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22.12.1995

Architekturen von Apple, DEC, HP, IBM und Microsoft im Vergleich Systemkonzepte erlauben tiefe Einblicke in die Firmenkulturen

MUENCHEN (CW) - Einen Vergleich der zum Teil gaenzlich unterschiedlichen Systemarchitekturen renommierter Hersteller wagte die kalifornische Kinexis Inc., San Franzisko, mit "Enterprise Architectures: A Comparison of Vendor Initiatives". Obwohl grundsaetzliche Zweifel an einer solchen Gegenueberstellung angebracht sind, hat sie sich in diesem Falle gelohnt. Die Studie bringt naemlich ans Licht, welche Grundhaltungen die Planungen bei Apple, DEC, HP, IBM und Microsoft bestimmen.

Wie sehr es beim Vergleich der Architekturen um einen Wettstreit von Firmenkulturen geht, laesst sich am einfachsten an den Konzepten von IBM und Microsoft ablesen. Waehrend die lange als zutiefst proprietaer geltende IBM sich mit "Open Blueprint" zum Verfechter offener Systeme gewandelt hat, setzt Microsoft mit OLE auf hauseigene Techniken - genauer auf urspruenglich offene Techniken, die in Windows-, NT- und OLE-Umgebungen eingeschlossen werden.

Bei allem Wandel ist sich die IBM - teilweise zum eigenen Nachteil - treu geblieben. Laut John Tibbetts, Kinexis-Chef und Autor der Studie, haben bei der IBM Konzepte immer noch Vorrang vor Produkten. Diese Einstellung schadet vor allem im PC-Bereich, wo die Anwender nach raschen Loesungen suchen. Entsprechende Produkte kommen immer haeufiger von Microsoft, wo die Prioritaeten eindeutig umgekehrt gesetzt sind. Ein erfolgreiches Produkt wie Windows ist durchaus in der Lage, eine langfristige Planung ueber den Haufen zu werfen.

Microsofts Flexibilitaet kehrt sich laut Tibbetts jedoch in dem Masse gegen den Windows-Spezialisten, in dem unternehmensweite Datenverarbeitung gefragt ist. Eine solche sei ohne ein langfristig und umfassend angelegtes Architekturkonzept nicht in den Griff zu bekommen. Hier liegen die Chancen der IBM.

Eine voellig andere Haltung nimmt Hewlett-Packard ein. Die "Emerging Open Systems Architecture" (Emosa) wird dort nicht als Architektur gesehen. Vielmehr handle es sich um einen loesungsorientierten Ansatz, bei dem Beratung, Dienstleistung und HP-Produkte kombiniert werden.

Anwender begegnen den Entwuerfen mit Misstrauen

HP will seine Kunden nicht mit einem umfassenden und aufwendigen Konzept erschrecken, ihnen aber, so zitiert die Studie den Hersteller, "immerhin soviel Architektur bieten, dass sie daraus strategische Vorteile ziehen koennen". So bescheiden war HP nicht immer. Bis 1992 setzte der Hersteller durchaus noch auf eine "New Wave Computing Architecture", die aus der hauseigenen Benutzerumgebung "New Wave" erstehen sollte. Offensichtlich verunsichert durch den SAA-Flop der IBM, besann sich der Workstation-Spezialist statt dessen auf seine Open-Systems- Tradition und verwendete die grossen Entwuerfe in veraenderter Form nur noch intern.

Eine eingeschraenkte Bedeutung kommt auch Apples "Virtually Integrated Technical Architectural Lifecycle" (Vital) zu. In der Kinexis-Studie wird sie als Subarchitektur bezeichnet, die an eine Decision-Support-Struktur gekettet ist. Der Hersteller selbst bezeichnet Vital als ein "Kochbuch" zur Erstellung von Client- Server-Umgebungen. Vor allem aber handelt es sich um ein von Apple straeflich vernachlaessigtes Konzept. In Deutschland sind zaghafte Ansaetze zu einer Kooperation mit der Software AG im Sande verlaufen. In offiziellen Broschueren kommt Vital nicht mehr vor. Inzwischen werden die Richtlinien fuer 300 Dollar verramscht.

Diese Behandlung sagt nichts ueber die Qualitaet von Vital aus. Kunden und Berater, die das Konzept kennen, reagieren durchaus positiv. Tibbetts kommt daher zu dem Schluss, dass man bei dem Desktop-Spezialisten schlicht nicht weiss, was man mit einer Architektur anfangen soll.

Wenig hoert man inzwischen auch von DEC "Network Application Services" (NAS) obwohl der Hersteller noch vor einigen Jahren weltweit die Branche mit den Kopien des Videos "NAS ueberzeugt Peter" ueberschuettet hat. Gelitten hat das technisch gelungene Konzept unter den Stuermen, die in den vergangenen Jahren die Unternehmensstrategien durcheinandergewirbelt haben. Es ist eine gut dokumentierte Architektur, die reichlich mit eigenen und fremden Produkten ausgefuellt wurde.

Dass NAS endgueltig in den Hintergrund gerueckt ist, liegt am Digital-Partner Microsoft. Das harte Urteil der Kinexis-Studie lautet: "Microsoft hat dem Partner die Architekturtalente entzogen und macht DEC zum Entwicklungshaus fuer Distributed OLE auf Nicht- Intel-Plattformen."

Der Vollstaendigkeit wegen sei erwaehnt, dass die Studie auch noch Novells Appware-Architektur anfuehrt. Gelobt wird dabei die 1994 getroffene Entscheidung, auf ein Konzept zu verzichten, das im wesentlichen aus einem Buendel an proprietaeren APIs fuer Cross- Platform-Entwicklung bestand.

Microsofts OLE-Konzept

Microsoft hat erst die objektorientierte Technik Object Linking and Embedding (OLE) entwickelt, ihr Potential abgeschaetzt und auf dieser Basis eine Architektur aufgebaut. Das Ergebnis ist laut Studie ein Buendel aus OLE-Produkten mit denen sich Anwender in die Windows-Welt einklinken koennen, auch wenn sie mit Daten von gaenzlich anderen Systemen umgehen. Unternehmensweite Techniken wie Transaktionsmonitore fehlen derzeit jedoch ebenso wie die OLE- Integration von Datenbanken, die nicht auf einer Windows-Plattform laufen.

Der Ehrgeiz, ein umfassendes Konzept zu errichten, erwachte bei Microsoft mit der 1992 vorgestellten "Windows Open Services Architecture" (Wosa). Dahinter steckte ein Satz von Schnittstellen, die Microsoft einen Pfad aus der zu eng gewordenen PC-Welt bahnen sollten. Als erfolgreich erwies sich dabei vor allem das Datenbank-Interface ODBC, das zum Zentrum von Wosa ernannt wurde. Diese Rolle wird ODBC nun von der OLE-Technik streitig gemacht, die laut Microsoft kuenftig als "einzige Standard-Schnittstelle zwischen Anwendungen und Betriebssystem" dienen soll.

Mit ODBC, OLE und Windows NT ist es Microsoft gelungen, aus dem Desktop-Ghetto in den Bereich der Workgroup-Server vorzudringen, wenn auch fast ausschliesslich mit eigenen Produkten. Mit einer verteilten OLE-Version sowie mit Hilfe von DEC wird das Unternehmen wohl auch die Geschlossenheit ueberwinden koennen. Tibbetts meldet jedoch Zweifel an, ob OLE die geeignete Technik ist, um die Stufe zu erreichen, die Microsoft als "cooperative Component-computing" bezeichnet, und das allen Anforderungen vom "Glashaus (Rechenzentrum: Anm. d. Red.) bis zu jedermanns Haus" gerecht werden soll.

Big Blues Blueprint

Als Prototyp und Namensgeber aller DV-Architekturen gilt die von der IBM Ende der 80er Jahre vorgestellte "System-Anwendungs- Architektur" (SAA). Dieses Konzept versprach allgemeingueltige Schnittstellen fuer Anwender, Programmierer sowie fuer die Kommunikation der verschiedenen Hard- und Softwaresysteme untereinander - sofern sie von der IBM waren. Ausser an einer Reihe technischer Probleme ist das Konzept vor allem an diesem proprietaeren Ansatz gescheitert.

Vor diesem Hintergrund muss das Nachfolgekonzept "Open Blueprint" gesehen werden. Das Misslingen von SAA hat bei den Anwendern tiefe Zweifel hinterlassen, ob die IBM oder generell ein Hersteller in der Lage ist, eine umfassende Architektur zu realisieren.

Laut Tibbetts leidet Open Blueprint zu Unrecht unter dem Makel, der SAA-Nachfolger zu sein. So habe das Unternehmen inzwischen ein Lob fuer seine Offenheit verdient. Darueber hinaus habe das neue Konzept das Potential, die im Zusammenhang mit SAA gemachten Versprechen zur Interoperabilitaet aller IBM-Systeme, einzuloesen.

HPs Emosa

Es ist unklar, ob der Begriff "Emerging Open Systems Architecture" (Eosa) bei Hewlett-Packard noch benutzt wird. Ein vor mehreren Jahren so ueberschriebenes Schaubild hat laut Tibbetts jedoch nach wie vor zentrale Bedeutung fuer die Entwicklungsprojekte innerhalb des Unternehmens. Hier wird das Betriebssystem von verteilten Diensten wie DCE, Corba und NFS beziehungsweise von Transaktionssystemen umgeben. Darum herum sind weitere Dienste etwa fuer Kommunikation, Entwicklung und System-Management angesiedelt. Umschlossen wird das Ganze von einer einheitlichen Benutzerumgebung.

In der Studie wird diese Architektur als "verteilt und offen" bezeichnet. Ihre Staerken liegen vor allem in der PC-Einbindung und im Unix-Bereich. Obwohl HP inzwischen eine Reihe von Transaktionssystemen anbietet und der IBM bei der Portierung von CICS auf Unix geholfen hat, konstatiert der Autor noch Schwaechen im Grossrechnerbereich.

Digitals NAS-Umgebung

Wie IBM und HP bietet DEC mit Network Applications Service (NAS) eine umfassende, verteilte und offene Architektur an. Dabei greifen Anwendungen ueber NAS-APIs auf Systemdienste wie Praesentation, Kommunikation, Management etc. zu. Diese wiederum sind ueber ein System-Interface mit der Hardware und den Transportschichten verbunden. Kritisiert wird an dieser Architektur allenfalls, dass sich die offenen Schnittstellen in der Regel auf hardwarenahem Niveau befinden. Dafuer kann DEC mit einer stabilen Corba-Implementation aufwarten. Lobend hebt die Studie die Vielfalt der unterstuetzten Funktionen hervor. Aufgrund der Microsoft-Orientierung in den vergangenen Jahren ist NAS allerdings in der Versenkung verschwunden.

Apples Vital

Als alles andere als lebendig hat sich Apples "Virtually Integrated Technical Architecture Lifecyle" (Vital) erwiesen. In der Studie wird das das Konzept vor allem fuer die Nachbildung von Unternehmens-Architekturen in Client-Server-Form empfohlen. Zu den zentralen Staerken gehoert die Einbindung von Desktop-Systemen. Laut Tibbetts aehnelt Vital in vielen Bereichen dem NAS-Konzept von DEC, so dass man davon ausgehen koenne, der Ex-Partner habe Entwicklungshilfe geleistet. Als Beispiel hebt der Autor das tiefe Verstaendnis fuer Transaktionsverarbeitung hervor, das bei einem Desktop-Spezialisten wie Apple nicht unbedingt zu erwarten sei. Insgesamt besteche die Architektur durch ihre klar durchdachte Konzeption.