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Arbeit und Technik - der Mensch muß bleiben

20.09.1985

In der Fachöffentlichkeit wird viel über die Gestaltbarkeit neuer Techniken "philosophiert". In den Betrieben erleben die Arbeitnehmer und ihre Gewerkschaften jedoch eine andere soziale Realität. Tayloristisches Gedankengut dominiert auch beim Einsatz von CNC-Maschinen, CAD-Systemen und EDV-Techniken, sei es zur Produktionsplanung und -steuerung, zur Textverarbeitung sowie Sachbearbeitung in kaufmännischen oder technischen Büros. Das bedeutet für die vom Rechnereinsatz betroffenen Beschäftigten: Ein kompetenter, "rechnergestützter" Umgang mit dem System wird nur für wenige, zumeist ohnehin qualifiziertere Beschäftigte monopolisiert, während für die Mehrheit der vom EDV-Einsatz Betroffenen lediglich ein "rechnergeführter" Umgang mit dem System verbleibt. Hochbeanspruchende geistige Arbeit auf der einen Seite, sinnentleerte Arbeit und Verschleiß von Qualifikationen auf der anderen Seite; beide Arten - infolge von Überwie Unterforderung verbunden mit enormen Belastungen - sind die Folge. Und das, obgleich bei Ausschöpfung der Gestaltungspotentiale ein effektiverer Einsatz von Arbeit und neuer Technik möglich wäre. Hinzu kommt, daß Jahre, bevor die menschenarme Fabrik sowie das papier- (und frauenlose) Büro der Zukunft Wirklichkeit sind, neue Techniken mehr Arbeitsplätze vernichten, als wieder neue geschaffen werden.

Wenn diese Entwicklung - ökonomisch und gesellschaftspolitisch - nicht in einer Sackgasse enden soll, ist es höchste Zeit, andere Entscheidungsprioritäten durchzusetzen: Nämlich gesellschaftlich nützliche Innovationen zur Sicherung der Beschäftigung und humane Produktionskonzepte zur betrieblichen wie gesellschaftlichen Gestaltung technischen Wandels. Dieser Anspruch ist kein "Nein" zu neuen Techniken, sondern ein engagiertes Plädoyer für ein qualitativ anderes Rationalisierungs- und Modernisierungskonzept, das neben dem Einsatz flexibler Techniken vor allem auf Qualifikationen, Kreativität und Innovationsfähigkeit von Arbeitnehmern und Belegschaften setzt. Da wir wenig Hoffnung haben, daß Unternehmer Gestaltungspotentiale von selbst putzen, erhebt die IG Metall mit ihrem Aktionsprogramm "Arbeit und Technik - der Mensch muß bleiben" diesen Anspruch zum. politischen Programm.

Im Zentrum des Aktionsprogramms stehen ein umfassender Gesundheitsschutz für alle Beschäftigtengruppen - auch und gerade beim Einsatz neuer Techniken. Die vielfachen wissenschaftlichen Erkenntnisse - insbesondere des Programms "Humanisierung des Arbeitslebens" - zum Belastungsabbau, gegen Monotonie und Überforderung, zur Vermeidung von Streß müssen endlich in die betriebliche Praxis umgesetzt werden. Und auch gefährliche Arbeitsstoffe können von vornherein aus den Betrieben verbannt werden, wenn - so selbstverständlich, wie die "Marktanalyse" vor die Einführung eines neuen Produktes geschaltet wird - vor dem Einsatz eines neuen Arbeitsstoffes eine "Gefährdungsanalyse" steht.

Ein weiterer zentraler Punkt ist eine umfassende Qualifizierungsoffensive für alle Arbeitnehmer. Denn unternehmerische Rationalisierungspraxis droht jene Qualifikationen und Kreativität zu zerstören, die letztlich Grundlage betrieblicher Leistungs- und Wettbewerbsfähigkeit sind und die wir so dringend für gesellschaftliche Innovationen benötigen. Für die IG Metall sind Erst- und Weiterbildung ein zentrales Element aktiver Beschäftigungs- wie Strukturpolitik: Einmal, um gering qualifizierte Beschäftigte vor Arbeitsplatzverlust zu schützen und auf neue Anforderungen vorzubereiten, zum anderen, um die Innovationsfähigkeit von Belegschaften für Produkt- wie Prozeßinnovationen zu steigern. Denn die Gewerkschaften können und wollen nicht länger hinnehmen, daß einerseits industrielle Substanz geopfert und vernichtet wird - qualifizierte Belegschaften, Maschinenparks und Betriebsstätten "stillgelegt" werden -, weil kein Markt mehr da ist, andererseits aber Neugründungen im Bereich der Hochtechnologien mit Steuermitteln subventioniert werden, ohne daß damit in nennenswertem Umfang Arbeitsplätze entstehen würden. Wenn sie entstehen, dann gerade nicht für die Beschäftigten, die in krisengeschüttelten Branchen und strukturschwachen Regionen "freigesetzt" werden.

Die IG Metall will zukünftig mit dem Druck von Belegschaften und betrieblichen Interessenvertretern die Unternehmer nachdrücklich fordern, die in den neuen Techniken liegenden Chancen endlich aufzugreifen. Wir werden dazu unsere Mitglieder, Vertrauensleute und Betriebsräte in einer breitangelegten Aufklärungs- und Qualifizierungskampagne befähigen, menschengerechte und sozial verträgliche Arbeits- und Technikgestaltung in den Betrieben durchzusetzen.

Wenn in den Betrieben menschengerechte Arbeitsbedingungen und sozial verträgliche Techniken mit dem Druck von Belegschaften nachgefragt werden, stellt das eine nicht zu unterschätzende Marktmacht dar, die auch überbetriebliche Wirkungen zeigen soll: sowohl bei den Herstellern von Hard- wie Software wie bei der Entwicklung neuer Techniken im Forschungsprozeß. Die Erfahrung hat gezeigt, daß die "akzeptanzgefährdende" Diskussion um Gesundheitsgefährdungen an Bildschirmarbeitsplätzen Folgen hatte für eine ergonomisch bessere Gestaltung. Bildschirmgeräte tragen heute international gesehen ein "Güte siegel", wenn sie die Feuertraufe des deutschen Marktes bestanden haben - und sie verkaufen sich: Menschengerechte Arbeitssysteme sind in der Regel auch wettbewerbsfähigeren...!