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17.01.1986 - 

Big-Blue-Analyst Fred Lamond nimmt Strategien des Marktführers unter die Lupe:

Auch IBM wird vom DV-Zentralismus abrücken

DÜSSELDORF - Anwender sowie PCMs und sämtliche übrigen Konkurrenten und Mitläufer der IBM werden sich in absehbarer Zeit einer erheblich modifizierten Marktstrategie des blauen Riesen gegenübersehen, deren Eckpfeiler eine flexiblere Software-Preispolitik und eine betonte Hinwendung zu kleineren bis mittleren Mainframes sein werden. Dies erklärte der unabhängige Markt-Analyst Fred Lamond auf einem von CAP Gemini in Düsseldorf veranstalteten Seminar.

Lamond begann seine Argumentationskette mit der Überlegung, daß sich die Entwicklung im Großrechnerbereich eindeutig auf Multiprozessor-Architekturen zubewegt und weiterhin zubewegen wird. Die von der IBM in der Vergangenheit im Geiste einer zentral gesteuerten DV betriebene Produktpolitik der immer größeren Uniprozessoren stoße inzwischen an ihre Grenzen. Hinderlich seien hier vor allem die teuren und riskanten Wachstumssprünge, denen die Anwender immer häufiger auszuweichen trachteten. Nachteilig wirke sich auch IBMs Rückstand in der Chiptechnologie aus.

Kalte Schulter für die Jumbos

Ausgerechnet bei hochkarätigen Anwendern (Versicherungen etc.), deren enormer Bedarf an Rechnerleistung neben der preislichen auch eine räumliche Dimension habe, laufe die IBM Gefahr, durch das weitere Propagieren der Zentralisierungsideologie unfreiwillig der Konkurrenz zuzuarbeiten. Warum, fragte Lamond rhetorisch, soll die IBM eine beschwerliche Aufholjagd antreten und mit noch zu entwickelnden Größtcomputern einen Markt zu verteidigen suchen, den sie auch auf ganz andere Weise in der Hand behalten könnte?

Um zu belegen, welch geringe Marktchancen die IBM von der Freigabe eines Maxi-Jumbos zu erwarten hätte, verwies Lamond außerdem darauf, daß es relativ wenige Anwendungen gebe, die mit den 32 Megabyte oder 10 Mips Rechnerleistung, die jetzt bereits geboten würden, schlecht auskämen. Diejenigen Anwendungen aber, die heute und in Zukunft Computer-Höchstleistung benötigten - Lamond nannte beispielhaft Personen-ldentifizierungssysteme, automatische Simultanübersetzungen und Wetterprognosen -, benötigten keine /370-Kompatibilität, sondern vor allem Megaflop-Parallelrechner. Auf diesem Sektor sei die IBM mit dem Vektorprozessor der 3090 zwar in den Ring gestiegen, doch was die 100 Mips beziehungsweise weit unter 40 Megaflops, die die 3090 damit erreiche, wert seien, zeige der demnächst auf den Markt kommende Cray-2, dessen Leistung bei 500 Megaflops liegen werde. Solange mithin die IBM im technisch-wissenschaftlichen Bereich nur eine Position unter "Ferner liefen" einnehme, werde sie den Markt der kaufmännisch-administrativen Systeme um so entschlossener zu erobern und zu halten trachten.

Wie riskant es sein könnte, sich mit großem Abstand zur IBM auf das Gebiet der kommerziellen Größtrechner vorzuwagen, glaubt Lamond auch aus dem Verhalten europäischer Hardwarehersteller wie Bull, ICL und Siemens ablesen zu können. Sie hätten es wohlweislich vorgezogen, sich einstweilen mit einer eher passiven Marktpräsenz zu begnügen und lieber über den Vertrieb von OEM-Maschinen aus Nippon im Geschäft zu bleiben.

Treffer mit Mehrfachwirkung

Die IBM - dessen ist Lamond sich sicher - hat keine andere Wahl als von der Philosophie der zentralen Maxi-Rechner abzurücken, zumal sie damit den Zeitgeschmack trifft wie auch die (vornehmlich) japanische Konkurrenz und weil sie damit Schwächen in der eigenen Hardwaretechnologie übertünchen und existierende Vorteile auf der Softwareseite für sich wahrnehmen kann. Attraktiv für einen Hersteller ist eine solche Konzentration auf die massenweise Fertigung kleinerer Computersysteme aber auch, weil sie die Stückkostenvorteile der Großserie bietet und die Wartung vereinfacht. Auf Anwenderseite erwartet Lamond eine große Aufgeschlossenheit gegenüber Multiprozessor-Architekturen. Der Ausfall einer arithmetisch-logischen Einheit oder eines Ein-/Ausgabeprozessors führe nämlich nur zu einer reduzierten Systemverfügbarkeit; Totalausfälle seien so gut wie unmöglich.

Die Frage, ob die einzelnen Prozessoren eines Systems lose oder eng miteinander verknüpft sein sollten, kann nach Auffassung Lamonds eindeutig und ausschließlich im Sinne einer engen Verknüpfung beantwortet werden. Denn

- falle eine Systemkomponente aus, so sei auch ohne Operatoreinsatz gewährleistet daß Jobs von höchster Priorität in jedem Fall auf einem anderen Rechner abgearbeitet würden,

- Workload-Spitzenbelastungen ließen sich flexibler auf die einzelnen Prozessoren verteilen,

- die Verwendung nur eines Betriebssystems für den gesamten Prozessorkomplex spare sowohl Speicherplatz wie auch Ausführungs-Overhead,

- Softwarelizenzen seien nur einmal, das heißt mit Wirkung für den gesamten Prozessorkomplex zu zahlen.

Bis zu diesem Punkt, meinte Lamond, liege alles recht klar auf der Hand. Anders verhalte es sich mit der Frage, ob die IBM ein "Close coupled"-Multiprozessor-Modell in Busarchitektur oder ein Universalprozessorkonzept unter Einschluß von Front-End- und Back-End-Rechnern favorisieren werde. Einer der Nachteile eines Bussystems (beispielsweise auf der Basis von 3081-Prozessoren) sei seine von der IBM konstatierte begrenzte Ausbaufähigkeit. So sei es nicht eben selten, berichtete Lamond, daß ein Vierprozessorsystem durch die Hinzuschaltung einer fünften Prozessoreinheit langsamer werde; und im Falle von MVS/XA verfüge die IBM noch nicht über ausreichende Erfahrung in puncto Multiprozessoreinsatz.

Zentrale Nebenstellenanlage - peripherer Host

Lamond versäumte es nicht, an dieser Stelle seine Ansichten zum Thema MVS/XA kundzutun: IBM werde MVS/XA zwar nicht weiterentwickeln, aber doch weiterhin unterstützen. Dieses Betriebssystem habe nunmehr einen Status erreicht, der voll und ganz dem Peter-Prinzip entspreche: Eine noch so kleine Verbesserung verursache einen überproportional großen zusätzlichen Speicherbedarf. Strategisches Softwareprodukt für alle Groß- und Mittelsysteme werde dagegen VM sein. IBM halte sich über die Integrationsfähigkeit von Gastbetriebssystemen mittels VM die Tür beispielsweise zu Unix und zu Pick offen.

Probleme für die IBM sieht Lamond aber auch dann, wenn ein General-Purpose-Uni- oder Multiprozessorkomplex mit vorgeschaltetem Front-End-Kommunikationsprozessor und nachgeschaltetem Back-End-Massenspeicherprozessor das Konzept der Zukunft werden sollte. Der längst überfällige Nachfolger (Codenamen "Mirage") des FEP-Systems 3725 ist nach Lamonds Ansicht von der IBM deshalb noch nicht freigegeben worden, weil er mit der Herausnahme einiger SNA-Schichten aus der 43XX- oder 30XX-CPU diese entlasten und damit das System-Neugeschäft eine Zeitlang unangenehm stören würde.

Die unter dem Codenamen "Mistral" laufende Mirage-Weiterentwicklung sei unter diesen Umständen wohl kaum vor 1989 am Markt zu erwarten. Dabei werde erst Mistral eine integrierte Sprach- und Datenkommunikation erlauben. Ohnehin wird, wie Lamond prognostiziert, in Zukunft nicht mehr der Host, sondern die Nebenstellenanlage der Integrator des betrieblichen Informationssystems sein. Und da nach aller Erfahrung derjenige, der einen Systemintegrator geliefert habe, auch im Peripheriegeschäft die besseren Karten besitze, tue die IBM gut daran, auf der Hut zu sein und zu bedenken, daß im PBX-Markt der USA der Konkurrent AT&T klar vorne liege.

Problemlos dürfte die Situation der IBM nach Lamonds Feststellungen auch nicht auf dem Sektor der Hintergrund-Massenspeicher sein. Noch immer sei kein Nachfolger für das System 3850 vorgestellt worden, und das, obwohl Lamond im IBM-Labor in Austin/Texas nun schon vor einiger Zeit dieses Modell (Arbeitstitel 3880/X) höchstpersönlich in Augenschein nehmen konnte. Es ist in der Lage, berichtete Lamond, die auf der Platte gespeicherten Daten über einen Pufferspeicher direkt auf Magnetband zu überschreiben (und umgekehrt), ohne dafür die CPU in Anspruch zu nehmen. Technisch gesehen sei dieses System marktreif.

Vielleicht, mutmaßte Lamond, liege dies an den hohen Beständen noch nicht verkaufter 3850-Platten, vielleicht auch an noch nicht behobenen Schwierigkeiten in der Serienproduktion der 3880/X. Von ähnlichen Schwierigkeiten könnte auch die Produktion des Streaming-Magnetbands betroffen sein, das immerhin auf einen Datentransfer von drei Megabit pro Sekunde ausgelegt sein müsse. Unklar ist nach Darstellung Lamonds derzeit auch die Lage an der Softwarefront. Die an einen modernen Massenspeicher zu stellende Anforderung, einen "relationalen" Zugriff auf Dateien und Datenfelder zu erlauben, verlange den Einsatz von DB2 sowie der Features DXT (um IMS-Daten ins DB2 zu übertragen) und QMF (um DB2-Extraktdaten zur CPU übertragen zu können). DB2 aber sei - vor allem im Vergleich zu den DBMS der meisten unabhängigen Datenbankanbieter - ausgesprochen Overhead-lastig.

Trotz dieser und anderer Schwierigkeiten, betonte Lamond, gehe er davon aus, daß die IBM in einer Abkehr von der Philosophie des DV-Zentralismus die größeren Vorteile sehen werde. Im nächsten Jahr, spätestens aber im übernächsten werde ein entsprechender Politikwechsel des Marktführers auch nach außer hin erkennbar werden. Lamond erwartet dann die Marktfreigabe einer kleinen 4300 zum Preis von rund 15 000 Dollar, eine Maßnahme, die die Minicomputerhersteller hart treffen müsse. Jetzt bereits, berichtete Lamond, hat die IBM Vorkehrungen getroffen, um am Tag X einen maximalen Marketing-Spielraum zu haben: Sie habe bei der Reagan-Administration darum nachgesucht, von der Auflage eines im Jahre 1956 getroffenen Antitrust-Vergleichs befreit zu werden, wonach sie jedem ihrer Softwarekunden für identisch Produkte identische Lizenz- und Verkaufspreise zu berechnen habe.

Komme die IBM mit ihrem Antrag durch, so habe sie in Zukunft die Freiheit, ihre Softwareleistungen ab gestuft entweder nach Gebrauchskriterien , nach der Größe der CPU oder etwa auch nach der Zahl der angeschlossenen Terminals zu fakturieren und damit speziell dem mittleren und kleineren Anwender entgegenzukommen. Die Chancen dafür, meinte Lamond, stehen nicht schlecht, auch weil die IBM "etwas außerhalb der Legalität" - beispielsweise bei der /36 - eine solche Preispolitik bereits unbehelligt praktiziere.

*Jochen Ewe ist freier DV-Journalist in München.