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21.04.1989 - 

Multifunktionalität auf anderem Weg genausogut erreichbar:

Auf der schwierigen Suche nach Argumenten für ISDN

Wenn es um den Sinn von ISDN-Endgeräten geht, lassen sich die Anwender oft nicht festlegen. Es scheint, so zeigt diese CW-Umfrage, daß man in den Unternehmen ein derartiges multifunktionales System weder zum Stein der Weisen avancieren lassen möchte, noch daß ISDN-Vorzüge vollkommen in Abrede gestellt werden. Ob und wann NonVoice-Features geplant sind, bleibt dabei in vielen Fällen offen. Neben den Jein-Sagern stehen aber auch eine Reihe von Benutzern, die das Medium kategorisch ablehnen oder die Anbieter von TK-Anlagen in die Zange nehmen. Ihre Argumente zielen beispielsweise darauf ab, daß eine Nebenstellenanlage auch weiterhin zum Telefonieren dienen solle, zusätzlicher "Firlefanz" nicht erwünscht sei und Multifunktionalität sich auf anderem Wege mindestens genauso gut, wenn nicht besser realisieren lasse.

" Wir sind so ausgestattet ,daß die Anwendung von ISDN im Augenblick gar nicht erforderlich ist" , meint Thomas Einsporn , Referent im Institut der deutschen Wirtschaft (IW) aus Köln. Mit dem Equipment für die Bürokommunikation sind ein vernetztes Text- und Schreibsystem von AES, zusätzliche PCs, ein Host mit Datenbankanwendungen und eine vor rund zwei Jahren angeschaffte analoge PBX von DeTeWe gemeint. Eine Anwendung, für die jedoch auf Dauer eine multifunktionale TK-Anlage in Betracht käme, ist aus der Sicht von Einsporn die Bildübertragung: "Vom Anwender wird häufig gefordert, nicht nur Texte, sondern auch Grafiken wie zum Beispiel Konstruktionszeichnungen , übermitteln zu können." Erwünscht wäre in diesem Zusammenhang auch eine Kopplung zwischen Host und ISDN.

Für den Office-AutomationExperten eines Unternehmens aus der Versicherungsbranche, der nicht genannt werden möchte, empfiehlt sich ein ISDN-Umstieg schon allein deshalb, weil man sich damit im Grunde nichts vergibt. Seine Faustregel: "Wer aus bestimmten Gründen die Telefonanlage austauschen muß, der sollte sich der Technik auf keinen Fall verschließen, zumal zum jetzigen Zeitpunkt diese Systeme sehr preisgünstig angeboten werden". Entpuppe sich ISDN als Flop, könne man ja nach wie vor telefonieren.

Die Entscheidung zugunsten von multifunktionalen Endgeräten, die auf eine Diensteintegration zugeschnitten sind, ist bei seiner Firma "mehr oder weniger gefallen." Zunächst steht eine Probephase in den eigenen vier Wänden auf dem Programm, um ausreichende Erfahrungen für den Anschluß an das öffentliche Netz zu sammeln. Außerdem - so wurde hier betont - hänge die Zweckmäßigkeit einer gleichzeitigen Übertragung von Sprache und Bild auch von der jeweiligen Firmenstruktur ab: "Wenn man also sehr dezentral ausgerichtet ist oder mit sehr vielen Partnern über Telefon zusammenarbeitet und nebenbei eine Kommunikation visuell aufbauen kann, ist das ohne Zweifel positiv."

Jörg Spranger, DV/Org.-Leiter beim Automobilkonzern Fiat aus Heilbronn, kommt ebenfalls zu dem Ergebnis, daß es durchaus Vorteile mit sich bringe, einem Gesprächspartner via ISDN Daten zu schicken. Das, was "er sich als wunderbar vorstellt",würde aber in der Praxis noch auf sich warten lassen. Am Anfang rentiere sich diese Technik nicht, zumal einzelne Funktionen schon an den Arbeitsplätzen vorhanden seien. Spranger: "Wenn ein Anwender einen PC hat, der nicht ISDN-fähig ist, dann wird er ihn nicht wegschmeißen, bloß weil es jetzt die ISDN-Features gibt." Es dauere sicher noch einige Zeit, bis die multifunktionalen Terminals wirklich billiger würden als mehrere Einzelgeräte. Er habe auch den Eindruck gewonnen, daß diese neuen Endgeräte "in Büros aus Prestigegründen stehen, sich aber in der Masse erst dann durchsetzen, wenn sie eine wirtschaftliche Alternative darstellen."

Bei Fiat fielen vor sechs oder sieben Jahren die Würfel zugunsten einer analogen Nebenstellenanlage von IBM. Diese Wahl wurde bisher auch nicht bereut, da alle, "die damals Anlagen mit ISDN-Optionen gekauft haben, mehr oder weniger an der Nase herumgeführt wurden." Inzwischen habe sich das Blatt aber gewendet. Insofern hält es Jörg Spranger für plausibel, daß man sich heute für eine Hicom -Anlage oder für eine ähnliche Konfiguration entscheiden würde.

Bei den AVO-Werken aus Belm ist ein Austausch über die Bühne gegangen, um einmal für die Diensteintegration gerüstet zu sein. Die Firma entschied sich für das Siemens-System Hicom 400. DV-Leiter Wolfgang Schaber geht davon aus, daß sich die Grundidee ISDN nicht mehr aufhalten lasse. Die größte Bremse stelle gegenwärtig eigentlich die Post dar; ferner hänge man in Bezug auf die Frage der Datensicherheit in der Luft. Bei den AVO-Werken ist aber keine generelle Einführung von integrierter Sprach- und Textkommunikation vorgesehen. Der auch für die Bürokommunikation zuständige Experte macht Abstriche, weil "im Außendienst teilweise noch sehr altmodische Konzepte verwirklicht sind, zum Beispiel bei der Auftragserfassung." Und, so führt er weiter aus: "Um unsere eigenen Kommunikationsanforderungen in der Firma zufriedenzustellen, ist ISDN nicht erforderlich, weil wir über eine eigene Datenverarbeitung verfügen und bei uns viele Informationen ankommen, diese auf vielfältige Weise verarbeitet werden und da würde uns ISDN auch nicht weiterhelfen". Was nun die Bürokommunikation betreffe, so fahre man auf diesem Gebiet sehr gut mit einer AS/400 von IBM.

Vorsichtig an ISDN herantasten will sich auch die Interlübke Möbelfabrik aus Rheda-Wiedenbrück, der Einsatz an sich wird aber nicht in Frage gestellt. Im Gegenteil - DVLeiter Hans Gersting meint: "Allmählich kommt der Zeitpunkt, wo das interessant wird, und langsam ziehen auch die Postämter nach." Hinsichtlich der zukünftigen PBX steht das Möbelhaus derzeit noch vor der Entscheidung zwischen Systemen von Siemens und Nixdorf. Die neue Anlage soll zusätzlich zu dem installierten Bürokommunikationssystem

EMS 5800 "ihren Dienst tun". Ob das System "ankommt", hängt aus der Sicht von Gersting ganz davon ab, wie nach dem Anschluß an das öffentliche Netz die Kunden darauf reagieren.

Weniger "Weder-Fisch -noch-Fleisch-Mentalität als einige der bisher befragten Unternehmen läßt ein anderer Anwender zu, der ebenfalls incognito bleiben möchte. Er vertritt die Auffassung, daß heute Lösungen die "Runde machen", die wenig oder gar nichts brächten und von der Anwendung her viel zu kompliziert seien. Die Firmen gerieten vielmehr oft in Zugzwang, bei modernen Techniken um jeden Preis mit von der Partie zu sein: "Es gibt Leute, die unbedingt eine ganz komfortable Anlage haben müssen und genau diese Figürchen sind völlig überfordert mit der Bedienung." Teilweise wüßte man in den Betrieben - und dies vor allem in den höheren Etagen - auch gar nicht, welchen Aufwand die Einführung eines Kommunikationssystems wie einer ISDN-Anlage nach sich ziehe.

Bei Manfred Wegst , Leiter der Bürokommunikation bei der Bizerba-Unternehmensgruppe aus Balingen, kommt ISDN mit einem blauen Auge davon. Seine Gegenargumentation: "Das ist noch ein sehr wenig greifbarer Begriff für den Anwender. Man spricht schon lange von multifunktionalen Endgeräten, gesehen habe ich aber bisher noch keines." Mit dem Nutzen von den aus seiner Sicht noch nicht am Markt vorhandenen Systemen steht er jedoch nicht auf Kriegsfuß: "Ich bin schon ein Verfechter des multifunktionalen Endgerätes, weil im Büroalltag die Anforderungen an die Geschwindigkeiten zunehmen."

Im eigenen Unternehmen sind erste Schritte im Rahmen einer ISDN-Umstellung getan. Bisher findet man hier bereits sechs oder sieben einschlägige Endgeräte. Außerdem ist es geplant , Produkte der Gruppe 4 auf dem Telefax-Sektor zu nutzen . Wegst: "Sobald ein öffentlicher ISDN-Anschluß besteht, werden wir nicht zögern, uns auch schnelle ISDN-Geräte anzuschaffen, die 64 KBit übertragen können."

Momentan überwiegt bei der Nutzung die Sprachkommunikation - womit das Unternehmen also auch ganz in dem bei dieser Umfrage, aber auch schon in früheren Berichten der COMPUTERWOCHE ausgemachten Trend liegt.

Und, wie Wegst ja betonte, hapert es noch sehr in Hinblick auf die echte Multifunktionalität. Die Versprechungen vieler Hersteller, daß die ISDN-Vermittlungsanlage gleichzeitig als Datenvermittlungsstation dienen kann, seien eben noch nicht eingelöst. Die Bizerba -Gruppe bastele an dem Anschluß eines Personal Computers an die ISDN-Anlage zur Weiterschaltung an den Host-Rechner. Auf diese Art und Weise könnte man darauf verzichten, ein Koaxialkabel oder ein Glasfaserkabel in bestimmte, entfernte Regionen legen zu müssen. Allerdings: "Wir glauben nicht, daß wir das normale DV-Netz durch eine ISDN-fähige Kommunikationsanlage ablösen können." Es werde schon aus Sicherheitsgründen immer zwei Netze geben, wobei 64 KBit im täglichen Gebrauch "nicht schlecht" sei.

Als Anbieter machte bei der Bizerba-Unternehmensgruppe Nixdorf mit der 8818 das Rennen. Wegst: "Wir haben erfreulicherweise kein Lehrgeld bezahlen müssen. Die Maschine lief innerhalb von zwei, drei Tagen fehlerfrei." Bei der kritischen Situation in der Hostumgebung sei das Unternehmen allerdings auf einen anderen Anbieter angewiesen. Es fehlten die geeigneten Schnittstellen und die notwendigen Steuereinheiten, um diese Nixdorf-Anbindung handeln zu können. Als Provisorium diene eine Steuereinheit von AT & T.

Wegst weiter: "Die Hersteller der PBX-Anlagen haben ein extrem schwaches Know-how an der Ecke. Sie kennen ihr Umfeld recht gut, aber sobald es um eine Kopplung an fremde Anlagen geht, werden sie extrem schwach ." Man werde auch zu wenig von den Herstellern informiert ; es flatterten nur Werbeprospekte ins Haus, und die lese heute ohnehin kein Mensch mehr, weil diese Art von Broschüren keine neuen Aussagen enthielten. Die Hersteller hätten zudem eine zu dünne Personaldecke, um "das sauber zu unterstützen. Wenn sie selber stärker auf der Brust wären, würden sie uns hier die Tür einrennen."

Die Gerling Versicherungs AG aus Köln ist ein Beispiel dafür, daß die Multifunktionalität eines Endgeräts verschiedene Gesichter haben kann. Der dortige Leiter der Büroorganisation/Telekommunikation,

Dirk Nouvortne, prognostiziert, daß über kurz oder lang der Trend von Einzelgeräten weg geht - schon allein aus wirtschaftlichen Gründen. Im eigenen Hause werden im Zuge der Durchdringung mit Office Automation Anwendungen wie Textverarbeitung, Electronic Mail, Retrieval- beziehungsweise Archivierungssysteme als Funktionen an die Bildschirmsysteme übergeben. Nouvortne: "Wir haben ein sternförmig orientiertes Netz mit 3000 rein dummen Terminals, die an dem Großrechner in Köln hängen."

Man könnte auf eine Infrastruktur zurückgreifen, ebenso wie auf terminalerfahrene Mitarbeiter im Hause. "Über das Electronic-Mail-System auf dem Host werden 750 000 Transaktionen pro Monat abgewickelt. Das ist eigentlich schon eine große Anwendung in unserem Hause geworden, da reden wir aber überhaupt nicht von ISDN."

Nouvortne vertritt unabhängig von den eigenen Applikationen eine These, die Anbieter und Anwender von ISDN nicht unbedingt auf die leichte Schulter nehmen können:"Alles, was man heute als ISDN-Anwendung verkauft, ist bereits heute schon möglich, wo ISDN gerade erst am Anfang steht. Es ist alles möglich, mit dem Unterschied, daß ich halt mehrere Kommunikationsnummern für jeden Dienst habe". Verschweigen sollte man natürlich auch nicht, daß es im Geschwindigkeitsbereich hapert. So stehe und falle der Einsatz von Fax-Geräten der Gruppe 4 mit ISDN.

Ungeachtet der angepriesenen Multifunktionalität hält aber auch im Gerlinger Versicherungskonzern ISDN Einzug in dem Sinne, wie es die Anbieter solcher Systeme verstanden wissen wollen. In der zweiten Hälfte dieses Jahres wird hier eine Hicom-Anlage freigegeben, wobei in der ersten

Ausbaustufe nur Sprachkommunikation zum Zuge kommt . Die Faszination, die von der optional angelegten Mehrgleisigkeit ausgeht, bestreitet Nouvortne nicht. Man müsse aber "höllisch aufpassen", daß man jetzt nicht eine "Eins-zu-Eins-Ausrüstung macht, sondern es sei organisatorisch zu erwägen, wer für seine Arbeit welche Dienste brauche. Einem Sachbearbeiter, der von morgens bis abends nur Eingaben macht und Datenerfassung betreibt, ein teures Multifunktionsterminal hinzustellen, sei "ein völliger Blödsinn".

Berndt Schwelle, bei der Badenia Glasversicherung VVaG für DV-Belange zuständig , wettert auch ziemlich energisch gegen ISDN, aber unter einem anderen Gesichtspunkt : "Ich bin sehr für Technik zu haben aber hier kommen Spielereien ,die meiner Meinung nach noch ziemlich sinnlos sind und am reinen Büroalltag vorbeigehen. So vermag ich es nicht einzusehen, daß man telefoniert und das gleiche Telefon für andere Übertragungsarten verwenden soll . Irgendwo hört es auf." Bei der Glasversicherung fand kürzlich ein PBX-Austausch statt, wobei ISDN außen vor gelassen wurde. Schwelle: "Für uns ist von Bedeutung, daß wir 80 Nummern abspeichern können, das ist bequem, und bringt etwas. Man braucht nur auf den Knopf drücken und wir haben den Teilnehmer."

Trotzdem ist im Falle von Schwelle ebenfalls das "Phänomen" zu beobachten, daß er der neuen Kommunikationsform auch eine positive Seite abgewinnen kann: "Ich bin nicht gegen eine Technik wie ISDN, aber man muß mir einsichtig machen, daß es wirklich etwas bringt." Er könne sich des Eindrucks nicht erwehren, daß die Sache für viele Verkäufer irgendwo zum Selbstzweck geworden sei.