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24.12.1999 - 

Einige Highflyer stürzten jäh ab

Aufstieg und Fall am Neuen Markt

MÜNCHEN - Am Neuen Markt trennte sich in der zweiten Jahreshälfte die Spreu vom Weizen. Einige der mit großen Vorschußlorbeeren gestarteten Newcomer mußten ihre Gewinn- und Umsatzprognosen kräftig nach unten korrigieren. Neben der Jahr-2000-Problematik waren meist hausgemachte Gründe für den Geschäftseinbruch verantwortlich. Konsequenz war in der Regel eine Talfahrt der Aktie. Andrea Goder* greift einige Beispiele auf.

Der Grund für das Debakel so mancher vermeintlicher Highflyer ist zumindest im nachhinein einleuchtend: Oft hatten sich die Firmen vor dem Börsengang - auch mit Hilfe externer Berater - herausgeputzt, um bei den Konsortialbanken einen möglichst hohen Emissionspreis herauszuholen. Besondere Sorgfalt wurde dabei natürlich auf Business-Pläne und Bilanzkosmetik verwendet. Mitunter änderten, so Insider, einzelne Börsenaspiranten sogar den zeitlichen Ablauf des Geschäftsjahres, um so das Zahlenwerk vorteilhafter präsentieren zu können - dieses Vorgehen ist gemeinhin auch als "Window-Dressing" bekannt.

Doch die aufwendig gestalteten Firmenfassaden begannen bisweilen schnell zu bröckeln. Dann nämlich, wenn die Planungen auf einem wackligen Fundament standen und unrealistische Einnahmen und Gewinne versprochen wurden. Etwa bei den Firmen Datadesign und Cybernet, wo neben enttäuschenden Geschäftszahlen auch eine für Außenstehende kaum nachvollziehbare Business-Strategie und interne Querelen im Management bis dato klar erkennen ließen: Beim Börsengang dieser Companies fehlte vor allem eines - die Börsenreife. Ein Sachverhalt, mit dem sich auch viele der renommierten Emissions-Beratungshäuser und Venture-Capital-Gesellschaften, die sich in der deutschen Gründerszene tummeln, auseinandersetzen sollten.

Anderes Beispiel: Gigabell. Fünf Wochen nach dem Börsenstart im August stellte der Frankfurter TK-Anbieter und Internet-Service-Provider (ISP) seinen Anlegern für das Gesamtjahr 1999 statt ursprünglich erwarteter Verluste von 1,8 Millionen Mark ein Minus in Höhe von 18 Millionen Mark in Aussicht. Gleichzeitig nahmen die Hessen die offensichtlich zu ehrgeizige Umsatzprognose von 41 auf 30 Millionen Mark zurück. Die Aktie, schon nach der Erstnotiz im Minus, rauschte daraufhin erst recht nach unten.

"Natürlich ist es peinlich, seine Prognosen revidieren zu müssen", gesteht Finanzvorstand Johannes Funke ein. Als Gründe für die schlechteren Zahlen nennt er Verzögerungen beim Aufbau des neuen Geschäftsfeldes "Telefonie" und an die Deutsche Telekom AG abzuführende Interconnection-Gebühren, die höher ausfallen werden, als urprünglich geplant. Die Frage ist nun, ob auch das korrigierte Umsatzziel erreicht wird. Nach neu Monaten standen in den Geschäftsbüchern von Gigabell erst Einnahmen von 15,5 Millionen Mark, womit sich die Umsätze nur knapp über dem Vorjahresniveau bewegten.

Eine rasante Talfahrt legte im November teilweise auch die Aktie von CPU Softwarehouse zurück. Dabei schien die Welt der Augsburger - und die der Aktionäre - noch vor kurzem im Lot zu sein. Erst im September hatte Vorstandschef Jochen Furch die Gewinnprognose des Unternehmens, das sich auf Finanzsoftware für Banken spezialisiert hat, von 6,4 auf 11,4 Millionen Mark angehoben. Am Rande der Comdex in Las Vegas überraschte der Firmenchef seine Anleger dann mit einem für 1999 zu erwartenden Verlust nach Steuern in Höhe von 4,5 Millionen Mark. Der Kurs der CPU-Aktie brach daraufhin kurzfristig um über zehn Prozent ein. Die Gründe für den negativen Geschäftsumschwung konnten die Anleger in Deutschland erst zwei Tage später in einer Ad-hoc-Meldung nachlesen: "Good-Will"-Abschreibungen für Akquisitionen, zusätzliche Aufwendungen für 37 neue Mitarbeiter und Due-Dilligence-Prüfungen. Auf Veranlassung der Schutzgemeinschaft der Kleinaktionäre (SdK) kontrolliert derzeit das Bundesaufsichtsamt für den Wertpapierhandel (BAWe), ob die zu erwartenden Verluste von CPU nicht schon früher hätten bekanntgegeben werden müssen.

Die Augsburger erzielten 1998 sieben Millionen Mark Umsatz; 36 Millionen Mark sieht die angehobene Prognose für 1999 vor. In den ersten neun Monaten standen allerdings erst 14,1 Millionen Mark in der Bilanz. Ob CPU den geplanten Umsatzsprung bis zum Jahresende schafft, will man den Anlegern im Moment nicht verraten. Wenn überhaupt, dürfte dies nur durch weitere Zukäufe möglich sein. "Das Unternehmen ist im Augenblick zu einer Stellungnahme nicht bereit", war diesbezüglich von der Pressestelle lediglich zu erfahren. Negative Auswirkungen auf die Geschäftszahlen könnten auch aus einem Rundschreiben des Bundesaufsichtsamtes für das Kreditwesen erwachsen sein. Dort wurde schon vor einigen Wochen Banken die Empfehlung gegeben, Software-Installationen nicht mehr kurz vor dem Jahrtausendwechsel vorzunehmen, sondern ins erste Quartal 2000 zu verschieben.

Überhaupt hat die vielzitierte Jahr-2000-Problematik in der zweiten Jahreshälfte viele Firmen am Neuen Markt aus der Bahn geworfen. Allen voran die ERP-Anbieter, deren Lizenzgeschäft meist unter den Prognosen blieb. Abstriche von den ursprünglichen Planzahlen meldeten beispielsweise Infor Business Solutions, aber auch etabliertere Unternehmen wie PSI und Brain International.

IT-Dienstleister bekamen den vielzitierten Investitionsstau ebenfalls zu spüren. Die Begründungen, die in den letzten Wochen über die Ticker der Deutschen Gesellschaft für Ad-hoc-Publizitätspflicht ratterten, lesen sich dabei immer gleich: "Aufgrund des Jahr-2000-Problems haben Kunden Aufträge im Projektgeschäft verschoben", meldete beispielsweise die Prodacta AG. Statt drei Millionen Mark Gewinn werden beim Ettlinger Systemintegrator am Jahresende jetzt acht Millionen Verlust in der Bilanz stehen. Auch bei den Einnahmen muß sich das Unternehmen voraussichtlich mit 18 Prozent weniger als geplant begnügen.

Erwischt hat es zuletzt auch die für ihre konservativen Prognosen bekannte Cenit AG. Noch im ersten Quartal 1999 hob das Stuttgarter CAD-Systemhaus die Umsatzprognose für das gesamte Geschäftsjahr von 150 Millionen auf 166 Millionen Mark an. Eine vorschnelle Entscheidung, wie sich jetzt zeigte. Anfang Dezember mußten die Erwartungen für 1999 wieder auf 140 bis 150 Millionen Mark nach unten korrigiert werden.

"Viele Unternehmen haben schlicht unterschätzt, daß auch kleine und mittelständische Firmen bei Investitionen angesichts des Jahr-2000-Problems auf die Bremse treten werden", glaubt Ingolf Böhle, Analyst beim Bankhaus Delbrück in Frankfurt am Main. Sie tappten zudem mit unrealistischen Prognosen selbst in die Y2K-Falle. "Daß Unternehmen aufgrund des Jahr-2000-Problems ihre Zahlen nach unten korrigieren müssen, hätte nicht passieren dürfen", meint Fonds-Manager Volker Kuhnwaldt von der Hamburger Nordinvest.

*Andrea Goder ist freie Journalistin in München.