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07.11.2003 - 

Der Offshore-Markt/Osteuropa bietet sich für Nearshore-Aktivitäten an

Arbeitsplätze vor der Haustür

Gegenüber ihren indischen und chinesischen Offshore-Wettbewerbern haben Anbieter in Osteuropa zwei Vorteile: Zum einen können deutsche IT-Manager bei Problemen rasch vor Ort sein, zum anderen wird die Gefahr von Terrorattacken eher dem asiatischen Raum zugeordnet.Von Ina Hönicke*

Die Verlagerung von Softwarejobs in Billiglohnländer steht momentan im Mittelpunkt des Interesses. Einer der am meisten zitierten Offshore-Protagonisten ist der Siemens-Business-Service-Chef Paul Stodden. Er sieht als künftige ausgelagerte Werkbänke vor allem Indien, China, Argentinien und Venezuela. Ob die Verlagerung von IT-Arbeit in Länder, die im besten Fall 14 Flugstunden entfernt sind, so sinnvoll ist, wird allerdings von anderen Experten bezweifelt. Sie verweisen auf das Modell Nearshoring, also die Verlagerung in preisgünstige, europäische Nachbarländer.

Hierfür bieten sich vor allem osteuropäische Länder als Kandidaten an. Ulrich Schäfer, Berater bei der Meta Group, nennt einige Vorteile: "Die dortigen IT-Profis sind nicht nur hervorragend qualifiziert, sondern auch in ihrer Mentalität den Deutschen wesentlich näher als die Kollegen aus weiter entfernten Ländern." Nach Schäfers Erfahrung entscheiden sich Unternehmen, die in puncto Auslagerung von Arbeit unsicher sind und demzufolge einen großen Kommunikationsbedarf haben, lieber für einen Partner vor der Haustür. Der Meta-Berater: "In vielen Fällen hakt die Verlagerung von Softwarejobs nämlich nicht an dem Off- oder Nearshore-Zentrum, sondern an den Auftraggebern selbst." Solange diese in Themen wie Standardisierung, Automatisierung und Prozessorientierung nicht fit seien, fühlten sie sich wegen der räumlichen und zeitlichen Nähe bei europäischen Partnern einfach besser aufgehoben.

Ähnliche Erfahrungen macht auch Mathias Weber, Bereichsleiter ITK-Services und Knowledge-Management beim Bitkom in Berlin: "Die Unternehmen verlagern ja nicht nur reine Programmierarbeiten, sondern auch Projekte, die erfolgskritische Geschäftsprozesse unterstützen sollen. In solchen Fällen ist es wichtig, dass die deutschen Kollegen bei Notfällen in zwei bis drei Stunden vor Ort sein können."

Dass mehrere osteuropäische Nachbarn bald der EU beitreten, ist für den Bitkom-Vertreter ein weiterer Vorteil. Auf diese Weise könnten hin und wieder auftretende Streitfälle zwischen Auftraggeber und Auftragnehmer "entschärft" werden. Weber ist zudem der Meinung, dass bei Offshore-Entscheidungen die historisch bedingten besonderen Vorzüge osteuropäischer ITK-Profis stärker beachtet werden sollten: "Sie sind oft hoch spezialisiert und können nicht als Codierknechte behandelt werden. Ihre Firmen bieten sich für die Entwicklung partnerschaftlicher Geschäftsbeziehungen geradezu an." Allerdings hätten sie damit zu kämpfen, dass sie anders als Irland oder Indien von ihren Regierungen keine Hilfe bekämen.

Wachstum im russischen Softwaremarkt

Wachstum sieht Weber vor allem im russischen Softwaremarkt. Viele der dortigen Anbieter lägen gut im Rennen. Mittlerweile sei es keine Seltenheit mehr, dass "Westler" in den Zentren der russischen Softwareindustrie eigene Entwicklungsfirmen betreiben und sich dabei auf ihre Geschäftskontakte zu den Kunden in den Heimatländern stützen. Zu den Deutschen, die vor Jahren ihren Lebensmittelpunkt ins russische St. Petersburg verlegt haben, gehört auch David Müller-Meerkatz, CEO der Firma The Web Production: "Diese Stadt mit ihrem vielfältigen Kulturangebot ist die europäischste in ganz Russland." Das Geschäftsmodell seines Unternehmens - Bedarfsforschung, Vertrieb und Service in Deutschland, Entwicklung in St. Petersburg zu erschwinglichen Preisen - kommt mittlerweile nach Angaben des CEO bei den deutschen Kunden gut an. Dies sei allerdings nicht immer so gewesen, räumt Müller-Meerkatz ein: "In der Anfangsphase sind wir durchaus auf Skepsis gestoßen. Allerdings war mein Vorteil, dass ich als deutscher Geschäftsmann zu deutschen Auftraggebern gehen konnte. Damit hatte ich so eine Art Vertrauensbonus."

Ohne Deutsch hierzulande keine Chance

Das Ost-West-Interesse wächst aber nicht nur in Richtung Osten. Gleichzeitig wollen immer mehr osteuropäische Hightech-Fachleute in der Bundesrepublik arbeiten. Ein Interesse, dass die hiesigen Personalberater bereits seit einigen Jahren zu spüren bekommen. Nach der Einführung der Green Card im August 2000 war der Andrang so groß, dass sich einige bundesdeutsche Consultants fortan auf die Vermittlung osteuropäischer Computerfachleute spezialisierten. Einer von ihnen ist die Berliner Personalberatung Compujob. "Verglichen mit früher haben die deutschen Unternehmen heute nicht mehr so viele Vorteile gegenüber IT-Profis aus östlichen Ländern", erklärt Geschäftsführer Christian Würdemann. Dass die osteuropäischen IT-Profis trotz ihrer immer besseren Ausbildung für ihre deutschen Kollegen eine Gefahr darstellen, glaubt der Berliner Vermittlungsprofi allerdings nicht. Grund sei nach wie vor das Sprachproblem. Die meisten Hightech-Fachleute - egal ob aus der Tschechischen Rebublik, der Slowakei, Ungarn oder Polen - würden neben ihrer Muttersprache vorrangig Englisch sprechen. Würdemann: "Wer aber die deutsche Sprache nicht beherrscht, hat in hiesigen Unternehmen kaum eine Chance." Erschwerend für die ausländischen Interessenten käme hinzu, dass nach dem Scheitern der Einwanderungsregelung im Bundesrat die Green-Card-Regelung weiter ihre Gültigkeit habe. Dadurch könnten IT-Profis aus Nicht-EU-Staaten von den Unternehmen nach wie vor lediglich per Green Card nach Deutschland geholt werden. Würdemann: "Mit einer Konsequenz sollten die hiesigen Computerfachleuten indes rechnen. Aufgrund der Konkurrenz haben sie härtere Gehaltsverhandlungen zu erwarten."

Sprachprobleme als Hinderniss - das sieht Hansjörg Siber, der bei Cap Gemini Ernst & Young den Bereich Business Process Outsourcing leitet und eine Niederlassung in Krakau betreut, anders. Gerade die Sprachfähigkeit der osteuropäischen Computerfachleute sei für sein Unternehmen ein entscheidender Grund gewesen, sich für Polen zu entscheiden. Betont Siber: "Die jungen Leute in Osteuropa sind sehr westlich orientiert. Viele von ihnen arbeiten deshalb nach dem Studium in irgendeinem westeuropäiches Land - seien es die Niederlande, Schweden oder Frankreich." Dementsprechend finde das Beratungsunternehmen für nahezu jedes ausländische Projekt einen polnischen Computerexperten, der zusätzlich zu seiner Muttersprache und Englisch noch eine zweite Fremdsprache spricht.

Multilingualität in Osteuropa

Diese Multilingualität ist nach Meinung des Berliner Managers einer der Hauptvorteile gegenüber Indien oder China: "Die jungen Leute in Osteuropa sind überaus qualifiziert, hoch motiviert und sprachbegabt. Für unsere Niederlassung in Krakau gute Leute zu gewinnen, war deshalb kein Problem.".

Ein weiterer Vorteil neben der räumlichen ist für ihn die zeitliche Nähe. Zum einen sei es für viele Projekte entscheidend, dass die Teams zeitgleich arbeiten, zum anderen sollten beispielsweise in einem Call-Center die Anrufe von Kunden noch zu einer "normalen" Uhrzeit eingehen. Siber nennt die eigene Niederlassung als Beispiel: Die polnischen Kollegen, die die Buchhaltungsarbeiten für einen amerikanischen Konzern erledigen, erhalten Kundenanfragen aus den USA bis etwa Mitternacht. Der Berliner Unternehmensberater: "Das ergibt sich aus der sieben- oder achtstündigen Zeitverschiebung. Zwischen den USA und Indien oder China beträgt diese nahezu 14 Stunden. Dementsprechend müssten die Call-Center-Beschäftigten rund um die Uhr parat sein." Für Siber ist dies ein gravierender Nachteil. Etliche Studien hätten nämlich bewiesen, dass bei Menschen, die außerhalb des normalen Lebensrhythmus arbeiten, die Leistung abfällt. Deswegen hält der Manager auch nicht viel von Angeboten, mit denen chinesische oder indische Firmen sich mit einem 24-Stunden-Service profilieren wollen.

Als dritten Vorteil für Nearshoring nennt der Near- und Offshoring-Experte die Zuverlässigkeit der Services und das Verteilen von Risiken: "Wenn der Service an einer Stelle konzentriert ist, ist das Unternehmen wesentlich verwundbarer als bei einem verteilten Risiko. Für das Verlagern nach Osteuropa spricht, dass gerade deutsche Unternehmen Nachbarländer wie die Slowakei, Polen oder Ungarn nicht nur für politisch stabil, sondern im Hinblick auf mögliche Terrorangriffe für wesentlich weniger gefährdet als asiatische Länder halten. Siber: "Diese Argumentation ist für viele Firmen mittlerweile ein echtes Entscheidungskriterium." Auf die Frage, für welches Modell, Near- oder Offshoring, sich Unternehmen letztlich entscheiden sollten, antwortet der Topmanager salomonisch: "Am besten mischen die Firmen beide Modelle und nutzen die jeweiligen Vorteile zum Rightshoring." (bi)

*Ina Hönicke ist Journalistin in München.

Angeklickt

Nearshoring in osteuropäischen Nachbarländern ist sinnvoll:

- Deutsche Kollegen können in Notfällen kurzfristig vor Ort sein.

- Keine "Codierknechte" in Osteuropa - partnerschaftliche Geschäftsbeziehungen sind angesagt.

- Das Ost-West-Interesse wächst auch in Richtung Westen.

- Am besten mischt man Near- und Offshoring-Modelle und nutzt die jeweiligen Vorteile zum Rightshoring.

Links

www.bitkom.org

www.russoft.org

www.basscom.org

www.aries.ro

Indien und Osteuropa - die führenden Regionen

Länder / Kulturelle Nähe / Räumliche Nähe (jeweils bewertet auf einer Skala von 0 bis 3) / Infrastruktur / Politische Lage / Sprache / Rechtliche Situation / Finanzen (jeweils bewertet auf einer Skala von 0 bis 5) / Ausbildungsstand / Prozessqualität (jeweils bewertet auf einer Skala von 0 bis 7) / Total

Indien / 0 / 2 / 3 / 4 / 2 / 4 / 2 / 6 / 7 / 30

Polen / 2 / 2 / 3 / 4 / 2 / 3 / 2 / 3 / 1 / 22

Tschechische Republik / 2 / 2 / 3 / 4 / 2 / 3 / 3 / 2 / 1 / 22

Ungarn / 2 / 1 / 3 / 4 / 1 / 3 / 4 / 1 / 2 / 21

Russland / 1 / 1 / 3 / 2 / 1 / 1 / 1 / 5 / 5 / 20

Rumänien / 3 / 1 / 1 / 2 / 2 / 1 / 1 / 3 / 1 / 15

Ukraine / 1 / 1 / 1 / 2 / 0 / 1 / 0 / 3 / 1 / 10

China / 0 / 0 / 3 / 1 / 0 / 0 / 3 / 1 / 1 / 9

Weissrussland / 2 / 1 / 1 / 2 / 0 / 1 / 0 / 1 / 1 / 9

Die besten Argumente hat immer noch Indien.Quelle: Soreon Research