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07.02.1997 - 

Elektronische Wanderarbeiter prägen die Berufswelt

Aufträge statt Arbeitsplätze heißt künftig die Devise

"Kein Arbeitsplatz und kein Berufsbild wird langfristig mehr sicher und stabil sein", erklärt der amerikanische Ökonom Richard Locke vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Cambridge. Um die überhaupt noch zu erzielenden Einkünfte werden seiner Meinung nach künftig die Telearbeiter, die Freelancer, die Subunternehmer und die Projektarbeiter, die lediglich bei Bedarf angeheuert werden, konkurrieren. Personalberater erwarten gar "eine Revolution der Arbeitswelt", in der Vollzeitarbeiter massenhaft durch Teilzeitkräfte abgelöst werden und "elektronische Wanderarbeiter" an die Stelle von Stammbelegschaften großer Unternehmen treten.

In der Tat können Freelancer, aber auch festangestellte Beschäftigte, als sogenannte Telearbeiter ihre Aufgaben via Computer technisch gesehen erledigen, wo, wann und wie sie wollen. Die fertige Arbeit schicken sie einfach über die Datenleitung an die Unternehmenszentrale. Während sich die verschiedenen Formen der Telearbeit hierzulande nur langsam durchsetzen, gehören virtuelle Büros in den USA bereits zum Alltag. Eine Vorreiterrolle spielen dabei wieder einmal die DV-Unternehmen.

So haben beispielsweise mehrere tausend AT&T-Außendienstler ihre Tätigkeit bereits in ein solches "virtuelles Büro" verlegt. Es besteht aus einem Notebook mit Faxkarte, einer unternehmensspezifischen Software, einem tragbaren Drucker, Modem und Funktelefon. "Mein Büro ist dort, wo ich bin", erklärt einer der Kundenbetreuer, "also entweder bei mir zu Hause, auf dem Highway oder beim Kunden."

Die Vorteile für AT&T liegen auf der Hand: Das Unternehmen konnte die Hälfte der Regionalbüros schließen. Von den fast 6500 Quadratmetern in New York blieben gerade noch 2400 für das Restpersonal übrig. Darüber hinaus haben sich laut AT&T die Fehl- und Krankheitszeiten durch - wie die Amerikaner es nennen - "Home Commuting" um 25 Prozent verringert. Schließlich gäbe es genügend leichtere Erkrankungen, mit denen man zu Hause durchaus arbeiten könne.

Ulrich Klotz vom IG-Metall-Vorstand in Frankfurt setzt sich bereits seit längerem mit der virtuellen Arbeitswelt auseinander: "In der Informatikbranche zeigt sich schon heute, daß hochflexible Verbünde bürokratischen Industriegiganten zunehmend den Rang ablaufen, weil deren Haupthindernis ihre eigene Größe ist." So hätten teilweise aus bescheidenen Anfängen hervorgegangene Newcomer wie etwa Sun Microsystems, Compaq, Packard Bell, Microsoft und Netscape so manche renommierte Branchengröße seinerzeit in beträchtliche Schwierigkeiten gebracht.

Manche jüngere Informatikunternehmen würden heute mehr Subunternehmen und freie Mitarbeiter beschäftigen als Festangestellte. Beispielsweise arbeite der PC-Hersteller Compaq mit nur einer kleinen Kernbelegschaft, dafür aber mit Hunderten von Sub-Unternehmen.

In der Tat sind bei der deutschen Compaq Computer GmbH nur 275 Mitarbeiter fest angestellt. Ullrich Esser, Leiter der Unternehmenskommunikation, erklärt den Grund: "Unsere Philosophie lautet, sich auf das zu konzentrieren, was man wirklich kann. Für die Bereiche Vertrieb, Service oder Wartung haben wir uns deshalb kompetente Partner gesucht." Esser räumt allerdings ein, daß die Zusammenarbeit mit Subunternehmen mit Augenmaß betrieben werden müsse. Schließlich sei der Faktor Kommunikation innerhalb eines Unternehmens nicht zu unterschätzen. Der Compaq-Manager: "Auf keinen Fall sollte ein Unternehmen auf sich allein gestellt agieren."

Mit Skepsis betrachten dagegen Gewerkschaftsvertreter die neuen Arbeitsformen. Siegfried Balduin vom IG-Metall-Vorstand: "Mit traditionellen Gewerkschaftsinstrumenten sind weder Telearbeiter noch Freelancer zu erreichen." Die Arbeitnehmervertreter müßten sich fragen, ob und inwiefern sie für diese mobilen Beschäftigten Hilfsangebote entwickeln wollen und können. Ob es ihnen gelingen wird, Selbständige mit Dienstleistungsangeboten zu locken, daran hegt IG Metaller Klotz seine Zweifel. Um hier erfolgreich tätig zu werden, müßten die Gewerkschaften so attraktive Angebote machen, daß sie gegen Mitbewerber aus Beraterkreisen konkurrieren könnten.

Trend geht zu Rand-und Kernbelegschaften

Klotz sieht eine andere Herausforderung auf die Arbeitnehmervertretungen zukommen: "Die Menschen müssen so qualifiziert und problembewußt werden, daß sie nicht nur in der Lage sind, sich selbständig zu machen, sondern auch die darin liegenden Gefahren zu erkennen." Damit meint der Technologieberater in erster Linie die Selbstausbeutung vieler Selbständiger.

Bei der Bundesanstalt für Arbeit in Nürnberg werden die in der Informationsgesellschaft entstehenden offenen Arbeitsformen ebenfalls sehr genau unter die Lupe genommen. Arbeitsmarktexperte Werner Dostal: "Damit müssen wir uns abfinden. Vollbeschäftigung kann nicht mehr wie in früheren Jahren garantiert werden. Selbst der so hochgelobte Multimedia-Bereich wird nur geringe Arbeitsplatzzuwächse bringen." Zwar ist der Nürnberger Fachmann überzeugt, daß es weiterhin Stammbelegschaften geben wird, die langfristig an ein Unternehmen gebunden seien. Diese würden auch qualifiziert, betreut und entsprechend eingebunden.

Daneben würden jedoch Randbelegschaften existieren, die je nach Auftragslage kurzfristig engagiert würden. Um finanziell über die Runden zu kommen, müßten diese Personen dafür sorgen, mehrere Auftraggeber zu finden. Im Gegensatz zu den Stamm-Mitarbeitern seien bei den Randbelegschaften besondere Qualifikationen nicht unbedingt erforderlich. Wer sich trotzdem weiterbilden wolle, müsse die Kosten dafür allein tragen.

Das alles ist nicht ungefährlich. Dostal: "Neue Arbeitsformen bringen auch bestehende soziale Strukturen ins Wanken. Schließlich führen Selbständige keine Beiträge in die Sozialkassen ab." Wenn also keine Vollbeschäftigung mehr herrsche, sei die soziale Sicherung in absehbarer Zeit nicht mehr finanzierbar, "hier müssen die Verantwortlichen aus Wirtschaft und Politik neue Wege beschreiten."

Die bereits entwickelten Entwürfe gehen, so Dostal, von einer Grundsicherung aus, die - unabhängig von Einkommen und Besitz - aus allgemeinen Steuermitteln gezahlt werde. Alle darüber hinausgehenden Absicherungen seien Privatsache der Betroffenen.

*Ina Hönicke ist freie Journalistin in München