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06.03.1992 - 

Aufbau einer zukunftsorientierten Infrastruktur in den neuen Ländern

Auf der "grünen Wiese" kommt moderne IuK-Technik zum Einsatz

Seit der Wirtschafts- und Währungsunion entsteht auf dem Gebiet der ehemaligen DDR durch Entflechtungen der Kombinate und Neugründungen von Unternehmen ein neuer Mittelstand. Von ihm wird erwartet, sich innerhalb kürzester Zeit in einer neuen Wirtschaftsordnung zu behaupten und eine ähnlich starke wirtschaftliche und soziale Position einzunehmen, wie der westdeutsche Mittelstand. Das kann er allerdings nur dann, wenn er sich auch moderner Mittel der Unternehmensorganisation und -kommunikation bedient, die nicht nur nach technischen Gesichtspunkten ausgewählt wurden, sondern vor allem solche, die das Unternehmen beim Erreichen seiner als strategisch erklärten Ziele unterstützen.

Besonders im Industriebereich aber ist der Eintritt in die Marktwirtschaft für viele Unternehmen ein Kampf ums Überleben. Die Mehrzahl der ostdeutschen Betriebe ist nicht wettbewerbsfähig. Schnellstens muß daran gegangen werden, überlebensfähige Unternehmen für westliche Märkte zu rüsten.

Enormer Handlungsbedarf

Insbesondere in Hinblick auf den europäischen Binnenmarkt ergibt sich enormer Handlungsbedarf: Arbeitsabläufe, Kosten und Unternehmensführung sind auf Wettbewerbsniveau zu bringen. Aber auch die Ausrichtung der Informationsverarbeitung unter marktwirtschaftlichen Gesichtspunkten muß ein Schritt sein, der umgehend gemacht werden muß. Für die betroffenen Unternehmen bedeutet dies einerseits eine enorme Belastung aufgrund hoher Investitionen, andererseits ergibt sich die Gelegenheit, "auf der grünen Wiese" von Anfang an eine zukunftssichere informations- und kommunikationstechnische (IuK-) Infrastruktur aufzubauen.

Wie aber kann eine derartige Infrastruktur beschaffen sein, die einerseits die sich bietenden Chancen ausnutzt, andererseits aber auch im ostdeutschen industriellen Mittelstand zu realisieren ist?

Nach wie vor werden ostdeutsche Betriebe mit Informationstechnik-Angeboten überschwemmt. Meistens zielen die Offerten jedoch nur auf den Verkauf von Technik ab ohne Beachtung der technologischen, organisatorischen und personellen Probleme, die mit einer sinnvollen, zukunftsorien-

Für die Kooperation ist Kommunikation wichtig

Flexible Fertigungskonzepte erfordern Datenflüsse, die von Kunden- und Marktdaten über Fertigungsdaten bis hin zu Verwaltungs- und Planungsdaten alle Stufen der Wertschöpfung umfassen. Im Mittelstand ist die Bedeutung der Verflechtung Fertigung/Verwaltung noch höher einzuschätzen als in Großunternehmen, wo in "Verwaltungsinseln" die Informationsströme meist von einem ganzen Stab spezialisierter Mitarbeiter ausgewertet werden können. Die Gestaltung der informations- und kommunikationstechnischen Infrastruktur in der Industrie hat in besonderem Maße dem Informationsfluß zwischen der Fertigung und der Auswertung relevanter Daten im Rahmen der IDV Rechnung zu tragen.

Bei der Planung der technischen Infrastruktur im Mittelstand muß die Unternehmung als eine zusammenhängende Informationslandschaft gesehen werden: Die partielle Rationalisierung einzelner Aufgaben in Form von Insellösungen im Büro- und Fertigungsbereich führt zu Abstimmungsproblemen und Brüchen in den Arbeits- und Kommunikationsprozessen und beeinträchtigt damit die Reaktionsfähigkeit der gesamten Unternehmung. Auch wenn zum jetzigen Zeitpunkt die Integration der IuK-Technik in Büro und Fertigung technisch und/oder finanziell noch nicht vollständig realisierbar ist, so muß doch die Gestaltung eines IuK-Systems eine spätere Integration aufgrund ihrer Architektur und der Eigenschaften der Komponenten erlauben.

Um konkurrenzfähig zu werden, müssen ostdeutsche Unternehmen in vielfältiger Hinsicht mit externen Markt- und Kooperationspartnern zusammenarbeiten. Nationale und vor allem internationale Kooperationen können jedoch nur dann zum Erfolg führen, wenn die Kommunikation funktioniert. Neben der Schaffung eines offenen Kommunikationsklimas bedeutet dies auch die Nutzung der Telekommunikationstechnik. Der Einsatz von IuK-Techniken ermöglicht dabei die gezielte Förderung von Lieferanten- und Kundenbeziehungen, eine Ausdehnung des Marktes sowie den Aufbau unternehmensübergreifender Kooperationen. Auch der Zugriff auf externe Datenbanken, der gerade für die ostdeutschen Unternehmen zur Informationsbeschaffung und Marktbeobachtung sehr wichtig ist, setzt moderne TK-Technik voraus.

Schrittweiser Aufbau des IuK-Systems

Die Gestaltung der IuK hat trotz der umfassenden und langfristigen strategischen Ausrichtung die knappen Ressourcen im Mittelstand zu berücksichtigen. Weder die Bildung von mehrköpfigen Projektteams für längere Zeit noch der Aufbau der gesamten Infrastruktur innerhalb kürzester Zeit entspricht den Investitionsgepflogenheiten und -fähigkeiten mittelländischer Unternehmen. Das gilt vor allem für die neuentstehenden ostdeutschen Industrieunternehmen, bei denen mittelfristig zunächst das Bestehen am Markt im Vordergrund bleibt. Dazu ist allerdings neben einer sinnvollen Organisation der Einsatz moderner Technik in der Fertigung und im Büro Voraussetzung. Aus diesem Grund muß im Bürobereich besonderes Augenmerk auf eine flexible, - modularaufbaubare IuK-Systemlösung gelegt werden, die eine Fortentwicklung der Unternehmen auch auf dem Gebiet der IuK-Technik erlaubt.

Dazu ist eine flexible, dezentrale Leistungserstellung notwendig, die eine Integration funktionaler Teilbereiche und schnelle Reaktionsfähigkeit durch parallele Bearbeitung erfordert. IuK-Technik muß dabei unternehmensweit und an den einzelnen Arbeitsplätzen so eingesetzt werden, daß die typischen mittelständischen Fähigkeiten unterstützt oder sogar verstärkt werden.

In mittelständischen, Unternehmen bestehen aufgrund der geringen Größe nur beschränkte Möglichkeiten zur Arbeitsteilung. Es herrscht eine personengebundene Arbeitsweise mit starken Abhängigkeiten von der Leistung des einzelnen Mitarbeiters vor IuK-Technik hat deshalb die Arbeitsplätze attraktiv zu unterstützen und eine ganzheitliche Aufgabenerfüllung zu ermöglichen. Ein "arbeitsplatztypischer Unterstützungsbedarf" mit IuK-Technik - differenziert etwa nach Führungskräften, Sachbearbeitern und Unterstützungskräften mag für Großunternehmen mit einer Vielzahl von spezialisierten Mitarbeitern für genau bestimmte und abgrenzbare Aufgaben sinnvoll sein. Im Mittelstand scheint jedoch eine technische Gestaltung geeigneter, die jeden Mitarbeiter individuell unterstützt. Freilich wird es auch in kleineren Unternehmen Beschäftigte geben, die entwicklungsmäßig mehr Textverarbeitungsaufgaben erledigen oder einen höheren Kommunikationsbedarf haben als andere Mitarbeiter. Doch es ist davon auszugehen, daß Führungskräfte und Sachbearbeiter zum Beispiel mehr Texte selbst erstellen werden sowie einzelne Mitarbeiter mehr Mitverantwortung übertragen bekommen und stärker in die betrieblichen Wertschöpfungsprozesse eingebunden werden. Dadurch wird sich die Arbeitsteilung im Bürobereich weiter verringern.

Dezentrale individuelle Methoden der Datenverarbeitung (IDV), aber auch einzelne Softwarekomponenten ermöglichen unter anderem den Aufbau beziehungsweise die Abfrage einer relationalen Datenbank mit einer Datenbank-Abfragesprache der vierten Generation (zum Beispiel SQL), Tabellenkalkulation, Projekt- und Terminplanung sowie Präsentationsgrafik. Durch eine Zugriffsmöglichkeit auf die Grunddaten der operativen Betriebsbereiche können relevante Daten zu Planungs-, Analyse- und Diagnosezwecken statistisch ausgewertet, optisch aufbereitet und somit als Entscheidungsgrundlage verdichtet werden. Die Werkzeuge der individuellen Datenverarbeitung werden im Rahmen der IuK die Unternehmensführung und -steuerung zukünftig verstärkt unterstützen. Die Individualisierung der DV dringt sowohl in fertigungsnahe (zum Beispiel Arbeitsvorbereitung, Qualitätssicherung, Fertigungsplanung) als auch in informationsverarbeitende Bereiche von Industrieunternehmen, wie etwa Verwaltung, Vertrieb, FuE, vor.

Preiswerte PCs statt teurer Mainframes

Der Trend hin zur verteilten Verarbeitung, der dem Client-Server-Konzept zugrunde liegt, paßt sich dem Umstand an, daß die im betrieblichen Aufgabenprozeß anfallenden Arbeiten auch dort erledigt werden sollen, wo sie entstehen, und das ist nur in Ausnahmefällen eine zentrale Einrichtung. Auch die gemeinsame Datenbasis erfordert keine zentrale Verarbeitung (mehr): Die am Arbeitsplatz bereitgestellte Verarbeitungsleistung durch die PCs in Verbindung mit der Möglichkeit der Datenübertragung durch Kommunikationsnetze fördern die Dezentralisierung der Verarbeitung.

Gerade kleinere Unternehmen, die nicht auf intensive Massendatenverarbeitung angewiesen sind, können preiswerte PCs anstatt Großrechner als zentrale Infrastrukturkomponenten einsetzen. Diese offene Architektur bietet die Möglichkeit, unterschiedliche Server, Endgeräte und Netzwerk-Betriebssysteme zu verwenden, um eine weitgehende Herstellerunabhängigkeit zu realisieren. Gleichzeitig ist es möglich, kurzfristig neue Arbeitsplätze einzurichten oder bestehende umzuändern. Insgesamt entstehen flexible, anwenderbezogene Einsatzmöglichkeiten, die an die Stelle von sonst üblichen starren, hierarchisch aufgebauten Organisationsformen treten. Bildet man den Leistungserstellungs-Prozeß einer Unternehmung mit den dazugehörigen Datenflüssen vollständig ab, so ergibt sich ein Unternehmens-Datenmodell (UDM). Aus den funktionsbezogenen Teilsystemen (Beschaffung, Produktion, Absatz etc.) wird so ein integriertes System der betriebswirtschaftlichen Informationsverarbeitung auf der Datenebene. Dabei werden die Unternehmensobjekte (zum Beispiel Daten, Dokumente, Aufträge, Personal) und deren Zuständigkeiten und Beziehungen funktionsunabhängig beschrieben. Es spielt also keine Rolle mehr, um welche Art von Daten es sich handelt (etwa kaufmännische oder technische) und wo sie physisch gespeichert sind.

Der datenbezogenen Integration liegt die Erkenntnis zugrunde, daß die integrierte, zentrale Datenbasis die gemeinsame Nutzung von Datenbeständen (etwa durch verschiedene Aufgabenträger beziehungsweise verschiedene Anwendungsprogramme) erlaubt, und zwar redundanzarm, konsistent und zugriffsfreundlich.

Die Datenmodellierung kann die zunehmende Komplexität, Integration und Dynamik betrieblicher Informationssysteme als zentrales methodisches Hilfsmittel beherrschen helfen mithin kommt ihr strategische Bedeutung zu.

Gerade in einem Industriebetrieb durchlaufen viele Abläufe mehrere Funktionsbereiche. Hinsichtlich der IDV oder der rechnergestützten Konstruktion beispielsweise sind neben den anwendungsspezifischen auch funktionsübergreifende Datenbeziehungen notwendig, um Mehrfacherfassungen und Inkonsistenzen auszuschalten und eine ebenso schnelle wie effektive Informationsbeschaffung und -verarbeitung zu erreichen. Im Vergleich zu Dateisystemen, bei denen die Dateien an die Verarbeitungsstruktur bestimmter Programme angepaßt sind und somit eine Daten-Programm-Abhängigkeit zementieren, ermöglicht eine unternehmensweite Datenarchitektur in Verbindung mit einem leistungsfähigen Datenbank-Management-System (DBMS) eine weitaus größere Flexibilität bezüglich der, eingesetzten Programme oder der Datenorganisation.

Solide und erprobte Technologien gefragt

Die Beschaffer von IuK-Technik in ostdeutschen Betrieben sind bei der Auswahl der Komponenten durch die Vielzahl der unterschiedlichen verfügbaren Produkte oft verunsichert und überfordert. Bei der Anschaffung von Peripheriegeräten, Arbeitsplatz- und Zentralrechnern, Betriebssystem, Benutzeroberfläche und Anwendungssoftware, Inhouse-Netzwerk- und Telekommunikations-Produkten sollte in jedem Fall herstellerunabhängiger Rat eingeholt werden.

Eine zukunftsorientierte Gestaltung der IuK kann nicht bedeuten, daß spektakulär angepriesene und teure Anwendungen mit experimentellem Charakter eingesetzt werden: Gerade im Mittelstand sind solide und erprobte Technologien gefragt, die mit möglichst geringem finanziellen Aufwand zu beschaffen sind. Auch ist davor zu warnen, sich blind einem einzigen Hersteller anzuvertrauen: Heutzutage kann kein Anbieter in der Lage sein, für alle Anwendungen eine kosten- und leistungsmäßig optimale Lösung zu offerieren.

Eine zukunftsorientierte Gestaltung der IuK erfordert die ständige Beobachtung der Entwicklung und des Angebots an IuK-Technik, um sich abzeichnende Tendenzen zu erkennen und auf ihre Relevanz für die Infrastruktur zu prüfen.

Der Aufbau einer unternehmensweiten IuK-technischen Infrastruktur wird keinesfalls so aussehen, daß auf der einen Seite vollintegrierte IuK-Konzepte aus dem Boden gestampft werden, denen auf der anderen Seite die Fabrik der Zukunft mit ausgefeilten CIM-Lösungen gegenübersteht. Dennoch ist verstärktes Augenmerk darauf zu richten, daß durch die isolierte Planung von CIM und IuK-Technik nicht von Anfang an wieder zwei Welten entstehen.

Einheitliche Infrastruktur

Das Konzept des Computer Integrated Business (CIB) verfolgt die Integration der beiden Gleise büro- und fertigungstechnische IuK durch die Zusammenfassung der industriebetrieblichen IuK-Systeme. Dazu gehören technische IuK-Systeme (CAM, CAD etc.), betriebswirtschaftliche IuK-Systeme (PPS Management-Informationssysteme usw.) und Bürosysteme. Diese Systeme werden

mit bereichsübergreifenden Informations-Netzwerken im Rahmen einer einheitlichen Infrastruktur verknüpft. Diesem Konzept liegt die Realisierung der Datenintegration zugrunde, die es erlaubt, sämtliche Daten ohne Medienbrüche von einem System A zu einem System B zu übertragen, so daß alle Stellen im Unternehmen relevante Daten richtig und aktuell zur Verfügung gestellt bekommen. Der Datenaustausch zwischen den Unternehmensbereichen erfolgt entweder synchron über eine gemeinsame Datenbasis oder über den Austausch von Dateien (File-Transfer) asynchron.

Durchlaufzeiten lassen sich verkürzen

Die Vorteile dieses Konzeptes für Industrieunternehmen liegen in der verbesserten Kundennähe, der erhöhten Flexibilität durch schnelle Entscheidungsmöglichkeiten und den verkürzten Durchlaufzeiten. Beispielsweise läßt sich die Angebotserstellung im Maschinenbau wesentlich vereinfachen und beschleunigen, wenn aus einem - bereichsübergreifenden IuK-System heraus auf PPS-Daten und/oder Daten aus dem CAD-Bereich zugegriffen werden kann, um relevante Daten, Texte und Zeichnungen in ein Angebotsdokument zu integrieren.

Die aufgezeigten Gestaltungsmöglichkeiten für eine IuK-Infrastruktur im ostdeutschen industriellen Mittelstand erlauben den schrittweisen, modularen Aufbau einer IuK-technischen Infrastruktur. Die Reihenfolge der Investitionen ergibt sich nach den dringendsten Problemlösungs-Bedürfnissen, die Geschwindigkeit wohl nach den zur Verfügung stehenden finanziellen Ressourcen. Allerdings sollte von Anfang an die Entwicklung des unternehmensweiten Datenmodells verfolgt werden, um eine sinnvolle und zukunftsorientierte Datenorganisation der Implementierung zu Grunde zu legen und eine transparente Informationslandschaft im Unternehmen entstehen zu lassen.

*Arnd Baur ist Mitarbeiter der B + T Gesellschaft für betriebswirtschaftliche und technologische Beratung mbH, Aschaffenburg.