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21.09.1990

ASK Computer Systems Inc. legt 110 Millionen Dollar auf den Tisch Amerikanische Softwarefirma will Ingres Corp. übernehmen

MÜNCHEN/FRANKFURT - Der Konkurrenzkampf auf dem Softwaremarkt hat ein neues Opfer gefordert: Falls die US-Kartellbehörden keine Einwände geltend machen, gehört die Ingres Corp., Alameda/Kalifornien, demnächst zu hundert Prozent der im ebenfalls kalifornischen Mountain View ansässigen ASK Computer Systems Inc.

"Die Software-Industrie befindet sich in einer Konsolidierungsphase, die sich darin äußert, daß eine große Zahl von Betrieben möglicherweise zu relativ wenigen Unternehmen zusammenwachsen." So sieht Lawrence Rowe, Mitbegründer und Aufsichtsratsmitglied der Ingres Corp. sowie Professor für Computer-Wissenschaft an der University of California in Berkeley, die Lage auf dem Softmaremarkt.

Waren bislang vor allem die Hersteller von IBM-Mainframe. Software betroffen, so bleiben mittlerweile nicht einmal die auf offene Betriebssysteme spezialisierten Anbieter verschont: Sybase verfehlte die eigenen Umsatzerwartungen und entließ Mitarbeiter, Oracle schloß das letzte Quartal mit Verlust ab (siehe Seite 86). Und jetzt gibt ingres seine Unabhängigkeit auf. Wie Rowe ausführt, leiden sowohl Oracle als auch Ingres unter der zur Zeit relativ schwachen Marktposition von Digital Equipment. Beide Unternehmen hätten nämlich einen Großteil ihrer Umsätze im DEC-Bereich gemacht. Sybase hingegen vertreibe seine Produkte vorwiegend in der von den Problemen des Aktienmarktes heimgesuchten Finanz-Dienstleistungs-Branche.

Darüber hinaus, so der Software-Professor, würden relationale Datenbank-Management-Systeme langsam, aber sicher zu "Gebrauchsartikeln". Das unterstreicht auch Joachim Böhm, Leiter der Frankfurter Ingres-Geschäftsstelle: "Die Wahrnehmung der relationalen Datenbanksysteme hat sich verändert; aus der Sicht der Kunden unterscheiden sich die Produkte nicht mehr voneinander."

Doch während Ingres bereits seit etwa einem Jahr kränkelt, schnitt der Mitbewerber Oracle bis dato glänzend ab. Nach Rowes Ansicht gibt es dafür drei Gründe: Zum einen habe Oracle mit seinem Produkt lange Zeit einen Vorsprung von etwa anderthalb Jahren verteidigen können; zum zweiten sei frühzeitig ein Entschluß gefaßt worden, der sich als wettbewerbsentscheidend herausstellen sollte, nämlich der, daß Oracle-System auf nahezu jeder Hardware ablauffähig zu machen; und zum dritten sei der Oracle-Präsident Lawrence Ellison ein ausgezeichneter Marketier.

In der Branche herrscht denn auch die Meinung vor, im Gegensatz zur Marketing-orientierten Oracle Corp. sei Ingres zu stark durch die Technik beeinflußt. Dieser Auffassung kann sich Rowe allerdings nicht anschließen; seiner Ansicht nach ließ sich Ingres sehr wohl von den Wünschen seiner Kunden leiten, versäumte es jedoch, sich entsprechend am Markt zu verkaufen.

Aufgrund des wenig ambitionierten Marketings und der mit zwanzig Prozent vom Einkommen relativ hohen Ausgaben für Forschung und Entwicklung war Ingres nie besonders profitabel - trotz passabler Umsatzzahlen. Dazu Rowe: "Der Umsatz war nicht unser Problem, sondern der Aktienkurs, der im vergangenen Jahr steil nach unten rutschte. Außerdem hatten wir anhaltende Probleme mit dem Vertrieb in Nordamerika."

Da die finanzielle Situation des Herstellers als instabil galt, zögerten die Kunden mit der Entscheidung für den Einsatz von Ingres-Produkten; und diese Zurückhaltung schlug wiederum negativ auf Aktienkurs und Geschäftsergebnisse durch. Damit hatte sich der Teufelskreis geschlossen. Der "Zusammenschluß" mit ASK, so hofft Rowe, soll diese Probleme beseitigen, indem er eine "Botschaft an den Markt" aussendet.

Allerdings betrachtet der Mann, mit dessen Hilfe das Unternehmen vor fast einem Jahrzehnt aus der Taufe gehoben wurde, den bevorstehenden Deal mit einem lachenden und einem weinenden Auge: "Ich persönlich hätte es vorgezogen, unabhängig zu bleiben", beteuert er, räumt jedoch gleich darauf ein: "Wenn jemand an Ihre Türe klopft und Ihnen eine Summe auf die Hand bietet, die fast das Doppelte vom aktuellen Aktienkurs darstellt, dann fällt es schwer, das abzulehnen." Rund 110 Millionen Dollar oder 9,25 Dollar pro Aktie wird ASK für die Ingres Corp. auf den Tisch legen. Etwas mehr als die Hälfte dieser Summe will das auf Fertigungssoftware spezialisierte Unternehmen beschaffen, indem es seinerseits etwa 30 Prozent seiner Anteilscheine veräußert - gegen insgesamt 60 Millionen Dollar in bar. Zwei Drittel dieser Anteile übernimmt voraussichtlich die General-Motors-Tochter EDS das andere Drittel der Hardware-Hersteller Hewlett-Packard.

In der Software-Branche hatten bereits sei geraumer Zeit Gerüchte über eine Übernahme der Ingres Corp. kursiert. Als potentieller Käufer war vor allem die Digital Equipment Corp. im Gespräch, die anfangs auch in die jetzt anstehenden Aktientransfers involviert werden sollte.

Offensichtlich konnten sich die beteiligten Unternehmen jedoch nicht einigen. Dazu Rowe: "DEC ist ein sehr schwieriger Verhandlungspartner; er verhält sich in der Art von: Ihr macht, was wir wollen, oder wir spielen nicht mit."

Aus Sicht der ASK Inc. ist die Investition in Ingres durchaus folgerichtig: Bereits Anfang des Jahres hatte die Softwareschmiede aus dem Silicon Valley angekündigt, auf der Basis der Ingres-Umgebung Windows/4GL eine Serie von Fertigungssoftware-Produkten zu entwickeln. Erläutert Ian Williams, Regional-Manager für Kontinentaleuropa und Geschäftsführer der zehn Köpfe starken ASK GmbH, Neu-Isenburg: "Da wir uns nun einmal für dieses Tool-Set entschieden haben, ergibt es einen Sinn, wenn wir uns die Kontrolle über dessen künftige Entwicklung sichern wollen."

Außerdem hofft ASK, die starke Ingres-Präsens in Europa für eine Ausweitung der eigenen Geschäfte nutzen zu können. Während der DBMS- und Softwaretool-Anbieter rund die Hälfte seines Umsatzes von 160 Millionen Dollar außerhalb der USA machte, stammen 83 Prozent der 207 Millionen Dollar, die ASK im vergangenen Geschäftsjahr einnahm, aus den Vereinigten Staaten.

Beide Unternehmen wollen im laufenden Geschäftsjahr gemeinsam einen Umsatz von rund 400 Millionen Dollar erwirtschaften. Wie der Zusammenschluß organisatorisch vollzogen werden soll, ist hingegen noch ungeklärt; davon betroffen sind insgesamt mehr als 2200 Mitarbeiter, rund 1300 auf seiten der Ingres Corp. und 930 bei der ASK Inc. Wie sich die neue Situation für die 80 Beschäftigten der Frankfurter Ingres GmbH auswirken wird, vermochte Geschäftsführer Peter Lewi ebenfalls noch nicht zu sagen.

Die ASK-Manager legten etwas mehr Informationsbereitschaft und Risikofreude an den Tag: Laut Ian Williams wird Ingres als eine separate Division in die ASK Inc. eingegliedert. Der deutsche Vertriebsleiter Rudi Wedel wagte sogar eine Prognose zum Thema Nambensgebung; denkbar sei eine Bezeichnung wie "Ingres, Division of ASK".