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26.01.1979

"Arbeitet ein dedizierter Mini ökonomischer als ein Jumbo?"

Mit Prof. Werner Kutzelnigg und Diplomchemiker Klaus Wenzel von der Uni Bochum sprach Dieter Eckbauer

- Herr Professor Kutzelnigg, der Lehrstuhl für Theoretische Chemie der Ruhr-Universität Bochum arbeitet seit zirka zwei Jahren selbständig mit einem Minicomputersystem 8/32 von Perkin-Elmer Interdata. Waren Sie mit den Leistungen des zentralen Hochschul-Rechenzentrums nicht mehr zufrieden?

Kutzelnigg: Der Hauptgrund für die 8/32-Installation hier am Lehrstuhl war nicht so sehr, daß wir mit dem zentralen Rechenzentrum unzufrieden waren, sondern daß wir mal herausfinden wollten - auch im Hinblick auf die künftige Planung der gesamten Struktur von Rechenanlagen in der wissenschaftlichen Forschung -, ob eine für eine ganz spezielle Aufgabe konzipierte Kleinrechenanlage ökonomischer arbeitet als eine Großanlage.

- Sie sagten, "nicht der Hauptgrund..." - gab es also doch Trouble mit dem zentralen Rechenzentrum?

Wenzel: Es gab Kapazitätsprobleme beim zentralen Rechner. Es ist aber Verschiedenes getan worden: Einmal ist die TR 440 aufgesteckt worden, dann wurde die Plattenkapazität vergrößert, schließlich kam ein zweiter Prozessor hinzu, was eine erhebliche Leistungssteigerung gebracht hat. Desweiteren haben wir eine besondere Benutzer-Priorität bekommen, speziell für Nachtläufe. Dennoch trat ein, was sich bei allen großen Rechenzentren nach einer gewissen Zeit einstellt: Die Anlagenkapazität konnte, nicht mehr alle Benutzerwünsche befriedigen.

- Sie haben jetzt Vergleichsmöglichkeiten. Wie sieht denn die Rechnung 8/32 contra TR 440 aus?

Kutzelnigg: Gemessen an der Telefunken-Anlage ist unsere Anlage wirtschaftlicher - entscheidend wirtschaftlicher.

- Nun ist es wohl nicht ganz fair, einen modernen Mini mit einem Wissenschafts-Jumbo älterer Bauart zu vergleichen.

Kutzelnigg: Wie dieser Vergleich bei einer Maschine der dritten Generation ausfiele, das kann ich mangels Erfahrung nicht beurteilen. Wir werden Gelegenheit haben, diese Erfahrung zu machen, wenn unsere Universität eine solche Maschine bekommt. Insofern ist dieser Test noch nicht völlig abgeschlossen. Aber so ein kleiner Rechner hat natürlich überhaupt einige Vorteile, speziell aus der Sicht, daß er auf unsere Aufgaben zugeschnitten ist.

- Welche Aufgaben sind das?

Kutzelnigg: Wir haben sehr rechenintensive Programme - sogenannte Langläufer - und müssen deshalb sehen, wie wir die benötigte Rechenleistung am besten erbringen. Eine Großanlage ist in erster Linie dazu da, sämtlichen Benutzern bei ihren meist kleinen Problemen mit überperfektionierter Software zur Hand zu gehen. Das aber sind Dinge, die uns relativ wenig interessieren.

- Was interessiert Sie dann?

Kutzelnigg: Wir sind vorwiegend an Batch-Zeit interessiert. Bei einer Großanlage fällt zwar immer noch Batch-Zeit ab - und es war eine Zeit lang so, daß das Rechenzentrum sogar dankbar war, daß wir diese Batch-Zeit abnahmen. Aber zuletzt konnte man uns eben recht mehr genügend Rechenzeit zur Verfügung stellen. Für uns sieht die Rechnung so aus: Auch wenn uns die Telefunken-Anlage der Universität ständig zur Verfügung stehen würde, könnte sie für uns nicht mehr leisten als die Interdata-Anlage, die wir hier haben.

- Tun Sie nicht damit der TR 440 unrecht, die ja Dinge wie Dialogfähigkeit und Timesharing bietet - die Sie mit Ihren simplen Stapel-Jobs bloß nicht nutzen?

Kutzelnigg: Da muß ich Ihnen zustimmen - aber so stellt sich die Frage für uns eben nicht. Wir haben nicht das Problem: Wie befriedigt man am besten die Wünsche von Tausenden von Kleinbenutzern? Wenn Berechnungen, wie sie in der Theoretischen Chemie gemacht werden, zu erledigen sind, dann sollte man einen Minicomputer von der Art der Interdata 8/32 einsetzen. Und ich vermute, daß dieser Vergleich auch bei einem größeren Zentralrechner zugunsten des Minicomputers ausgeht.

- Könnte demnach das Projekt Modellcharakter haben?

Kutzelnigg: Ich kann nur sagen, daß auf dem Sektor der Theoretischen Chemie - zumindest in Amerika - eine starke Tendenz in Richtung auf Minicomputer besteht. In Deutschland ist natürlich unser Beispiel bei den Kollegen schon irgendwie bekannt. Es wird jetzt immerhin eine zweite vergleichbare Anlage an der Uni in Kaiserslautern installiert. Wie weit das sonst noch Schule macht, hängt von der generellen Politik ab, die von der Deutschen Forschungsgemeinschaft betrieben wird.

- Nun argumentieren viele Rechenzentrumsleiter, die einzige Möglichkeit, Rechenbedarf zu decken, bestehe darin, ein großes zentrales Rechenzentrum zu haben. Wird nicht diese Großrechner-Gläubigkeit dazu beitragen, den Status quo zu erhalten?

Wenzel: Natürlich, bei diesen Entscheidungen ist ja jeder vorsichtig, weil keiner weiß, wie die Dinge laufen. Man hat nicht den Mut, von einer Großrechenanlage abzuweichen - da weiß man, es geht. Ob dies mit einer größeren Anzahl von Kleinrechnern laufen würde, weiß man nicht. Einfach aus der Gefahr heraus, daß es möglicherweise nicht hundertprozentig funktioniert, bleibt lieber alles beim Alten. Das ist schon eine gewisse Problematik.

- Worin liegt die?

Wenzel: Es müssen bestimmte Voraussetzungen erfüllt sein, um so einen Kleinrechner effektiv laufen zu lassen.

Es muß eine Arbeitsgruppe einer gewissen Größe da sein, damit sich der Rechenbedarf, der ja bei den einzelnen Benutzern schwankt, insgesamt wieder ausgleichen. kann. Es muß darüber hinaus auch eine gewisse Kontrolle da sein, daß die Anlage effektiv genutzt wird.

Diese Voraussetzungen sind nicht immer erfüllt, da muß man schon ein bißchen darauf schauen, daß diese Fragen organisatorisch vernünftig gelöst werden.

- Sie haben einen reinen Batch-Betrieb: Die Benutzer müssen sich also vorher einigen, wer wann an der Anlage arbeitet.

Wenzel: Ja, das ist bei uns zur Zeit der Fall. Wir könnten natürlich auch einen Timesharing-Betrieb aufziehen, das ist bei der Anlage sowohl hardware- als auch softwaremäßig möglich - aber dazu ist eine etwas größere Konfiguration notwendig.

- Dann sähe aber auch die Wirtschaftlichkeitsrechnung gleich anders aus ...

Wenzel: Das ist richtig. Die hängt sehr stark davon ab, in welcher Form die Benutzer an der Anlage arbeiten. Solange sich die Teilnehmer einig sind, wer zuerst seine Rechnung durchzieht, ist eine effektive Nutzung unter der jetzigen Betriebsform gegeben.

- Es gäbe ja auch die Alternative Rechnerleistung "aus der Steckdose" zu beziehen. Haben Sie etwas gegen Kauf von Rechenzeit?

Kutzelnigg: Das rentiert sich nur, wenn man ganz wenig Rechenzeitbedarf hat.

Wenzel: Ich kenne das auch noch aus einer anderen Sicht. In Berlin an der TU hatten wir eine CDC-Anlage und gleichzeitig über Terminals einen Anschluß an das entfernte Großrechenzentrum. Diese Terminals wurden praktisch nicht benutzt. Ab und zu braucht man nun mal den unmittelbaren Kontakt zum Rechenzentrum - immer dann, wenn irgendetwas schief gelaufen ist, wenn man wissen will, warum die Anlage plötzlich steht. Das ist hier bei der Kleinrechenanlage optimal, daß man selbst an der Maschine ist und gleich selbst feststellt, was denn nun schief gelaufen ist.

- Wenn Sie's von Ihrer Arbeitszeit her beurteilen: Sind Sie überwiegend noch als Forscher tätig oder eigentlich schon mehr EDV-Mann? Worauf die Frage abzielt: Erbringen Sie heute nicht Dienstleistungen, die normalerweise vom zentralen Rechenzentrum erbracht werden?

Wenzel: Natürlich bin ich heute mehr EDV-Mann als früher. Es ist auch richtig, daß hier Beratungsaufgaben für die Mitbenutzergruppen anfallen, die sonst vom Rechenzentrum erledigt werden. Der einfachste Fall ist, daß einige mal mit Fortran nicht zurechtkommen und ich denen erklären muß, wie die Dinge gelöst werden.

- Muß nicht - so betrachtet - die Frage "zentral oder dezentral?" neu überdacht

werden?

Kutzelnigg: Das würde ich nicht sagen. Denn für die Leute, die in einem Fach wie Theoretische Chemie arbeiten, ist der Computer das tägliche Brot, die müssen das EDV-Know-how sowieso haben.

Im Gegensatz zu Gruppen, die den Computer nur sporadisch benutzen, sind sie viel weniger auf eine zentrale Beratung angewiesen. Das ist auch mit ein Aspekt, daß die Funktionen des Rechenzentrums, die vor allem in der Beratung, Dokumentation und so weiter beruhen, für uns relativ unwichtig sind, weil's die Leute hier sowieso selbst machen müssen.

- Bleiben wir noch bei dem Punkt "personeller Aufwand": Ist der nicht bei einer kleinen Anlage - in Relation zum Operating eines Großrechners - großer?

Wenzel: Großrechenzentren haben in der Regel sehr viel mehr Aufgaben und Pflichten zu erfüllen als Kleinrechnerzentren. Wir können uns auf Fortran beschränken und außerdem ist auch so ein Betriebssystem für eine Kleinrechenanlage relativ überdurchschnittlich. Das kann von einer Person bewältigt werden. Das ist beim Großrechenzentrum nicht von einem zu bewältigen, da braucht's also Arbeitsteilung und nur ein sehr großer Mitarbeiterstab kann dieses Rechenzentrum am Laufen halten. Deshalb kann nicht gesagt werden, der personelle Aufwand für eine Kleinrechenanlage sei im Verhältnis zur Großrechenanlage größer.

Kutzelnigg: Bei der Großrechenanlage tritt natürlich das Parkinson'sche Gesetz in Kraft, das heißt, es werden vielleicht mehr Leute eingestellt als eigentlich für diese Aufgabe erforderlich sind.

Es kommt noch als Zweites hinzu: Für jeden, der einig gewisse wissenschaftliche Qualifikation hat ist es unbefriedigend, nur RZ-Serviceleistungen zu erbringen. Man braucht zu seiner Selbstbestätigung noch das Gefühl, daß man irgendwie eine wissenschaftliche Leistung erbringt. Dazu sind die Leute zwar nicht angestellt - sie sind für Service-Leistungen angestellt -, aber sie wollen eben etwas machen, was ihnen selber mehr gibt. Das ist etwas, was sich selbständig ergibt, daß sich ein solches Rechenzentrum eine Aufgabe sucht, die es selber definiert, die es einfach zu seiner Identifikation braucht. Also werden zum Beispiel gewisse Softwaresysteme entwickelt, weil die Leute Spaß daran haben, und nicht ausschließlich, weil eine Notwendigkeit für diese Dinge besteht.

- Würden Sie das auch auf kommerzielle Rechenzentren beziehen?

Kutzelnigg: Das gilt für Universitätsrechenzentren sicher in stärkerem Maße als für industrielle oder sonstige Rechenzentren.

Wenzel: Ein anderer Punkt, der nicht nur Universitäten betrifft, ist der, daß die Projektkontrolle bei einem kleineren Objekt wesentlich besser ist als bei einem großen. Bei einer Großanlage ist es nicht möglich, zu sagen, ob Herr X oder Herr Y was Sinnvolles machen, weil der Betreffende nur einer von mehreren hundert Benutzern ist. Abgesehen von Extremfällen, wenn jemand zwanzig Stunden Rechenzeit anmeldet, ist es nicht möglich, die Überwachung durchzuführen. Es wird eben alles nur irgendwie abgearbeitet und keiner kann nachfragen, ob es sinnvoll ist.

- Bei einem kleinen Bereich ist das anders?

Kutzelnigg: Grundsätzlich ja. Zwar hat auch unser zentrales Rechenzentrum gewisse interne Kriterien, nach denen beurteilt wird, ob ein Job sinnvoll ist oder nicht. Diese Kriterien sind aber notwendigerweise willkürlicher als bei einer kleinen Anlage.

- Sie haben vorhin gesagt, "beim Großrechenzentrum kann man nicht nachfragen". Ist dies nicht sehr subjektiv argumentiert?

Kutzelnigg: Das ist ein psychologisches Motiv. Darüber klagen alle Benutzer von Rechenzentren immer dann, wenn ihnen was besonders eilig ist - und sie wochenlang darauf warten müssen.

Wenzel: Bei uns sind meist nur wenige in der Gruppe, die hohe Ansprüche stellen. Und die können sich einfach zusammensetzen und festlegen, du kommst zuerst ran und du später.

Kutzelnigg: Und wenn man warten muß, sieht man ein, warum.

- Sie halten also, zusammengefaßt, die Hochschul-Rechenzentren nicht für geeignet, die DV-Probleme der verschiedenen Fachbereiche zu lösen. Heißt das, eine 8/32 vor Ort ist das richtige Konzept?

Wenzel: Ich habe früher mal geglaubt, es sei das Optimale, wenn an einer Universität nur ein Rechnertyp eingesetzt wird, so daß alle Programme beliebig ausgetauscht werden können. Ich muß heute sagen, dies ist nur bedingt richtig, und zwar dann, wenn man es aus rein wirtschaftlicher Sicht heraus beurteilt. Eine Universität hat aber primär die Aufgabe, Ausbildungsdienste zu leisten. Es ist somit gerade von Vorteil, wenn diejenigen, die eine Zeit lang an der Universität tätig sind, verschiedene Systeme kennenlernen. Sie können sich dann im späteren Berufsleben leichter in ein neues System hineindenken.

Kutzelnigg: Es wäre doch sehr schlecht, wenn alle glaubten, Computersysteme müßten notwendigerweise zum Beispiel IBM-Systeme sein.

Professor Dr. Werner Kutzelnigg

ist Jahrgang 1933 und habilitierte sich 1967 in Göttingen. Die Professur in Bochum nahm er 1973 an. Für Kutzelnigg, Inhaber des Lehrstuhls für Theoretische Chemie, ist sein Aufgabengebiet ein klassisches Anwendungsgebiet der EDV. Auch wenn ohne Computer nichts ginge, ist Kutzelnigg aber "doch Chemiker" geblieben.

Diplomchemiker Klaus Wenzel

(Jahrgang 1950) hat sich zuerst für seine Diplomarbeit (1972) mit den Einsatzmöglichkeiten der Datenverarbeitung auseinandergesetzt. Damals kleiner Fortran-Benutzer ist er heute - siehe Interview - gefinkelter DV-Anwender.