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05.03.2004 - 

Neue Studiengänge stiften Verwirrung

Arbeitgeber halten wenig vom Bachelor

MÜNCHEN (am) - Kürzere Studienzeiten, praxisorientierte Ausbildung, internationale Vergleichbarkeit - an die Bachelor- und Master-Abschlüsse, die bis 2010 die Diplomstudiengänge ablösen sollen, knüpfen sich viele Hoffnungen. Offen ist jedoch die Frage, ob den Bachelor-Absolventen in drei Jahren genug Theorie und Praxisbezug vermittelt werden kann, damit sie auf dem Arbeitsmarkt Chancen haben.

In wenigen Wochen entlässt das Hasso-Plattner-Institut (HPI) für Softwaresystemtechnik in Potsdam seinen zweiten Bachelor-Jahrgang. Doch die Mehrzahl der Absolventen hat nach sieben Semestern noch nicht genug und sich für das aufbauende Master-Studium am HPI oder an einer anderen Universität entschieden. Der Berufseinstieg scheint für die frisch gebackenen Bachelors keine Alternative zu sein, was am angespannten IT-Arbeitsmarkt liegen kann. Schwerer wiegt jedoch die mangelnde Bekanntheit der neuen Abschlüsse in der Wirtschaft: Laut einer Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelstags hatten 15 Prozent der befragten 832 Mitgliedsunternehmen Ende 2002 noch nichts von Bachelor- und Master-Studiengängen gehört, und weitere 42 Prozent gaben zu, nichts Genaues darüber zu wissen. Der Informationsbedarf ist also ebenso groß wie die Unsicherheit, was die Firmen von Absolventen der gestuften Studiengänge erwarten können.

Handlungsbedarf sieht die Wirtschaft vor allem bei den Hochschulen. "Zunächst müssen die Hochschulen klären, welche akademische Qualität die unterschiedlichen Abschlüsse haben. Bisher sind die Abgrenzungen zwischen Bachelor und Master auf der einen Seite und den Diplomstudiengängen an der Universität und Fachhochschule noch nicht klar herausgearbeitet", sagt etwa Christoph Reuther, Personalchef von sd&m. Im Laufe dieses Jahres will das Münchner Software- und Beratungshaus noch 100 neue Mitarbeiter einstellen, vor allem für den Bereich Softwareengineering und das Projektgeschäft. Bei der Auswahl spielen formale Kriterien wie sehr gute Noten eine entscheidende Rolle, so Reuther: "Für uns ist es wichtiger, dass die Bewerber über eine grundlegende solide Informatikausbildung verfügen, als dass sie ein Jahr kürzer studiert haben."

Auch wenn die deutschen Hochschulen mittlerweile über 800 Bachelor- und über 1000 Master-Studiengänge eingerichtet haben, steht hierzulande die von den europäischen Bildungsministern beschlossene Vereinheitlichung der Studiengänge erst am Anfang (siehe Kasten "Bologna-Prozess").

Durchfallquoten reduzieren

Die meisten Lehranstalten bieten den Bachelor und Master parallel zum Diplom an, was zur Folge hat, dass die große Mehrheit der Studienanfänger noch die klassischen Abschlüsse wählt. Das kann auch Arnold Picot, Leiter des Instituts für Information, Organisation und Management an der Ludwig-Maximilians-Universität München, nachvollziehen: "Das Diplom hat sich zwar bewährt und genießt einen guten Ruf. Mittelfristig gesehen ist es aber sinnvoll, die Bezeichnungen der Abschlüsse europaweit zu vereinheitlichen und dadurch auch vergleichbarer zu machen."

Durch die Zweiteilung in dreijährige Bachelor- und zweijährige Master-Studiengänge hofft man, die langen Studienzeiten verkürzen zu können. Diese Rechnung geht jedoch nicht auf, wenn der Bachelor in der Theorie zwar als "berufsqualifizierender Abschluss" tituliert wird, in der Praxis aber mangels Chancen auf dem Arbeitsmarkt zur bloßen Zwischenstation auf dem Weg zum Master mutiert. Während in den angloamerikanischen Ländern nur etwa 30 Prozent aller Bachelor-Absolventen den Master anschließen, gehen Experten hierzulande von deutlich über 50 Prozent aus.

In der Informatik verknüpfen sich noch weitere Hoffnungen mit dem Bachelor, wie Matthias Jarke, Präsident der Gesellschaft für Informatik (GI) und Wirtschaftsinformatikprofessor an der RWTH Aachen, erläutert: "Die Bachelor-Abschlüsse sollen die hohen Abbrecher- und Durchfallquoten reduzieren. Der Bachelor wird als Chance für diejenigen gesehen, die das Informatikstudium in seiner heutigen Form gar nicht oder nur mit schlechten Noten beenden."

Studieninhalte entrümpeln

Binnen drei Jahren sollen die Bachelor-Studenten nicht nur die theoretischen Grundlagen, sondern auch mehr Praxisbezug vermittelt bekommen, damit sie hinterher auf dem Arbeitsmarkt gefragt sind. Ein hehres Ziel, das radikale Studienreformen voraussetzt. Das bisherige Vordiplom in Bachelor umzubenennen und das Diplom als Master auszugeben ist nicht im Sinne der Reformer. Vielmehr müssten die Studiengänge völlig neu konzipiert werden. Für Dieter Hannemann, Vorsitzender des Fachbereichstags Informatik an den Fachhochschulen und Informatikprofessor an der Fachhochschule Gelsenkirchen, ist die inhaltliche Entrümpelung Pflicht: "Eine Verkürzung von vier auf drei Jahren geht nicht zum Nulltarif. Die inhaltlichen Redundanzen müssen gestrichen und das bisherige Praxissemester an den Fachhochschulen auf ein dreimonatiges Praxisprojekt reduziert werden. Dann kann ein Bachelor-Studiengang annähernd das Niveau eines FH-Diploms erreichen."

Wer seine bisherigen Studiengänge ohne Reformen mit dem bloßen Etikett "Bachelor" oder "Master versieht, hat übrigens auch wenig Chancen, akkreditiert und damit international anerkannt zu werden. Für die Informatik- und Ingenieurstudiengänge ist die ASIIN die maßgebliche Agentur, die über die Qualität der neuen Bachelor- und Masterangebote urteilt. Bisher haben sich erst 53 der 236 neuen Studiengänge im Informatikumfeld akkreditieren können. Geprüft werden unter anderem Lehrinhalte, Struktur der Studiengänge sowie die Ausstattung mit wissenschaftlichem Personal.

Auch für die Wirtschaft ist die Akkreditierung ein wichtiger Anhaltspunkt, wie Axel Kersten, Leiter Personal-Marketing und Recruiting bei der SAP AG, unterstreicht: "Politisch unterstützen wir die zweistufigen Studiengänge und die Internationalisierung der Abschlüsse. Allerdings sollten geeignete Akkreditierungsverfahren gewisse Qualitätsstandards der neuen Studiengänge sicherstellen. Dazu gehört für uns neben den fachlichen Anforderungen zum Beispiel auch, dass in den zeitlich verkürzten Bachelor-Studiengängen praxisrelevantes Know-how und Schlüsselqualifikationen vermittelt werden." Bereits heute erhält SAP vereinzelt Bewerbungen von Bachelor-Absolventen, so Kersten: "Wir behandeln diese aber analog zu denen der übrigen Hochschulabsolventen. Entscheidend in der Bewerberauswahl ist nicht die jeweilige Bezeichnung eines Abschlusses, sondern das individuelle Profil eines Kandidaten, zu dem unter anderem ein relevantes Studienfach, überdurchschnittliche Noten, zum Stellenprofil passende praktische Erfahrungen, gute Sprachkenntnisse und internationale Kompetenz gehören."

Jüngere Absolventen bevorzugt

Während viele Unternehmen auf das Thema Bachelor zurückhaltend reagieren, zeigt sich der Hannoveraner IT-Dienstleister IS Energy aufgeschlossen. Schließlich arbeitet man seit drei Jahren mit der Berufsakademie Weser-Bergland-Hameln zusammen und hat mit deren Absolventen gute Erfahrungen gemacht. "Wir sehen, dass jüngere Absolventen oft flexibel sind und sich beispielsweise eher bereit finden, ins Ausland zu gehen", sagt Ausbildungsleiterin Sibylle Dierks. Bei IS Energy ist darum auch nicht die Art des Abschlusses ausschlaggebend für Gehalt oder Einsatzgebiet, sondern Qualifikation und Eignung. Für Dierks ist es allerdings wichtig, "dass auch die neuen Bachelor-Studiengänge ähnlich wie die bisherigen Angebote an Berufsakademie und Fachhochschule einen hohen Praxisbezug aufweisen".

In Sachen Praxisbezug gibt es aber noch viele Unklarheiten. In den Augen von Günther Thoma, Chef der Darmstädter Unternehmensberatung Step Process Management und Hochschuldozent, wird dieser wie eine Fahne vor den neuen Bachelor-Studiengängen hergetragen. In der Realität erschöpfe sich die Nähe zur Praxis aber oft in Rhetorik- oder Präsentationskursen, was zu kurz greife. Thoma, der an der FH Würzburg den Master-Studiengang "Organisation and Development with IT" mitentwickelt hat, fordert daher fachübergreifende Projektarbeit und ein neues Grundverständnis von Lehre: "Die Bachelor- und Master-Studiengänge sollten als Chance begriffen werden, sich von der traditionellen Wissensvermittlung über die Vorlesung zu lösen. Stattdessen könnten die Professoren als Auftraggeber und Berater für Projekte agieren." Ziel sollte es sein, die Grundlagen für praxisorientiertes Lernen zu vermitteln.

Wie viel Theorie muss sein?

Nach Hannemanns Beobachtung tun sich vor allem Universitäten schwer, sich von der Vermittlung eines breiten theoretischen Grundlagenwissens zugunsten eines stärkeren Praxisbezuges zu verabschieden. Auch Picot von der Ludwig-Maximilians-Universität legt Wert darauf, dass im Bachelor-Studiengang nicht zu große qualitative Abstriche gemacht werden: "Ziel muss es sein, auch binnen sechs Semestern ein inhaltlich anspruchsvolles Studium absolvieren zu können. Wir wollen den wissenschaftlichen Anspruch bewahren und trotz der kürzeren Zeit Methoden, theoretische Grundlagen und deren Anwendung vermitteln. Für den geplanten Bachelor-Studiengang in BWL heißt das, dass die Inhalte des heutigen betriebswirtschaftlichen Grundstudiums ebenso vermittelt werden wie die Schwerpunkte des bisherigen Hauptstudiums. Lediglich in der breiten Ausrichtung des Studiums nehmen wir etwas zurück. So wird es zum Beispiel kein Wahlpflichtfach mehr geben."

Im Prinzip steht jeder Hochschule frei, wie sie ihre Bachelor- und Master-Studiengänge gestaltet. Ob sie mit ihrem Konzept auch die Bedürfnisse der Wirtschaft trifft, wird sich noch zeigen. Bisher vermissen viele Unternehmen jedoch die Transparenz im neuen System, bestätigt Stephan Pfisterer, Bitkom-Referent für Bildung und Personal. Der Branchenverband ist auch in die Arbeit der Akkreditierungsagentur ASIIN eingebunden. Pfisterer hofft aber, dass die mangelnde Transparenz nur eine Begleiterscheinung der Umstellungsphase ist und mittelfristig die Vorteile der gestuften Abschlüsse greifen werden.

Gerade in der IT-Branche würden sich viele praxisorientierte Tätigkeiten ergeben, für die sich Bachelor-Absolventen eigneten: Ein Beispiel sei die anspruchsvolle Systemadministration. "Für das Protokoll-Management, die Tool-Installation oder den Aufbau einer Firewall braucht man jemanden, der mit einer Client-Server-Architektur umgehen kann, und nicht unbedingt einen Diplominformatiker, der das abstrakte Denken beherrscht." Allerdings gilt es auch, die neuen Bachelor-Absolventen gegenüber den Fachinformatikern und Systemintegratoren abzugrenzen, die eine dreijährige Berufsausbildung abgeschlossen haben und sich ebenso für die praxisorientierteren Tätigkeiten empfehlen. Doch das ist nur eine von vielen offenen Fragen, die im Zuge der Umstellung von Diplom- auf die angelsächsischen Abschlüsse noch geklärt werden müssen.

Bologna-Prozess

- Bologna-Erklärung der europäischen Bildungsminister: ab 2010 nur noch zweistufige, vergleichbare und international anerkannte Studiengänge in Europa und Ablösung des Diploms;

- dreijähriger Bachelor-Studiengang als erstes Ziel, ein- bis zweijähriger Master-Studiengang als zweite Möglichkeit, das Wissen zu vertiefen;

- bei Bachelor und Master entfallen die Zusätze, die nach dem Titel darauf verweisen, ob der Absolvent von einer Universität oder einer Fachhochschule kommt;

- Promotion soll künftig allen Master-Absolventen offen stehen unabhängig davon, ob sie vorher an einer Fachhochschule oder einer Universität studiert haben;

- bisher in Deutschland noch paralleles Angebot der klassischen und neuen Studiengänge; Mehrheit der Ingenieurs- und Informatikstudenten entscheidet sich für Diplomstudiengänge.

Bachelor und Master

+ einheitliche Studienabschlüsse in Europa

+ bessere internationale Vergleichbarkeit

+ straffere Struktur der Studiengänge und Verkürzung der Studiendauer

+ größere Praxisorientierung

- föderales Hochschulsystem in Deutschland hemmt Vereinheitlichung

- Schwierigkeiten, in drei Jahren genug Praxis und Theorie zu vermitteln; Bachelor-Abschluss darf kein Schmalspurstudium sein

- mangelnde Bekanntheit und Akzeptanz der Abschlüsse in der Wirtschaft