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06.05.1988 - 

Entwicklungskooperation im Rahmen des Landessystemkonzepts:

Auch Nixdorf und DEC mischen im Ländle mit

STUTTGART (ujf) - Auf acht Unternehmen der DV-Branche ist der Teilnehmerkreis der "Entwicklungskooperation Bürokommunikation" angewachsen, die das Land Baden-Württemberg im Rahmen seines politisch umstrittenen Landessystemkonzepts ins Leben gerufen hat, Nixdorf und DEC ratifizierten den Vertrag als letzte; zuvor hatten schon Mannesmann-Kienzle, IBM, Siemens, Hewlett-Packard, Wang und Ericsson unterschrieben.

Die einen feiern es als den ersten wirklich konsequenten Ansatz, den DV-Wildwuchs in der öffentlichen Verwaltung unter Kontrolle zu bringen, für die anderen ist es - aus Gründen des Datenschutzes - ein Werk des Teufels. Auf alle Fälle aber ist das 1985 von der Regierung Späth initiierte Landessystemkonzept Baden-Württemberg (LSK) ein Mammutprojekt, bei dem zu fehlen sich kaum ein DV-Hersteller leisten kann. Immerhin geht es beim Herzstück des LSK um die Einbindung von letzten Endes mehr als 100000 Verwaltungsarbeitsplätzen im Südweststaat in ein landesweites Bürokommunikationsnetz - also um technische Errungenschaften, die in vielen Amtsstuben noch gänzlich unbekannt sind.

Abgesehen von der chronischen Budgetknappheit der öffentlichen Haushalte gibt es einen zweiten Grund, weshalb die Amtswege noch nicht elektronifiziert sind: Kein Anbieter im Bürokommunikations-Markt kann ein Produkt liefern, das die speziellen Anforderungen der Behörden erfüllt. Der Schlüsselbegriff heißt "Mitzeichnungsverfahren": Wer muß was in welcher Reihenfolge absegnen, damit der korrekte Dienstweg eingehalten wird? In Papierform ist dies einfach - die Unterlagen werden nach einer eingespielten Prozedur per Hauspost an den nächsten Unterzeichner geliefert; ohne Autogramm geht's nicht weiter.

Bei der elektronischen Post fehlt bisher die geeignete, hackersichere Software - damit beispielsweise kein Beamtenanwärter die "elektronische Unterschrift" des Ministerialdirigenten fälscht. Zudem muß stets sichergestellt sein, daß alle Schritte nachvollziehbar dokumentiert werden. Andernfalls gerieten Verwaltungsgerichte zwangsläufig in chronische Beweisnot.

Weil die Hersteller nicht hatten, was gebraucht wird, ergriff die für das LSK zuständige Stabsstelle im Stuttgarter Staatsministerium, geleitet von der einstmaligen Stollmann-Geschäftsführerin Dr. Dr. Heike von Benda, die Initiative. Die doppelte Doktorin bat Vertreter der DV-Konzerne zu sich; das Ergebnis der Verhandlungen war eine Entwicklungskooperation des Landes mit den besagten acht Unternehmen. Die staatliche Seite tut ihren Teil, indem sie den Bürokommunikations-Spezialisten die behördlichen Abläufe erklärt. Die Hersteller, in einen Arbeitskreis bestellt, müssen zusehen, wie sie die geforderten Funktionen in ihre Software implementieren.

Eine der Vorgaben schmeckt indes nicht allen Beteiligten: Solange die angestrebten Standards wie OSI nicht verabschiedet sind, heißt die Maxime "Industriestandard". Für den Dokumentenaustausch über das neue Landesverwaltungsnetz, das im November den Regelbetrieb aufgenommen hat, gelten der Einfachheit halber die Spielregeln der IBM. Mit anderen Worten: Wer bei künftigen Ausschreibungen zum Zug kommen will, darf mit SNA, Disoss und DCA/DIA keine Probleme haben.

Ob sich die mit der Beteiligung verbundenen Investitionen für die Hersteller rechnen, ist bislang nicht absehbar. Der zuständige Manager eines der Unternehmen gibt zu bedenken, das neugeschaffene "Informationstechnische Gesamtbudget" (etwa 450 Millionen Mark für die Jahre 1987/88 zustimmen) mute gar nicht mehr so gigantisch an, wenn das Land davon nicht nur Software, Rechner und Terminals finanzieren müsse, sondern auch die Netze, Telefone und Fax-Geräte eben alles, was zu einem integrierten Netz gehört. Die Zahl von 100000 vernetzten Arbeitsplätzen sei bei realistischer Einschätzung der Kosten und der verfügbaren Mittel vielleicht binnen 30 Jahren zu erreichen.

Daß dennoch viele der Bürokommunikationsanbieter guten Mutes an die Sache herangehen, obwohl davon in erster Linie der Großanwender Staat zu profitieren scheint, hegt am erhofften Know-how-Zuwachs. So ist Digital Equipment daran interessiert, einen Prototyp für ein "Public-All-in-One" zu entwickeln ein für Verwaltungen geeignetes Softwareprodukt auf der Grundlage des bestehenden "All-in-One". So etwas könnte man dann auch andernorts verkaufen. Andere Teilnehmer an der Kooperation verfolgen ähnliche Pläne, teils mit technischer Unterstützung durch die US-amerikanischen Muttergesellschaften.

"Gefundenes Fressen für Hacker"

Was konkrete Geschäfte mit dem Land angeht, bewies die Villinger Mannesmann-Kienzle GmbH eine glückliche Hand, im vorigen Jahr begann das Schwarzwälder Unternehmen im Rahmen des Pilotprojekts "Büroautomation in den Regierungspräsidien" (BAR) mit der Installation von BK-Systemen an insgesamt 1740 Büroarbeitsplätzen; die Technik stammt von dem US-Hersteller Data General, dessen Software "CEO" von der Kienzle-Mannschaft entsprechend den amtlichen Vorgaben umgestrickt werden soll.

Staatssekretär Lorenz Menz, Lothar Späths "Landessystembeauftragter" und Chef der emsigen Heike von Benda, gibt sich trotz der bisher ungelösten Softwarefragen optimistisch, daß im Ländle die Ausstattung der Ämter im Eiltempo weitergehen wird. Bis Ende 1990 sollen, wie Menz wiederholt verkündete, 12 000 Arbeitsplätze in mehr als 1000 Dienststellen mit "modernster Informationstechnik ausgerüstet sein". Neben den Regierungspräsidien, die dank DV bürgerfreundlicher werden sollen, steht der Umweltschutz auf der Prioritätenliste obenan. Ein landesweites Überwachungsnetz soll beispielsweise bei chemischen oder nuklearen Unfällen schnellere, besser koordinierte Gegenmaßnahmen ermöglichen.

Daß hierin der Hauptzweck des landesweiten Netzes liegt, mag die Landesdatenschutzbeauftragte Ruth Leuze nicht glauben. Schon früh schimpfte sie, die Pläne von Späth, Menz und Benda bedeuteten eine "Gefahr für die Bürger"; die im LSK vorgesehene Zusammenschaltung aller möglichen Dienststellen sei "ein gefundenes Fressen für Hacker" innerhalb der Behörden. Die Attackierten beteuern, ihnen sei der Datenschutz sehr wichtig. Die Datenschutzbeauftragte habe Zugang zu allen Sitzungen und könne ihre Bedenken in die Beratungen einbringen. Indes: Sie bleibt demonstrativ weg. Leuze: "Ich lasse mich nicht als Alibi mißbrauchen! "