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05.11.1999 - 

Das Marktgeschrei der Anbieter übertönt nachdenkliche Stimmen

ASPs - Totengräber der IT-Abteilung?

CW-Bericht, Wolfgang Terhörst Es gibt ein neues Zauberwort in der IT: ASP (Application Service Providing/Provider). Die sogenannte Software aus der Steckdose befreit DV-Manager von lästigen Wartungsarbeiten und füllt die Kassen der Anbieter, so das Wunschbild der ASP-Lobby. Kritik ist da nicht vorgesehen - aber gleichwohl sehr angebracht.

Selten ist ein Dienstleistungsmodell so schnell von nahezu der gesamten Internet- und Software-Branche umarmt und in schwindelerregende Marktmöglichkeiten übersetzt worden wie das des Application Service Providing (ASP). Wöchentlich verkünden Industrie-Größen entsprechende Allianzen, melden kleinere Anbieter ihre Ansprüche an. Hersteller betriebswirtschaftlicher Software wie SAP oder Peoplesoft wittern gewaltige Absatzpotentiale bei kleineren Firmen, denen sie über den Umweg von ASPs bei Bedarf einzelne Komponenten ihrer schwer verdaulichen Gesamtpakete via Web vermieten wollen. Internet-Service-Provider sehen sich ebenso wie Carrier plötzlich in der lukrativen Rolle von Applikations-Vermittlern.

Jeder will dabei sein, wenn die Claims abgesteckt werden. Seit Mitte Mai dieses Jahres kümmert sich mit dem ASP-Industry-Consortium (www.aspindustry.org) sogar eine eigene Standesorganisation um die Belange der Mitspieler. Das Konsortium will Forschung sponsern, Standards vorantreiben und die Vorteile des ASP-Modells nach außen tragen. Zu den Gründungsmitgliedern zählen Branchengrößen wie AT&T, Cisco, Compaq, IBM, Sun und Uunet, aber auch kleinere Player wie Arista-Soft, Cylex Systems, Marimba und Verio.

Selten allerdings wurde der Nutzen eines Dienstleistungsmodells auch so einseitig von der Anbieterseite verkündet. Gewiß gibt es viele DV- und Budget-Verantwortliche, bei denen die Vorstellung, künftig auf die Installation und die Wartung eigener Rechenzentren und Applikationen verzichten zu können, Freudensprünge bewirkt. Bei näherem Hinsehen folgt dann aber nicht selten eine eher unsanfte Landung. Denn der saloppe Werbe-Slogan von der "Software aus der Steckdose" übertüncht eine Reihe ungeklärter beziehungsweise unangesprochener Probleme.

Selbst die Marktforscher sind irritiert: Prognosen über das Wachstum und die Größe des weltweiten ASP-Markts liegen ungewöhnlich weit auseinander. So sagt die Gartner Group für 2003 ein Volumen von 22,7 Milliarden Dollar voraus, während sich IDC mit zwei Milliarden Dollar begnügt. Die Meta Group erwartet den Durchbruch erst für 2001, während Forrester Research dann schon Umsätze von sechs Milliarden Dollar weissagt.

Jack Powers, Direktor des International Informatics Institute (IN3.org) ist skeptisch: "Wenn überhaupt, dann wird es lange dauern, bis sich das ASP-Modell durchsetzt. In einigen Fällen mag es sinnvoll sein, Software zu mieten - bei Office-Anwendungen etwa. Aber viele Unternehmen haben sich kritische Anwen- dungen ins Haus geholt, um die Kontrolle zu haben - und das hat meistens nicht schlecht funktioniert."

Ganz ähnlich sieht das auch Robert Blattenberger, IT-Abteilungsleiter der Osram GmbH. Für ihn ist es ein besseres Gefühl, all das selbst betreiben, was die eigenen Kapazitäten erlauben. Zwar werden auch bei Osram einzelne Anwendungen ausgelagert - aber nur solange es nicht als Kernaufgabe definiert wird. Ist etwa eine kritische Masse an Nutzern erreicht, holt Blattenberger die Verantwortung wieder ins Haus. Überhaupt hat der DV-Leiter im Moment andere Sorgen, als sich um ASP-Modelle zu kümmern: Der Jahreswechsel läßt grüßen.

Das ASP-Modell greift tief in die Struktur der IT-Welt ein - mit möglicherweise einschneidenden Folgen für traditionelle DV-Abteilungen oder IT-Anbieter. In ihrer aktuellen Studie "The ASPs'' Impact on the IT Industry" haben die IDC-Marktforscher untersucht, wie der ASP-Markt die althergebrachte Beziehung zwischen Kunden und Herstellern verändert, wie er die zentralen Bereiche Services, Software, Hardware, Kommunikation, Vertriebskanäle und Partnerschaften beeinflußt. Für die Unternehmens-IT sieht die Autorin Debra Malina im Grunde nur zwei Zukunftsvisionen: entweder eine Revolution, in der alle IT-Dienste über das Web bezogen werden und die interne DV-Abteilung überflüssig wird oder aber eine Evolution, die es der Unternehmens-IT erlaubt, sich mehr auf strategische als auf administrative Aufgaben zu konzentrieren.

In beiden Fällen könnten die Marktschreier der ASP-Entwicklung aber die Rechnung ohne den Wirt, sprich ohne die Anwender, gemacht haben. Diese reagieren nämlich keineswegs euphorisch auf Application Service Providing im Sinne von Anwendungsbezug über das Internet - nicht einmal in den USA. Auf der Internet World in New York Anfang Oktober beherrschten die ASP-Anbieter die Nachrichtenlage, doch verschafften sich auch die Kritiker auf einem Forum Gehör. Viele Anwender hoffen, sich den Ärger mit dem Upgrading und der Wartung von Software vom Hals schaffen zu können. Doch gleichzeitig verweisen sie auf eine Reihe ungelöster Probleme.

Dabei stehen Sicherheit, Bandbreite, psychologische Barrieren und die Integration beziehungsweise Komplexität von Anwendungen im Mittelpunkt. Selbst an die versprochenen Kostenvorteile glauben nicht alle: "Ich bin nicht sicher, ob große Firmen wie IBM mir tatsächlich Kostenvorteile über Mietmodelle bieten können, bei den Margen, die sie selbst brauchen, um auf ihren Schnitt zu kommen", zweifelt etwa Warren Winter, IT-Manager beim Chemie-Giganten Pfizer. Viel Widerstand kommt auch beim Thema Sicherheit auf - vor allem bei Firmen, die mit sensiblen Nutzerdaten zu tun haben, wie etwa Versicherungen. Der Application Service Provider sollte mindestens einen ebenso hohen Sicherheitsstandard garantieren wie der Anwender - und zusätzlich muß die Datenverbindung entsprechend geschützt sein. Eine Lösung könnte die Trennung der Daten von der Anwendung sein. Doch das führt automatisch zu einem starken Informationsaustausch zwischen ASP und Anwender und damit zum nächsten Problem, der Bandbreite.

IT-Manager Blattenberger macht dazu eine einfache Rechnung auf: "Stellen Sie sich die 2500 PC-Arbeitsplätze bei Osram in Deutschland vor und rechnen Sie allein die benötigte Übertragungsleistung hierzulande hoch: via Internet kann das nicht einmal mit einfachen Büroanwendungen funktionieren." Allenfalls sei über dedizierte Leitungen oder Virtual Pri- vate Networks (VPNs) eine befriedigende Performance zu erreichen. Viel dramatischer ist das Problem, wenn ganze betriebswirtschaftliche Anwendungen über das Netz bezogen werden sollen - wobei sich dort ohnehin die Frage stellt, ob die fallweise Nutzung derartiger Software überhaupt Sinn macht. In den allermeisten Fällen ist nämlich eine individuelle, auf die Bedürfnisse des Nutzers abgestimmte Installation notwendig. Das aber können heutige ASPs in der Regel nicht leisten und wollen es wahrscheinlich auch gar nicht. Denn lukrativ ist das Geschäftsmodell nur dann, wenn standardisierte Anwendungen für große Nutzerzahlen zur Verfügung gestellt werden. Sonst landet man sehr schnell wieder beim klassischen Outsourcing - mit entsprechenden Preisen.

Zu den technischen Problemen kommen psychologische, die vor allem mit der Rolle der IT-Abteilung im Unternehmen zu tun haben. IN3-Direktor Powers befürchtet gar eine Blockadehaltung: "Der IT-Manager wird sagen: Mein Job ist es, die Computer hier zu betreiben und nicht mich selbst auszugliedern." Soll sich das gerade für kleinere und mittelständische Unternehmen durchaus interessante ASP-Modell tatsächlich mit der propagierten Dynamik entwickeln, sind also viele Ungewißheiten zu klären. Vor allem müssen sich die Anbieter fragen, ob sie in der Lage sind, den hohen Ansprüchen zu genügen, die ihre potentiellen Kunden an sie stellen (siehe Grafik, Seite 25). Es ist nicht damit getan, ein Stück Software auf einem Server abzulegen. Man wird das Gefühl nicht los, daß viele Anbieter nach dem Motto verfahren: Werfen wir mal die Angel aus, vielleicht wird einer anbeißen. Zuende gedacht ist das ASP-Konzept jedenfalls noch nicht.