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13.05.1994

AS/400: Spagat zwischen blauer und offener Welt

Die Midrange-Linie der IBM, die AS/400, ist offener geworden. Was vor sechs Jahren als proprietaeres System die Nachfolge der /36- und -/38-Rechner antrat, praesentiert die IBM nun als kommunikationsfreudige Allround-Maschine. Mit erweiterter Funktionalitaet ausgestattet, soll die neue AS/400 nicht nur die herkoemmlichen Aufgaben eines Datenbank- und Applikationsrechners erledigen, sondern in zeitgemaessen DV-Architekturen zusaetzlich als PC-, File-, Fax- und Mail-Server fungieren. Als Ausdruck fuer das neue Selbstverstaendnis modifizierte Big Blue neben dem Gehaeuse auch den Namen: Aus dem "Application Server" wurde die "Advanced Series", die fuer die Power-Architektur vorbereitet sein soll.

Am 3. Mai 1994 stellte die IBM weltweit die neue Ge- neration ihrer Midrange-Maschine AS/400 vor. Verpackt in ein schwarzes Gehaeuse, wartet die Hardware mit zusaetzlicher Funktionalitaet und Leistung auf (siehe auch CW Nr. 18, Seite 28: "Die AS/400 in neuem Gewand..."). Die jetzt in drei Klassen eingeteilte Serie arbeitet allerdings weiter mit 48-Bit-CMOS beziehungsweise BiCMOS- Prozessoren, deren Leistung jedoch gesteigert wurden.

Stolz ist die deutsche IBM darauf, in Boeblingen den Chip fuer die leistungsstarken Varianten in der Rekordzeit von nur drei Monaten entwickelt zu haben. Neben der CPU findet man eine weitere Komponente aus deutschen Landen: Die Festplatten produziert das Werk in Mainz.

Ein technologisches Glanzlicht ist nach Ansicht von Paul Lethbridge, Analyst der Gartner Group in England, der File Server I/O Prozessor (FSIOP). Mit dieser Steckkarte verbessere sich der Zugriff auf DOS- und OS/2-PCs im Token-Ring- oder Ethernet-LAN um den Faktor acht, gemessen an den bisherigen Rechnern. Die IBM sei dabei, so Lethbridge weiter, ihr Versprechen einzuloesen und die AS/400 in Richtung Client-Server-Computing zu entwickeln.

Nicht ganz so rosig beurteilt Lethbridges deutscher Gartner-Group- Kollege Helmuth Guembel das IBM-Angebot. Zwar werde das Announcement den Lebenszyklus der Midrange-Maschine deutlich verlaengern, aber der Zufriedenheitszenit der AS/400 sei ueberschritten. "Einige meiner Kunden sehen sich nach etwas anderem um, viele gehen zu Unix."

Als Gruende nennt der Analyst die zoegerliche Implementierung moderner Workflow-Konzepte oder die PC-Einbindung, die erst sehr spaet erfolgt sei. Hinzu komme, dass der Anwender abhaengig von nur einem Hersteller und bei Unzufriedenheit auch an diesen gebunden sei. "Bei Unix kann ich Applikationen immerhin portieren - wenn auch vielleicht mit grossen Schwierigkeiten."

Guembel beobachtet ausserdem, dass sich grosse Applikationshersteller wie SSA oder J.D.Edwards, die urspruenglich auf der AS/400 zu Hause waren, auf offene Systeme zubewegen.

Dieter Roskoni von der deutschen J.D.Edwards-Niederlassung in Frankfurt bestaetigt, dass seine Firma momentan zweigleisig entwickelt. Bestehende AS/400-Software werde verfeinert und soll Client-Server-Topologien unterstuetzen. Gleichzeitig entsteht mit Hilfe des objektorientierten und Hardware-unabhaengigen Werkzeuges "Everest" eine neue Generation von Anwendungen unter Unix, die auf den Plattformen HP9000, RS/6000, DEC-Alpha und AS/400 laufen sollen. Im letzten Schritt will man beide Produktfamilien zu einer einheitlichen Anwendungsumgebung zusammenfuehren.

Als Abkehr von Big Blue sieht Roskoni den Plan nicht. "Die IBM muss sich umstellen, und das kommuniziert sie auch. Sie hat uns dazu ermutigt, ein offenes Produkt zu entwickeln."

Ein zentraler Punkt der IBM-Ankuendigung ist die versprochene Offenheit der neuen Systeme. Insbesondere die ab Herbst verfuegbare Version 3.1 des Betriebssystems OS/400 ist nach Aussagen der Marketiers aus Rochester so stark auf Standards und Interoperabilitaet ausgelegt, dass sich die Advanced Series als Allround-Rechner in einer heterogenen Um- gebung empfehle.

Nun soll Offenheit eine Forderung der Anwender sein und nicht ein von den Herstellern festgelegtes Diktat. Das Standardisierungsgremium fuer offene Systeme, X/Open, untersucht jaehrlich in der "x-tra"-Anwenderbefragung, was die Benutzer unter Offenheit verstehen und welche Bedeutung sie den einzelnen Funktionen zuordnen.

Auf die Frage, was ein offenes System kennzeichne, nannten die Befragten 1993 am haeufigsten die Herstellerunabhaengigkeit, gefolgt von Interoperabilitaet und Portabilitaet. Wichtig ist den Anwendern auch, dass die DV-Produkte veroeffentlichte Standards und Schnittstellen bedienen. Punktgleich auf Rang sechs liegen die Erweiterbarkeit und das Kriterium, mehr als einen Anbieter am Markt zu finden. Wie ist nun die Advanced Series in puncto Offenheit zu bewerten?

Die Faehigkeiten zur Netzwerkanbindung, frueher eine Schwachstelle der AS/400, hat Big Blue deutlich erweitert. Die Unterstuetzung fuer das TCP/IP-Protokoll wurde in den Microcode gelegt, was die Leistung nach IBM-Angaben um den Faktor acht steigert. Gearbeitet wurde ebenfalls an der Advanced Program-to-Program Communication (APPC), die nun dreimal schneller funktionieren soll. Zudem plant IBM, zukuenftig auch Netbios und OSI zu unterstuetzen.

Die Funktionen zum Data Exchange, also der Moeglichkeit, von verschiedenen Clients aus auf jeden beliebigen Datenbestand zuzugreifen, haben die IBM-Entwickler ebenfalls vereinfacht. Neben der Integration von IBMs SQL-Zugriffsempfehlung Distributed Relational Data Access (DRDA) wurden die SQL-Schnittstellen ODBC von Microsoft und DAL von Apple implementiert, womit sich zumindest fuer die PC-Welt die Situation verbessert.

Anders sieht der Zugriff der AS/400 auf marktgaengige Unix- Datenbanken wie Oracle, Informix, Ingres oder Sybase aus. Thomas Dreller, Marketingmanager Deutschland fuer Computersysteme des IBM- Konkurrenten Hewlett-Packard, sieht hier einen Mangel: "Hat ein Kunde, der heute eine vorhandene Datenbankumgebung im Einsatz hat, die Moeglichkeit, diese auf der AS/400 laufen zu lassen? Die Antwort ist nein." Ein Vorteil von offenen Dantenbanksystemen sei das Mix and Match zwischen verschiedenen Datenbank-Engines mit verschiedenen Benutzer-Schnittstellen und unterschiedlichen 4GLs.

Tatsaechlich bestaetigt Big Blue, dass man weiter auf die festverdrahtete Datenbank der AS/400 setze, die nun mit "DB2/400" auch einen Namen bekommen hat. Allerdings, so die Information aus Stuttgart, bemuehe sich Oracle momentan darum, sich einen Zugang zum IBM-Rechner zu verschaffen, ein Unterfangen, um das HP-Mann Dreller den Softwarehersteller nicht beneidet. Durch die extrem enge Koppelung zwischen Hardware und Datenbank innerhalb der AS/400 sei eine Oeffnung nach aussen nur sehr schwer zu realisieren.

IBM wirbt fuer die Advanced Se- ries als nunmehr offenes System mit der Erklaerung, dass Posix, Distributed Computing Environment (DCE) und Spec 1170 unterstuetzt werden. Damit sind zumindest die Programmier-Schnittstellen geschaffen, um Portabilitaet von Anwendungen realisieren zu koennen. Bis Ende des Jahres sollen nach IBM-Prognosen etwa 90 Prozent der typischen Unix-Applikationen auch auf der AS/400 ablauffaehig sein.

Das wichtigste Markenzeichen fuer Offenheit fehlt der AS/400 allerdings: Das X/Open-Branding. Damit bleiben dem IBM-Rechner die europaeischen und US-amerikanischen Amtsstuben verschlossen. Die Behoerden sowohl in den USA als auch in der EU bestehen bei der Beschaffung von Betriebssystemen auf diesem Guetesiegel. Nach IBM- Aussagen versucht man derzeit, die X/Open-Bedingungen zu erfuellen.

Trotz dieses Mankos erfreuen die neu implementierten Schnittstellen, die zukuenftig auch AIX, HP-UX und Solaris von Sun einbeziehen sollen, die Softwarehaeuser. Uwe Paradiek vom Muenchener Software-Anbieter SoftM: " Die neue Funktionalitaet hilft all den Software-Entwicklern, die noch nicht auf der AS/400 sind, bei den Portierungsbemuehungen. Nun ist es einfacher, Client-Server- Software zu schreiben." Paradiek vermutet, dass beispielsweise SAP seine betriebswirtschaftliche Standardsoftware R/3 auf die Advanced Series bringen wird.

IBM war sich dessen am vergangenen Donnerstag anlaesslich der AS/400-Vorstellung vor Software-Entwicklern und Kunden in Muenchen schon sicher. Am darauffolgenden Tag, wusste SAP-Marketing-Leiter Paul Wahl davon allerdings noch nichts. Richtig sei, dass SAP zusammen mit IBM die Portierungsmoeglichkeit pruefe, aber "entschieden ist das nicht. Wir untersuchen heute erst die Moeglichkeiten."

Die Gratwanderung, die IBM unternehmen muss, um Neuerungen einerseits mit dem Bestehenden vertraeglich zu machen und andererseits moderne Informationsverarbeitung zu ermoeglichen, sieht Software-Anbieter Paradiek als Big Blues Hauptproblem: "Wir haben bisher in RPG programmiert, etwas anderes gab es beim Start der AS/400 nicht." Durch das Heranfuehren der Midrange-Maschine an die PC- und Unix-Welt koennen die Entwickler nun objektorientierte Client-Server-Software schreiben. "Die neuen Moeglichkeiten liegen nicht nur innerhalb, sondern insbesondere ausserhalb der Maschine."

Probleme erwartet J.D.Edwards-Mann Roskoni besonders im Hinblick auf die fuer OS/400, Version 3.1, angekuendigte grafische Benutzer- Schnittstelle. Jeder Entwickler muesse ueberpruefen, wie die eigenen Applikationen nach der Umstellung vom Block-Mode, also von nicht grafischer zu grafischer Benutzer-Schnittstelle, funktionierten. "Eine Umsetzung eins zu eins ist nicht moeglich."

HP-Manager Dreller vermutet hinter IBMs Grafikbemuehungen einen proprietaeren Sonderweg. Durchgesetzt haetten sich X/Window und Motif, die von der Initiative Common Open Systems Environment (COSE) zusammengefasst wurden. COSE habe letztendlich auch Sun dazu gebracht, auf Motif zu setzen. Auf der anderen Seite sei mit Windows ein De-facto-Standard geschaffen worden. "Wieso bringt IBM nun eine weitere, eigene grafische Benutzer-Schnittstelle? Hier wird doch wieder versucht, eine proprietaere Loesung durchzusetzen."

Auf die IBM-Ankuendigung, die Advanced Series sei auch fuer Downsizing-Projekte geeignet, reagiert man beim Muenchner Softwarehaus Sapiens mit aehnlichen Gefuehlen. Die Softwareschmiede, die traditionell Mainframe-Software entwickelte und nun auch fuer Unix- und PC-Rechner Anwendungen schreibt, sieht die AS/400 nicht als Alternative zum Mainframe. Der deutsche Geschaeftsfuehrer Alexander von Stuelpnagel aeusserte auf einer Pressekonferenz waehrend der CeBIT: "Wir sehen in der AS/400 keinen Zukunftsmarkt."

Wenn im naechsten Jahr der 64-Bit-Power-Chip verfuegbar ist, wird Rochester die Advanced Series auf die sogenannte Power-3- Architektur umruesten. Ein fuer die Anwender reibungsloser Umstieg auf RISC scheint gewaehrleistet, da OS/400 ein Kernel-basiertes Betriebssystem ist. Zudem laeuft in Rochester derzeit eines der groessten Objekttechnologie-Projekte: OS/400 wird auf objektorientierten Code umgestellt.

Nicht zu klaeren war, was die RISC-Konkurrenz bei IBM von den Power-Plaenen der AS/400-Kollegen haelt. IBMs RS/6000-Abteilung wollte sich zur internen Konkurrenz nicht aeussern. Nicht als Fazit zur Advanced Series ist deshalb die Aussage von Lcszlo Tarnai, Geschaeftsfuehrer der R+S Software-Systems GmbH, zu werten: "Mein erster Eindruck auf die Ankuendigung war, dass die AS/400 jetzt wieder lebt."