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10.11.1978 - 

"Jugend mit Zukunft":

Auf allen Bildungsstufen müssen die Praxisdefizite beseitigt werden

BONN - "Es ist Mode geworden, von der Jugend ohne Zukunft zu sprechen", kritisierte Dr. Friedrich A. Neumann, Vizepräsident des Instituts der deutschen Wirtschaft, auf der Jahrestagung in Bonn. Das Institut schwimme bewußt gegen den Strom der Resignation. Es möchte deutlich machen, daß die Jugend in unserer Gesellschaft Chancen hat, sie müsse jedoch bereit sein, diese Chancen wahrzunehmen.

Nach Untersuchungen des Instituts haben sich die Ausgaben für Aus- und Weiterbildung in Großunternehmen zwischen 1971 und 1976 um rund 42 Prozent erhöht, insgesamt belaufen sich die Ausgaben der Wirtschaft für diesen Bereich auf rund 17 Milliarden Mark jährlich, das sind fast 30 Prozent der staatlichen Bildungsaufwendungen. Daneben sind von der Wirtschaft eine Reihe von Sonderausbildungsgängen für Behinderte, Abiturienten oder Hochschulabsolventen entwickelt worden.

In den vergangenen Jahren - so Neumann - wurde oftmals behauptet, die Wirtschaft sei im Bildungswesen "reformfeindlich". Mittlerweile habe sich jedoch herausgestellt, daß die staatliche Bildungsplanung zu oft "den tragenden Boden der Wirklichkeit verlassen hat, um in die reinen Höhen einer Bildungsutopie emporzusteigen", wahrend die Wirtschaft den Kontakt zum Boden der Realität gehalten hat. "Die Euphorie vieler Bildungsreformer, die durch die Bildung einen neuen Menschen schaffen wollten, ist längst gebremst", ergänzt der Vizepräsident des Instituts.

Er beschäftigte sich in seinem Referat auch mit der Frage, wie die Zukunft der jungen Menschen gesichert werden könne. "Die Chancen der jungen Generation zu sichern ist einer der Prüfsteine der die Weiterentwicklung unserer Gesellschaft", betont Neumann. "Diese Jahrestagung soll zeigen, ob wir auf dem richtigen Weg sind."

Mikroprozessor als Innovationsauslöser

Über neue Technologien, neue Markte und neue Chancen sprach Dr. Peter von Siemens. Er ging dabei besonders auf den Schwerpunktbereich der Mikroelektronik ein: "Man darf die Mikroelektronik nicht einseitig als Instrument großer Rationalisierungseffekte betrachten, sondern der Mikroprozessor ist eigentlich primär als ein Innovationsauslöser zu betrachten. Denn mindestens ebenso wichtig ist, daß er den Geraten neue Eigenschaften und Funktionen gibt, neuartige Produkte ermöglicht."

Werden einerseits - so von Siemens - in Teilbereichen Arbeitskräfte freigesetzt, so werden andererseits neue Arbeitsplatze geschaffen. So seien neue Arbeitsgebiete in der Bauelementtechnik, in der Prozeß- und Meßtechnik, vor allem aber im Bereich der Daten- und Informationssysteme entstanden. Auf diesen Gebieten sind heute in der Siemens AG mehr als 20 000 Mitarbeiter zum großen Teil mit Arbeiten beschäftigt, die es vor wenigen Jahren noch nicht gegeben hat.

"Die Technik, insbesondere die Systemtechnik, auch in den konventionellen Arbeitsbereichen, hat einen Grad erreicht, der durch immer stärkeren und differenzierteren Software-Anteil gekennzeichnet ist", erklärte von Siemens. "Die Umsatzanteile, die auf planerische systembezogene Arbeiten entfallen, wachsen ständig." Dem heutigen Programmierer wird so beispielsweise der "Software-Ingenieur" ein neues, interessantes Tätigkeitsfeld eröffnen. Er verbindet die wissenschaftlichen Arbeitsergebnisse aus Informatik, Betriebswirtschaftslehre und Systemtheorie mit den praktischen Erfahrungen aus den EDV-Anwendungen.

Gute Berufsaussichten für ehemalige Siemens-Azubis

Bei der Siemens AG wurden innerhalb von drei Jahren die Zahl der neu besetzten Ausbildungsplätze um 28 Prozent erhöht. Die Berufsaussichten der Jugendlichen, die diese Ausbildungschance genutzt haben, seien sehr günstig. "Im vergangenen Jahr haben alle Jugendlichen, die mit befriedigendem Abschluß in der Siemens AG ausgebildet wurden, aber nicht weiterbeschäftigt werden konnten, innerhalb von drei Monaten einen anderen Arbeitsplatz finden können", bekräftigte von Siemens.

Professor Dr. Joachim Knoll, Direktor des Instituts für Pädagogik an der Ruhr-Universität Bochum, sprach in seinem Referat ebenfalls über die Chancen der jungen Generation. Fazit seines Beitrags "Die Chancen der heutigen Jugend hängen auch von der Ehrlichkeit der Älteren ab, vor allem aber von ihrer Offenheit, die Jugend jenseits von Klischees zu akzeptieren."

Bildungspolitische Fehlentwicklung kritisiert

"Der Weg allgemeiner Wissenschaftsorientierung führte allzu viele junge Menschen in die Irre. Schulstreß und hemmungsloser Wettbewerb, Resignation und Niveausenkung, Überforderung und Abbrecher begannen die Bildungslandschaft zu prägen. So Dr. Winfried Schlaffke, Leiter der Abteilung Bildung und Gesellschaftswissenschaften des Instituts der deutschen Wirtschaft, über die bildungspolitischen Fehlentwicklungen der Vergangenheit. Schlaffke forderte zu einem generellen Umdenken in vielen Bereichen auf. Seiner Meinung nach sollte an die Stelle demotivierender Marathonlernzeiten längerfristig eine Wechselausbildung treten. Grundsätzlich müßte dafür gesorgt werden, die Praxisdefizite auf allen Bildungsstufen zu beseitigen.

Breite Qualifikation erforderlich

"Je qualifizierter die Ausbildung, desto besser die Berufschancen." Dieser Satz gelte für den Hauptschüler ebenso wie für den Hochschulabsolventen. Alle Berufsanfänger hätten, laut Schlaffke, ausnahmslos auch heute gute Chancen wenn sie im Rahmen ihres Leistungsbereichs über solide Grundlagenkenntnisse verfügten, Aufgeschlossenheit und Leistungswillen mitbrächten, Teamfähigkeit und Toleranz besäßen und geistig flexibel und geographisch mobil seien. Er betonte auch, daß die Jugend Zukunft hat, wenn engagiert, pragmatisch, konkret an der Lösung vorhandener Probleme gearbeitet wird, wenn Interessengegensätze fair ausgetragen werden wenn übersteigertes Wunschdenken und eine andauernde Forderungsmentalität abgebaut werden.