschnitt unseres Wirtschaftssystems. Es ist notwendig, diese Einschränkungen zu überwinden und eine breitere Sichtweise anzunehmen.

CW: Worauf sollten Politiker also stärker achten?

Liedtke: Erstens: Arbeit und Beschäftigung setzen sich mit der Schaffung eines besseren Lebens auf der Erde für jeden auseinander. Dies ist eng verbunden mit der Schaffung von Wohlstand für jeden. Zweitens: Die Definition von Wohlstand muß überdacht, revidiert und den neuen Verhältnissen ebenso angepaßt werden wie die Definition vom ökonomischen Wert. Drittens: Produktive Tätigkeiten und Arbeit sind direkt verbunden mit der menschlichen Würde. Wir sind, was wir tun, nicht was wir konsumieren.

CW: Was müßte praktisch geschehen, um der Arbeit eine Zukunft zu geben?

Liedtke: Zum Beispiel muß die rechtliche und wirtschaftliche Benachteiligung der Teilzeitarbeit aufgehoben werden. Sie verhindert Effizienzgewinne und vor allem eine bessere Anpassung der Arbeitsgegebenheiten an die individuellen Bedürfnisse. Zudem sollte mehr nach Leistung als nach Alter bezahlt werden.

*Veronika Renkes ist freie Journalistin in Bonn.