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25.11.1988 - 

Corporate Identity - oft nur trügerische Idylle, Teil 2

Auf dem Kriegspfad oder: Die Distanz der Nähe

Die Werthaltungen vieler Manager haben für Mitarbeiter kaum Vorbildcharakter. Zwei unorthodoxe Betrachtungen** über Unternehmenskultur rücken nämlich deutlich ins Licht: Der angestrebten "ästhetischen Erziehung" steht in den Chefetagen praktizierte puritanische Ethik im Weg. Die vorgezeigte Idylle verbirgt so auch oft nur mangelndes Selbstbewußtsein von Unternehmen.

Irgendwann in der ersten Hälfte des Jahres 1988 flimmerte über einen deutschen Fernsehsender ein beachtenswerter Film über eine aktuelle ethnologische Expedition - beachtenswert aus mehreren Gründen, weshalb der Film kurz beschrieben sei.

Aus gebührender Entfernung wurde per Teleobjektiv zuerst folgende Szene kenntlich: In der Ferne inmitten des Urwalds (so heißen exotische Wälder immer) sieht man ein Dorf, Hütten rund um einen Platz; dann entsteht ein Menschenauflauf, und aus dem Urwald tritt, konfrontiert mit den offensichtlich Eingeborenen (wie sonst kann man sie nennen), ein besonders wild dreinblickender und

nur mit Malereien bekleideter Mann, den Speer über dem Haupt schwingend und ihn nach einigen Schwingungen in den Boden rammend. Was durchaus und zumal in der Teleperspektive pittoresk aussieht, jedoch durch den beschwichtigenden Kommentar wieder aufregend wird: Dies sei - tunlichst verkleidet - der Ethnologe, der sich, obwohl er den Stamm schon gut kenne, ihm in ritualisierter Gebärde zu nähern habe.

Einem äußerst kriegerischen, ja gewalttätigen Stamm, wie der Kommentar ergänzt.

Der Ethnologe wird nun umzingelt und bar jeglicher Waffen in eine Hütte gebracht, wo er machtlos und rücklings auf eine Hängematte gelegt wird. Der Kommentar weist an dieser Stelle mit bebender Stimme auf diese Wehrlosigkeit hin und darauf, daß es einen ganzen Tag dauern könnte, bis entschieden werde, ob der Ethnologe zu töten oder aufzunehmen sei. Und wir sind live dabei.

Ein wenig verblüffend ist allerdings, daß die Kamera sich jetzt im Stand der Nahaufnahme befindet und die Kameraleute weder ihre Waffe (die Kamera) abgeben noch sich auf die Rücken legen mußten (wobei sie schlecht hätten filmen können).

Wie dem auch geschehen sein mag, irgendwann ist der Bann gebrochen, erhält der Ethnologe (von den Kameraleuten ist weiterhin nicht die Rede) als Zeichen der Aufnahme Speis und Trank und darf sich erheben. Also zieht er sich wieder korrekt an - Khakihose und -hemd, dazu einen Schlapphut auf den Kopf gegen die Sonne -, und in der nächsten Szene sieht man ihn auf einem Hocker mitten auf dem Platz sitzen, einen tragbaren Personal Computer auf dem Schoß.

Was fraglos des Kommentars bedarf, da doch ein Bild mit Ethnologen, Hocker, Personal Computer und wildem Stamm etwas verwunderlich stimmt und inkompatibel scheint. Dieser langgediente Ethnologe nämlich, so wird erläutert, versuche schon seit Jahren, die Verwandtschaftsverhältnisse der Stammesmitglieder zu erfassen, führe deshalb Statistiken und mühe sich, die Bewohner nach deren Namen und Familienangehörigen zu fragen.

Das klingt zwar verflixt nach Linnéschen Pflanzenbestimmungen und Mendelschen Gesetzen, aber rührend ist es schon, diesen beflissenen und nur mit einem PC bewaffneten Ethnologen da inmitten der Wilden auf dem Dorfplatz zu sehen. Zumal der Stamm - auf diese Ansammlung von Hütten begrenzt - furchterregend aggressiv ist, die Männer offenbar nichts anderes zu tun haben, als sich fortwährend zu verprügeln oder mit Drohgebärden zu protzen, und die Frauen dies heftig anfeuern und anstacheln. Wofür dann die Frauen und die Kinder gleich mitverprügelt werden und vor Schmerzen schreien. Ein wahrhaft unsympathischer Stamm.

Parabel für die eigenen Verhältnisse

Doch weder der Filmkommentar noch unser Ethnologe, der hier schon öfter monatelang seinen PC in Tätigkeit setzte, haben dafür irgendwelche Worte übrig. Man gibt sich ganz neutral und beobachtet so, wie man eine Rinderherde wahrnehmen würde. Lediglich zwei weitere Informationen werden den Bildern sich prügelnder Wilder und des datenverarbeitenden Ethnologen hinzugefügt, die breiteres Interesse finden könnten: Die Namen zu erfahren, ist für den Ethnologen nämlich gar nicht so einfach, da bei diesem Stamm die Namensnennung - gleich, ob die des eigenen oder eines fremden - unweigerlich als Beleidigung oder gar Verteufelung angesehen wird; entsprechend der virulenten Aggressivität nennen die einzelnen Stammesmitglieder (also Dorfbewohner), nach dem eigenen Namen befragt, immer einen falschen und, nach dem Namen eines anderen befragt, am liebsten gleich drei oder vier der nächstliegenden Feinde.

Weshalb man versteht, daß der Ethnologe unausweichlich eines PC und jahrelanger Arbeit bedarf. Außerdem ist die Verbindung von Benennung (Benamung) und Beschimpfung ja ein uns durchaus plausibles und ein sehr spannendes Phänomen, das nur in Vergessenheit geriet ("Sie Löffelholz, Sie" oder "Sie sind ein Pastior"...), denn was wir benennen können, bannen wir zugleich.

Schließlich fand der Film seinen Höhepunkt, da einige Stammesangehörige scheinbar unvermittelt mit Stangen und Beilen aufeinander einschlugen (Kamera direkt dabei) und Blut floß. Was zu dem Ergebnis führte, daß plötzlich quer über den Platz - auf dem noch immer unser Ethnologe unbeteiligt saß und an seinem Computer arbeitete - ein Strich in den Sand gezogen wurde und der Stamm sich teilte. Einige wechselten noch schnell die Seiten, dann zog die eine Hälfte aus. Unklar blieb dabei leider, wohin sich Kameraleute und Ethnologe verzogen - vermutlich fuhren sie nach Hause.

Wieder daheim, entpuppt sich der ethnographische Blick als schlicht ethnozentrisch - also nicht als jener in die Fremde gerichtete und von dort aufgeladen zurückkehrende Blick, der in weiser Ahnung die Differenzen erkennbar macht, sondern der analogische, assoziative (etwas zwischen Leiris' "fremdem Blick" und Blochs "Krefeld in der Fremde" angesiedelt, oder als ein Drittes, irgendwo daneben). Denn ich muß unausweichlich feststellen, daß ich diesen Film ständig und penetrant als Parabel sah für die eigenen Verhältnisse, insbesondere für die Formulierungen von Unternehmens-Kultur.

Das Bild des Beraters als tragische Figur

Zwangsläufig also unterliege ich einer Überdeterminiertheit, dennoch bringt sie mir gerade in der Analogie vorübergehende fragmentarische Einsichten, bin ich gewissermaßen der allerrührendste Ethnologe (zumal ich keiner bin, ergeht es mir wie den meisten Menschen bei der Betrachtung ethnologischer Empirie und wie ohnehin den meisten Befürwortern von Unternehmens-Kultur).

In mir entsteht deshalb das Bild des Unternehmensberaters als tragische Figur: als Sancho Pansa unter der Erfolgsfuchtel eines Unternehmers oder Aufsichtsrats, der mit ständig sich unergründlich drehenden Windmühlenflügeln kämpft; oder als Analytiker einer wilden Gemeinde namens Belegschaft, deren Rituale und Verwandtschaften (Beziehungen) er verzweifelt zu durchschauen und zu erfassen sucht, während die Belegschaft, automatisch in ein immer neues Chaos geworfen, fortwährend sich ändernden Anforderungen und organisatorischen Neuerungen ausgesetzt wird. Der PC summt, das Klima ist erhitzt, der Urwald nur mit der Machete zu bewältigen, die wilden Tiere drohen von allen Seiten. Und vielleicht ist dieser Unternehmensethnologe auch noch mittelbar schuldig an der Teilung des Mitarbeiterstamms, zumindest an der Aussonderung einzelner.

Selbstverständlich, das Bild trügt, idyllisiert die harte Realität. Aber nichts anderes tut der Begriff "Unternehmenskultur" und macht der inzwischen in einigen Ländern Usus gewordene Einsatz von Ethnologen (den derzeit sicherlich potentiell besten Empirikern) in Unternehmen. Auf diese Weise nämlich würde heute Betriebswirtschaft zum permanenten Abenteuer umgebogen (Fortsetzungsverhalten wäre dann der Abenteuerurlaub) und geriete Arbeitsleben zum Nachschein großfamiliärer Verwandtschaft, würde Hierarchie natürlich, gerännen die Produkte zu Mythen, würden die Geräte Wunderwaffen und die Logos zu auratischen Stammeszeichen, zur Heraldik des Clans.

Nun liegt die Härte aber schon in der Formulierung von Idylle selbst verborgen, da in ihr eigentlich nur gilt, was sie nicht benennt oder lediglich verbrämt mit Namen zeichnet. Idyllen sind eben nichts mehr als rührselig, verlängerte Pubertät, Ausdruck mangelnden gesellschaftlichen Selbstbewußtseins. Aber sie setzen dummerweise auch Realität, weil sie als Verinnerlichung anbieten, was zuvor äußerlich gewesen war. Aus dem Zwang wird Wollen, aus formalisierten Beziehungen ein "Wir"-Gefühl. Und eben darin steckt der Pferdefuß der Unternehmens-Kultur, die ja selber nur Analogie ist und dem Glauben verfällt, es gäbe auch den Schultern Schillers die Möglichkeit, eine "ästhetische Erziehung des Menschengeschlechts" zu verbinden mit all jenen familialen und stammesüblichen Ritualen.

So würde Unternehmenskultur zur Realität, da sie Zwänge zu Idealen erklärt.

Wer findet keinen Spaß an einer wirklich guten Show?

Schon hopsen alle im freudigen Indianerspiel: dort der Häuptling, hier der Marterpfahl, da das Kriegsbeil, am Körper das Ornat und in der Hand das Logo. Einen Sheriff-Stern für den Sieger (die Weißen gewinnen immer über die Schwarzen).

Bei aller Bescheidenheit, aber so scheint es unter anderem zuzugehen bei der Schulung von Führungskräften. So oder so im analogischen Sinn. - Was verständlich ist, denn wer hätte nicht seine Freude am guten existentiellen Western, dessen Jagden, Intrigen und Show-downs. Wieviel besser noch, wenn dieser nicht fiktiv, sondern (medien-)real abläuft, direkt im Leben aufgenommen. Was, da die alten Indianer zu nichts mehr taugen als zum Hochhausbau und die Western-Helden Präsidenten wurden, allein noch die richtig Wilden im Urwald gewährleisten.

Gleich nach den Ethnologen sausen die Medien und die Abenteuerurlauber dorthin (Wiederentdeckung eines neuen Stammes), oder am besten alle auf einmal. Und schon bilden sich hierzulande die Mythen und Idyllen, finden Adaptionen statt; selbstverständlich nicht unmittelbar, aber doch im Gedankenspiel. Nämlich äußerst attraktiv.

Was wiederum leicht fällt, da wir eigentlich ja schon alles kennen, die Stammesrituale und Winnetou, die Kriegsbeile und den PC. Die Medien verbürgen uns jene distanzierte Nähe, die wir goutieren und umsetzen mögen. Sie sind unsere Empirie, und solche Filme über fremde Völker imaginieren uns die von uns ersehnten Verständlichkeiten und durchschaubaren Strukturen einer Welt. Wir mögen das wirklich und gewissermaßen ganz angstfrei akzeptieren, da wir die Beilschläge ja nicht spüren und das Blut nicht schmecken.

Ordentliche Idylle dank Corporate Identity

Man sieht, die Übertragung könnte klappen, und die Unternehmen könnten zur ordentlichen Idylle werden dank Corporate Identity und Unternehmens-Kultur. Ob das gesellschaftspolitisch zu begreifen und zu begrüßen wäre, steht auf einem anderen Blatt, und ob die Menschen unseres Kulturkreises ein solches Maß an verinnerlichtem Zwang zugunsten größerer Transparenz aushalten, auch. Zu fragen wäre ja zum Beispiel, ob durch solche Übertragungen nicht sogar Formalisierungen und damit die Möglichkeit von Regelverletzungen zunehmen würden. - Womöglich aber bin ich auch schon längst nur der rührende Ethnologe, der versucht, Namen und Beziehungen noch zu erfassen.

Offen allerdings bleibt für mich nach wie vor die Frage: Warum überlebte das Fernsehteam? Oder überlebte nur der Film?

Kriegsbeil und PC

Unternehmenskultur und Corporate Identity sind Zauberformeln, von denen bisher niemand genau zu wissen scheint, die aber in aller Munde ist, was denn eigentlich dahintersteckt. Schnelle Innovation und Veränderungen der Arbeitsorganisation indes erfordern künftig eine homogene Kultur im Unternehmen. Sie kann die notwendige Orientierung und Zusammenarbeit gewähren. Die Zivilisation nimmt dabei eine Anleihe bei Naturvölkern.

Eine Parallele zwischen Stammeskultur und Unternehmenswirklichkeit, zwischen Kriegsbeil und PC zu ziehen, ist deshalb nicht abwegig. Konzerne schaffen eigene Verhaltens- und Sprachformen, bezeichnen sich als "Indianerstämme" und sprechen statt von Vorgesetzten von ihren "Häuptlingen". Der Ethnologe im Konzern als Fachmann für Betriebskultur ist bald schon der gefragteste Mann im Haus.

Aus: "Unternehmenskultur und Stammeskultur", Metaphysische Assoziationen des Kalküls, herausgegeben von Dr. Uta Brandes, Richard Bachinger und Dr. Michael Erlhoff in der Reihe der Bücher des Rat für Formgebung, Frankfurt.

Michael Erlhoff lehrte neun Jahre als Dozent für deutsche Literaturwissenschaft an der Universität Hannover, war freier Kunstkritiker und Ausstellungsmacher, gibt sei 1982 den jährlich erscheinenden Kurt Schwitters Almanach heraus, war 1987 an Konzeption und Katalog der hfg ulm-Retrospektive beteiligt und Leiter der Design-Sektion der documenta 8 in Kassel, ist gegenwärtig Fachlicher Leiter und Geschäftsführer des Rat für Formgebung in Frankfurt und hat eine Gastprofessor für Design-Theorie an der Hochschule der Küste in Berlin inne; lebt in Frankfurt.

**Der erste Teil erschien in der CW Nr. 47 vom 18. November 1988 von Mario Erdheim unter dem Titel "Was den Krieger und den Manager verbindet".