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24.09.1976

Arbeitslosigkeit durch Datenverarbeitung?

Heiße Eisen werden selten angefaßt. Geheiligtes Tabu der Datenverarbeiter ist die These, daß die durch EDV freigesetzten Arbeitskräfte entweder in der Datenverarbeitung selbst oder in durch Datenverarbeitung mittels struktureller Verbesserungen neu geschaffenen Arbeitsgebieten eingesetzt werden. Indes, stimmt das wirklich?

Auf dem Internationalen Kongreß für Datenverarbeitung in Berlin wurde in einer Podiumsdiskussion diese These zumindest für einige Augenblicke in Frage gestellt. Die Computerwoche hakte nach und fragte: "Gefährdet zunehmende Automatisierung mittels EDV die Vollbeschäftigung?" hö.

Herbert Fuchs, Direktor, Hess-Druck, Braunschweig

Meines Erachtens wird über diese Frage zu viel diskutiert - vor allem an den falschen Stellen. Man darf es sich nicht so leicht machen und von Statistiken ausgehen oder sich auf wissenschaftliche Untersuchungen beziehen. Die oft zitierten eingesparten Arbeitsplätze durch den Einsatz der EDV werden wohl kaum einen Manager davon überzeugen, gewisse Bereiche seines Unternehmens zu automatisieren. Richtig ist vielmehr, daß durch den Fortschritt der Technologie und dadurch bedingter Rationalisierungsmaßnahmen wesentliche Personalerweiterungen verhindert werden können. Die bestehenden Arbeitsplätze aber werden aufgewertet - dem Sachbearbeiter werden immer wiederkehrende Routinearbeiten abgenommen, er hat die Möglichkeit, mit dem Computer zu arbeiten und durch ein perfektes Informationssystem das Unternehmen zum Erfolg zu führen.

Hanswerner Gerlich, Regierungsdirektor, Bundesministerium des Inneren, Bonn

Es besteht heute kein Zweifel mehr darüber, daß sich mit der technischen Entwicklung, der Automatisierung und der Modernisierung in Wirtschaft und Verwaltung ein Wandel vollzieht, der jeden in diesen Prozeß Eingegliederten berührt. Mit dieser Entwicklung ist nicht nur partiell, sondern tendenziell eine Veränderung der traditionellen Berufsbilder und eine Anpassung der herkömmlichen Berufsausbildung verbunden. Wenn diesem Petitum gefolgt wird, wenn diese Anpassungsprozesse stattfinden, dann ist zunächst einmal in diesem Bereich einer Arbeitslosigkeit vorgebeugt. Die Menschen sind dann durch ein bestimmtes Allgemeinwissen oder eine Grundausbildung auf Dinge vorbereitet, die später im Rahmen der Datenverarbeitung auf sie zukommen. Zudem muß man die Anwendung der Datenverarbeitung betrachten. Die Datenverarbeitung dient heute dazu, Dienstleistung auf wissenschaftlichere Weise zu erfüllen, als dies mit Hilfe herkömmlicher Methoden möglich gewesen wäre. In der Vergangenheit mußten überwiegend Routinearbeiten und Massenprobleme bewältigt werden, und im Rahmen einer derartigen Anwendung der Datenverarbeitung kam es teilweise nicht nur zur Umschulung von Betriebsangehörigen, sondern auch der Freisetzung von Betriebsangehörigen. Die Zeit der spektakulären Erfolge dieser Art aus diesen Anwendungen heraus scheint vorbei zu sein. Wie sieht es eigentlich mit der Aufgabe aus, die wir jetzt hauptsächlich in der Anwendung, in der Entwicklung befindlich sehen. Die Datenverarbeitung ermöglicht, es, Dienstleistungen zu erbringen, die ohne ihre Hilfe überhaupt nicht oder nicht in gleicher Qualität erbracht werden können. In diesem Bereich bin ich eindeutig der Auffassung, werden denkbarer Weise sogar neue Arbeitsplätze mit den neuen Dienstleistungen geschaffen. Wir müssen davon ausgehen, daß wir heute in einer pluralistischen Gesellschaft leben, in der die Vielschichtigkeit, die Komplexität so groß ist, daß staatliche Leistungen nicht mehr nach dem Gießkannen-Prinzip, sondern sehr differenziert verteilt werden. Will der Staat den Anforderungen und Bedürfnissen dieser gesellschaftlichen Gruppierungen auch im Interesse des einzelnen gerecht werden, muß er eben diese Vielschichtigkeit der Verhältnisse durch abgestufte und verfeinerte Betrachtungsweise berücksichtigen, und dies bedeutet im Grunde genommen nichts anderes, als daß im Rahmen der Datenverarbeitung praktisch, ein analytisches Bild der gesellschaftlichen Vielfalt sich widerspiegeln muß. Ich kann mir diesen Prozeß ebenso in einem Industriebetrieb vorstellen. Wenn es in der ersten Stufe der Anwendung der Datenverarbeitung Freistellungen gegeben hat, ist parallel dazu eine Datenverarbeitungsindustrie gewachsen. Es sind neue Berufe entstanden, neue Arbeitsplätze wurden geschaffen.

Prof. Dr. Lutz Heinrich, Institut für Fertigungswirtschaft und Betriebsinformatik an der Universität Linz

Gerade als sich der Wunschtraum der Datenverarbeiter zu verwirklichen begann, durch die Computerisierung von Informationssystemen Personal "einzusparen", droht er, sich zu einem Alptraum zu entwickeln. Soweit heute erkennbar ist, hatte das Zeitalter der Batch-Verarbeitung zwar negative Konsequenzen für den einzelnen Arbeitsplatz, in dem unhaltlose, monotone Arbeitsplätze entstanden. Eine nennenswerte Reduzierung der Arbeitsplätze konnte jedoch nicht beobachtet werden. Neuere Anwendungsbeispiele aus der Praxis zeigen, daß mit dem Übergang zur Dialogverarbeitung eine veränderte Situation eintritt: Sowohl im Bereich der DV-Abteilungen als auch in den Fachabteilungen wird bei steigendem Arbeitsvolumen Personal abgebaut, für das innerhalb der einzelnen Organisationen keine neuen Arbeitsplätze entstehen. Wenn damit auch keine Konsequenzen für den einzelnen (sprich: Entlassung) verbunden sind, indem man die natürliche Fluktuation zum Personalabbau benutzt, so sind doch - wenn diese Beobachtungen zutreffen - gesellschaftliche Konsequenzen zu fürchten. Was zu tun ist: Zunächst einmal Klarheit schaffen, um über Schlüssel aus Einzelbeobachtungen herauszukommen. Erst daran können sich Überlegungen anschließen über notwendige Maßnahmen. Hierbei muß auch über die Verantwortlichkeit gesprochen werden. Die Datenverarbeitung allein in die Pflicht zu nehmen, ist sicherlich verfehlt.

Dr. Wolfgang Heilmann, geschäftsführender Gesellschafter, Integrata GmbH, Tübingen

Es kann kein Zweifel daran bestehen, daß der EDV-Einsatz im Büro zur Freisetzung von Mitarbeitern führt. Darin liegt ja ein wesentlicher Rationalisierungseffekt der EDV. Lange Zeit hat dieser Freisetzungs-Vorgang nicht zur Arbeitslosigkeit der Betroffenen geführt, weil sie an anderer Stelle gebraucht wurden. Der Arbeitsmarkt war leer. Jetzt sieht das jedoch anders aus, denn unter dem Einfluß der Rezession wird im Büro viel sparsamer gedacht und jede neue Stelle sorgfältig geplant. Zwar werden auch heute kaum Mitarbeiter entlassen, aber es werden auch keine eingestellt, selbst dann nicht, wenn Arbeitsplätze durch Fluktuation frei werden. Soll man nun auf die Rationalisierungsmöglichkeiten verzichten, die der Computer bietet?

Die Antwort kann nur "Nein" heißen. Denn langfristig können wir nur durch die Rationalisierung unserer Büros unsere Leistungsfähigkeit erhalten und stärken, sonst werden wir eines Tages von anderen Ländern vom Weltmarkt verdrängt. Außerdem haben effektive Arbeitsmethoden durch die Produktivitätssteigerung einer Volkswirtschaft noch nie Schaden zugefügt, sondern im Gegenteil die Zahl ihrer Arbeitsplätze vermehrt. Kurzfristig sieht das Problem allerdings anders aus: Wirtschaftliches Rationalisierungsstreben und sozialpolitische Notwendigkeiten laufen da oft auseinander. Und es ist an den Politikern, sich Lösungen einfallen zu lassen, die dem einzelnen gerecht werden und die Wirtschaft nicht schädigen.

Günther Reusch, Fachbeirat des IKD, Hamburg

Die Zeiten, in denen durch Automation - speziell durch die elektronische Datenverarbeitung - Arbeitsplätze freigestellt wurden, ist längst vorbei. Nur in den allerersten Stunden der EDV konnten durch die zwangsläufig erzielten Rationalisierungsmaßnahmen längst überflüssige Kontenführer und Karteisachbearbeiter-Plätze wegfallen - der Schritt zur Konsolidierung der Arbeitsplätze hatte damit aber begonnen. Zudem ist die EDV nur ein ganz kleiner Teilbereich der fortschreitenden Automation. Weit mehr Probleme tauchen in den Fertigungsbetrieben bei Akkord-und Fließbandarbeitern auf. Ganz gewiß bringen neue Technologien soziale Probleme mit sich. Aber sollten wir mit Gewalt beim Steinzeit-Verfahren bleiben und den termischen Fortschritt ignorieren? Gerade die elektronische Datenverarbeitung hat neue, qualifizierte Berufszweige geschaffen - die bestehenden Arbeitsplätze werden aufgewertet.