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13.04.1990 - 

Ost-Software auf dem Weg in die freie Wirtschaft, Teil 1

Aufholjagd: DDR-Softwerker suchen ihre Chancen am Markt

Der Softwarebranche im östlichen Teil Deutschlands stehen umwälzende Veränderungen ins Haus. Sie muß sich nach der marktwirtschaftlichen Decke strecken, will sie in den nächsten Jahren überleben. Unter Berücksichtigung internationaler Bedingungen skizziert Konrad Hochhold* Kriterien für die Wettbewerbsfähigkeit von DDR-Softwarekonzepten und gibt eine Einschätzung im Hinblick auf Kooperationen mit westlichen Firmen.

Die Ausführungen basieren auf Analysen der vorherrschenden nationalen Strategien zur Software-Entwicklung sowie deren Auswirkungen und geben Hinweise für die Tendenzen der Entwicklung des Softwaremarktes in der DDR. Die zur Verfügung stehenden wissenschaftlichen Kapazitäten bieten Voraussetzungen für Kooperationsverträge mit westlichen Firmen zur Entwicklung und zum Vertrieb innovativer Softwarelösungen in der DDR und ins Ausland.

Ähnliches gilt für den Werkzeugmaschinenbau und die polygrafische Industrie, den Schwermaschinen- und Anlagenbau, die Leicht- und Möbelindustrie sowie für die Glas- und hochveredelnde Chemieindustrie aber auch für die Baubranche und die Landwirtschaft. Eigene Konzepte können heute bestenfalls Ansatzpunkte und erste Ideen sein.

Die Erarbeitung von Technikfolgen-Abschätzungen für die Software-Entwicklung und ihren Einfluß auf industrielle und ökonomische Strukturen könnte für die kurzfristige Schaffung der Wettbewerbsfähigkeit der sich entwickelnden mittelständischen DDR-Wirtschaft von bedeutendem Nutzen sein.

Die Tochnologiestruktur ist in Ansätzen erkennbar

Die Umsetzung wissenschaftlicher Leistungen in angewandte praxisorientierte Lösungen erfolgt in stark wachsendem Maße durch technologieorientierte Software. Die jährlichen Steigerungsraten für die Inanspruchnahme dieser Leistungen liegen weltweit bei zirka 31 Prozent und wachsen permanent. In der DDR wurden hier in den vergangenen zwei Jahren nur zirka zwölf Prozent erreicht.

Die neuen Technologien, die teilweise noch ein Konglomerat darstellen, wachsen langfristig zu einer vielschichtigen Struktur zusammen. In der DDR-Wirtschaft sind die Konturen hierzu zwar schon erkennbar, da sie auf die obengenannten Industriezweige orientiert sind, eine infrastrukturelle Verflechtung hat allerdings noch nicht stattgefunden.

Die weltweiten Rückschläge für die High-Tech-Branche im Jahr 1985 führten zu einem bis dahin unvorstellbaren Konzentrationsprozeß, aus dem sich allerdings drei positive Grundtendenzen ableiten lassen:

- Der Anteil der Kooperation und der weltweiten Arbeitsteilung hat auch in der DDR-Wirtschaft seit 1987 eine bedeutende Rolle beim Aufbau einer High-Tech-Branche gespielt.

- Das Bemühen um offene Standards geht einher mit der Internationalisierung und Deregulierung der Märkte und wird getragen von den internationalen Anforderungen der Kunden und der Hardwarehersteller. Diese Entwicklung wirkte sich allerdings aufgrund der relativen Isolierung der DDR-Softwarebranche vom Weltmarkt bisher hemmend auf die Gestaltung eines eigenen Software-Binnenmarktes aus.

- Kapital und Technologie gehen eine Allianz ein, wobei Unternehmen der klassischen Großindustrien durch Aufkäufe in den High-Tech-Sektor eindringen, während Technologiefirmen in den Markt für Finanz-Dienstleistungen vorstoßen. Ein solcher Wandel ist in der DDR mit ihren starren Kombinatsstrukturen nicht erkennbar. Exportintensive Industriezweige sind allerdings auf dem Wege, eigene Kapazitäten für Anwendersoftware zu schaffen.

Telekommunikation spielt noch keine Schlüsselrolle

Die in westlichen Industrieländern bereits so zentrale Bedeutung der Software für Büro- und Telekommunikation sowie für die industrielle Automatisierung hat sich in der DDR noch nicht durchgesetzt. Die Langzeitwirkung von Betriebssystem-Umwelt, Datenbanksystemen und die breite Anwendung von Standardsoftware beeinflußt allerdings in gleicher Weise die DDR-Software-Entwicklung und den sich gestaltenden neuen Markt. Große Betriebe führten vornehmlich auf dem Gebiet der Bürokommunikation und der CAD-Technologie bedeutende Investitionen durch und sind mit bestehenden CIM-Konzepten an die Grenze der zu erwartenden Effektivitätssteigerung gestoßen.

Anders bei der mittelständischen Industrie. Im Zusammenhang ihrer Wiederbelebung ergibt sich eine bedeutende Chance für die breite Anwendung neuer Softwaresysteme. Hier ist rasch ein Mehr an Effektivität zu erzielen, da für die Weiterentwicklung, Pflege und Anpassung alter Systeme kein so hoher Entwicklungsaufwand erforderlich ist wie in westlichen Industrieländern, wo bis zu 70 Prozent der Kapazitäten gebunden werden.

Die mittleren Betriebe können sich daher zu einem hochinnovativen Markt mit strengen Anforderungen an die Verkürzung der Fristen für die Produktionsaufnahme und die Effektivität des gesellschaftlichen Arbeitsaufwandes bilden.

Die objektiven Bedingungen für die flexible Automatisierung und die Anwendung von CIM-Lösungen in der mittelständischen Industrie ergeben sich darüber hinaus aus der Produktvielfalt, dem hohen Anteil kundenspezifischer Produktentwicklung und den Qualitätsanforderungen.

Der Mittelstand ist zu neuen Projekten bereit

In diesen Bereichen gibt es ein starkes Interesse, in der sich umgestaltenden DDR-Wirtschaft schnelle und wirkungsvolle Projekte zu beginnen. Die Voraussetzungen dafür ergeben sich aus den Leistungsprofilen der derzeitigen Produktion für den eigenen Markt. Mit Sicherheit werden im Bereich der mittelständischen Wirtschaft die meisten Arbeitsplätze geschaffen, während in den Großbetrieben möglicherweise bis zu einem Viertel der Arbeitskräfte freigesetzt werden.

Daraus erwächst bei mittelständischen Betrieben eine günstige Kundenakzeptanz für die Einführung neuer Systeme. Damit verbunden ist ein spürbarer Zwang zur Erhöhung der Speicherkapazität, der Rechengeschwindigkeit und allgemein der Leistung von Hardware. Auch die Anforderungen an die Bereitstellung von Anwendersoftware im Bereich der Industrieautomatisierung und an die Schulung werden wachsen.

Außerdem benötigt der Binnenmarkt zu seiner Gesundung die konsequente Öffnung für den Weltmarkt - einschließlich der Konvertierbarkeit der Währung. Ein nicht zu unterschätzender Einfluß ergibt sich aus den Möglichkeiten für internationale Kapitalanlagen.

Die Schwerindustrie hat endgültig ausgedient

Bedeutende Erfindungen der 70er und 80er Jahre bewirkten eine völlige Umwandlung der Wirtschaftsstrukturen in den fahrenden Industrieländern. Die Schwerindustrie steht heute als "alte" den "jungen dynamischen" Industrien gegenüber:

- Industrieautomation und Automatisierungssysteme,

- Computer- und Kommunikationstechnik, die zunehmend im Telekommunikationsbereich verschmelzen,

- Gentechnologie sowie

- Energie- und Umwelttechnologie.

Diese Tendenzen gelten insbesondere in der Forschung auch für die DDR. In ihrem Kielwasser konnten über zehn Jahre hinweg kleine und mittlere Softwarefirmen in allen Teilen der westlichen Welt entstehen. Sie decken vornehmlich den Bedarf der in örtlicher Nähe angesiedelten Anwender mit Beratungsleistungen und spezifischen Anpassungen.

Nur wenige dieser Firmen konnten jedoch durch die Plazierung von Produkten in festen Bedarfsnischen mit hoher Qualität und günstigen Preisen dem Wettbewerb standhalten. In der DDR gibt es bisher keine solche Firmen. Es wird jedoch mit der Gründung einer Vielzahl kleiner Firmen auf PC-Ebene zu rechnen sein, die nur bedingt Wettbewerbschancen haben.

Bei einer Marktöffnung sind heimische Entwicklungen und ein erfolgreicher Vertrieb von anwenderspezifischen Programmen durch spezialisierte kleine Softwarefirmen wohl nicht zu realisieren. Die westliche Konkurrenz ist einfach zu stark.

Hohe Konzentration des Softwaremarktes in den USA

Die Aufträge in Westeuropa für Software der Automatisierungstechnik und Bürokommunikation kommen neben der Rüstungsindustrie aus den Bereichen

- Autoindustrie mit 24 Prozent,

- Telekommunikation mit 18 Prozent,

- Werkzeugmaschinenindustrie mit 14 Prozent,

- Dienstleistung sowie öffentliche Einrichtungen und Ämter mit acht Prozent,

- Elektronik sowie Phono- und Videotechnik mit elf Prozent.

Die Tendenzen zur Vervollkommnung des Software-Engineerings waren in den USA schon früh erkennbar. Sie sind jedoch stark abhängig von der marktbestimmenden Hardware-Entwicklung und ihrer Marktpräsenz.

Wettbewerb und Kostenargumente üben einen starken Einfluß auf die Rationalisierung und Vereinheitlichung der Softwaretechnologien aus. Der Konzentrationsprozeß in den USA hat inzwischen dazu geführt, daß 40 Unternehmen zwölf Prozent der Marktanteile binden.

Die Auslandsaktivitäten der zehn größten bundesdeutschen Softwarehäuser umfassen zirka 429 Millionen Mark. Dieses Leistungsangebot wird sehr schnell auch von DDR-Unternehmen angenommen werden. Firmen können dann die schnellsten Erfolge erzielen, wenn sie sich der Marktkenntnis leistungsfähiger einheimischer Vertriebspartner bedienen, um den Binnenmarkt-Effekt zu nutzen.

Verflechtungen kundigen sich auch in der DDR an

Eine zunehmend wichtige Rolle spielen Softwareprodukte aus der Wissenschaft für den eigenen und den industriellen Bedarf. Der hohe Innovationsgrad dieser Produkte läßt entsprechend große Profite erwarten, so daß sich möglicherweise auch schon bei Einzelverkäufen der Aufwand refinanzieren läßt. Man rechnet hier mit zehn bis 20 Verkäufen als rentabler Größenordnung.

In zunehmendem Maße werden in den Bereichen der Forschung allerdings Softwareprodukte im Auftrag für Konzerne und große Unternehmen realisiert. Da die Bezahlung häufig in Hardware oder anderen Unterstützungsformen erfolgt, ist eine klare Berechnung der Aufwendungen nicht möglich.

Darüber hinaus ist zu beachten, daß der Kampf von IBM, DEC und AT&T um die Softwarehegemonie und um Vorteile aus Standards nicht nur in den USA, sondern auch in Europa und Japan direkten Einfluß auf Entwicklungskonzeptionen und weitere Firmenverflechtungen hat.

Auch die Aktivitäten der Siemens AG und von Daimler Benz/AEG/MBB-Konzerns gehen nicht spurlos am hiesigen Markt vorüber. Ähnliche Firmenverbindungen deuten sich bei "ehemaligen Kombinaten" im Zuge der Umbildung in Kapitalgesellschaft ebenfalls an.

So wachsen bei großen Unternehmen die internationalen Verflechtungen und führen zu einer Anhäufung des notwendigen Investitionsvermögens durch die DDR-Kooperationen. Die Stärke der westeuropäischen Software-Entwickler bei der Bereitstellung anwenderorientierter Individualsoftware steht im Widerspruch zu den Tendenzen und Anforderungen der Internationalisierung des Softwaremarktes, befriedigt jedoch die Kundenbedürfnisse der DDR-Anwender in weitaus höherem Maße als jedes Standardpaket.

Hieraus leiten sich Tendenzen der Entwicklung hocheffektiver Firm-Ware-Lösungen ab, die, unterstützt durch moderne Steuerungskonzepte für den prozeßnahen Bereich sowie durch intelligente Robotersysteme und Sensorik, vorangetrieben werden. Mit diesem Konzept lassen sich die Bedingungen der kostengünstigen Herstellung von ASIC's weiterentwickeln. Das sind die Gebiete auf denen unsere Industrie Erfolg haben kann.