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03.02.1995

ATM noch lange keine Plug-and-play-Loesung High-Speed-Networking und NII waren Schlager der Comnet '95

WASHINGTON - Unter dem Motto "Leading Communications into the Global Age" eroeffnete die Comnet '95 als erstes Networking-Event den Messereigen dieses Jahres. Ueber 400 Aussteller und mehr als 30 000 Besucher fanden dieses Mal den Weg zu der dem Selbstverstaendnis zufolge traditionellen Enterprise-Networking- Messe. Nomen est Omen: Im Mittelpunkt der 17. Comnet standen vor allem Themen wie ATM, Frame Relay, SMDS, drahtlose Datenkommunikation sowie Internet-Services und natuerlich die National Information Infrastructure (NII).

Was lag naeher, als am Regierungssitz der Clinton-Administration, die mit den Information-Highway-Visionen von Vizepraesident Al Gore Amerika aus seiner wirtschaftlichen Krise fuehren wollte, ueber die Moeglichkeiten des "Make money" mit der NII zu diskutieren. Einen weitgehenden politischen Konsens scheint es

in den USA bereits dahingehend zu geben, dass die kuenftige NII kein Freeway, sondern eine gebuehrenpflichtige Autobahn sein wird.

Dennoch gab sich Michael Nelson, Science Officer fuer Informationstechnologie im Weissen Haus, optimistisch, dass die Gebuehren auch fuer den Massenmarkt akzeptabel sein werden, da sich auch in der Datenkommunikation aehnlich wie in der restlichen DV- Industrie die Preise kuenftig alle 18 Monate halbieren wuerden.

Die Clinton-Administration will Nelson zufolge mit einer weiteren Deregulierung des Telecom-Sektors und dem damit einhergehenden Wettbewerb fuer zusaetzliche Kostensenkungen sorgen. Der Regierungsvertreter forderte mit Blick nach Europa die dortigen PTTs auf, endlich ihre Tarife zu senken, falls sie nicht vom dem Ansturm der Satelliten- und Cable-TV-Anbieter hinweggefegt werden wollten. Die Netze der Zukunft koennten, so seine These, gleichermassen Bits und Sprache transportieren.

Die Carrier im eigenen Land warnte der White-House-Mitarbeiter davor, zu glauben, dass Washington tatenlos zusehen wuerde, falls sich die Telefongesellschaften nur die lukrativen Ballungsraeume herauspicken sollten (eine Befuerchtung, die ja auch in Europa eine grosse Rolle spielt), weniger dicht besiedelte Landstriche hingegen aussen vor blieben. Hier werde man, wenn auch als letzte Massnahme, sehr schnell wieder regulierend eingreifen. Zudem werde die Clinton-Administration sehr genau darauf achten, dass fuer den Fall, dass - wie Pessimisten vermuten - im US-amerikanischen Telecom- Markt nur sieben grosse Anbieter ueberleben, diese einen offenen Zugang zu ihren Netzen anbieten.

FCC will regionale Monopole beseitigen

Auch Reed Hundt, Chairman der Federal Communications Commission (FCC), der sich selbst gerne als Vorsitzenden der Federal Communications Competition Commission bezeichnet, bekraeftigte den Willen seiner Behoerde, die unfairen Wettbewerbsbedingungen zu beseitigen, die gerade im lokalen Bereich mit den Monopolen der Baby Bells entstanden sind.

Hundt, der die Vision vom Information-Highway mit dem Eisenbahntraum des 19. Jahrhunderts verglich, geht davon aus, dass bereits 1996 ein Sechstel des amerikanischen Bruttosozialprodukts mit oder besser gesagt auf der NII erwirtschaftet wird. Bis zur Jahrtausendwende entstehe daraus ein Markt mit einem Volumen von rund zwei Billionen(!) Dollar, wobei allein die Vernetzung der amerikanischen Schulen und Bibliotheken nach den Berechnungen des FCC-Chairmans ein Geschaeft von fuenf bis zehn Milliarden Dollar sein duerfte.

Ebensowenig, wie die Besucher der Comnet erfuhren, wie dieser Aufwand zu finanzieren ist, konnten sie jedoch konkrete neue Hinweise mit nach Hause nehmen, womit denn kuenftig auf der NII Geld zu verdienen sei. Hier erschoepfte sich das Repertoire weitgehend in bekannten Beispielen wie den elektronischen Malls, Video on demand oder der elektronischen Werbung und dem kostensparenden Support via Online-Dienste. Allenfalls Internet- Anwendungen wie "Sec Edgar", ueber die die Daten aller wichtigen US-Firmen abgerufen werden koennen, sowie Live-Audio-Uebertragungen der Debatten des US-Kongresses erschienen ansatzweise als neue Geschaeftsfelder.

Manche Zeitgenossen in den USA sehen das Berufsfeld der "Infobroker" aufkommen, die ihr Geld damit verdienen, dass sie ihrer Klientel das Wissen verkaufen, wo welche Information in den Netzen zu finden ist. Einigkeit herrschte bei den Comnet- Referenten darueber, dass die elektronische Informationswelt von morgen die Arbeit fast aller Unternehmen veraendern wird - naemlich spaetestens dann, wenn der Kunde in der Lage ist, via Knopfdruck in Sekundenschnelle Preis und Produkte zu vergleichen. Hier duerften, so die verbreitete Ansicht, auf Dauer nur die Unternehmen ueberleben, die mit noch kuerzeren Innovationszyklen den Anforderungen des Consumer-Marktes gerecht werden.

Bis es soweit ist, muss allerdings - auch dies war auf der Comnet sehr deutlich zu vernehmen - noch eine Menge an Unwaegbarkeiten aus dem Weg geraeumt werden. Ganz oben auf der Prioritaetenliste stehen hier nach wie vor leistungsfaehige Applikationen und die Gewaehrleistung von Sicherheit.

NII-Anwendungen nicht vor 1996 attraktiv

Waehrend Branchenkenner davon ausgehen, dass das Sicherheitsproblem mit neuen Authentifizierungsverfahren sowie der Einfuehrung einer elektronischen Kreditkarte bereits im Laufe dieses Jahres geloest wird, rechnet Eric Schmidt, Chief Technology Officer bei Sun, mit dem Durchbruch attraktiver Anwendungen nicht vor 1996. Erst dann werde die NII auch fuer professionelle Anwender richtig interessant.

Doch fern aller Visionen zum Information-Highway plagen die amerikanischen Netz-Manager - die im uebrigen nach Meinung der Studenten der Harvard Business School mit ihren kostenguenstigen und zuverlaessigen Netzen dazu beigetragen haben, dass die Vereinigten Staaten in Sachen Produktivitaet wieder die Nummer eins der Welt sind - ganz andere Probleme: Wie koennen sie den Wunsch nach immer mehr Bandbreite im Netz erfuellen, ohne von heute auf morgen ihr gesamtes altes Networking-Equipment ueber Bord zu werfen? Denn nicht jedes Unternehmen hat das notwendige Kleingeld, um sofort auf High-Speed-Uebertragungstechniken wie ATM zu wechseln. Analysten gehen jedenfalls davon aus, dass momentan nur 24 Prozent aller amerikanischen Unternehmen ernsthafte Migrationsplaene in Richtung ATM verfolgen.

Wie das Nebeneinander von alten Networking-Technologien und modernen Hochgeschwindigkeitsverfahren funktionieren kann, zeigten auf der Comnet ueber 40 Aussteller im Rahmen des "Livenet". Ihm lag ein Modell-Unternehmen namens "Visual Reality Inc." zugrunde, das aus fuenf Unternehmensbereichen bestand, die ueber ein ATM- und FDDI-Backbone miteinander verbunden waren.

An dieser Demonstration eines Corporate Networks beteiligten sich namhafte Hersteller und Netzbetreiber wie Bay Networks, Bell Atlantics, Cisco, Compuserve, MCI, Novell, Northern Telecom oder Sun Microsystems, um nur einige zu nennen.

Gezeigt wurde vor allem die Interoperabilitaet aktueller Netztechnologien: Ethernet, Token Ring, Switched Ethernet, 100- Mbit/s-Ethernet, Twisted Pair Physical Layer Medium Dependent (TP/PMD - so heisst nun der offizielle Standard fuer FDDI via Kupferkabel), FDDI, Switched FDDI, Wireless sowie Remote dial up HDSL, Frame Relay, SMDS, Local ATM und Wide Area ATM. Zudem dokumentierten die Firmen, wie IP und IPX ueber ATM funktionieren und dass Video-Multicasting bereits heute via ATM realisierbar ist.

Frame Relay neuer Stern am Anwenderhimmel

Bis jedoch die neuen Uebertragungsverfahren im grossen Stil zum Einsatz kommen koennen, duerfte es wohl noch eine Weile dauern - zumal die Umsatzzahlen in Sachen WAN-Technologie eine deutlich andere Sprache sprechen. So erwirtschafteten die grossen internationalen Carrier nach Schaetzungen diverser US-Marktforscher 1994 mit X.25-Diensten weltweit rund 35 Milliarden Dollar, waehrend ATM und SMDS als MAN-Uebertragungsvarianten nur 35 Millionen Dollar einbrachten, Frame-Relay-Services hingegen mit 250 Millionen Dollar Umsatz in der Gunst der Anwender deutlich gestiegen sind.

Dies sind Zahlen, die kaum verwundern, wenn man auf der Comnet die Erfahrungen erster ATM-Pilotanwender wie Javad Boroumand vom Nasa Goddard Space Flight Center hoerte. Was auf der Comnet in der Laboratmosphaere des Livenets gut funktionierte, bereitete der US- Raumfahrtbehoerde in der Praxis immense Probleme, beispielsweise die Verwirklichung von IP ueber ATM.

Die Schwierigkeiten fangen laut Boroumand mit der noch ungeklaerten Frage an, wo in einem ATM-Netz die Router mit einem Firewall zu installieren sind oder ob auf letztere nicht ganz zugunsten eines Switches mit einem IP-Filter verzichtet werden kann, und hoeren bei den immensen Kosten fuer schnelle Router, die der ATM- Geschwindigkeit gewachsen sind, noch nicht auf. Darueber hinaus, so die ernuechternde Bilanz der Netzspezialisten des Goddard Centers, erfordert TCP naemlich eine Menge "Fine-Tuning", da ATM fuer dieses auf ein "Feedback angewiesene Protokoll" zu schnell ist.

Doch selbst nach der Loesung dieses Problems kam man bei der Weltraumbehoerde nicht in den Genuss der vollen ATM-Geschwindigkeit von 155 Mbit/s, sondern erreichte mit einer Sun Sparcstation nur eine Transferrate von 85 Mbit/s. Diese Diskrepanz erklaerte Boroumand damit, dass die Workstation einfach zu langsam ist - ein Punkt, den viele ATM-Hersteller gerne vergessen. Denn die schnellen Uebertragungsraten bis zum Desktop machen nur dann einen Sinn, wenn die dortigen Endgeraete auch in der Lage sind, die Daten mit einer entsprechenden Geschwindgkeit weiterzuverarbeiten. Wie die Erfahrungen bei der Nasa zeigten, wird fast keines der momentanen Bus-Systeme den ATM-Anforderungen gerecht. Als einzigen Hoffnungsschimmer am Horizont sieht Boroumand hier Rechner mit PCI-Bus.

Fast Ethernet statt teure FDDI-Projekte

Eine ebenso herbe Entaeuschung erlebte die Nasa in Sachen ATM via UTP-Kabel. Hier war bereits nach 300 Feet (rund 90 Meter) Schluss - eine Entfernung, die laut Boroumand "allenfalls fuer Buerobereiche ausreicht, die dann aber so klein sind, dass sie kein ATM benoetigen". Entsprechend negativ klang denn auch das Resuemee in Sachen ATM: "Von Plug and play weit und breit keine Spur". Zwar raet der Praktiker anderen Anwendern, nicht mehr in neue, aufwendige FDDI-Projekte zu investieren. Falls eine rasche Erhoehung der Bandbreite im Netz erforderlich sei, empfehle es sich aber nicht ATM, sondern als Uebergangsloesung eine der schnellen Ethernet-Varianten zu verwenden. ATM sei zwar stabil genug fuer einen begrenzten Einsatz, doch rechne sich die Technik heute "allenfalls im Backbone-Bereich, nicht jedoch am Desktop bei Preisen von bis zu 4300 Dollar pro Port". (Ueber die zahlreichen Produktneuerscheinungen zur Comnet informieren wir Sie in den naechsten Ausgaben)