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17.03.1978

"Auch beim Mikroprozessor steht das Unbundling obenan"

17.03.1978

Mit Dr. F. Baur, Vorstand des Siemens Unternehmensbereichs Bauelemente, sprachen

die CW-Redakteure Dieter Eckbauer und Elmar Elmauer

-Mikroprozessoren werden heute oft als Job-Killer denunziert: Welche Berufe, welche Tätigkeiten wurden aber erst durch diese Technik geschaffen?

Die Frage der Jobkillerei stand vor etwa zwei Jahren, am Anfang dieser Technik, sehr stark im Mittelpunkt. Bei der Betrachtung heute haben wir ganz Wesentliches dazugelernt: Wir wissen, daß auf der einen Seite Arbeitsplätze wegfallen, zum Beispiel hervorgerufen durch die Tatsache, daß integrierte Schaltungen mechanische Steuerungen ersetzen. Auf der anderen Seite zeigen die Erfahrungen, daß sehr viele Arbeitsplätze durch "Innovation" dazukommen, weil die Anwendungsmöglichkeiten für neue Geräte mit integrierter Schaltkreistechnik stark wachsen. Eine Bilanz aus positiven Innovationswirkungen einerseits und Rationalisierung auf der anderen Seite sieht aus unserer Sicht so aus: Obwohl wir in der einen oder anderen Industriegruppe kräftige Umstrukturierungen bekommen werden, kann keine Rede davon sein, daß durch diese technische Revolution zahllose Arbeitsplätze beseitigt werden. Ganz im Gegenteil: Wenn man nicht sehr aggressiv in die Richtung integrierter Schaltungen geht, werden Arbeitsplätze sehr schnell nach USA oder Japan abwandern, und dann tauchen die Arbeitsmarktprobleme erst richtig auf.

- Nun stehen auch Befürchtungen im Raum, der Mikroprozessor multipliziere die Produktivität einzelner Sparten so entscheidend, daß für den produktiven Output kein ausreichend großer Bedarf mehr da sei. Würden Sie diese Gefahr rundweg in Abrede stellen?

Ja. Wir sehen ein eher breites Eindringen der Mikroelektronik und speziell der Mikrocomputer in die verschiedensten Anwendungen. Die Erkenntnis von mindestens zwei Jahren intensiver Beschäftigung mit dem Thema zeigt, daß wir Bauelementehersteller und die Anwender eine Fülle von den unterschiedlichsten Softwareaufgaben lösen müssen. Die Mikrocomputerhersteller müssen Applikationshilfe betreiben. Wir sehen, daß wir alle viele Dinge tun müssen, die man bisher einfach nicht gekannt hat, bevor dieser kleine wirtschaftliche Rechner zur Verfügung stand. Dieser Rechner geht in zahllose Anwendungen ein, in denen heute noch keine Rechner verwendet werden. Hier gibt es ganz eindeutig einen Schub an Output, an Arbeit und dementsprechend an Arbeitsplätzen, ausgelöst durch Innovation, bevor die von Ihnen angesprochene Produktivität sich multipliziert. Aber auch danach ist für die absehbare Zukunft noch kein Produktivitätsüberfluß zu sehen. Wir haben in diesem Zusammenhang viele interessante Kurven gemalt und u. a. auch die Bundesanstalt für Arbeit befragt. Wir sehen aus Sicht der Gesamtindustrie keine Revolution: Wir sehen eine Umstrukturierung an der einen oder anderen Stelle, die für den einzelnen natürlich sehr gravierend sein kann. Aber insgesamt kann weder von Überoutput noch von Jobkillerei die Rede sein.

- Sie brachten die zu bewältigenden Softwareaufgaben zur Sprache: Wo liegen denn die Softwareschwierigkeiten?

Zwei Effekte sind ganz eindeutig da Die einen, die neu an diese Dinge gehen glauben, daß mit dem Mikrocomputer alle Probleme dieser Erde verschwinden. Andere klagen, daß sie diese neue Software gar nicht verstehen können. Da gibt es die tiefe Ablehnung aus Unkenntnis. Beide Seiten müssen zu einer realistischen Einstellung finden. Dazu gehört sehr viel Schwung, um mit dieser neuen Technik fertig zu werden. Dazu gehört auch großes Verständnis für die Anwendungsmöglichkeiten. Nicht nur die Großindustrie muß dazulernen, sondern auch der mittelständische Gerätehersteller, und selbst der Handwerker.

- Kann man behaupten, daß die Anwendungsgrenzen für den Mikroprozessor gegenwärtig nur von der ingeniösen Kreativität gesetzt werden, daß aber um diese Kreativität zu schulen, unser Bildungssystem neu strukturiert werden müßte?

Ihre Frage heißt mit anderen Worten, was begrenzt die Eindringgeschwindigkeit des Mikrocomputers? Ist es die Technik oder die Fähigkeit des Menschen, sich an neue Dinge anzupassen? Ich meine beides. Denn die Eindringfähigkeit hängt mit der Lernfähigkeit zusammen. Auf der anderen Seite entscheidet die Wirtschaftlichkeit, ob ein Mikrocomputer in irgendein Gerät eingebaut wird. Klar ist: Heute kann mit dem Mikrocomputer wirtschaftlich Rechenkraft eingesetzt werden, für die vor etwa 20 Jahren noch eine Million Mark hätte ausgegeben werden müssen. Dieses kann man heute mit etwa 100 Mark erreichen. Daran sehen Sie, welche Impulse in der Mikrocomputer-Technologie stecken.

- Könnte die Eindringgeschwindigkeit auch dadurch begrenzt werden, daß Hersteller bestehende Produktlinien schützen wollen?

Das glaube ich nicht. Der Mikrocomputermarkt ist ja ein Weltmarkt. Würde eine Firma wie Siemens irgendeinen neuen Mikrocomputer zurückhalten - Konkurrenten würden sich bestimmt nicht daran hindern lassen, an uns vorbeizugehen und bei unseren Kunden diesen Fortschritt einzuführen. Das gleiche gilt für den Gerätehersteller. Auch er muß ständig die neueste Technik anbieten, um im Markt zu bleiben. Sicher ist: Nur durch aggressive Innovation kann man die künftige Entwicklung beeinflussen, steuern und mitführen.

- Sie sprechen von einem Weltmarkt. Meinen Sie damit nur die Industriegesellschaft oder auch die sogenannten Entwicklungsländer, denen es ja noch an Infrastruktur mangelt?

Auf Sicht sind sicher alle Länder eingeschlossen.

- Könnten Sie denn erläutern, welche Nation auf diesem Weltmarkt die besseren Produkte und die wirtschaftlichste Technik anbietet?

Ich kann diesen Vergleich, obwohl ich dazu natürlich eine Meinung habe, nicht verbindlich treffen. Den treffen die Kunden, durch ihre Entscheidung, ein Angebot anzunehmen.

- Lassen Sie uns die Frage anders stellen. Sind die Zuwachsraten von Siemens in diesem Bereich höher als die der Konkurrenz auf dem Weltmarkt?

Da bin ich überfragt. Ich glaube allerdings, daß wir, global gesehen, nicht nur im Welttrend mitlaufen, sondern sogar deutlich darüber liegen.

- Gibt es eine Größenordnung für das Rationalisierungspotential, das erst durch die Mikroprozessortechnik erschlossen wird und das mit dem Marktpotential gleichzusetzen wäre?

Dafür gibt es ein berühmtes Beispiel. Das ist der elektronische Fernschreiber, der in der Produktion von sechzig Stunden auf zwanzig Stunden gefallen ist. Doch wieviel Gegenwirkung wird hier durch ein größeres Produktvolumen erreicht, weil der Fernschreiber kostengünstiger und flexibler geworden ist?

- Sie haben in einem Vortrag, den Sie vor der IG-Metall gehalten haben darauf hingewiesen, daß sich die Preise gemessen an der Packungsdichte rapide nach unten entwickeln. Stimmt denn diese Preiskurve angesichts des Dollarverfalls noch oder müssen Sie befürchten, daß hier die Preise schneller als die Kosten fallen?

Man muß zunächst fragen: Wer sind die Preisführer in dieser Technik? Ganz klar sind das die Amerikaner und Japaner. Ein Weltmarkt schert sich wenig darum, aus welchen Ländern die Produkte kommen. Es kümmert auch unsere Kunden nicht, ob wir eine schlechte Mark-Dollar-Relation für unseren Export haben. Dieses Problem müssen wir durch höhere Leistung ausgleichen.

- Verdienen Sie an diesem Produkt?

Sie können sich vorstellen, daß in den ersten beiden Jahren beachtliche Anlaufkosten anfallen, vor allem, wenn Sie an die Softwareseite denken. Aber wir stehen wesentlich besser da, als wir uns das in unseren Planen vorgestellt haben. Wir waren jedenfalls positiv überrascht, wie die Kostensituation auf diesem Sektor bei uns gelaufen ist.

- Hatten Sie eine so gute Learningcurve?

Auch das. Wir haben eine gute Learningcurve, besser, als wir uns das vorgestellt haben. Wir haben eine gute Learningcurve, besser, als wir uns das vorgestellt haben. Wir haben die richte Vertriebsphilosophie gehabt, eine starke Konzentration unserer Aktivitäten und, last but not least, zahlen sich unsere amerikanischen Erwerbungen aus.

- Und wie steht's um den Zugewinn an technischem Know-how?

Wir haben festgestellt, daß wir wesentlich mehr können, als wir uns ursprünglich zugetraut haben. Vor allem hat Siemens eine sehr große Starke auf der Softwareseite. Durch unsere Datenverarbeitungs-Aktivitäten seit über 25 Jahren verstehen wir, wie die Rechenarchitekturen von Mikrocomputern aussehen müssen. Wir verstehen aus der Erfahrung heraus Anwendungsdinge, die sich eine amerikanische Halbleiterfirma möglicherweise erst sehr bitter erarbeiten muß.

- Analog zur Datenverarbeitung: Ist denn Ihr Markt bereit, die zusätzlichen Dienste auf der Software-Seite zu honorieren?

Wie in der großen Datenverarbeitung steht das "Unbundling" oben an. Bei einem Mikrocomputer sind die Hardwarekosten "fast" bedeutungslos im Vergleich zur Software. Für uns gibt es also gar keinen anderen Weg, als von vornherein mit aller Härte darauf zu drängen, daß hier Unbundling betrieben wird und daß Softwareleistungen, wie immer sie aussehen mögen, von vornherein mitverkauft werden.

Dr.-Ing. Friedrich Baur

Jahrgang 1927, ist seit 1953 Siemens-Mann dessen Weg aus dem Zentrallabor kontinuierlich nach oben, in die lichten Höhen des Vorstands führte: 1973 wurde Dr.-Ing. Baur stellvertretendes Mitglied des Vorstands und seit 1975 ist er Leiter des Unterensbereichs Bauelemente. Erfolgreich, wie die Zahlen beweisen. Dr. Baur ist unter anderem auch Mitglied des Eurosat Verwaltungsrates und in der übernationalen Vereinigung für Kommunikationsforschung, dem "Münchner Kreis" Stellvertretender Vorsitzender.