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26.05.1995 - 

Warum brauchen wir eine Informationstechnologie?

Arbeiten fuer und mit Menschen - nicht mehr fuer und mit Sachen

Der fundamentale Wandel industrieller Strukturen macht Information und Informationstechnik zu Oberthemen jedes zukuenftigen Weiterent- wicklungsprozesses. Speerspitzentechnologien sind Katalysatoren und muessen an allen Stellen und mit aller Kraft vorangetrieben werden. Falk-D. Kuebler* fordert einen kollektiven Konsens ueber dieses Ziel und einen Vorrang des Machens vor dem (allzu) langen Ueberlegen.

Schon wieder jemand, der meint, seine Stimme zu einem Standortfragen-aehnlichen Thema erheben zu muessen? Eigentlich haengt uns das doch langsam schon zu den Ohren heraus.

Sei´s drum! Die stillen Zweifel, ob wir uns fuer die naechsten Jahrzehnte ausreichend gut geruestet sehen koennen, sind bei den meisten keineswegs ausgeraeumt. Damit bleibt das Thema relevant, man kann es zwar temporaer verdraengen, aber nicht wegbringen. Die Frage wird sich erst erledigen, wenn sie von einer generellen Aufbruch-stimmung ueberlagert wird. Aufbruch bedeutet aber Richtung, und die ist ueberhaupt noch nicht ausreichend klar, zumindest nicht in der Breite der Gesellschaft.

Um es vorwegzunehmen: Ich glaube nicht, dass die Wirtschaft in Deutschland schlussendlich unrettbar zurueckfallen wird. Aber bis das halbwegs sicher ist, muss schon noch einiges passieren. Erlauben Sie mir deshalb eine "Tour d´horizon" durch einige Themenkreise, aus denen sich bei dem einen oder anderen vielleicht die Anregung zu einem konstruktiven Gesamtbild ergibt.

Es liegt in der Natur der Informationstechnik, dass ihre Zyklen so kurz werden, dass es manchmal wichtiger sein kann zu handeln, als vorher alles ueber die Folgen herausbekommen zu haben. Erst wenn wir wissen, wohin wir wollen, koennen wir die erforderlichen Kraefte entfalten. Es gibt aber solche Orientierungen, ueber die sich nicht nur nachzudenken lohnt, sondern die man zu praktischen Zielen machen kann.

Zur Zeit haben wir ja noch kein Defizit. Weltweit gehoeren wir zu denjenigen, denen es am besten geht. Wenn da nur nicht die nagenden Zweifel waeren, ob sich das eventuell aendern koennte ... Das aber bedeutet noch kein wirkliches Defizit. Zwar moechte man etwas ver-hindern, weiss aber nicht einmal so genau, was, vom Wie ganz zu schweigen. Auch lassen sich fremde Muster nicht ohne weiteres uebernehmen.

Wir spueren jetzt einen fundamentalen Wandel industrieller und gesellschaftlicher Strukturen. Die Informationsgesellschaft kommt, von manchen als eine Art Dampfwalze empfunden, doch weiss keiner so genau, wie sie aussieht. Rohstoffe sind auf dem freien Markt zu- gaenglich. Auch reine Produktionskraft scheint kein zentrales Anliegen mehr zu sein, sie ist zwar notwendig, aber nicht hinreichend. Dies haengt damit zusammen, das man sich fragen muss, was denn eigentlich zu produzieren ist. Es sind nicht mehr nur materielle Gueter - die gibt es im Ueberfluss. Massstab muessen schlussendlich diejenigen sein, fuer die das Ganze gemacht wird, also die Menschen.

IT: Gegenstand und Werkzeug des Fortschritts

Die rasanten Fortschritte der Informationstechnik - als die meisten von uns geboren wurden, gab es so etwas praktisch noch gar nicht -, sie fuehren zu einer Umwaelzung der Wertschoepfungsprozesse, aber nicht allein der Prozesse, sondern auch der Werte, die geschaffen werden.

Die Tatsache, dass Informationstechnik nicht nur Gegenstand, sondern gleichzeitig auch Werkzeug des Fortschritts ist, erzeugt eine Akze-leration, die man bei frueheren Aenderungsprozessen nicht kannte. Wenn gesagt wird, dass die Informations- und Kommunikationstechnik-Indu-strie zur Jahrtausendwende bereits ein Volumen von 2200 Milliarden Dollar haben - praktisch von null Dollar ein halbes Jahrhundert zuvor - und damit die weltweit groesste Industrie sein wird, so illustriert das die Dynamik. So etwas hat es noch nie gegeben.

Diese Dynamik bringt es nun mit sich, dass die Weiterentwicklung nicht mehr so leicht in Etappen geplant und nach Art eines Mile- Stoning geprueft werden kann. Fuer die teutonische Neigung zur Grundsatzbe-trachtung und zum "Durchdenken" ist das ein Stein des Anstosses, partiell sogar ein Element der Laehmung.

Konsequenz waere, sich darauf zu einigen, der Tatsache der Aenderung, des Fortschritts, dem

"Nach vorne" eine hoehere Gewichtung als bisher zu geben. Fehler muessen, um mit Lee Iacocca, dem ehemaligen Chef von General Motors, zu sprechen, auf dem Weg korrigiert werden. Informationstechnik muss um fast jeden Preis nach vorne getrieben werden, viel mehr, als wir das zur Zeit tun, weil uns sonst die Chance zur aktiven Gestaltung der Informationsgesellschaft genommen wird. Das "Wissen" tritt gegenueber dem "Machen" in den Hintergrund.

Das scheint fuer die intellektuelle Elite hierzulande ein "starker Tobak" zu sein. Nicht zufaellig hat zum Beispiel Grundlagenforschung in Deutschland immer schon einen sehr hohen Stellenwert genossen, sie bedeutet Wissen. Grundlagenforschung bedeutet aber auch "nur" Wissen. Das Machen, also die daran anschliessenden Glieder der Wertschoepfungskette, ist in den letzten Jahrzehnten etwas zu kurz gekommen, zumindest in der Informationstechnik. Damit ich nicht miss-verstanden werde: Ich bin nicht gegen Grundlagenforschung, aber fuer eine geeignete Balancierung. Dies sei an einem Beispiel verdeutlicht:

Der Beduine in der Wueste muss sich nicht darum sorgen, dass die Sonne verschwinden koennte, sondern die Kuehle suchen.

Im Machen sind uns die Amerikaner eindeutig voraus, und solche Staer-ken ermoeglichen es ihnen, ihre Schwaechen, wie zum Beispiel das Ausbildungswesen, zu kompensieren. Deshalb liegt auch nicht nur ein "amerikanisches Jahrhundert" hinter uns, sondern in aehnlicher Form vielleicht auch noch einmal vor uns.

Wir muessen eine fuehrende Position wollen

Wir muessen also die Informationsgesellschaft und als ihr wichtigstes Tool die Informationstechnik in allen Facetten vorantreiben, sie als nationales Anliegen fordern und foerdern, selbst wenn wir die Auswir-kungen noch nicht ganz verstehen. Das wird nur gehen, wenn wir eine fuehrende Position wollen, sie uns auch zutrauen und alles operative Handeln an diesem Ziel messen.

Und die Folgen? Wir muessen akzeptieren, dass in diesem dynamischen Prozess die Einschaetzung der Folgen zwar nicht vergessen werden darf, aber nie am Anfang steht. In den 70er Jahren hatten wir die Situa-tion, dass mit dem Aufkommen der Informationstechnik zunaechst nur die warnenden Stimmen zu hoeren waren.

Manche Philologen - Gott sei dank nicht alle, aber viele - sahen den Computer als Bedrohung. Dabei wussten sie wahrscheinlich nicht einmal ansatzweise, was ein derartiges Geraet ueberhaupt war. Gewerkschafter brachten den Vergleich "Chip = Job-Killer" in so lange verboten, bis ein Technologiefolgenausschuss die Folgen bis auf Nullrisiko einge-stuft haette.

Besteht denn etwa kein Risiko fuer die Arbeitsplaetze? Natuerlich be- steht das Risiko, aber nur in einer statischen Betrachtung. Hier mag ein historischer Rueckblick helfen: Von den Arbeitsplaetzen, die es vor 200 Jahren gab, sind mittlerweile 99 Prozent weggefallen. Sind wir dadurch zu einem Volk von 99 Prozent Arbeitslosen im Elend geworden? Haette denn damals jemand konstruktiv angeben koennen, was man mit einer Legion von Bauern und Hufschmieden machen sollte?

Wir muessen bestehende Arbeitsplaetze wegrationalisieren, um dadurch Wertschoepfungen auf hoeherer Ebene zu ermoeglichen und damit indirekt die entsprechenden gesellschaftlichen Prozesse zu erzwingen.

Ist dieses also ein Plaedoyer fuer ein zielloses Nach-vorne-Stuermen - und das aus einer Rueckstandsposition und ohne Leitbild? Ich denke, nein. Das Leitbild gibt es; man muss es nur fokussieren.

Damit komme ich abschliessend auf den wichtigsten Teil dieser Betrach-tung. Er sei als "Pars pro toto" aus meinem eigenen Arbeitsgebiet beigesteuert, dem High Performance Computing.

Hochleistungs-Computertechnik, laengst nicht mehr nur im Supercomputer in den Rechenzentren, sondern auch in Form des "Embedded Parallel Processing" als Teil von Produkten, fuehrt zu immer intelligenteren Systemen. Man kann zunehmend von wirklich "kognitiven" Maschinen sprechen. Mit solchen Systemen ist es demzufolge auch moeglich, "repetitive", "kognitive" Arbeit von Menschen zu substituieren.

Ein winzig kleiner Ausschnitt: In den USA werden jaehrlich 55 Milliar-den Schecks verarbeitet. Diese Zahl wird in den naechsten Jahren noch steigen. Wenn wir allein den Lese- und Eintipp-Anteil der Verarbei-tung abschaetzen, kommen wir auf zirka 10 000 Arbeitsplaetze mit einer Milliarde Mark Lohnkosten, die durch Maschinen abgeloest werden koennen.

Also doch ein Plaedoyer fuer die brutale Arbeitsplatzvernichtung? Jein, denn aehnlich wie bei den 99 Prozent der Arbeitsplaetze vor 200 Jahren verbirgt sich auch hier ein fundamentaler Wandel dessen, was wir in der menschlichen Arbeit als gesellschaftliche Wertschoepfung betrach-ten. Um es auf den Punkt zu bringen: Es ist grotesk, dass der Marktknappheits-Mechanismus heute die Arbeit der Datentypistin, die meinen Scheck bearbeitet, hoeher bewertet als die Arbeit der Kinder-gaertnerin, die meine Kinder in einem wichtigen Lebensabschnitt er-zieht, oder als die Arbeit des Pflegers, der mich selbst vielleicht einmal betreuen wird.

Wenn wir es geschafft haben, solche und andere Arbeiten auf kognitive Maschinen zu uebertragen, wird die dann von den Maschinen geleistete Wertschoepfung eben nicht ueberfluessig, sondern kann auf andere Taetigkeiten uebertragen und auch finanziert werden. Das bringt uns dem erhabenen Oberziel naeher, dass in einer zukuenftigen Informations-gesellschaft der Mensch nicht mehr fuer und mit Sachen arbeitet, sondern freigesetzt werden kann fuer die Arbeit fuer und mit Menschen.

Routine auf kognitive Maschinen uebertragen

Man kann solchen Fragen im einzelnen nachgehen, global ist aber eines klar: Die Maschinen des 19. Jahrhunderts waren Muskelkraftverstaerker, die Maschinen des ausgehenden 20. Jahrhunderts sind Denkverstaerker, das heisst, sie verstaerken Wissen, Information und Beurteilungs-faehigkeit des Menschen im einzelnen und der Gesellschaft im ganzen. Wenn also Mensch und Gesellschaft fuer unsere Umwelt einschliesslich ihrer Menschen arbeiten, werden sie das mit Informationstechnik in jeder Hinsicht besser koennen.

Die schon vorhandene und noch zu entwickelnde Informationstechnik ermoeglicht:

- die intelligentere Nutzung von Ressourcen durch Design von Produkten;

- die effizientere Steuerung von Produktion und Logistik;

- Recycling-Technologien etc.;

- ein humaneres Lebensumfeld durch Sicherheit und Schutz vor Katastrophen mittels Simulationstechnik durch "Zusammenruecken" ohne Reisen durch quasi unbeschraenkten Raum fuer den menschlichen Wissenstrieb und seine Neugier;

- eine menschlichere Sozial- und Arbeitsordnung durch den Rueckgang stumpfsinniger Maschinenarbeit;

- den Rueckgang von "Technokraten"-Berufen sowie

- die Konzentration des Menschen auf die Arbeit mit und fuer Menschen.

Wir brauchen mehr Konsens ueber solche Arten des Fortschritts, dann werden wir auch mehr Kraft entwickeln, Prioritaeten setzen und Erfolg haben. In der Informationstechnik bedeutet das derzeit, sich an der Willensbildung der Amerikaner ein Beispiel zu nehmen. Dort bemueht sich jeder, die nationalen IuK-Industrien voranzutreiben, von Politik ueber Wissenschaft, Technologienachschub und Unternehmertum bis hin zum Risikokapital. Wie schon gesagt: Die Amerikaner ueberlegen kurz und handeln dann.

In den Umwaelzungen der Informationstechnik auf dem Weg zur Informa-tionsgesellschaft liegen also viel mehr Chancen als Risiken. Wir muessen sie nicht blind, aber doch entschlossen nutzen wollen.Wenn meine Betrachtungen zu einseitig oder pauschal geraten sind, dann vielleicht deshalb, um die Arbeitsplaetze derer zu bewahren, die Kritik und Bedenken beisteuern.

* Falk-D. Kueblerist Geschaeftsfuehrer der Parsytec Computer GmbH in Aachen