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06.11.1987 - 

Klassische Literatur und moderne Technik vertragen sich sehr wohl:

Auch Literaten müssen sich künftig umstellen

Bereits seit Oktober 1985 beschäftigt sich der Wallstein-Verlag in der Universitätsstadt Göttingen mit dem Thema Desktop-Publishing. Neben der intensiven Arbeit mit Desktop-Publishing im eigenen Unternehmen betätigt sich der Wallstein-Verlag wegen der starken Nachfrage interessierter Anwender auch mit Unternehmensberatung und Inhouse-Schulungen auf diesem Gebiet.

Die Bedeutung, die die neue Technologie des Desktop-Publishing heute in aller Munde, im Jahre 1985 unter dem Namen DTP allenfalls amerikanophilen Insidern bekannt - von Anfang an im Firmenkonzept des Wallstein-Verlages hatte, wird klar, wenn man die noch junge Geschichte des Unternehmens betrachtet. Die drei Verlagsgründer sind sich sogar einig, daß der Schritt in die Selbständigkeit ohne Desktop-Publishing noch lange auf sich hätte warten lassen.

In den Sommer-Semesterferien 1985 hatten Dirk und Frank Steinhoff und Thedel v. Wallmoden, alle drei Studenten beziehungsweise Doktoranden, noch keine konkreten Ambitionen, die deutsche Verlagslandschaft zu beleben. Der Aufbau eines anspruchsvollen belletristischen Buchverlages war zu dieser Zeit nur ein heimlich gehegter Wunsch, dessen Realisierung noch in weiter Ferne zu liegen schien. Vielmehr sollte - eher aus Spaß an der Sache als aus ökonomischen Gründen - eine Marketingidee mit und für die Göttinger Gastronomie in die Tat umgesetzt werden. Im Mittelpunkt dieser Aktion stand ein Taschenbuch, das den Göttinger Studenten auf originelle und informative Weise die zahlreichen Kneipen, Diskotheken und Restaurants rund um ihre Alma mater näherbringen

sollte.

Mit einem Kneipenführer fing alles an

Trotz des semiprofessionellen Charakters dieser Unternehmung gingen die drei Initiatoren mit hohen Qualitätsansprüchen ans Werk, die sich vor allen Dingen in der Aufmachung des Gastronomieführers widerspiegeln sollten. Nicht zuletzt verstand man doch gerade diesen Teil der ganzen Aktion als kleinen Test für die späteren herstellerischen Aufgaben im Verlag.

Da zu dieser Zeit gerade die ersten Gerüchte über die phantastischen Leistungsmöglichkeiten der neuen, kleinen Laserdrucker aus den USA nach Europa drangen, wurde beschlossen, den Einsatz dieser völlig unbekannten Technologie zu erproben. Ein Apple-Macintosh, der eigentlich für die Doktorarbeit stimulieren sollte, war ebenso wie für diese Zwecke halbwegs brauchbare Software vorhanden, und ein Computerhändler aus Hannover stellte den gerade eingetroffenen ersten Apple-Laserwriter testweise zur Verfügung. Verglichen mit den heutigen Möglichkeiten, die Hard- und Software bieten, waren die Voraussetzungen zur Erstellung der Druckvorlagen des auf 92 Seiten projektierten Taschenbuches denkbar bescheiden. Der minimale Arbeitsspeicher des Apple-Macintosh (128 K), das Fehlen einer Festplatte und für diese Zwekke eigentlich ungeeignete Software (das vektororientierte Zeichenprogramm MacDraw) stellten eine Arbeitsumgebung dar, die heute keinen an DTP Interessierten mehr zufriedenstellen würde. Die Ergebnisse der nächtelangen Arbeit, die quasi ins Blaue hinein erledigt wurde, da noch niemand auch nur einen einzigen Laserausdruck gesehen hatte, übertrafen jedoch in der Qualität alle Erwartungen. Ohne Schwierigkeiten spuckte der Laserdrucker in Hannover in wenigen Stunden das aus, was von ihm erhofft worden war. "Glück gehabt!" muß man heute sagen, denn daß DTP auch große Tücken haben kann ist mittlerweile allen, die damit im Wallstein-Verlag arbeiten, mehr als einmal klar geworden.

Der Gastronomieführer, der (vielleicht als erstes professionelles DTP-Produkt in Europa) auf diese Weise entstand, war - wie die gesamte Aktion - ein großer Erfolg, der die Herausgeber zum Weitermachen motivierte. Den drei Göttinger Studenten war klar geworden, daß die neue Welt des Desktop-Publishings Perspektiven eröffnete, die die Gründung eines eigenen Verlages viel früher als geplant zu ermöglichen schien. So entstand im Dezember 1985 der Wallstein-Verlag, und da die damals entwickelte Unternehmenskonzeption auch heute noch ihre Gültigkeit hat, ist dies der richtige Moment, um von der Vergangenheit in die Gegenwart, vom Imperfekt in das Präsens zu wechseln und das Thema Desktop-Publishing in seiner Bedeutung für einen kleinen Verlag zu beleuchten.

Der Wallstein-Verlag plant, sich im Ringen um die Gunst der Leser mit kleinen Auflagen (1000 bis 2000 Stück) im Bereich der schönen Literatur des 18. bis 20. Jahrhunderts zu behaupten. Zum Buchprogramm gehören überwiegend historisch-kritische Editionen, in denen besonderer Wert auf die Arbeit der jeweiligen Herausgeber an Vorwort, Text-Kommentar und wissenschaftlichem Apparat gelegt wird. Trotz der geringen Auflage und konkurrenzfähigen Preisen soll die Ausstattung der Bücher hohen Ansprüchen genügen. Dieses nicht eben bescheidene Ziel, das natürlich auch das wirtschaftliche Überleben impliziert, erfordert strengste Beobachtung der Kosten in allen Bereichen. Der Einsatz von Desktop-Publishing bringt gerade unter diesen Aspekten entscheidende Vorteile nicht nur in der Herstellung, sondern auch in Vertrieb und Marketing.

In der Herstellung fallen als Kostenposition besonders die Satzkosten ins Auge. Während bei großen Auflagen diese fixen Kosten nur eine vergleichsweise geringe Rolle spielen, können sie bei Buchprojekten, die für Marktnischen produziert werden, leicht das betriebswirtschaftliche Zünglein an der Waage darstellen. Dennoch sollten die reinen Satzkosten nicht zu enthusiastisch als Argument für den Einsatz von Desktop-Publishing ins Feld geführt werden. Die heutige Konkurrenzsituation im Druckgewerbe hat zu erstaunlich günstigen, für einige Satz-Betriebe wohl ruinösen Preisen für Mengensatz geführt. Die eigentliche Kostenersparnis ergibt sich eher aus arbeitswirtschaftlichen Zusammenhängen.

Im klassischen Verfahren der Vergabe des Textsatzes an eine externe Satzanstalt entstehen hohe Kosten besonders durch zahlreiche Fahrt- und/oder Versandkosten und Abstimmungszeiten, die im Verlauf der Erstellung der endgültigen Druckvorlage aus den (sich häufig noch kurzfristig mehrfach ändernden) Manuskripten anfallen. Die Internalisierung aller Satz-Arbeiten mit Hilfe von Desktop-Publishing, bei der der Druckerei nur noch die reprofähigen Ausdrucke eines Laserdruckers oder eine Diskette zum Ausbelichten der fertigen Seiten auf Film mittels eines Laserbelichters geliefert werden, reduziert in jedem Falle diese Kosten auf Null.

Auch die erhöhte Terminsicherheit durch Verringerung der Abhängigkeit von kapazitiv oft überlasteten Satzbetrieben ist als deutliches Argument pro DTP anzusehen. Und wird die Philosophie des Desktop-Publishing konsequent verfolgt, so ist ein Arbeitsschritt "Satz" schließlich als solcher nicht mehr definierbar, da Herausgeber, Lektor und Buchgestalter sich von der Erstellung und Bearbeitung des Manuskriptes über die topographische Gestaltung bis hin zum Umbruch bei allen Arbeitsschritten des Mediums DTP via Personal Computer bedienen.

DTP keine Alternative zu gelerntem Grafiker

Im Idealfall, von dem der Wallstein-Verlag mittlerweile nur noch geringfügig entfernt ist, präsentiert sich die fertige Druckvorlage eines Buches automatisch als Endprodukt aus der gemeinsamen Arbeit aller beteiligten Verlagsmitarbeiter. Ebenso wie die Tatsache, daß dies nicht nur ein theoretisches, sondern praktisch erprobtes Verfahren darstellt, sei betont, daß hierzu ein hohes Maß an Koordination der Arbeitsabläufe und Engagement der Mitarbeiter notwendig ist.

In den Bereichen Vertrieb und Marketing treten zusätzlich andere Stärken von Desktop-Publishing in Erscheinung. Sowohl in der Unterstützung des Vertriebes (zum Beispiel Preisgestaltung und Aktualisierung), als auch bei allen Marketingaufgaben (beispielsweise Anzeigengestaltung, Prospektherstellung) bestehen im Einsatz von DTP Möglichkeiten, die in vielen, besonders in kleineren Verlagen aufgrund zu hoher Kosten und zeitlicher Überlastung sonst nicht gegeben wären.

An dieser Stelle soll allerdings wie generell beim Einsatz von DTP davon abgeraten werden, den Grafiker sparen zu wollen, und etwa die freien Kapazitäten eines Lektors (sofern es die überhaupt gibt) im Marketing einzusetzen. Desktop-Publishing sollte hier vor allen Dingen als Werkzeug zur Leistung von Vorarbeiten und Schaffung von Denkansätzen gesehen werden. Zur Gestaltung grafisch anspruchsvoller Druckvorlagen bedarf es nach wie vor, auch oder besonders bei Anwendung von DTP des entsprechenden Geschmacks und einer spezifischen Ausbildung.

Praktischer Einsatz, Zukunftsmöglichkeiten und Problemfelder von Desktop-Publishing sollen nun anhand der zur Zeit bestehenden Ausstattung an Hard- und Software im Wallstein-Verlag verdeutlicht werden.

In einem lokalen Netzwerk (Apple-Talk in Verbindung mit TOPS) sind augenblicklich fünf PCs und ein Laserdrucker miteinander verbunden. Im einzelnen sind dies. ein Apple Macintosh 512 KB, ein Apple Macintosh plus, ein Apple Macintosh SE, ein Macintosh II, ein QUMPAQ Deskpro 386 und ein Apple Laserwriter Plus. Dazu kommen Festplatten von 2 x 20, 1 x 70 und 1 x 80 MB.

Alle Geräte werden sowohl als DTP-Stationen, als auch in den bisher üblichen Arbeitsfeldern von PCs (Finanzbuchhaltung, Adreßverwaltung etc.) meist stationär eingesetzt; zeitweise werden einzelne Geräte auch außerhalb des Verlages Mitarbeitern zur Verfügung gestellt. Die relativ geringe Präsenz von Geräten, die unter dem Betriebssystem MS-DOS arbeiten, erklärt sich vor allen Dingen aus der erst kurzen Verfügbarkeit von DTP-Software für Hardware außerhalb der "Apple-Welt".

Darüber erfordert nach Ansicht des Wallstein-Verlages Desktop-Publishing in der meist verwendeten grafischen Oberfläche entsprechende Rechnergeschwindigkeiten. Hier ist die "MS-DOS-Welt" durch Einführung von PCs mit hochgetakteten Intel 80386-Prozessoren wohl erst konkurrenzfähig geworden. Mit der Entwicklung weiterer Software und 80386/20 MHZ PCs, wie auf der Systems 87 vorgestellt, scheint sich die Lücke zu Apple-Geräten, zunehmend zu schließen.

Mit Aldus-PageMaker und Adobe-Illustrator verwendet der Wallstein-Verlag die derzeit wohl erfolgreichsten DTP-Softwarepakete. Beide "verstehen sich" mit nahezu allen gängigen Grafik- und Textverarbeitungsprogrammen im DTP-Markt. Zusätzlich kommt das Programm RagTime von Brüning & Everth zum Einsatz.

Textkonvertierung macht kaum noch Probleme

Die Erfassung von Manuskripten wird meist von freien Mitarbeitern (oft Studenten) erledigt, die sich bisher alle schnell an die Texterfassung mit PCs gewöhnt haben. Schreibmaschinenkenntnisse und die kurze Einarbeitung in Programmstart und Datensicherung genügen zur reinen Erfassung von Mengentexten vollkommen. Mitunter liefern Autoren oder Herausgeber auch bereits erfaßte Texte auf Disketten (meist MS-DOS). Die Konvertierung ist je nach dem außerhalb verwendeten Textbearbeitungsprogramm problemlos bis schwierig, mittlerweile aber nur noch selten unmöglich. Sofern Einflußmöglichkeiten bestehen, dringt der Verlag bei extern erfaßten Texten auf die Abgabe völlig "roher" ASCII-Dateien.

Die Texte werden unmittelbar nach dem Erfassen als Korrekturfahne über den Laserdrucker ausgegeben und dienen als Arbeitsgrundlage für Lektorat und Autorenkorrektur. Änderungen und Zusätze werden laufend in die bestehenden Dateien eingebracht. Schon während dieser Stufe im Arbeitsablauf werden mittels des "Layout"-Programmes PageMaker (die eigentliche DTP-Software) Satzspiegel, Typographie und Umfang in verschiedenen Alternativen entworfen. Dies ermöglicht beispielsweise, Interdependenzen zwischen Textumfang und dem fertigen Buch stärker in die gesamte Verlagsarbeit (Lektorat, Kalkulation, Herstellung) einfließen zu lassen. Besonders Gestaltungsfragen lassen sich so frühzeitig erkennen, beeinflussen und anhand von Ausdrucken per Laserdrucker evaluieren.

Eine häufig geäußerte Kritik, die gerade im Bereich hochwertiger Drucksachen, wie es Bücher sind, laut wird, bezieht sich auf die typographisch beschränkten Möglichkeiten mit Desktop-Publishing. Genannt werden hier zum Beispiel mangelhafte Trennprogramme, fehlende Variationsmöglichkeiten des "klassischen" Fotosatzes wie Unterschneidungen und eine zu begrenzte Auswahl an Schrifttypen. Diese augenblicklich teilweise noch berechtigte Kritik verliert glücklicherweise zunehmend an Raum, viele Probleme sind bereits behoben. Besonders bezüglich der Schriftenvielfalt ist Optimismus angebracht, scheint es doch so, als werde es in absehbarer Zeit fast alle Linotype-Schriften für DTP-Programme (kostengünstig!) geben.

Die Entscheidung des Ausgabemediums für die Druckvorlage ist bei der Arbeit mit DTP heute nur noch eine Frage des Budgets. Wem die 300 x 300 dpi der üblichen Laserdrucker unter der Lupe zu stark "angefressen" erscheinen, der hat mittlerweile bei mehreren Dutzend Satzbetrieben die Möglichkeit, auf Laserbelichtern mit hoher und höchster Auflösung seinen DTP-Satz von der Diskette ausbelichten zu lassen. Für kurzlebige Dokumentationen, wie Kataloge oder Preislisten reicht die Qualität des eigenen Laserdruckers aus. Bei anspruchsvollen Buchprojekten bedient sich der Wallstein-Verlag der Dienstleistungen der entsprechend ausgerüsteten Satzbetriebe.

Die Erfahrungen im Einsatz von Desktop-Publishing sind in gedruckter Form annähernd erschöpfend kaum unter Buchstärke wiederzugeben. Inzwischen werden viele Kongresse, Seminare und Schulungen über mehrere Tage und Wochen hinweg veranstaltet, um Interessierten diese Materie näher zu bringen. Als abschließende Empfehlung kann nicht deutlich genug hervorgehoben werden, daß jeder zukünftige DTP-Anwender - ob Freiberufler oder Großunternehmer - von den bestehenden Informationsmöglichkeiten Gebrauch machen sollte. Ebenfalls soll nicht unerwähnt bleiben, daß bis zum zeit- und kostensparenden Einsatz von DTP von jedem "Einsteiger" ein erhebliches Engagement bei der Beschäftigung mit dieser Technologie und die Bereitschaft, Einarbeitungszeiten zu "opfern", gefordert werden. Für den Wallstein-Verlag besteht allerdings kein Zweifel, daß künftig nahezu jedes Unternehmen Desktop-Publishing einsetzen wird, um in damit verbundenen Bereichen konkurrenzfähig zu bleiben.