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03.10.1997 - 

Für Ende-zu-Ende-Verbindungen gibt es derzeit keinen Markt

ATM sucht sich seine Nische im Backbone

CW: Nach dem furiosen Start des ATM-Forums, wird ihm nun vorgeworfen, daß die Arbeiten an den Spezifikationen zu langsam voran gehen. Hat das Forum sein Pulver verschossen?

Thepot: Dieser Eindruck entsteht, weil in der Öffentlichkeit sehr früh über mögliche Spezifikationen diskutiert wird. Bis sie dann letztlich abgeschlossen werden, braucht es seine Zeit. Multiprotocol over ATM (MPOA) haben wir komplett inklusive Textformulierung und Verabschiedung durch 900 Mitglieder in 18 Monaten fertiggestellt. Vergleichen Sie den Zeitraum mit dem Normierungsverfahren der offiziellen Standardgremien.

CW: ATM wird nachgesagt, zu kompliziert zu sein. Können Sie diesen Vorwurf entkräften?

Thepot: Die Anwender halten ATM für eine komplexe Technik, und das müssen wir ernst nehmen. Tatsächlich ist das Problem aber nicht ATM, sondern die gestiegenen Anforderungen an die Netze. ATM selbst hat da sogar einiges vereinfacht. Das Netz ist schneller einzurichten und bietet mehr Funktionalität.

CW: Dennoch zögern die Anwender. Das liegt doch auch an den hohen Preisen.

Thepot: Wenn Sie den Preis pro Port als Meßlatte verwenden, wird ATM gegenüber anderen Techniken immer teurer sein. Betrachten Sie aber ein ganzes Netzwerk, das Anforderungen bezüglich der Sicherheit und Services gerecht werden muß, sind Ethernet-ATM-Kombinationen billiger als reine Ethernet-Umgebungen. Denn in Netzen ohne ATM müssen sie viele zusätzlich Komponenten erwerben, um ATM-ähnliche Dienste umzusetzen.

CW: Ist ATM denn überhaupt reif genug, um in solchen Umgebungen zuverlässig zu funktionieren?

Thepot: Im Sommer letzten Jahres hat das ATM-Forum den Anchorage Accord verabschiedet. Darin wurde festgehalten: ATM ist reif. Die Infrastruktur steht und wird nicht mehr geändert. Neuerungen auf dieser Ebene wird es nur noch geben, um höhere Geschwindigkeiten zu unterstützen. Andere Spezifikationen werden lediglich entworfen, um neue Dienste zu implementieren.

CW: Können Sie erklären, was der Anchorage Accord ist?

Thepot: Das ist ein wirklich wichtiger Einschnitt in der Entwicklung des ATM-Forums. Vor dieser Verlautbarung war ATM nur für Früheinsteiger gedacht, denn es existierten keine Spezifikationen. Seit dem Anchorage Accord, der im Sommer letzten Jahres auf einer Tagung in Anchorage verabschiedet wurde, hat sich das geändert. Auf diesem Meeting hat das Forum die letzten wichtigen Basis-Spezifikationen ratifiziert. ATM muß nun seinen Platz in übertragungskritischen Umgebungen finden.

CW: Der Anchorage Accord war demnach ein Meilenstein. Warum hat man dann so wenig von ihm gehört?

Thepot: Das ATM-Forum hat lange Zeit nur durch technische Neuerungen auf sich aufmerksam gemacht. In Anchorage wurde diese Expertenrunde durch eine Markteting-Abteilung verstärkt. Sie soll Defizite in der Außenwirkung ausräumen.

CW: Warum hält das ATM-Forum plötzlich Marketing für notwendig. Hat das Spektakel um Gigabit Ethernet den Entschluß beeinflußt?

Thepot: Nein, denn das Forum steht nicht im Wettbewerb mit Gigabit Ethernet. Die Mitglieder haben erkannt, daß die ATM-Botschaft nicht die Anwender erreicht. Es genügt offenbar nicht, Techniken und Spezifikationen zu entwickeln. Die Öffentlichkeit will Erläuterungen und Aufklärung.

CW: Aber Sie streiten doch die Konkurrenz zu Gigabit Ethernet nicht ab?

Thepot: Die Gigabit-Ethernet-Verfechter verursachen derzeit viel Lärm. Es sind aber keine klaren Ziele erkennbar und vor allem gibt es keine Ergebnisse. Die Situation ähnelt der ATM-Geschichte vor einigen Jahren. Neue Techniken sorgen anfangs für Aufruhr. ATM befindet sich in einer anderen Entwicklungsstufe. Es hat den Hype hinter sich gelassen. Nun gilt es, die Funktionsweise logisch und rational zu erkären.

CW: Die Anwender verlangen nach mehr Bandbreite ohne Technologiebruch. Gigabit Ethernet ist die logische Entwicklung des bereits verbreiteten Ethernet. Das gräbt ATM das Wasser ab.

Thepot: Wenn Anwender sich für Gigabit Ethernet entscheiden, folgen sie meistens der Argumentation, die Sie soeben nachgezeichnet haben. Es gibt aber auch viele Unternehmen, die andere Anforderungen haben. Umfragen der großen Hersteller unter den Kunden haben gezeigt, daß sechzig Prozent ATM einsetzen oder sich dafür interessieren. Ich will nicht verschweigen, daß es bei der Befragung auch Interesse an Gigabit Ethernet gab. Es gibt Platz für beide Verfahren.

CW: Auch in ein und demselben Netz?

Thepot: Ja. Das ATM-Forum arbeitet eng mit den offiziellen Standardgremien zusammen. Wir kennen deren Arbeit und wissen beispielsweise, daß das Ethernet-Komitee an Diensteklassen arbeitet. Wir berücksichtigen diese Standards, so daß sie sich netzübergreifend nutzen lassen.

CW: Welche Rolle wird in derart gemischten Installationen ATM übernehmen?

Thepot: ATM wird sich im Backbone durchsetzen. Heutige Workstations sind mit Ethernet, Token Ring oder FDDI angebunden. ATM liefert dem Server dagegen einige intelligente Features.

CW: Eine vergleichbare Situation gibt es im Weitverkehrsmarkt. ATM ist eine gute Technik für die Backbones der Carrier. Als Zugangstechnik soll sich Frame Relay durchsetzen.

Thepot: Die Carrier bieten ihrer Kundschaft nur selten natives ATM an. Sie sehen zwar einen Mehrwert in der Technik, würden mit ATM-Features für die Anwender aber ihre existierenden Dienste gefährden. ATM kann billiger als bislang angeboten werden. Auf niedrigere Preise müssen Anwender aber in jedem Fall bis zur Liberalisierung des TK-Marktes im nächsten Jahr warten.

CW: Im WAN wie im LAN wird sich ATM demnach seinen Platz im Backbone suchen müssen. Ist damit der Traum von durchgängigen ATM-Verbindungen ausgeträumt?

Thepot: Wir sind realistisch. Zunächst richtet sich unser Fokus auf die Erweiterung existierender Technologien. Ob es eine Ende-zu-Ende-Verbindung mit ATM geben wird, bleibt abzuwarten. In jedem Fall entwickeln wir die Spezifikationen, um darauf vorbereitet zu sein.

CW: Werden mit ATM-fremden Zugangsverfahren die ATM-Dienste, die ja häufig den Mehrwert von ATM-Umgebungen ausmachen, hinfällig?

Thepot: Wenn die Zugangstechnik keine Dienste bietet, gibt es auch im Backbone nur beschränkte Services. Die Gigabit-Ethernet-Allianz versucht Wege zu finden, Dienstegüten wie etwa das notwendige Flow Control zu definieren. Wenn es sie gibt, werden wir Übergänge zu ATM definieren.

CW: Die jüngste Spezifikation des ATM-Forums ist Multiprotocol over ATM (MPOA). Wie wichtig ist dieses Verfahren für die ATM-Nutzer?

Thepot: Die Arbeiten an MPOA wurden im Juli abgeschlossen und basieren im wesentlichen auf LANE. Alle Mitglieder des ATM-Forums werden MPOA implementieren. Sie werden es anders nennen, aber der Kern jeder Implementation wird MPOA sein.

CW: Sie meinen, daß das IP-Switching der Hersteller eigentlich MPOA ist?

Thepot: Die Anbieter verfolgen zur Zeit drei Wege, um das Layer-3-Switching in den Griff zu bekommen. Einige bauen große Router mit hohen Durchsatzraten. Das hat natürlich nichts mit MPOA zu tun. Der zweite Weg wird als Tag Switching oder als Multiprotocol Label Switching (MPLS) bezeichnet. Dieses Verfahren ist vornehmlich für Carrier und Service Provider gedacht und weicht von der Lösung des Forums ab. Schließlich gibt es das Layer-3-Switching, das auf MPOA basiert. Alle Anbieter gehen diesen letzten Weg und verwenden deshalb unterschiedliche Bezeichnungen, weil sie die Spezifikation erweitern.

CW: Gibt es somit nicht von jedem Hersteller wieder proprietäre Produkte?

Thepot: Nein. Die Anbieter nutzen die Basis und erweitern die Spezifikationen. Dadurch verbessern sie das Verfahren.

CW: Dann leidet die Interoperabilität?

Thepot: Im Gegenteil. In gemischten Umgebungen ergeben sich häufig bessere Implementierungen. Tests in unabhängigen Labors haben gezeigt, daß etwa LANE schneller ist, wenn Komponenten unterschiedlicher Anbieter zum Einsatz kommen. Damit lassen sich die jeweils besten Lösungen kombinieren.

CW: Wird es eine neue LANE-Version geben?

Thepot: Möglicherweise kommt eine minimale Überarbeitung heraus. Wir können nicht allzu oft neue Versionen entwickeln, denn alle Spezifikationen müssen rückwärtskompatibel sein.

CW: Die Spezifikationen sind keine Normen. Kann es noch Änderungen bei der Ratifizierung durch die offiziellen Standardgremien geben?

Thepot: Das ist möglich. Wir müssen jedoch einen Weg finden, Neuerungen mit den alten Vereinbarungen in Einklang zu bringen. Erleichtert wird das dadurch, daß Mitglieder des ATM-Forums auch in den anderen Standardorganisationen vertreten sind und den Fortgang der Normierung beeinflussen.

Der Anchorage Accord

Die Rahmen-Spezifikationen des ATM-Forums

Erweiterungs-Spezifikationen: LANE; FUNI; API; AMS; CES; FR Over ATM; SMDS Over ~ATM; TEST

Basis-Spezifikationen: UNI 3.1; PHYs; TM; SIG; ILMI; PNNI IISP; BICI; NM

Legende:

LANE: LAN-Emulation FUNI:Frame-based User Network Interface

API: Application Programming Interface AMS: Audiovisual Multimedia Service

CES: Circuit Emulation Service FR: Frame Relay

SMDS: Switched Multimegabit DataService UNI: User Network Interface

PHYs: Physical Layer TM: TrafficManagement

SIG: Signaling ILMI: Interim Local Management Interface

PNNI: Private Network-Network Interface IISP: Interim Inter-Switch Signaling Protocol

BICI: B-ISDN Inter-Carrier Interface NM: Network Management