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11.02.2000

Arbeitsmarkt 2000: Die Situation bleibt angespannt

Bisher waren sich alle einig: Der IT-Arbeitsmarkt eröffnet DV-Experten Chancen ohne Ende. Inzwischen sprechen aber Statistiker und Politiker von einer Beruhigung der Nachfrage. Dagegen behaupten Personalverantwortliche und -berater, dass es nach wie vor wie in einem Tollhaus zugehe und sich die Lage für die Unternehmen eher verschlechtern werde.

Das Jahr hat für die IT-Spezialisten gut angefangen. Die vorausgesagten Systemabstürze und sonstigen Katastrophen sind ausgeblieben. Auch soll es zu keinen Herzinfarkten bei den IT-Verantwortlichen gekommen sein, und von Sonderschichten für IT-Mitarbeiter war kaum etwas zu hören.

In diese gute Stimmung platzten nun zwei Meldungen: eine des Münchner Ifo-Instituts und die zweite vom Bundesbildungsministerium. Sie behaupten, die Lage am IT-Arbeitsmarkt werde sich bald beruhigen. Die bayerischen Wirtschaftsforscher berufen sich dabei auf eine Umfrage unter 379 IT-Softwarehäusern und Dienstleistern. Diese erwirtschafteten 1998 einen Umsatz von rund 21,1 Milliarden Mark, so dass die Ergebnisse, wie Studienleiter Joachim Gürtler betont, durchaus repräsentativen Charakter haben.

Die Mehrheit der DV-Dienstleister sprach von einem positiven Geschäftsverlauf. Verändert hat sich dagegen laut Gürtler die Bewertung beim Thema Personal. Von 1995 bis 1998 stieg kontinuierlich die Zahl der befragten Unternehmen, die nicht genug geeignete Mitarbeiter fanden (siehe Grafik: "Wende beim Fachkräftemangel"). Seit Anfang 1999 geht diese Zahl zurück. Gaben noch vor zwei Jahren 60 Prozent der befragten Dienstleiter an, dass es ihnen an guten Mitarbeitern mangle, so waren es im vergangenen Jahr 50 Prozent. Gürtler sieht darin einen Trend: "Ich bin überzeugt, dass die Zahl der Firmen, die suchen, weiter zurückgeht." Er begründet dies unter anderem mit einer leichten Verunsicherung der IT-Firmen, in deren Folge sie sich bei Investionen zurückhielten, auch bei solchen in Personal. Sie wüssten noch nicht, wie es nach der Jahr-2000-Umstellung weitergehen werde.

Insgesamt sei die Zahl der Beschäftigten laut Ifo-Umfrage im dritten Quartal 1999 gegenüber dem Quartal davor im Durchschnitt um drei Prozent gestiegen. Der Zuwachs habe sich damit etwas verlangsamt. Informatiker seien zwar jetzt bei den kleineren Unternehmen mit einem Umsatz bis zu fünf Millionen Mark sehr begehrt, bei den bisher kräftig einstellenden Großen lasse die Nachfrage dagegen nach.

Die Münchner Wirtschaftswissenschaftler vergessen aber nicht, darauf hinzuweisen, dass der Bedarf an Fachkräften weiter "sehr hoch" sei. So habe jeder zweite Dienstleister seinen Mangel an Fachkräften als geschäftshemmend bezeichnet. "Computerexperten mit speziellem Know-how sind nach wie vor rar auf dem Arbeitsmarkt", so die Ifo-Analyse.

Einen leichten Rückgang der ausgeschriebenen freien IT-Jobs im vergangenen Jahr errechneten auch die Marktforscher von EMC/ Adecco aus Hamburg. In ihrer Stellenmarktanalyse von 40 Tageszeitungen und der COMPUTERWOCHE haben sie 1999 im Vergleich zum Vorjahr einen leichten Rückgang um 1,6 Prozent auf zirka 88 000 Jobofferten ausgemacht. Online-Jobangebote sind darin aber noch nicht mitgezählt.

Auf der Seite der Experten, die behaupten, dass eine Beruhigung eintreten werde, befindet sich auch das Bundesbildungsministerium. Von dort kam zur Jahreswende die Nachricht, die Offensive zum Abbau des IT-Fachkräftemangels zeige Erfolge. Ministerin Edelgard Bulmahn hatte bekannt gegeben, dass es allein 1999 rund 30000 IT-Ausbildungsplätze gab und dass die Zahl der Informatikstudenten von 16000 auf 24000 gestiegen sei. Über Weiterbildungsmaßnahmen sollen zusätzlich bis zum Jahr 2003 weitere 100000 Fachkräfte zur Verfügung stehen.

Zu der Einschätzung, dass sich die Situation am IT-Arbeitsmarkt wieder entspannt, gibt es jedoch auch Gegenstimmen. Kurze Zeit, nachdem die Meldung aus dem Bulmahn-Ministerium erschien, erzählte der neu gewählte Präsident der Gesellschaft für Informatik (GI), Heinrich Mayr, auf einer Pressekonferenz in Bonn, was er von solchen Einschätzungen halte - nämlich gar nichts. Er unterrichte seit fast 30 Jahren Informatik und könne sich an keine Zeiten erinnern, in denen Computerspezialisten nicht gesucht worden wären. Mayr ist sich sicher, dass der Fachkräftemangel auch noch in den nächsten zehn Jahren anhalten werde.

Von Entwarnung also keine Spur: "Egal, welche Zahlen im Moment auch immer zu hören sind, der Mangel an Informatikfachkräften mit Hochschulabschluss ist alarmierend und wird noch weiter zunehmen", so der Klagenfurter Professor. Die Zahlen aus dem Bildungsministerium könnten die GI keineswegs beruhigen. Nach wie vor vermöge die IT-Industrie nur ein Drittel der Arbeitsplätze mit Diplominformatikern zu besetzen.

Das verursache auch für die Volkswirtschaft erhebliche Kosten, klärt Mayr auf: "Setzen die Unternehmen nicht die von der Informatik bereitgestellten modernen Methoden ein, werden unflexible und wartungsintensive Systeme konstruiert." Diese würden dann aber genau die Fachkräfte binden, die eigentlich für die Erschließung neuer Geschäftsfelder benötigt werden. Auch die gestiegene Zahl der Studienanfänger ist für die GI noch kein Anlass zum Optimimus. "Aus Erfahrung wissen wir, dass einer Erhöhung um 30 Prozent der Erstsemester nur eine um zehn bis 15 Prozent gestiegene Absolventenzahl gegenübersteht", bestätigt Andreas Stöckigt, Geschäftsführer der List Unternehmensberatung GmbH aus Schwerte und einer der drei neuen GI-Vizepräsidenten.

Auch die Personalberater haben von einer Beruhigung noch nichts gemerkt. Das Gegenteil sei der Fall, sagen Markus Schuster, Partner bei der Münchner Beratungsfirma HJG, oder Michael Neumann von Hager und Partner in Frankfurt am Main. Sie hätten so viel zu tun wie noch nie zuvor. Die deutschen Unternehmen hätten die ganzen Trendthemen rund um Electronic Commerce noch gar nicht angepackt. Aus den USA strömten eine Menge kleiner Firmen aus dem Internet-Business nach Deutschland, die das Geschäft belebten und Mitarbeiter suchten. Extrem groß sei die Nachfrage im Vertrieb und im Marketing: "Hier ist der Bedarf enorm", so Schuster.

Von ähnlichen Erfahrungen berichtet auch Jürgen Herget, Geschäftsführer des gleichnamigen Personaldienstleisters in München. Er versucht gerade für einen Betrieb, der eine E-Commerce-Tochter aufbaut, die gesamte Online-Mannschaft einzustellen. Dies sei nicht einfach, vor allem wegen der Gehälter. Denn Web-Entwickler erwarteten bei entsprechender Qualifikation ein Jahreseinkommen von 160000 Mark, was den Arbeitgebern doch gewisse Bauchschmerzen verursache. "Im ganzen Internet-Umfeld sind Techniker begehrt, vom Projektleiter über den Datenbankadministrator bis zum Netzspezialisten", weiß Herget. Dieses Ergebnis spiegelt sich auch in den EMC/Adecco-Auswertungen wider. In keiner anderen Berufsgruppe wuchs die Zahl der offenen Stellen so schnell wie bei den Internet-Profis.

Die einzige leichte Beruhigung hat Berater Neumann im SAP-Arbeitsmarkt ausgemacht - ein Ergebnis, das auch von EMC/Adecco bestätigt wird. Danach ging die Zahl der Offerten für R/3-Profis 1999 von fast 7000 auf 5600 zurück. Da die Standardsoftware in vielen Unternehmen eingeführt ist, werden nicht mehr Berater, sondern Mitarbeiter mit SAP-Anwendungswissen gebraucht: "Die Goldgräberstimmung ist vorbei.

Wir merken, dass sehr viel mehr Leute mit solchen Kenntnissen verfügbar sind als früher", hat Sybille Falke vom IT-Dienstleister CSC Ploenzke beobachtet. Trotzdem sei die Lage der Unternehmen nicht einfacher geworden. Das liegt laut Falke vor allem daran, dass viele Bewerber nur eine "Schmalspurausbildung" bei einem Umschulungsinstitut vorweisen könnten, die aber für eine Tätigkeit als SAP-Berater nicht ausreiche.

Selbst die IT-Experten, die für Jahr-2000-Projekte herangezogen worden waren, haben ausgezeichnete Jobchancen. Die Gewerkschaften gehen davon aus, dass zurückgestellte IT-Projekte in Sachen E-Commerce, Supply-Chain-Management oder Customer-Relationship-Management jetzt eine große Zahl der Entwickler binden. "Die Arbeit liegt auf der Straße. Neu- oder Quereinsteiger, die über ein Jahr-2000-Projekt in ein Unternehmen gekommen sind, haben gute Chancen, weiterbeschäftigt zu werden. Vor allem dann, wenn sie nicht nur die Altsysteme durchforstet, sondern auch die Legacy- mit den modernen Systemen verknüpft haben", schätzt Carolin Stieber von der IG Metall die Lage ein. Dazu kommt, dass das Y2K-Problem als noch nicht ganz bewältigt gilt, da der 29. Februar im Schaltjahr weiterhin als kritisches Datum angesehen wird und darüber hinaus noch versteckte Fehler in den nächsten Monaten auftauchen könnten. Für IT-Freiberufler erwartet die Gulp Information Services GmbH, die Projekte und Freiberufler im Internet zusammenbringt, nur zwischen Februar und März ein kurzes Auftragsloch.

Von einem Ansturm der arbeitslosen Cobol-Programmierer auf die Umschulungsinstitute kann keine Rede sein. Selbst große Weiterbildungsanbieter wie Ditec kamen noch nicht auf den Gedanken, entsprechende Qualifizierungskurse anzubieten. Auch Ludger Wilmer, Geschäftsführer von Merant, sieht noch keine mageren Zeiten auf Cobol-Experten zukommen, da diese auch bei der Euro-Umstellung gefragt blieben.

Zudem ist ein hoher Prozentsatz der Anwendungen in den Unternehmen immer noch in Cobol geschrieben. Schon allein deshalb würden die Entwickler dringend gebraucht. Das bestätigt auch Uwe Müller, geschäftsführender Gesellschafter der GID GmbH und Sprecher der Cobol-Initiative Deutschland. Er wehrt sich dagegen, dass die Programmiersprache als veraltet bezeichnet wird. In seinen Augen ist es eine Fehlentscheidung, dass Cobol in den Lehrplänen der Hochschulen nicht mehr genug berücksichtigt werde, obwohl die Absolventen genau dieses Know-how später im Beruf bräuchten. Nicht selten finden sich darum in seinen Grundlagenkursen zum Thema Cobol diplomierte Informatiker oder Wirtschaftsinformatiker, die als erstes vom neuen Arbeitgeber zur Weiterqualifizierung geschickt wurden. "In den USA ist man da einen Schritt voraus und hat die Lehrpläne wieder auf Cobol ausgerichtet, da die Sprache auch eine optimale Grundlage für Abap ist", sagt Müller.

Für die großen IT-Dienstleister ist das Jahr-2000-Problem schon kein Thema mehr. "Unsere Mitarbeiter stecken schon alle in neuen Projekten. Dabei rückt die Qualifizierung jetzt noch stärker in den Vordergrund. Es wird zunehmend wichtiger, sich ständig auf neue Projekte und Aufgaben einlassen zu können", sagt Karlheinz Stroh, Leiter Human Resources im Debis Systemhaus. Mit rund 2400 Neueinstellungen im vergangenen Jahr war Debis Systemhaus nach der SAP der Arbeitgeber, der in Deutschland die meisten IT-Stellen schuf. Im Laufe dieses Jahres sollen auf jeden Fall weitere 1000 bis 1400 Mitarbeiter dazukommen, da man sich stärker im E-Commerce als Komplettanbieter, von der Beratung über die Umsetzung bis hin zum Betrieb, positionieren will. "In Deutschland haben wir bereits eine sehr starke Marktposition erreicht. Wir setzen alles daran, dies auch im Ausland zu schaffen", erklärt Stroh.

Auf demselben hohen Niveau wie im Vorjahr bewegen sich auch die aktuellen Einstellungszahlen wichtiger IT-Firmen, wie eine CW-Umfrage (siehe nebenstehende Grafik) ergab. Allerdings teilten alle befragten Unternehmen bis auf Siemens mit, dass sie im vergangenen Jahr sämtliche freien Stellen besetzen konnten. Das steht im Widerspricht zu den Angaben der Branchenverbände, wonach 75000 IT-Stellen nicht zu besetzen seien. Für Michael Jäckel von der Gewerkschaft Handel, Banken und Versicherungen sind solche Zahlen etwas überhöht. Wenn Firmen dringend eine Stelle besetzen möchten, gehen sie in der Regel verschiedene Wege der Rekrutierung und schalten nicht nur eine Anzeige, sondern suchen auch über Personalberater oder sonstige Kanäle. So ließe sich erklären, wie aus einer unbesetzten Stelle in der Statistik oft zwei würden.

Selbst wenn eine korrektere Statistik nur noch auf 30000 unbesetzte Stellen kommen würde, macht die Befragung von Personlverantwortlichen und Personalberatern deutlich: Für sie ist es noch zu früh, sich zurückzulehnen und beruhigt auf eine spürbare Entspannung des Arbeitsmarktes zu vertrauen. "Die Unterdeckung ist immer noch da. Aber es ist wahrscheinlich, dass sich bei den Bewerbern die Spreu vom Weizen besser trennen lässt", erwartet Stephan Grabmeier, Berater für Human Resources bei der Hypo-Vereinsbank-Tochter FMIS. In der Vergangenheit blieb den Personalern angesichts des wachsenden Termindrucks durch das Y2K-Problem oft nichts anderes übrig, als bei der Auswahl beide Augen zuzudrücken. In Zukunft soll die Qualifikation der Bewerber wieder stärker berücksichtigt werden.

Alexandra Glasl/ Hans Königes

Abb.: Nach drei Jahren starker Nachfrage äußern sich die IT-Dienstleister erstmals zurückhaltend in Bezug auf ihren Personalbedarf Quelle: ifo

Abb.: Auf hohem Niveau bewegt sich die Personalplanung. Fast alle Firmen wollen in diesem Jahr genauso viele Mitarbeiter einstellen wie 1999. Quelle: CW