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Flut von Bekenntnissen überschwemmt Anwender


02.11.1990 - 

Auf OSF/1-Ankündigung das Gerangel um Marktanteile

MÜNCHEN (gfh) -Geschichte machen" will die Open Software Foundation (OSF) mit ihrem jetzt in New York, Tokio und Nizza gleichzeitig vorgeführten Unix-Betriebssystem OSF/1.

Die Auslieferung beginnt frühestens in vier bis sechs Wochen, doch schon im nächsten Jahr wollen viele Hersteller Produkte auf OSF/1-Basis auf den Markt bringen.

Die Euphorie bei der OSF ist groß. Von dem ursprünglichen

Anspruch, einen einheitlichen Unix-Standard zu setzen, spricht freilich niemand mehr.

OSF-Chef David Tory erläutert die jetzigen Ziele: "Wir wollen, daß Anwender in der OSF-Umgebung so arbeiten können, als säßen sie an ihrem eigenen vertrauten PC, auch wenn Daten und Rechenleistung vielleicht von einem Standort irgenwo anders auf der Welt kommen."

Zwar hat OSF/1 durch seinen Mach-Kernel und das dadurch möglich gewordene symmetrische Multiprocessing einen technologischen Vorsprung gegenüber dem Konkurrenzprodukt Unix V.4 herausgeholt, doch kann AT&T sich darauf berufen, daß sein Produkt eine langjährige Erfahrung weiterführt, wohingegen die OSF gefährliches Neuland betreten hat.

Diesem Tenor folgt auch der Kommentar von Patricia Arundel, Marketing Director Europe für Unix International: -"Wir freuen uns darüber, daß nun auch die OSF ein Unix auf den Markt bringen wird. Aber die Arbeit, das Produkt marktreif zu machen, hat für die Organisation damit erst begonnen."

Marktbeobachter gehen daher davon aus, daß das Rennen zwischen dem jetzt freigegebenen OSF/1 und AT&Ts Unix V.4 vorerst weitergehen wird. So hat inzwischen auch Unix International sowohl eine Version mit Bl-Sicherheitslevel als auch eine Variante mit Multiprozessor-Fähigkeit angekündigt. Beide Features werden allerdings auf absehbare Zeit nicht in einem Produkt vereinigt. Außerdem sei, so kritisiert die OSF, beim AT&T-Multiprocessingconzept die Parallelverarbeitung nur eingeschränkt möglich.

Bei der bevorstehenden OSF/ 1-Vermarktung soll sich jetzt auszahlen, daß die OSF viele der Branchengrößen in ihr Boot geholt hat. So ließen Hardwarehersteller wie IBM, Hewlett-Packard, Groupe Bull, Hitachi, Digital Equipment und Siemens Nixdorf OSF/1 bei seinem Debüt nicht nur auf ihren Rechnern laufen, sondern kündigten Produkte für 1991 an.

Nicht ganz so überzeugt klang die Resonanz der Softwarehersteller ans dem OSF-Lager. Zwar hat die Informix Software Inc. bereits ihre grafische Tabellen-kalkulation Wingz unter dem

neuen Betriebssystem vorgeführt, bei der Software AG hielt

sich die Begeisterung allerdings in Grenzen. Peter Pagé, Geschäftsführer des Unternehmens: "Wir freuen uns über jeden Schritt in Richtung Standardisierung, aber OSF/1 ist für uns nicht die allein seligmachende Lösung. Die Realität sieht anders aus." Er beklagt, daß sein Unternehmen die Software - wie derzeit bei Siemens - nicht nur auf OSF/1 und Unix V.4 sortieren muß, sondern darüber hinaus auf zusätzliche Hardware-Architekturen.

Laut OSF bedeutet das, daß zwar jeder Hersteller spezifische Zusatz-Features anbieten wird, reine OSF/I-Applikationen aber trotzdem auf den künftigen Ultrix-, AIX- oder sonstigen herstellerbezogenen Unix-Betriebssystemen laufen werden. Das liege daran, daß der dann einheitliche OSF/1-Kern über weitgehend vollständige Schnittstellendefinitionen verfüge.

Was Ankündigungen betrifft, scheint augenblicklich Digital Equipment die Nase vorn zu haben. In New York konnte der Midrange-Spezialist das Betriebssytem auf seinem RISC-basierten System Dec-Station 3100 vorführen und bereits ab Anfang 1991 will er ein OSF/1-Entwicklerpaket vertreiben. Außerdem soll binnen eines Jahres eine Mischversion aus Ultrix und OSF/1 fertiggestellt werden.

Nach eigenen Aussagen hat sich das Unternehmen damit einen klaren Wettbewerbsvorsprung beschafft. Eine Behauptung, die Hans Josef Jeanrond, OSF-Regionaldirektor European Operations, nicht widerlegen wollte: "Atis unserer Sicht ist es natürlich erfreulich, wenn ein Hersteller soviel Engagement zeigt."

Ähnlich engagiert zeigt sich Hewlett-Packard, wo sämtliche Workstations im Lauf der kommenden drei Jahre auf OSF/1 umgerüstet werden sollen. Den Anfang macht dabei HPs neue PA-RISC-Plattform-, nach und nach sollen dann alle Rechner folgen, auf denen bisher die Unix-Derivate HP/UX und Domain OS liefen. Hewlett-Packard möchte auf diese Weise die Chance ergreifen, seine zwei proprietären Unix-Varianten zu einem zukunftsträchtigen einheitlichen System zu verschmelzen.

Auch IBM-Manager Jack Kuehler kündigt in einer für sein Unternehmen ungewohnten Deutlichkeit an: "Zukünftige AIX-Releases werden auf OSF/1 beruhen - von PS/2-Varianten über die RS/6000 bis hinauf in die 390-Welt." Allerdings sichern sich beispielsweise DEC und IBM gegen allzu große Offenheit der Systeme ab, indem sie OSF/1 lediglich zur Basis für ihre künftigen AIX- Lind Ultrix-Systeme machen wollen. Zudem gilt bei Digital Unix nur als Teil einer Strategie für offene Systeme, in die auch das proprietäre VMS-Betriebssystem einbezogen werden soll.

Für die Siemens Nixdorf Infomiationssysteme AG legte Vorstandsmitglied Hartwig Rogge ein Bekenntnis zu OSF/1 ab: "Wir haben OSF/1 bereits auf unsere Unix/Sinix-Workstations portiert. Unsere Pläne gehen dahin, daß wir das Betriebssystem in spätere Unix/Sinix-Versionen integrieren." Bis Redaktionsschluß war allerdings keine Auskunft darüber zu erhalten, wann das Unternehmen, das eben erst Intel-Rechner auf Basis von Unix V.4 angekündigt hat, das OSF-Betriebssystem ausliefern möchte.

OSF/1 muß sich bei den PCs bewahren

Bewähren muß sich OSF/1 jedoch weniger auf dem heißumkämpften Workstation-Markt als bei den PCs. Dort soll nach den Vorstellungen von OSF-Regionaldirektor Jeanrond ein Massenmarkt für das Unix-Betriebssystem entstehen.

Aufgrund dieser Markteinschätzung befindet sich der 386er Intel-Chip unter den ersten Anwendungsplattformen für OSF/1. Zudem bemüht sich die OSF in Zusammenarbeit mit Intel und SCO, auf dieser Basis Binärkompatibilität herzustellen, damit die Anwender Unix-Programme wie bisher DOS-Anwendungen ohne große Rückfragen direkt aus dem Regal kaufen können.

Features von OSF/1

Erwartungsgemäß erfüllt das Unix-Betriebssystem der Open Software Foundation eine ganze Reihe von Standards, wie sie von Gremien wie Posix, IEEE, ANSI oder X/Open spezifiziert wurden. Zu den besonderen technischen Features gehört vor allem der multiprozessor-fähige Betriebssystem-Kernel Mach von der Carnegie Mellon Universität. Neben. der Verteilung der Rechentätigkeit auf mehrere Chips ermöglicht der Kernel eine dynamische Systemkonfiguration und Datenspiegelung - Fähigkeiten, denen laut OSF zentrale Bedeutung für den kommerziellen Einsatz dieses Unix-Derivats zukommt.

Verfügbar ist OSF/1 zur Zeit auf Rechnern mit Intel-Chips der 386er Reihe, auf Digitals MIPS-basierter DEC-Station 3100 sowie auf Multimax-Multiprozessor-Systemen von Encore, die mit Natsemi-Chips arbeiten. Außerdem werden noch herstellerspezifische Architekturen wie HPs RISC-basierte DN-2500-Chips, Intels 860er Systeme und die Intergraph-Rechner der Serie 6000 unterstützt. Von einer Motorola-Version war bisher keine Rede.

Schließlich ist OSF/1 Sourcekompatibel zu AT&Ts Unix V 3.2 sowie zur Version 4.3 des BSD-Betriebssystems von der Berkeley Universität und entspricht der Sicherheitsstufe B1 nach den im Orange Book definierten Kriterien.