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10.03.1989

Augen Blicke

HANNOVER - es Dringt in die Papillen und streicht nur sanft die Oberfläche; unendlich Glatt und rauh perlt es gleichförmig ohne Regung mit unendlicher Gegenwart rechtslinks vor und zurück, schal und überwältigend fällt es den Raum,- samtweiche Transparenz öffnet Sich harter undurchdringlichkeit und bleibt verschlossen.

Der messeimmanenten Reizüberflutung zum vierten Male ein Adé mit ganz speziellem Kick, gleichsam als Überwältigung des Gewohnten durch Angriff auf die Perspektive: Artware '89. Elektronik als Medium ist Objekt und scheint gleichzeitig Subjekt zu sein; die Infragestellung der Funktion erst schafft Freiraum für Funktionen, Freiraum für neue Energie.

Die New Yorker Galeristin und Talentsucherin Holly Solomon vermittelt in einem Interview durch ihre Worte einen gangbaren Weg in eine neue Erlebniswelt: "Ich liebe die Kunst, weil die Künstler mich gelehrt haben, daß sie Träume wahr machen können". Träume, die sich auf dieser Ausstellung neuer Technologien bedienen und sie dabei zum Inhalt des Geträumten machen, Realität bewältigen durch Umgestaltung des Erlebten, quasi als materialisiertem Anstoß der Phantasie. Halle 4/2 als Krypta befreiender Aktion und entspannenden Müßiggangs.

Die Kunst von, mit und durch Technologie muß anscheinend neu begriffen werden. Nicht mehr Kunst für die "Ewigkeit" wird propagiert, sondern Kunst als Verfremdung des Realen, die sich - Paradoxen und Aufgabe zugleich - durch ihre momentane Statik der Dynamik der Realität unterwirft und sie so widerspiegelt. Anders ausgedruckt, ist und bleibt ein Gemälde ein Bild: heute, morgen und egal an welchem Ort. Die Wahrnehmung ist statisch, so wie das Werk an sich. Die Objekte der Artware '89 indes sind nur für diesen Augenblick fixiert - morgen und woanders ist nur dem ersten Anschein nach Identität gegeben.

Curator David Galloway, der für die Auswahl der Objekte in der 4/2 verantwortlich zeichnet, gibt Hilfestellung auf dem Weg zur Kunst: "In allen Künsten gibt es einen physischen Teil, der nicht länger so betrachtet werden kann wie vordem; er kann sich nicht länger den Einwirkungen der modernen Wissenschaft und der modernen Praxis entziehen. Weder die Materie noch der Raum, noch die Zeit sind seit zwanzig Jahren, was sie seit jeher gewesen sind. Man muß sich darauf gefaßt machen, daß solche Neuerungen die gesamte Technik der Künste verändern, daß sogar die Erfindung selbst beeinflußt wird, und schließlich dazu gelangen, den Kunstbegriff auf die zauberhafteste Art zu verändern". **

Befangenheit ist fehl am Platz im Umgang mit Farbkomposition auf Monitoren (Horit Herman-Peled), Klangskulptur (David Rokeby), Grafikverfremdung (Lizanne Merrill/ Soli Pierce), Lichtmustern (Clyde Lynds), Minigewittern (Ron Kuivila), Siebdrucken nach Computergrafik (Jim McLean) oder Pixelbildern (Robert Martin). Wegtauchen aus dem Messestress auch bei der Laseranimation von Paul Earls, den Traumlandschaften von Barbara Jofe und entspannendes, eigenes Erleben mit Automaten Glückman & Laimanees.

Die Artware '89 bietet Chancen. Chancen der Sensibilisierung im Umgang mit Technik und Kunst - auch mit Veränderung der Perspektive für Profis und Betrachter. Es falle allgemein schwer, so meinen Ans van Berkum und Tom Blekkenhorst in einem Essay, sich eine Einheit von Kunst und Technologie vorzustellen.

Gegenpolige Einheit

Die Kunsthistoriker und Mitarbeiter des Museums von Arnheim im Bereich elektronischer Kunst mutmaßen, daß eine uralte Partnerschaft bewußt ignoriert werde; Öffentlichkeit, Kritiker und Künstler seien hier gleichermaßen angesprochen. Dabei sei die Zusammengehörigkeit von Kunst und Handwerk vor dem 15.Jahrhundert nie in Frage gestellt worden. Erst mit Leonardo da Vinci beginne die Trennung dieser Einheit, die bedeute, "daß ein Kunstwerk geistiger Besitz seines Erzeugers war und außerhalb des Kontextes existierte, den die Auftraggeber für die Funktion festlegten". Auch heute noch, so die Galeriebesitzer Berkum und Blekkenhorst, werde Technik immer mit Geschick verbunden, während Kunst eine Sache des Geistes und der Eingebung ist, die über, allen anderen menschlichen Leistungen schwebt".

Dennoch, oder gerade auch deshalb, scheint die Möglichkeit zur Begegnung, zum Betrachten und zum Gespräch, die die Siemens AG und die Hannover Messe AG als - inhaltlich absolut unbeeinflussende Sponsoren durch die Bereitstellung finanzieller Mittel und in begrenztem Umfang auch leihweise der Technik geben, nicht nur gute Gelegenheit zur Entspannung vom bit-bestimmten Messe-Alltag - obwohl sie auch das sein will und soll.

Das Hinführen zu neuen Ausdrucksformen, das Verdeutlichen vom Künstler subjektiv erlebter Welt mit Hilfe neuester Technologien, aber auch der ureigenste Anspruch moderner Kunst, den Betrachter aktiv einzubeziehen, ist Ziel der Gestalter. So will beispielsweise Kommunikationskünstler David Rockeby mit seiner Klangskluptur "Das Echo des Narziß" den Besucher zum Hauptakteur machen und die Kontrolle über die Technologie an das Publikum abgeben. Erinnerungen an den "Aufwärtsfallenden Brunnen" von Wen-Ying Tsai auf der Artware '87 werden wach. Der Besucher damals wurde eingeladen, in die Hände zu klatschen, wobei sich als Reaktion auf dieses abrupte Geräusch Kristallsäulen aus Wasser so scharf verkürzten, daß als optische Täuschung der Eindruck eines nach oben fließenden Brunnens entstand. Nach anfänglichem Zögern der Besucher erfreute damals spielerisch-befreiendes Mitwirken des Publikums - ein beherzter Griff in den künstlerischgestaltenden Prozeß fand somit statt. Die Lust am eignen Tun verringerte Distanz für jene 60000, die in die Halle fanden.

Ähnliche Lust am Tun erwecken momentan Glückman und Laimanee mit ihren Automaten. Ein Klang- und Lichtspektakel belohnt den, der ein paar Münzen einwirft, um sich ein Mini-Kunstwerk aus dem Kasten zu erstehen - tägliche Übung erfährt so neuen Inhalt und bringt Spaß.

Glückman & Laimanee, Bundesrepublik Deutschland und Thailand. Für artware wollen die beiden Galeristen mehrere Automaten aufstellen, die sowohl ihre kleinen, zum Teil über den Computer entwickelten Kunstwerke feilbieten, als auch elektronische Licht- und Klangsteuerungen präsentieren.

Übermut kennzeichnet Joffes Welt: Was als Multi-Media-Mélange, beschwingte Pixelmalerei auf Cibachroms bezeichnet wird, ist Spiel, Naivität und Unschuld einer Welt, die - aus der Glasmalerei geboren durch den Computer Ästhetik in gekonnter Form verwirklicht.

Die Phantasie ist eine Seite moderner Medienkunst, Verfremdung eine andere. Das Ausloten der menschlichen Wahrnehmung hat sich Herbert W.Franke zum Ziel gesetzt: Mit einer Novität auf der Artware '89, die im Wechsel mit der Präsentation des "Prix Ars Electronica '88" gezeigt wird. In einer Performance verfremdet der Wiener Künstler die Choreographie eines Ballettanzes per Computer. Mittels Videoprojektion und computergesteuerten Bildtransformationen entstehen Phasen und Spurenbilder der Bewegungen einer Tänzerin. Franke greift mit dieser Performance eine Erkenntnis auf, die Derrick de Kerckhove, einer der Direktoren des McLuhan Program in Culture and Technology an der Universität von Toronto mit folgenden Worten präzisiert: "Unser Verhältnis zu uns selbst ist durch die Technik tiefgreifend verändert worden, aber unsere Wahrnehmungen sind fast die gleichen geblieben." Mit einem Zusatz, der, obwohl auf ein anderes Kunstereignis angewandt, für diesen Vorgang passend scheint: "Der Künstler zeigt uns die Veränderung. Und die Kunstformen spiegeln und schaffen eine neue Sensibilität, die uns ein Mehr an Leben bringt."

Neue Erfahrung, Bewältigung und Definition deshalb wohl - auch des Faktors "Zeit" auf dieser Expo, die dem Betrachter im Takt der Mega-Hertzen trügerisch greifbar scheint, entrinnt und neuer Bezugspunkt für das Erleben wird. Aus zweierlei Aspekt: Zum einen sind die Kunstobjekte als Abbild eines momentanen Zustandes der Erkenntnis und Phantasie des Künstlers zu verstehen, gleichzeitig aber auch gefangen in der Veränderung, die ihnen innewohnt.

Re-aktive Zeitjagd

Die Umwandlung des wahrnehmbaren Zustandes des Werkes durch Konzeption und aktives Eingreifen in den gestalterischen Prozeß bewirkt ein neues Zeitverständnis jenseits der Jagd nach menschlich unfaßbaren Intervallen im Nanosekundentakt. Der Zugang zur wiedererlebten Zeit öffnet sich dem Besucher auch durch passive Aktion: Beobachtung, Wahrnehmung und intellektuelle Verarbeitung der Kette "Urzustand - Aktio - Reaktio Ausschwingen in den Urzustand". Beliebig wiederholbar, doch nie gleich.

Befangenheit in diesem Kontext stellt Forderungen auf, Fragen nach dem Sinn und Zweck der ganzen Übung. Und doch ist gerade hier sprichwörtliches "(Mit)Wirken-lassen" das Postulat - und Wunsch der Initiatoren, die einen Gegenpol zum Alltag schaffen wollen. Messebewältigung.

* Horst-Joachim Hoffmann ist freier Mitarbeiter der Computerwoche in München

** Artware: Kunst und Elektronik, hrsg. von David Galloway, Econ Verlag, 1987, ISBN 3-43013007-7