Melden Sie sich hier an, um auf Kommentare und die Whitepaper-Datenbank zugreifen zu können.

Kein Log-In? Dann jetzt kostenlos registrieren.

Falls Sie Ihr Passwort vergessen haben, können Sie es hier per E-Mail anfordern.

Der Zugang zur Reseller Only!-Community ist registrierten Fachhändlern, Systemhäusern und Dienstleistern vorbehalten.

Registrieren Sie sich hier, um Zugang zu diesem Bereich zu beantragen. Die Freigabe Ihres Zugangs erfolgt nach Prüfung Ihrer Anmeldung durch die Redaktion.

29.06.2001 - 

Fraunhofer-Untersuchung zu Tools für das Geschäftsprozess-Management

Aris hat die Nase vorn

MÜNCHEN (mo) - Wenn es um die Modellierung von Geschäftsprozessen geht, stehen die "Aris"-Tools von IDS Scheer an der Spitze. Trotzdem müssen sie nicht immer erste Wahl sein. Auch andere Werkzeuge haben je nach Einsatzgebiet ihre Stärken. Das Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation (Fraunhofer-IAO) hat mehr als 30 Werkzeuge auf Herz und Nieren geprüft.

Obwohl es um Geschäftsprozessmodellierung in den letzten Jahren still geworden ist, haben sich die Werkzeuge zur Optimierung der Unternehmensabläufe kontinuierlich weiterentwickelt. Das Angebot zeigt, dass Nachfrage vorhanden ist. Fraunhofer-IAO hat 31 Anwendungen, die sich zur Geschäftsprozessmodellierung eignen, in einer Studie evaluiert, die im Juli dieses Jahres erscheinen wird.

Geschäftsprozessmodellierung ist ein komplexes Aufgabengebiet, das viele Teilbereiche umfasst. Auch Tools aus angrenzenden Anwendungsfeldern bieten daher Funktionen, mit denen sich Prozesse abbilden und bearbeiten lassen. Neben 13 Werkzeugen speziell für die Geschäftsprozessmodellierung hat Fraunhofer-IAO daher auch Tools aus den Bereichen Visualisierung, Simulation, Workflow-Management und Computer Aided Software Engineering (Case) in die Untersuchung aufgenommen.

Die Programme haben die Stuttgarter Wissenschaftler intensiv auf ihre Funktionen hin getestet. Jede Anwendung ist installiert und überprüft worden. Die Fähigkeiten der einzelnen Lösungen haben die Experten in elf verschiedenen Bereichen bewertet. Aus den Ergebnissen der Untersuchung entstand ein genaues Bild, wo die einzelnen Tools ihre Stärken und Schwächen haben. Die Gesamtergebnisse zusammengenommen erlauben außerdem ein Ranking der Werkzeuge in den fünf Tool-Kategorien.

Testsieger im Bereich Modellierungswerkzeuge ist der Klassiker Aris der IDS Scheer AG. Das Werkzeug schneidet in der Mehrheit der evaluierten Kriterien-Cluster am besten ab. Mit deutlichem Abstand folgen auf den folgenden Plätzen die Programme "Bonapart" von Intraware AG, "Provision Workbench" von Proforma, "Mega Suite" von Mega International und "Income" von der Promatis AG (siehe Grafik "Ranking der Modelling-Tools").

Die elf Hauptkriterien, nach denen die Produkte untersucht worden sind, decken alle wesentlichen Aspekte ab. Hierzu gehören fachspezifische Kategorien ebenso wie Gesichtspunkte, die bei Software generell zu beachten sind, wie Bedienbarkeit und Dokumentation. So geht es auch im Bewertungs-Cluster Architektur und Konfigurierbarkeit um IT-typische Anforderungen wie Client-Server-Fähigkeit, Mehrbenutzereignung und Repository-Unterstützung.

Bei der Internet-Modelliegungsfunktionalität haben die Autoren sowohl die Möglichkeiten abgeprüft, Modelle im Web darzustellen oder über Internet-Standard-Schnittstellen zu exportieren, als auch bewertet, ob die Modellierung selbst bereits über ein Web-Interface erfolgen kann. Import und Export von Modellen können auch über Austauschformate erfolgen, zum Beispiel XML. Diese Möglichkeiten wurden in einer eigenen Kategorie bewertet.

Sechs Kategorien für Prozess-ManagementSechs Kriterien-Cluster widmen sich den spezifischen Anforderungen an Geschäftsprozess-Management-Werkzeuge. In der Kategorie Einsatzfelder wurde geprüft, wieweit sich ein Tool für die Darstellung, Optimierung, Simulation, Automatisierung und informationstechnische Realisierung (Programmentwicklung) eignet. Den konkreten Funktionen zum Beispiel in den Kategorien Analyse, Simulation und Optimierung widmen sich die gleichnamigen Kategorien. So geht es bei der Modellierung unter anderem darum, wie Objekte der realen Welt in einem Programm abgebildet werden können.

Beim Sichtenkonzept werden die Tools mit der Aufgabe konfrontiert, den Anwender bei verschiedenen Aspekten der Modellierung zu unterstützen. Zum Beispiel sollte es möglich sein, Informationen über die Aufbauorganisation, Aktivitäten, Ressourcen, Daten und Wissen aus dem Gesamtbild herauszufiltern. Auch bei den Methoden hat der Anwender die Qual der Wahl. Für die Geschäftsprozessmodellierung steht nämlich eine ganze Palette wissenschaftlich fundierter und in der Praxis gängiger Methoden zur Verfügung, darunter das in Deutschland vor allem durch Aris verbreitete Prinzip der ereignisgesteuerten Prozessketten, das in den USA oft genutzte IDEF 3 (Integrated Definition) zur Beschreibung einer Abfolge von Aktivitäten und das auf gerichteten Graphen basierende Petri-Netz. Die Integritätssicherung hilft Anfängern beim Einstieg und Experten bei der Abbildung komplexer Geschäftsprozesse.

Auch Aris hat SchwächenKein einziges Tool schneidet in allen Bewertungs-Clustern als bestes ab - auch Aris nicht. Zwar kann das Programm in der Mehrheit der Bewertungsbereiche Platz eins für sich verbuchen, aber die umfangreiche Funktionalität bringt zum Beispiel mit sich, dass darunter die Übersichtlichkeit und damit die intuitive Benutzung leidet. "Für den Profi bietet das Programm ein unerreicht gutes Methodenangebot", beschreibt Mitautor Dietmar Kopperger eine der großen Stärken. Der schärfste Verfolger, Bonapart, ist ebenfalls in allen Kategorien sehr gut platziert, zeigt aber in einzelnen Teilbereichen noch Schwächen, zum Beispiel bei der Visualisierung von Analyse- und Simulationsergebnissen. "Mit der angekündigten Integration von Visio als Frontend für die grafische Modellierung und einer verbesserten ISO-9000-konformen Dokumentation wird Bonapart weiter das Verfolgerfeld von Aris anführen", zeigt Studien-Mitherausgeber Peter Schreiner das Potenzial auf.

Auch Provision erzielt durchweg gute Ergebnisse. Allerdings hat Hersteller Proforma es versäumt, seinem Programm eine ausführliche Dokumentation mitzugeben. "Das wirkt schwer, da die vielen verschiedenen objektorientierten Modellierungsmethoden und das aufwändige Sichtenkonzept klar auf den geübten Anwender zielen", bemängelt Fraunhofer-Experte Tek-Seng The.

Mega zeigt dagegen Schwächen im Bereich Modellierung. "Besonders hervorzuheben ist hier die gute Dokumentation, die die Erlernbarkeit erleichtert, sowie die Internet-Unterstützung", zeigt Mitautor Rainer Nägele dafür die Stärken auf.

Income von Promatis erhält bei den Internet-Funktionen ebenfalls Bestnoten. Das Programm ist vollständig in Java entwickelt worden und bietet hervorragende Modellierungsfunktionen im Internet. "Promatis beschränkt sich mit dem Tool auf Petri-Netze, eine leicht erlernbare Methode mit hoher Verbreitung", erläutert Schreiner. Schwächen zeigt das Programm allerdings ähnlich wie Provision im Bereich der Dokumentation.

Die bestplatzierten Anwendungen in der Kategorie Modellierungswerkzeuge sind durch die Bank für Profi-Anwender gedacht - was sich schon allein in dem großen Funktionsumfang zeigt. Doch dadurch sind sie auch nicht immer das Tool der Wahl. Die Fraunhofer-Experten haben daher in ihrer Studie die Eignung der Lösungen nicht nur nach der reinen Funktionalität, sondern auch mit Blick auf verschiedene Einsatzzwecke untersucht. Hierbei wurden drei verschiedene Szenarien zugrunde gelegt.

Szenarien für verschiedene EinsatzzweckeDer erste Fall beschreibt die Anforderungen eines Mitarbeiters im Qualitäts-Management, der nur die Prozesse im Unternehmen erfassen und in einem Qualitätshandbuch dokumentieren will - zum Beispiel als Vorbereitung auf eine Zertifzierung nach ISO 9000. Solch ein Anwender benötigt vor allem gute Funktionen in den Bereichen Darstellung und Dokumentation. Außerdem sollte das Tool für ihn leicht erlernbar und gut dokumentiert sein.

In Szenario zwei sollen die Prozesse nicht nur erfasst und dokumentiert, sondern außerdem optimiert werden. Außerdem möchte der Anwender Hinweise auf Ressourcenengpässe haben. Wichtig in diesem Anwendungsfall sind unter anderem eine Integritätsprüfung sowie gute Import- und Export-Schnittstellen für die Integration in die bestehende IT-Landschaft.

Im dritten und weitestgehenden Beispiel ist ein verteiltes Expertenteam für die Organisationsentwicklung und das Prozess-Management verantwortlich. Aufgabe ist die kontinuierliche Verbesserung der Geschäftsprozesse.

Die Werkzeuge aus den Kategorien Visualisierung, Simulation, Workflow-Management und Case kommen naturgemäß nicht an die Bewertungen der Modellierungs-Tools heran. Schließlich erfüllen sie in der Hauptsache andere Aufgaben als das Geschäftsprozess-Management. Je nach Einsatzzweck haben sie aber trotzdem ihre Stärken. "Visualisierungswerkzeuge eignen sich sehr gut zum Einstieg in ein systematisches Geschäftsprozess-Management", zeigt Schreiner auf. Für das erste Szenario, die Erstellung eines Qualitätshandbuchs, sind sie zum Beispiel sehr gut geeignet. Das zeigt sich auch an dem Kiviatgraphen (siehe Grafik "Funktionsumfang in den verschiedenen Tool-Kategorien"), der die Fähigkeiten der Tools darstellt. Dass die Dokumentation schlecht bewertet wird, ist nur auf den ersten Blick erstaunlich. "Die Werkzeuge sind so leicht zu bedienen, dass die Hersteller häufig keine ausführliche Dokumentation mitliefern", erläutert The das Ergebnis.

Simulations-Tools bieten nur wenige MethodenDie Simulation ist ein sehr spezialisiertes Anwendungsgebiet im Rahmen des Geschäftsprozess-Managements. Die Bedienung ist durch die Vielzahl der Daten oft sehr komplex. Daher verwundert es nicht, dass sich viele Anbieter darauf konzentrieren, eine oder wenige Methoden zu unterstützen. Workflow-Management- und Case-Werkzeuge bieten aus Sicht des Geschäftsprozess-Managements eine recht gute Unterstützung in den verschiedenen fachspezifischen Kategorien. Bei Sichtenkonzept, Methodenangebot und Modellierung erzielen die Tools oftmals gute Ergebnisse. "Damit eignen sich die Programme durchaus auch für komplexere Modellierungsaufgaben", resümiert Nägele. Zu den Stärken der Workflow-Tools gehört die Vielfalt an Schnittstellen. Die Case-Tools haben dagegen Stärken bei dem Methodenangebot und der Modellierung. Damit lassen sie dem Entwickler die Wahl seiner bevorzugten Arbeitsumgebung. "Der Vorteil der Case-Werkzeuge liegt vor allem in dem durchgängigen methodischen Ansatz von der Modellierung der Prozesse bis zur softwaretechnischen Realisierung", argumentiert Kopperger.

Einsatzfeld entscheidet über das WerkzeugIm praktischen Einsatz sind die Tools aus den anderen Kategorien aber nicht als Alternative zu Geschäftsprozess-Modellierungslösungen zu sehen, sondern als Ergänzung. Wer aus einem Ablaufdiagramm einen Workflow konkret DV-technisch unterstützen möchte, kommt um ein Workflow-Tool nicht herum. Und bei der Erstellung einer Software benötigt ein Entwickler immer noch ein Case-Tool oder eine Programmierumgebung. Das leisten zum Beispiel Modellierungswerkzeuge nicht. Wenn allerdings die Programmierung oder der Workflow im Vordergrund steht und die Modellierung der damit abzubildenden Geschäftsprozesse nicht die Kernaufgabe darstellt, bieten diese Werkzeuge durchaus brauchbare Funktionen, um diese Aufgabe mit zu erledigen. Wo die Stärken und Schwächen liegen, zeigen die Kiviatdiagramme. "Wenn die Analyse und Optimierung von Geschäftsprozessen im Mittelpunkt steht, gibt es aber zu den Modellierungs-Tools keine Alternative", stellt Schreiner klar.

Infos zur StudieEine Liste aller evaluierten Werkzeuge befindet sich auf dem Web-Angebot von Fraunhofer-IAO. Dort gibt es auch weitere Informationen und die Studie "Business Process Management Tools - Eine evaluierende Marktstudie über aktuelle Werkstudie" (Herausgeber Hans-Jörg Bullinger und Peter Schreiner, ISBN: 3-8167-5629-8) kann online bestellt werden (http://www.service.iao.fhg.de). Sie kostet 680 Mark.

Abb.1: Ranking der Modelling-Tools

Aris führt mit Abstand. Die Verfolger kämpfen dagegen um die Plätze. Quelle: Fraunhofer IAO

Abb.2: Funktionsabdeckung in den verschiedenen Tool-Kategorien (I)

Kiviatgraphen zeigen den Funktionsumfang in verschiedenen Bereichen. Je größer die Fläche, desto umfassender werden die Anforderungen erfüllt. Neben IT-Eigenschaften wie Bedienbarkeit sind sechs spezifische Modellierungseigenschaften untersucht worden wie Methodenvielfalt. Quelle: Fraunhofer-IAO

Abb.3: Funktionsabdeckung in den verschiedenen Tool-Kategorien (II)

Quelle: Fraunhofer-IAO