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31.03.2000 - 

Unternehmen leisten sich trotz Personalnot Abwehrhaltung

Arbeitslose IT-Profis: Mit 40 auf dem Abstellgleis?

"Arbeitssuchende haben oft nur einen Fehler: Sie sind so alt wie der amtierende Präsident der Bundesanstalt für Arbeit. Aber die Leute sind brauchbar, gucken Sie mich an." Der Appell von Bernhard Jagoda, 59, scheint bei IT-Unternehmen zu verhallen. Die klagen zwar über Personalmangel, geben sich aber gegenüber älteren Bewerbern zugeknöpft.

Diese Erfahrung mussten auch die 26 arbeitslosen Fach- und Führungskräfte im Alter zwischen 43 und 57 Jahren machen, die im Essener Siemens Training Center eine einjährige Weiterbildung zum SAP-R/3-Berater absolvieren. "Wir stellen niemanden über 35 ein", lautete die Antwort vieler Personaler auf die Bewerbungen des 51-jährigen Informatikers Hans Löffler.

Sucht die Branche nur junge Mitarbeiter, während die älteren und teureren Kräfte entlassen werden? Es sieht ganz so aus: IBM Deutschland versucht alle Beschäftigten, die älter als 49 Jahre sind, mit einem Aufhebungsvertrag zu verabschieden. Die Thyssen-Krupp Informations Services GmbH plant für alle Mitarbeiter ab 52 eine betriebsinterne Vorruhestandsregelung. Ein Blick auf die jüngste Statistik (siehe Grafik) der Bundesanstalt für Arbeit beweist: Schon ab 35 wird es für Jobsuchende kritisch. Auffallend ist zunächst: Die dort arbeitslos gemeldeten DV-Fachleute sind nicht zum überwiegenden Teil die vielzitierten Druckvorlagenhersteller oder Rechenzentrumsfachleute. Die Statistik wird vielmehr angeführt von Informationselektronikern, Datenverarbeitungsfachleuten und Anwendungsprogrammierern - Fachkräften, für die im Markt durchaus eine Nachfrage besteht. Doch der Großteil der bei der BfA Gemeldeten ist der Industrie einfach zu alt.

Gewerkschaftsvertreter wehren sich gegen die Behauptung, die Arbeitslosigkeit älterer IT-Spezialisten hänge allein mit deren "fehlender Flexibilität" oder ihrem "veralteten Wissensstand" zusammen. Für Wolfgang Müller, Softwareentwickler und Mitglied der IG-Metall-Bezirksleitung München, dient die Behauptung des IT-Fachkräftemangels anderen Zielen, zum Beispiel der weiteren Verjüngung und Verbilligung der Belegschaften. So wollten sich die Firmen auch vor den Kosten langfristiger Qualifikation drücken. Auch in den USA würden trotz der Gesetze gegen Altersdiskriminierung fast nur junge, alleinstehende Hochschulabsolventen oder Fachkräfte aus dem Ausland eingestellt.

Fragt man bei den Unternehmen nach, wiegeln diese zunächst ab: "Ob jemand 55 oder 25 Jahre alt ist, spielt bei uns keine Rolle, wenn die persönliche und fachliche Kompetenz stimmt", erklärt Gundolf Mortiz von der SAP AG. Allerdings müsse der Bewerber in die Teamstruktur passen. Und die ist eben so, dass das Durchschnittsalter der Belegschaft bei 35 Jahren liege. Beide Seiten müssten sich ehrlich fragen: Passt der Ältere in diese Teamstruktur?

Dabei können Teams aus Jungen und Älteren höchst produktiv sein, meint Jürgen Deller, Professor für Wirtschaftspsychologie an der Fachhochschule Nordostniedersachsen und ehemals Personaler bei Debis Systemhaus in Berlin. Unterschiedliche Ansichten und Vorgehensweisen könnten bei der Projektarbeit Kreativität und Effizienz eher steigern als ein selbstzufriedener Konsens.

"Die Unternehmen sagen ganz einfach: Diese Stelle darf nur mit jemandem unter 40 besetzt werden", lautet auch die Erfahrung von Samina Boutari von der Pro Job Arbeitsvermittlung für Fach- und Führungskräfte in Köln. Häufigste Argumentation der Personalchefs: Das Team ist so jung. Ein 55-Jähriger könnte Probleme haben, einen 32-Jährigen als Vorgesetzten zu akzeptieren. Obendrein ist der ältere Mitarbeiter in der Regel auch teurer als seine jüngeren Kollegen. Durch die Jahr-2000-Problematik hätten zwar einige Firmen ihre alten Programmierer zurückgeholt. Trotzdem hat die Kölner Arbeitsvermittlung, die seit 1994 am Markt ist, erst in diesem Jahr den ersten Arbeitnehmer über 45 einen Job verschaffen können.

"Ich habe das Gefühl, dass manche Vorgesetzte, die jünger waren, Angst hatten, dass ich ihnen später ihren Job wegnehmen will", erzählt der 52-jährige Betriebswirt Bernd Füllert, der ebenfalls an der Weiterbildung zum SAP-Berater teilnimmt." Aufgrund unserer langjährigen Berufserfahrung sind wir eher der ruhende Pool und gehen die Dinge unkomplizierter und logischer an", schildert der 51-jährige Logistikexperte Helmut Mracsek aus Oberhausen. Seine Erfahrung in Bewerbungsgesprächen: "Ein Unternehmensvertreter hat mir unverblümt gesagt, dass ich aufgrund meines Alters nicht bereit wäre, für längere Zeit ins Ausland zu gehen."

Je jünger die Bewerber, desto weniger mobil

Ganz andere Erfahrungen hat Personalberaterin Boutari gemacht: "Je jünger die Bewerber sind, desto weniger sind sie flexibel und mobil." Allerdings müssten ältere Arbeitnehmer mehr Flexibilität zeigen, wenn es um ihre Gehaltsvorstellungen geht. "Einige von uns würden auch als freie Mitarbeiter mit Jahresverträgen und einem Anfängergehalt einsteigen", gibt Mracsek die Motivation seiner Kurskollegen wieder. Denn schließlich gehe es darum, "reinzugehen, Fuß zu fassen und Gas zu geben". Doch anscheinend ist man nicht einmal bei Siemens vom Sinn der eigenen Qualifizierungsmaßnahme überzeugt. Das zumindest legen die Erfahrungen der Essener Kursteilnehmer nahe, deren Bewerbungen beim Konzern auf keinerlei positive Ressonanz stießen. Die Reserviertheit der Unternehmer gegenüber den Umschülern belegt auch ein Schreiben des Nürnberger Personaldienstleisters Christian Strub GmbH: "Leider haben wir momentan nur Bedarf für SAP-Berater mit umfangreichen Projekterfahrungen. Zudem setzen unsere Auftraggeber bundesweite Mobilität voraus. Die Altersvorstellungen liegen etwa zwischen 30 und 45 Jahren." Auch Pro Job erteilte im Auftrag ihres Kunden eine Absage: "Grundsätzlich hat die Lufthansa Systems Interesse an solchen Bewerbern, leider liegt jedoch bei den vorgeschlagenen Bewerbern das Alter zu hoch."

Dennoch besteht laut Personalexpertin Boutari Hoffnung. Ihr Tipp: Wer sich direkt bei einem Unternehmen bewirbt und festen Willen zeigt, hat Chancen. Eigeninitiative ist auch für Eva Peters, Geschäftsführerin der Stuttgarter Personalberatung Interconsult, das oberste Gebot, um beruflich weiterzukommen. "Wer zehn Jahre lang immer auf der gleichen Position im gleichen Unternehmen war und vielleicht nur ein paar Neuerungen oder innovative Projekte mitbekommen hat, für den ist es irgendwann einmal zu spät. Er wird als betriebsblind abgestempelt, und dann will ihn keiner mehr haben." An die jüngeren IT-Mitarbeiter appelliert die Headhunterin, sich immer wieder auf dem Arbeitsmarkt umzuschauen, um den eigenen Marktwert zu testen. Dazu zähle auch, sich stetig weiterzubilden, wenn nötig auch in der Freizeit, und nicht nur auf die Angebote des Arbeitsgebers zu warten.

*Veronika Renkes arbeitet als freie Journalistin in Bonn.

Abb.: Arbeitslose EDV-Fachleute

Seit Dezember hat sich die Zahl der Arbeitslosen in der IT-Branche nochmal um gut 1000 auf 31 881 erhöht. Quelle: BfA