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Schulungskosten: ja - Lebensunterhalt: nein


19.07.1985 - 

Arbeitslose Hochschüler Erfolg programmieren

WIESBADEN (lo) - "Wir sind keine EDV-Fabrik", betont Karl Bolle, Umschulungsexperte in Wiesbaden. Das Fazit der bisherigen DV-Umschulungen arbeitsloser Akademiker in seinem Computer-Bildungs-lnstitut (CBI) läßt auch nicht auf Massenabfertigung schließen: Acht von zehn Teilnehmern können eine angemessene Startposition vorweisen. Dagegen verfügen nur drei von zehn aller Uni-Absolventen über eine solche Anfangsstellung.

Seit Oktober 1981 bietet das CBI einen speziellen Ausweg aus der Arbeitslosigkeit für Jungakademiker aller Fakultäten an. "Wir sitzen auf einem riesigen Potential ungenutzter Talente", beschreibt Bolle die Situation. Er meint damit einen Fundus von 100 000 arbeitslosen Hochschulabsolventen. Bisher stiegen 500 Hochschüler aller Art in Bolles Schule von ihren angestammten Fachbereichen in die EDV um. Systemanalytiker, Organisationsprogrammierer der informationstechnischer Vertriebsberater dürfen sie sich jetzt nennen.

Die Lehrgänge - sie dauern neun Monate -setzten sich etwa zu 40 Prozent aus Pädagogen, zu 20 vom Hundert aus Geisteswissenschaftlern und zu rund 10 Prozentpunkten aus Volks- und Betriebswirtschaftlern zusammen. Das Durchschnittsalter der Absolventen liegt bei 30 Jahren. Die Schüler lernen die Programmiersprachen Basic, Cobol und Assembler.

Weiterhin stehen Datenbanksysteme, Instrumente des Projektmanagements sowie Systemanalyse auf dem Lehrplan. Die praktischen Übungen finden am Großrechner IBM System 4361 und an einem System der mittleren Datentechnik Nixdorf 8870/5 statt. Zu den 60 Bildschirmarbeitsplätzen kommen sechs IBM Personal Computer. Mit dieser Ausbildungskonfiguration will das CBI weite Felder späterer Berufspraxis abdecken.

Spätestens drei Monate nach dem CBI-Anschluß hätten 97 Prozent der DV-Newcomer eine geeignete Stellung in der Wirtschaft gefunden. Die angehenden DV-Profis könnten mit Startgehältern zwischen 3000 und 3500 Mark monatlich rechnen. Der Einkommenszuwachs liege bei 40 bis 60 Prozent innerhalb der ersten zwei Berufsjahre. "Die besten Berufschancen", so Bolle, "haben Wirtschaftswissenschaftler, die mit dem neu erworbenen DV-Know-how vor allem für die Aufgaben im Organisationsbereich der Unternehmen dringend gesucht werden".

Als Schulungskapazität nennt das CBI derzeit 25 Teilnehmer pro Kurs. Die Ausbildung erfolge herstellerneutral. Der Aufnahme in das Institut geht ein Eignungstest voraus, bei dem vor allem logisch-abstraktes und mathematisches Denken geprüft werden. Das CBI-Programm wird von der Bundesanstalt für Arbeit finanziert und kostet je Teilnehmer rund 11 000 Mark.

Der funfzigjährige DV-Experte und Autor von Fach-"Fibeln" Karl Bolle war in Deutschland jahrelang bei Computerherstellern "in allen möglichen Funktionen", auch bei der Nixdorf Computer AG vier Jahre im Wiesbadener Ausbildungszentrum, tätig. Er hält sein Angebot für den Ausweg für stellenlose Akademiker, aber: "Sie müssen sich für die EDV entscheiden." Der Markt und die beruflichen Möglichkeiten seien "riesengroß". Denn gerade in Verbindung mit einem abgeschlossenen Hochschulstudium liege die Attraktivität der EDV-Traineess für den künftigen Arbeitgeber.

Der vielseitig ausgebildete DV-Fachmann mit natur- oder geisteswissenschaftlichem Hintergrund, ergänzt um betriebswirtschaftliche Kenntnisse, sei stärker gefragt denn je. Die Entscheidung, "in DV zu machen", bedeute also keineswegs, bereits Gelerntes über Bord zu werfen - ganz im Gegenteil.

Eine Umfrage unter den ersten 300 Absolventen des CBI bestätigt die Aussagen des Institutsleiters. Über zwei Drittel der Befragten fanden bereits während ihrer EDV-Ausbildung oder innerhalb von vier Wochen danach einen angemessenen Job in der Wirtschaft. Das Gros mit 46 Prozent startete als Organisationsprogrammierer. Den übrigen

Teilnehmern gelang der Einstieg in die Praxis als Ausbilder, Verkaufsberater oder Analytiker.

Die ersten Arbeitgeber waren hauptsächlich Software- und Systemhäuser sowie große Anwenderfirmen. Vor Beginn der CBI-Ausbildung war etwa jeder zweite Befragte länger als sechs Monate arbeitslos. Die meisten von ihnen hatten sich als arbeitslose Akademiker früher über 20mal vergeblich um eine Anfangsstelle beworben, einige sogar 50 oder 100mal. Vor allem aus Naturwissenschaften, Pädagogik, Ingenieurwesen oder Geisteswissenschaften kämen die "Sorgenkinder". 80 Prozent von ihnen verfügen, so CBI, über einen Hochschul- oder Universitätsabschluß .

Der Unternehmer Karl Bolle will "einen kleinen gesellschaftspolitischen Beitrag leisten", jungen Menschen aus der Arbeitslosigkeit zu helfen. Er beklagt dabei besonders die gegenwärtige Ausbildungssituation Durch öffentliche Sparmaßnahmen sind ab 1. Januar 1982 bei Beginn einer Umschulung Arbeitslosen- oder Sozialhilfe gesperrt. Unterhaltsgeld wird nur an diejenigen gezahlt, die bereits einmal einer beitragspflichtigen Beschäftigung nachgegangen sind. Als Full-time-Schüler abends aber noch zu jobben, sei unzumutbar. Schon deshalb müßten viele arbeitslose Hochschulabgänger auch arbeitslos bleiben. Für "den Staat" findet der engagierte Institutsleiter anklagende Worte: "Es ist schizophren, zwar Schulungskosten zu erstatten, nicht jedoch den Lebensunterhalt zu sichern."