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Bahlsen hat sein Rechenzentrum verkauft


14.08.1998 - 

Auf den Korb für Andersen Consulting folgt der Tanz mit Debis Systemhaus

Mit dem Schriftzug "Crunchips" auf der Brust wurden die Fußballer des 1. FC Kaiserslautern im Juni dieses Jahres Deutscher Meister. In der kommenden Saison kann sich der Crunchips-Hersteller Bahlsen diese Werbeflächen nicht mehr leisten. Der Gebäckproduzent beschloß das Geschäftsjahr 1997 mit einem Verlust von 20 Millionen Mark.

Deshalb sah sich das Traditionsunternehmen schon zu Beginn dieses Jahres nach Möglichkeiten um, wie es seine Kosten senken könnte. In solchen Fällen denken die meisten Betriebe über das Thema Ausgliederung nach. So auch Bahlsen. Der Keks- und Snack-Hersteller faßte den Entschluß, zunächst seinen Finanzbereich - sprich: Buchhaltung, Bilanzabschlüsse und Auftragsabwicklung - auszulagern und einem Dienstleister anzuvertrauen.

Seit April dieses Jahres erledigt eine selbständige GmbH, Bahlsen Business Services genannt, alle finanziellen Abrechnungen des Mutterunternehmens. Die Übergabe an einen Dienstleister blieb jedoch aus. Zwar verhandelte das Bahlsen-Management bereits mit dem Service-Unternehmen Andersen Consulting, doch konnte es sich mit dem designierten Geschäftspartner nicht auf ein angemessenes Entgelt für dessen Leistungen einigen. Einem Bericht des Hamburger "Manager Magazin" zufolge forderte Andersen Consulting 60 Millionen Mark pro Jahr. Das wäre Bahlsen nach eigener Darstellung teurer gekommen als das Selbermachen.

Offenbar hat diese Meinungsverschiedenheit der Beziehung zwischen dem Keksfabrikanten und dem Service-Anbieter wenig Abbruch getan. Denn der US-Dienstleister mit deutscher Niederlassung in Sulzbach erhielt immerhin den Auftrag, Bahlsen bei dem Projekt "IT Europe" zu unterstützen. Ziel dieses Vorhabens ist es, eine einheitliche IT-Plattform für alle 30 Niederlassungen der Großbäckerei zu entwerfen und zu implementieren. Im Kern läuft das Projekt, das im übernächsten Jahr abgeschlossen werden soll, auf eine Dezentralisierung der Informationstechnik sowie die Einführung der SAP-Software R/3 hinaus.

Dieses Vorhaben hat bei Bahlsen bereits eine lange Historie. 1995 war das Unternehmen in die Schlagzeilen geraten, als die Düsseldorfer "Wirtschaftswoche" die R/3-Einführung in der englischen Vertriebsgesellschaft als "Debakel" bezeichnete und den damaligen IT-Verantwortlichen Volker Gassner mit kernigen Worten zitierte. Wenig später beteuerte Gassner jedoch in einer Anzeige der SAP AG, R/3 werde bei Bahlsen bereits seit mehr als einem Jahr produktiv genutzt. Mittlerweile gehört der IT-Spezialist dem Konzern nicht mehr an.

Die Neigung des Bahlsen-Managements zum IT-Outsourcing hat unter den Erfahrungen bei der Business-Services-Gründung offenbar nicht gelitten. Anfang dieses Jahres transferierten die Hannoveraner knapp drei Dutzend ihrer RZ-Mitarbeiter in ein Dienstleistungsunternehmen, dessen Name - IT Services Nord GmbH - bereits auf die Zugehörigkeit zu einem größeren Rechenzentrumsverbund hindeutete.

Ursprünglich wollte der Gebäckspezialist die RZ-Tochter an Andersen Consulting veräußern. Überraschenderweise erhielt dann aber die Daimler-Benz-Tochter Debis Systemhaus den Zuschlag, die das ehemalige Bahlsen-RZ seit Anfang dieses Monats als Debis IT-Services Nord GmbH betreibt. Nach den Gründen gefragt, führt Bahlsen an, daß Debis auf dem Gebiet der operativen IT-Grundlagen mehr Know-how besitze und deshalb von Andersen Consulting selbst ins Spiel gebracht worden sei.

Ob nicht vielmehr die finanzielle Seite des Deals von ausschlaggebender Bedeutung war, läßt sich nur vermuten. Denn Bahlsen und Debis veröffentlichen weder den Wert noch die Laufzeit des Vertrags. Bahlsen teilte jedoch mit, daß der Vertrag ein regelmäßiges internes Benchmarking vorsehe, bei dem Leistung und Preis jeweils der Marktsituation angepaßt würden.

Während die Einführung der R/3-Software unter der Regie von Andersen Consulting stattfindet, soll die Debis IT-Services Nord den Betrieb der Anwendungen regeln. Zudem hat die Daimler-Benz-Tochter die MVS- und OS/400-Systeme sowie die Netze und Endgeräte unter ihre Fittiche genommen. Auch für das einwandfeie Funktionieren der Groupware "Lotus Notes" und des Supply-Chain-Management-Systems "Manugistics" wird sie verantwortlich zeichnen. Und last, but not least hat sie sich verpflichtet, den Helpdesk zu übernehmen. Da das derzeit 35köpfige RZ für die 9000 Bahlsen-Mitarbeiter ein wenig knapp dimensioniert ist, wird Debis in Kürze den Server-Betrieb sowie die Handhabung des WAN und der Endgeräte seinem Rechenzentrum in Finkenwerder beziehungsweise seinem Tochterunternehmen PCM übertragen..

Das Unternehmen

Dank ihrer "Leibniz"-Butterkekse ist die Bahlsen KG wohl Deutschlands bekanntester Hersteller von Kleingebäck. Aber neben dem in Hannover ansässigen "süßen" Bereich gehört zur Bahlsen-Gruppe auch die "Snack"-Division, deren Zentrale in Neu-Isenburg liegt. Der 9000 Mitarbeiter zählende Konzern mußte 1997 bei einem Umsatz von knapp zwei Milliarden Mark einen Verlust von 20 Millionen Mark hinnehmen; im Jahr zuvor hatte er nur einen geringfügig höheren Umsatz erzielt, dabei aber einen Gewinn von zehn Millionen Mark abgeworfen. Das Bahlsen-Management führt das negative Ergebnis auf die Kosten einer weitreichenden Restrukturierung zurück, die unter anderem zu einer effektiveren Handhabung der Auftragskette führte.