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18.01.1980

"Auch Europa braucht Advanced Telecommunications"

-Im Rahmen der James-Martin-World-Seminar-Series referieren sie alljährlich auf allen fünf Kontinenten vor Hunderten von DV-Experten. Beobachten Sie beim Erfahrungsaustausch große regionale Unterschiede bei den Problemen der Anwender?

Es ist überraschend, aber wer als DV-Experte mit großen Rechnersystemen arbeitet, hat all überall auf der Welt die gleichen Probleme. Unterschiedlich ist wohl allein die Zahl der Leute, die sich mit diesen Problemen beschäftigen.

- Aber vor drei Jahren sagten Sie in einem COMPUTER WOCHE-Interview, wer in Europa von Satelliten-DFÜ und entsprechender Telekommunikations-Infrastruktur redet, werde angestarrt wie Santa Claus. Hält man Sie auch heute noch für den Weihnachtsmann?

Manchmal schon. Aber Advanced Telecommunications ist wohl die einzige Ausnahme. Hinsichtlich der Notwendigkeit, integrierte Computer-Verbundnetze aufzubauen und entsprechende Teilprobleme - etwa die Realisierung verteilter Datenbanken - zu lösen, gibt es weltweit unter den Großrechner-Anwendern kaum Diskussionen. Andererseits, in Europa - insbesondere auch in Deutschland fehlen vergleichbare Anstrengungen, eine fortschrittliche Telekommunikations-Infrastruktur aufzubauen, wie sie in den USA, in Kanada und in Japan tatsächlich unternommen werden. Das wäre aber doch Voraussetzung, die neuesten Möglichkeiten der Informationstechnik zu nutzen.

- Aber brauchen wir denn wirklich in Europa DFÜ-Satelliten? In Amerika werden sie einen ganzen Kontinent überbrücken. Wozu aber ein deutscher Telekommunikations-Satellit?

Es müssen nicht unbedingt Satelliten sein, hingegen wäre das die billigste Lösung. Man könnte auch die ganze Nation, ganz Europa verkabeln. Es geht nämlich um die Bereitstellung von DFÜ-Kapazität mit sehr großen Bandbreiten. Die Satelliten-Lösung würde am preisgünstigsten sein, denn in der Satelliten-Technik fallen in den 80er Jahren die Kosten weitaus dramatischer als bei der teuren Erdverkabelung - selbst im Vergleich zur Nutzung modernster Glasfaser - , Übertragungstechniken. Man braucht die großen Bandbreiten, mit vielfach mehr Kapazität als in Europa heute angeboten wird, um beispielsweise in Computer-Verbundnetzen ganze Datenbanken im Burst-Verfahren von einer Rechnerzentrale zu anderen zu übertragen. Wie anders wird man preisgünstig 20 und mehr TV-Kanäle und entsprechende Rückkoppelungen zur Verfügung stellen können.

- Wird das wirklich nötig sein? Warum ist, wie Sie immer wieder lautstark betonen, Advanced Telecommunications, also eine fortschrittliche, den heutigen und künftigen technischen Möglichkeiten entsprechende Telecommunications-Infrastruktur unverzichtbar?

Wie allgemein bekannt, wird es in den 80er Jahren eine Explosion bei der Anwendung von Mikroelektronik-Techniken geben. Die Kapazität heutiger Großrechner wird schließlich auf einem einzigen Chip verfügbar sein, das in Massenserie gefertigt wird. Elektronisches Speichern wird sogar billiger werden als Speichern auf gedrucktem Papier. Eine Video-Platte, ähnlich der herkömmlichen Schallplatte, wird das Volumen eines ganzen Lexikon-Werkes speichern können.

- Gerade deshalb würde teuere Telekommunikation doch entbehrlich werden ?

Sie übersehen, daß die Kosten der Telekommunikations-Technologie ebenso drastisch sinken werden, wie die der Mikroelektronik. Dafür werden neue Satelliten, Glasfasern, digitale Übertragungsverfahren und Computer-Steuerung der Netze sorgen. Ein Beispiel nur: Noch 1970 kostete eine Satelliten-Bodenstation etwa 10 Millionen Dollar. Die Space Shuttle-Weltraumfähre wird ab 1985 gigantische Lasten befördern und die leistungsfähigeren Satelliten dürften ermöglichen, daß Bodenstationen nur noch 100 Dollar kosten werden und wohl auch im Kaufhaus erhältlich sein werden.

- Sie denken dabei wohl an die Vereinigten Staaten?

Da liegt das Problem. Für die Verbreitung und den Einsatz von Rechnersystemen und Mikrocomputern sorgen privatwirtschaftliche Unternehmen - und das geht sehr schnell. Neue Telekommunikations-Verfahren werden sich hingegen in einigen Ländern nur langsam ausbreiten, weil Regierungs-Monopole über ihren Einsatz bestimmen. Es läßt sich weltweit beobachten, daß diese neuen Technologien viel schneller zum Einsatz kommen, wo Privatunternehmen entsprechende Entscheidungen fällen. In den USA sind dies unter anderem: Telenet, die Bell-Gruppe mit ihren verschiedenen Netzen, ferner auch Warner Communications, die bereits interaktives 40-Kanal Fernsehen einführen und insbesondere IBMs SBS-Satellite Business Systems-Aktivitäten. Hingegen sind Regierungs-Monopole sehr langsam, weil ihnen Geld und Weitblick fehlen, weil Bürokratie und Festhalten am Status quo vorherrscht.

- Die europäischen Postverwaltungen halten sich für sehr fortschrittlich.

Die Herrschaften sollten sich mehr auf der Welt umsehen. Die Industrienationen sind untereinander im Wettbewerb. Länder, die Chancen gesteigerter Produktivität nicht nutzen, werden große wirtschaftliche Schwierigkeiten haben. Diese Behauptung müßte begründet werden. Man darf die Augen davor nicht verschließen, daß neue Verfahren der Informationsverarbeitung zunächst einmal Arbeitslosigkeit herbeiführen. Dennoch ist das Vordringen der Mikroelektronik unaufhaltbar. Soziales und ökonomisches Chaos ist nur zu verhindern, wenn gleichzeitig eine ausreichende Zahl neuer Jobs geschaffen wird. Das ist meines Erachtens nur dann möglich, wenn mit dem Vordringen der Mikroprozessoren zugleich neue Telekommunikations-Industrien geschaffen werden. Diese neue Technik erfordert neue Produkte und Dienstleistungen in den Bereichen Ausbildung am Fernseh-Terminal, Informationssysteme, wie etwa Bildschirmtext, Freizeit-Industrien, computerunterstütztes Video-Training. Ferner denken Sie an Verfahren zur Energie-Einsparung, zur Haushalts-Automation zur Verbrechens-Vorbeugung und Bekämpfung. Es gibt eine gigantische Aufgabe, die entsprechende Software zu entwickeln stellen Sie sich vor, daß alle Schul- und Universitätskurse und die entsprechenden Lehrbücher für computerunterstützten Unterricht mit individuellen Lernpfaden aufbereitet werden müßten. Hinzu kommt die Aufgabe die entsprechenden flächendeckenden Netzwerke aufzubauen - mit den entsprechenden Hardware- und Software-Produkten. Für diese neuen Industrien gibt es hervorragende Export-Chancen, natürlich bei heftigem internationalem Wettbewerb.

- Der Job-Killing-Effekt des Vormarsches der Mikroprozessoren kann also nur dann verhindert werden, wenn die neuen Elektronik-Apparaturen miteinander verbunden werden und dadurch neue Telekommunikations-Industrien mit großen zusätzlichen Hardware- und Software-Bedarf entstehen?.

Das ist zwar eine Vereinfachung, aber die Aussage ist im Grunde richtig. Ich habe in meinem Buch "The Wired Society" die Voraussetzungen und Auswirkungen dieser neuen Industrien beschrieben. Die erforderliche Telekommunikations-Infrastruktur umfaßt Daten-Übertragungsnetze, die allerort zu Billigpreisen zugänglich sind, ferner Bildschirmtext-Verfahren oder ähnliche Netze, des weiteren Satelliten, die mit billigen Bodenstationen auf den Dächern von Unternehmenszentralen und Appartements-Blocks kommunizieren. Dazu gehören Kanäle für Fernseh-Fortbildung mit Rückkopplung, Netze für Elektronische Post und schließlich Video-Conferencing-Networks. Das Potential dieser Hardware wird erst dann voll ausgeschöpft, wenn diese Einrichtungen alle miteinander verbunden sind.

- Sollen die Mitmenschen denn gar nicht mehr in den Hörsaal gehen oder zu Geschäftsreisen nach Paris oder London fliegen?

Meistens ist es zu Hause viel bequemer, abgesehen von der Zeitersparnis. Und meistens muß ich nicht nach Swinging London sondern in so gräßliche Orte wie Detroit oder Armonk reisen. In diesem Zusammenhang ist auf einen ganz wichtigen Aspekt zu verweisen: Reisen kostet nicht nur Zeit sondern auch Energie. Angesichts der Öl-Probleme, die wir in Zukunft haben werden, ist der Ersatz physischen Transports durch Advanced Telecommunications vermutlich eine Notwendigkeit.

- Also sollten DFÜ-Einrichtungen anstelle von Autobahnen gebaut werden?

Das ist erneut überspitzt formuliert aber im Grunde wohl richtig.

- Zurück zur heutigen Telekommunikations-Situation in Europa.

Europa bleibt weit, tatsächlich sehr weit hinter den USA, Kanada und auch Japan zurück. Wenn dieser Trend anhält, wird man bereits 1985-90 in Europa nicht mehr die neuesten amerikanischen Geräte und Verfahren nutzen können Darunter würde Europas Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit ganz erheblich leiden: Weniger neue Jobs, weniger zukunftsträchtige Industrien, weniger Möglichkeiten, die Massen freigesetzter Arbeitskräfte umzuschulen, weniger Zugang zu Unterhaltung, Fortbildung und medizinischer Unterstützung.

- Dafür vielleicht kein Orwell'sches 1984?

Diese Gefahr besteht um so weniger, je vielfältiger die Verfahren der Informationsübermittlung sind - immer vorausgesetzt, daß es entsprechende Datenschutzgesetze zur Sicherung der Privatsphäre gibt.

- Was also müßte Ihres Erachtens in Europa geschehen?

Um mit Amerika und Japan Schritt zu halten, insbesondere um den beschriebenen gesamtgesellschaftlichen Nutzen zu erzielen, muß Europa ganz erhebliche Innovations-Anstrengungen mit entsprechendem Kapitalinvestment im Bereich der Telekommunikations-Infrastruktur machen. Dafür sind zwei Wege denkbar: Zum einen könnten bestehende Gesetze so geändert werden, daß Privatunternehmen - so wie in den USA - die neuen Dienste bereitstellen können. Profitchancen im Wettbewerb sind ein starker Motor, im übrigen sollte man nicht übersehen, daß auch in den USA die Regierung durch die Federal Communications Commission diesen Bereich kontrolliert. Andererseits wenn die Einschränkung der Regierungs-Monopole politisch nicht durchsetzbar sein sollte, gibt es einen zweiten Weg: Es wäre denkbar, daß die europäischen Regierungen gemeinsam ein gigantisches Telekommunikations-Groß-Programm durchführen, um die erforderlichen Satelliten-Projekte und flächendeckenden Netzwerke unterschiedlichen Typs mit den dazugehörigen Softwareverfahren zu realisieren. Das aber müßte nicht ein Programm im bisher üblichen Sinne sein, sondern es müßte ein Ausmaß haben, das alle bekannten Dimensionen sprengt - eigentlich nur vergleichbar dem amerikanischen Mond-Programm, das ja auch ein Regierungsmonopol durchführte. Für mich ist ganz selbstverständlich, daß die Bundesrepublik Deutschland hierbei eine führende Rolle spielen müßte.

James Martin

ist weltweit bekannt als Referent und Autor zum Generalthema "Moderne Informationstechnologie: Seit 1965 schrieb er 14 Fachbücher. Seine letzten Werke: Computer Data Base Organization (1977), Future Developements in Telecommunications (1977), Communications Satellite Systems (1978}, The Wired Society (1978).

Nach zehnjähriger Tätigkeit bei der IBM, zuletzt langjährig als Dozent am IBM System Research Institute, New York, verließ er 1976 die Firma und ist seither als unabhängiger Dozent, Berater und Autor auf allen fünf Kontinenten tätig. Die James-Martin-World-Seminar-Serie findet alljährlich in zwölf Weltstädten statt.

Telekommunikations-Guru Martin, auf den Bermudas ansässiger Brite (Oxford-University), ist auch Autor und TV-Star der 200 Video-Programme umfassenden James Martin/Deltak Advanced Technology Serie, die in der Bundesrepublik von der Polymedia GmbH, Hamburg, vertrieben wird.