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09.11.1984 - 

Auswirkungen der Informationstechnik, Teil 2: Konsensgesellschaft

Aufgabe der Hersteller: Anwendungsreife Systeme

Mit der - möglichen - Entwicklung der Informationsgesellschaft für die nächsten 20 Jahre beschäftigt sich ein Gutachten, das die Gesamthochschule Kassel im Auftrag des Hessischen Innenministers erstellt hat. Die Autoren gehen dabei von zwei sehr unterschiedlichen Hypothesen aus und entwerfen zwei Szenarien: Zum einen die Entwicklung der Informationsgesellschaft in Richtung "Konfliktgesellschaft". zum anderen in Richtung "Konsensgesellschaft". Horst Ellringmann von der Insotec GmbH, Frankfurt, hat die wesentlichen Aussagen der Arbeit zusammengefaßt. Nach der Beschreibung der "Konfliktgesellschaft" (siehe CW Nr. 45, Seite 22" beschäftigt er sich im nachfolgenden Beitrag mit der "Konsensgesellschaft" und resümiert die Schlußfolgerungen.

Die Bundesrepublik hat einen großen politischen Spielraum bei der Gestaltung der informationstechnischen Entwicklung. Die internationale Konkurrenz auf bestimmten Hard- und Softwaremärkten ist zwar existent, sie schlägt aber nicht so weit durch, daß Produktion und Anwendung der Informationstechnologie nicht im überwiegenden Maße hierzulande selbst erfolgen könnte.

Zur Maximierung der ökonomischen und gesellschaftlichen Chancen und zur Minimierung der Risiken der Informationstechnik beziehungsweise deren Anwendungen wird eine konsensuale, zukunftsorientierte Innovationsstrategie staatlicher und gesellschaftlicher Kräfte gemeinsam verfolgt. Ihr Ziel ist es, Anwendungen der Informationstechnik als sozio-technische Systeme zu optimieren, das ökonomisch Vernünftige mit dem gesellschaftlich Wünschenswerten zu verbinden. Die Strategie ist also sowohl technologie- als auch anwendungsorientiert (human resource oriented): neue Technologien soweit wie möglich, gesellschaftliche Rahmensetzung soweit wie nötig!

Breiter Konsens über Zielsetzungen

Die Konsensgesellschaft beruht auf einem breiten gesellschaftlichen Konsens über Zielsetzungen wie die Einhaltung der Grundrechte (insbesondere informationelle Selbstbestimmung, Informations-, Meinungs-, Presse- und Rundfunkfreiheit sowie Chancengleichheit), die materielle Ausfüllung des Sozialstaatsprinzips, die Erhaltung kultureller Vielfalt und kultureller Eigenständigkeit sowie die Tarifautonomie. Diese Ziele werden nicht dogmatisch interpretiert, sondern man bemüht sich unter Beteiligung aller gesellschaftlich relevanten Gruppen, sie so zu konkretisieren, daß sie auf die heutigen und morgigen gesellschaftlichen Verhältnisse passen. Pilotanwendungen neuer Techniken als gesellschaftliche Experimente und Wirkungsforschung sind die Kristallisationspunkte, an denen sich die öffentliche Diskussion und gesellschaftliche Konsensbildungsprozesse entzünden.

Pilotanwendungen Anstoß für Diskussionen

Es wird davon ausgegangen, daß der Staat die Macht hat, diese Konsensbildungsprozesses zu organisieren und ihre Ergebnisse politisch umzusetzen, notfalls auch gegen marktwirtschaftliche Expansionsinteressen einzelner Unternehmen und Branchen. Voraussetzung hierfür ist daß es relativ starke Arbeitnehmerorganisationen gibt, die eine gewisse Machtbalance zu den Unternehmern herstellen, daß die Bevölkerung informiert ist, ihre Interessen kennt und diese im politischen Prozeß auch wahrnimmt. Voraussetzung ist weiter, daß die Unternehmer sich in derartige Konsensbildungsprozesse einordnen. Das ist nicht ganz unrealistisch, da bei dieser zukunftsorientierten Innovationsstrategie den Unternehmen relativ große Expansionschancen eingeräumt werden und weil sozialer Friede ihren Interessen nutzt.

In bezug auf Erwerbschancen ist zunächst die mögliche Arbeitsmarktentwicklung zu betrachten. Dabei sind zwei gegenläufige Wirkungsrichtungen zu berücksichtigen. Zum einen führt die Annahme relativer ökonomischer Unabhängigkeit von Weltmarktentwicklungen zu weiten politischen Gestaltungsspielräumen - also auch der Möglichkeit, durch massive Arbeitszeitverkürzungen die vorhandene Arbeit gleichmäßiger zu verteilen oder zu der Möglichkeit, neue Arbeitsplätze zum Beispiel im Bereich des Umweltschutzes und des Dienstleistungssektors zu schaffen. Das würde bedeuten, daß einer drohenden Verstärkung struktureller Arbeitslosigkeit entgegengewirkt werden kann.

Hypothese 1:

Die Bundesrepublik hat sich im Bereich der Informationstechnologien einem scharfen, weltweiten Wettbewerb zu stellen. Um auf den internationalen Hardware-Märkten mithalten zu können, müssen die Unternehmen in der Bundesrepublik a) durch eine Verbesserung der marktwirtschaftlichen Rahmenbedingungen und b) durch staatliche Forschungs- und Technologiepolitik gestützt werden.

Hypothese 2:

Die Bundesrepublik hat einen großen politischen Spielraum bei der Gestaltung der informationstechnologischen Entwicklung. Produktion und Anwendung selbsterzeugter Systeme, die auf die spezifischen Bedürfnisse der Nachfrager in Europa zugeschnitten sind, kann sich die Bundesrepublik durchaus auch konkurrenzwirtschaftlich erlauben.

Andererseits ist die Strategie innovationsorientiert, insbesondere um die Chancen der informationstechnologischen Anwendungen zur Rationalisierung von Routinearbeiten im Dienstleistungssektor, in Büro und Verwaltung und in der industriellen Fertigung auszuschöpfen. Unter Außerachtlassung von kreislauftheoretischen Überlegungen sind Freisetzungen die notwendige Konsequenz: eine Verstärkung struktureller Arbeitslosigkeit.

Durch gegenseitige Ergänzung staatlicher Infrastrukturinvestitionen und marktwirtschaftlichen Innovationen wird eine geordnete, stetige wirtschaftliche Entwicklung gesichert. Dies ist nur möglich, wenn die ökonomischen und gesellschaftlichen Wirkungen vorausschauend anhand von wissenschaftlich geleiteten Pilotanwendungen neuer Techniken unter möglichst realistischen Bedingungen als Teil sozialwissenschaftlicher Wirkungsforschung abgeschätzt werden und wenn auf der Basis derartiger Erfahrungen im Wege der Konsensbildung die Rahmenbedingungen für die weitere Entwicklung festgestellt werden.

Bei diesen Rahmenbedingungen kommt der Postpolitik eine besondere Bedeutung zu, da sie über einen großen Teil der Investitionen in die Schlüsseltechnologie der Netze und der neuen Dienste entscheidet. Diese Infrastrukturentscheidungen werden nicht nur technisch, sondern auch ökonomisch und sozial verstanden, und insofern hat die Postpolitik auch eine gesellschaftliche Verantwortung. Ihre Maßnahmen werden nur dann akzeptiert, wenn sie den Datenschutz ernst nimmt und durch eine soziale Gestaltung ihrer Tarife den allgemeinen Zugang zu ihren Diensten sichert.

Fairer Interessenausgleich heißt die formale Aufgabe des Staates

Bei der Ausgestaltung des hochkomplexen sozio-technischen Systems Bildschirmtext und bei anderen neuen Diensten bemüht sich die Deutsche Bundespost also um den Konsens zwischen Anbietern, verschiedenen Gruppen von Nutzern, Datenschutzbeauftragten, Verbraucherpolitikern, Medienpolitikern etc. Kompromisse werden in der jeweiligen Situation ausgehandelt. Formal ist es Aufgabe des Staates, für einen fairen Ausgleich unterschiedlicher Interessen zu sorgen. Insgesamt ist von einer Tendenz zum Abbau von Ungleichheiten beim Zugang zu technisch vermittelten Diensten auszugehen.

In bezug auf soziale Integration ist davon auszugehen, daß trotz vermehrter Anwendung technischer Kommunikation eine Zunahme der sozialen Verarmung und gesellschaftlichen Isolation vermieden werden kann, weil hier zum Beispiel Telefernarbeit als sozio-technisches System so ausgestaltet ist, daß einerseits das technische Potential zur Dezentralisierung und Flexibilisierung der Arbeitszeit ausgeschöpft wird, andererseits aber die Organisation und Arbeitsplatzgestaltung weiterhin soziale Kontakte am Arbeitsplatz ermöglicht (dezentrale, gemeinschaftliche Telefernarbeit als Ausgestaltung sozialer Informationstechnologie im Konsens zwischen Anwendern und Arbeitnehmern).

In der Arbeitswelt haben Ergonomie, Gesundheitsschutz und abwechslungsreiche Mischarbeit Priorität. Staatliche Maßnahmen sorgen dafür, daß ein umfassender Persönlichkeitsschutz auch am Arbeitsplatz gewährleistet wird.

Mitbestimmungsregeln schon bei der Technikentwicklung

Konsens wird zum einen auf der Ebene der Sozialpartner dadurch hergestellt, daß es erstens Mitbestimmungsregeln für Arbeitnehmervertreter bereits auf der Ebene der Technikentwicklung gibt und daß zweitens die Gewerkschaften an der Technologiefolgenabschätzung und der Umsetzung von deren Ergebnissen in politisches Handeln beteiligt sind.

Diese konsensuale Strategie ist eng mit der rahmensetzenden staatlichen Strategie verbunden. Denn nur dann, wenn Konsensbildung in einem Raum einigermaßen ausgeglichener Machtverhältnisse stattfindet, wird das Ergebnis der gesellschaftlichen Konsensbildung als Kompromiß auch von allen getragen. Nur dann, wenn der Staat einen fairen Rahmen für die Konsensbildung schafft, ist sie gesellschaftlich legitimiert. Ziel ist es, in einer Kombination konsensualer, innovationsorientierter und rahmensetzender Strategie Freiheit und Selbstbestimmung in der Informationsgesellschaft optimal zu verwirklichen.

Fazit: Die Bundesrepublik beziehungsweise die Unternehmen, die hier produzieren, haben sich bisher ohne starke und gezielte Förderungsanstrengungen des Staates am Weltmarkt behauptet. Das unterstützt die These, daß die Kosten der Produktion nur ein Bestandteil der internationalen Konkurrenzfähigkeit sind. Trotz höherer Lohnstückkosten ist die Bundesrepublik auch weiterhin international konkurrenzfähig, weil sie durch die Qualität der Produkte, durch die Verläßlichkeit bei der Lieferung, die Breite und Tiefe des Angebots etc. überzeugt. Auch der soziale Friede kann als Produktionsfaktor in Rechnung gestellt werden.

Außerdem ist darauf zu verweisen, daß die sehr kurzen Lebenszyklen bei den einzelnen Produktlinien zum Beispiel der Büro- und Computertechnik immer häufiger zu einem gewissen "Investitions-Attentismus" bei den Anwendern führen und daß die allgemeine Technologiekritik zunimmt.

Die Hersteller in der Bundesrepublik müssen das entscheidende Gewicht auf die umfassende Qualifikation legen, hard- und softwaremäßig die neuen informationstechnologischen Systeme anwendungsreif zu machen. Anwendungsreife umfaßt auch die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, wie zum Beispiel den Datenschutz, die für eine allgemeine Akzeptanz der neuen Techniken an den Arbeitsplätzen und in den privaten Haushalten eine ausschlaggebende Bedeutung haben. Das kann aber nur geleistet werden, wenn die Systeme auf die spezifische kulturelle Situation des einzelnen Landes hin gestaltet werden. Hieraus ergibt sich die relative Autonomie der Bundesrepublik bei der Gestaltung der informationstechnologischen Zukunft im Binnenland zumindest bei hochkomplexen neuen Kommunikations- und Informationssystemen.

Mit zunehmendem Import ist auch bei einer langsameren Entwicklung in der Bundesrepublik nicht zu rechnen, weil die nationalen Post- und Fernmeldeverwaltungen vorrangig auf den nationalen Märkten einkaufen. Die Telekommunikationsausstattung macht aber immer noch den größten Anteil am gesamten Produktionsvolumen der Informationstechnik aus (zirka 33 Milliarden Mark: 0,8 Prozent des Sozialprodukts).

Im übrigen zeigen die Zahlen der einzelnen Märkte mit nur wenigen Ausnahmen, daß sich die Exportindustrie der Bundesrepublik bisher gut behauptet hat und daß insofern kein Anlaß besteht, im Sinne einer "nationalen Kraftanstrengung" alle Förderung auf Informationstechnik zu konzentrieren.