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Kein Markt für Marktplatzsoftware


26.10.2001 - 

Aus Commerce One wird Commerce half

MÜNCHEN (CW) - Die jüngsten Quartalszahlen des Softwareanbieters Commerce One belegen: Das Geschäft mit Programmen für elektronische Marktplätze ist vorbei. Knapp die Hälfte der Belegschaft soll gehen, und die Zukunft der Firma ist nachhaltig gefährdet.

Oracle-Chef Larry Ellison ist vor allem für seinen Unterhaltungswert und weniger für sein diplomatisches Geschick bekannt: Beinahe jedes größere Softwareunternehmen wurde schon einmal zur Zielscheibe verbaler Tiefschläge des kalifornischen Yachteigners. Dies mussten im April auch die E-Procurement-Anbieter Ariba und Commerce One erfahren, als sie von Ellison auf seine persönliche "Todesliste" gesetzt wurden. Diese "Nischenanbieter" würden entweder geschluckt, oder sie verschwänden in der Bedeutungslosigkeit, lehnte sich der Oracle-Chef wie gewohnt aus dem Fenster. Das Problem ist nur: Dieses eine Mal hatte Ellison Recht, zumindest was Commerce One betrifft.

Die Entwicklung des kalifornischen Unternehmens in den ersten Tagen des Oktobers bildete den absoluten Tiefpunkt eines langen Absturzes, der Ende des letzten Jahres begonnen hatte. Erst gab Commerce One vor zwei Wochen eine Gewinnwarnung ab, dann meldete die Company kurz darauf, dass die Umsätze des dritten Fiskalquartals 2001 (Ende: 30. September) im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um knapp 30 Prozent eingebrochen sind. Hingegen weitete sich der Nettoverlust massiv aus. Als Reaktion auf das Desaster kündigte das Unternehmen an, 46 Prozent seiner Stellen abzubauen. Aus Commerce One war über Nacht Commerce 0,5 geworden.

Die vorgelegten Quartalszahlen machen auch deutlich, dass der Markt für elektronische Marktplätze kaum noch existiert. Von Juli bis September nahm das Unternehmen nur 16,7 Millionen Dollar über Lizenzgebühren ein. Im gleichen Zeitraum des Vorjahres waren es immerhin noch 65,8 Millionen Dollar gewesen. Selbst Klaus Blaschke, Zentraleuropa-Chef von Commerce One, musste unlängst eingestehen, dass sein E-Markt-Business am Boden liegt: "Es werden kaum noch neue Marktplätze eröffnet."

Insgesamt sank der Umsatz im dritten Quartal auf 81 Millionen Dollar ab, während im gleichen Zeitraum des Vorjahres noch 113 Millionen Dollar erwirtschaftet worden waren. Der Nettoverlust stieg von 61 Millionen Dollar im dritten Quartal 2000 auf nunmehr 119 Millionen Dollar. Mit diesem Minus bewegte sich Commerce One im Rahmen der eigenen Erwartungen, die in diesem Jahr allerdings bereits zweimal nach unten korrigiert worden waren. Wallstreet-Analysten gingen hingegen von rund 90 Millionen Dollar Umsatz aus.

Insgesamt betreut das Unternehmen laut Blaschke rund 170 Marktplätze, von denen 80 bereits ihren Betrieb aufgenommen haben. Das Ende des Implementierungsbedarfs ohne nennenswertes Neugeschäft ist also absehbar - weshalb Commerce One drei Tage vor Bekanntgabe der Quartalsergebnisse ankündigte, 1300 seiner gegenwärtig noch 2800 Mitarbeiter abzubauen. Rund 700 Jobs sollen gestrichen, etwa 600 Stellen in Form kleiner Tochterfirmen ausgegliedert werden. Ende vergangenen Jahres standen noch knapp 4000 Angestellte auf den Gehaltslisten der E-Procurement-Company, Ende 2001 sollen es 1500 sein.

Eiserner Besen im Consulting-BereichVon der Maßnahme ist vor allem der Consulting-Bereich des Unternehmens betroffen, der weitaus größte Teil der Stellen von Commerce One wird Blaschke zufolge daher in den USA wegfallen. Dort hatte das Unternehmen Mitte vergangenen Jahres für mehr als eine Milliarde Dollar die IT-Consulting-Firma Appnet geschluckt. Im Zentrum der Übernahme standen rund 1000 Appnet-Consultants, die Commerce One damals dringend benötigte, um die bereits verkauften Marktplätze auch zu errichten. Man hatte sich schlicht beim Personalbedarf für die elektronischen Handelszentren verschätzt.

Im Juni 2000 hatte Commerce One gegenüber Investoren und Analysten noch optimistisch verkündet, durch die Appnet-Übernahme würden vermutlich schon Ende September 2001 schwarze Zahlen erreicht. Nun sind die E-Märkte kein Thema mehr, und die Berater dürfen sich einen neuen Job suchen - "hire and fire" in Reinkultur. Allerdings zahlte Commerce One für den Deal einen hohen Preis: Im zweiten Fiskalquartal 2001 musste die Appnet-Übernahme wertberichtigt werden, insgesamt fiel ein Nettoverlust von zwei Milliarden Dollar an. Wie teuer der aktuelle Stellenabbau wird und wie viele der etwa 230 Beschäftigten in Europa ihren Job verlieren, steht noch nicht fest.

Zudem ist nicht klar, wann der zuletzt für Mitte 2002 angekündigte Breakeven eintreten wird: Es sei gegenwärtig "zu schwierig", den genauen Zeitpunkt vorherzusagen, meinte Finanzchef Peter Pevere vergangene Woche auf einer Analystenkonferenz. Die Umsätze aus dem Lizenzgeschäft pendeln sich nach Angaben des Chief Financial Officers (CFO) in den nächsten zwei Quartalen voraussichtlich bei 16 Millionen Dollar ein. Da nun viele Consultants entlassen wurden, fielen laut Pevere zudem die Beratungseinnahmen bis zum ersten Quartal 2002 um 55 bis 65 Prozent.

Um den drohenden Absturz in die Bedeutungslosigkeit zu vermeiden, will sich Commerce One schnellstmöglich neu positionieren und den Fokus künftig nur auf das Produktgeschäft legen, bestätigt Zentraleuropa-Chef Blaschke. Neben den traditionellen Marktplatz-Tools, die kontinuierlich erweitert werden sollen, kommen Programme für Auktionen, Supply-Chain-Management und verkaufsseitigen E-Commerce hinzu. Statt öffentlicher E-Märkte sollen Unternehmen verstärkt eigene Handelszentren errichten. Der übergreifende Name der neuen Strategie: Collaborative Commerce. Ihre Aussichten: düster.

Der Wettbewerb wird härterAngesichts des ruinösen Wettbewerbs in den angepeilten Produktsegmenten sind die Chancen von Commerce One, in dem Umfeld bestehen zu können, gering. Intershop, i2 und Manugistics haben selbst große finanzielle Probleme, und ob sich Auktionen im nächsten Halbjahr als Beschaffungskanal durchsetzen, scheint mehr als fraglich. Zudem kann die Fokussierung auf den Collaborative Commerce keine kurzfristige Rettung für den angeschlagenen Anbieter bringen, denn die meisten Unternehmen haben gerade erst damit begonnen, Projekte für E-Procurement, SCM oder E-Business in die Wege zu leiten. Für einen neuen Hype ist die Zeit noch nicht reif, schon gar nicht bei einer drohenden Rezession.

Zwar herrscht allerorten Sparzwang, jedoch: "Collaborative Commerce erfordert eine neue Technologieplattform", wie auf einer Powerpoint-Präsentation von Commerce One verkündet wird. Nach einem Schnäppchen für den Anwender klingt das nicht, sondern eher nach einem erneuten Umbau im Backend-Bereich. Die Nachfrage dürfte sich daher vorerst in Grenzen halten. Zudem haben die meisten IT-Abteilungen Probleme, überhaupt mit der inhaltlichen Bedeutung der Marketing-Floskel "Collaboration" Schritt zu halten: "Multiple Entities per Instance" und "Verteilte Intelligenz", so einige Schlagworte auf Commerce-One-Präsentationen, tragen nur bedingt dazu bei, den Nebel zu lichten.

Die Unabhängigkeit steht auf dem SpielFür E-Procurement-Anbieter hat sich das Blatt gewendet, meinen auch die Analysten der Butler Group. Unterstützten sie einst ihr schnelles Wachstum mit einer Vielzahl von Übernahmen, sind die Firmen inzwischen selbst in ihrer Unabhängigkeit bedroht. Angesichts der schlechten wirtschaftlichen Sitaution von Commerce One verwundert es aber nicht, dass der dringend benötigte Retter noch auf sich warten lässt. Den Spitzenplatz in der Liste der vermeintlichen Aufkäufer nimmt bei Medien und Analysten immer noch die SAP AG ein, die bereits zu etwas mehr als 20 Prozent am E-Procurement-Anbieter beteiligt und für rund die Hälfte seiner Lizenzumsätze verantwortlich ist. "Kein Kommentar", heißt es dazu in Walldorf, und auch die Commerce-One-Verantwortlichen wiegeln ab: Die Firma stehe nicht zum Verkauf, folgt das Echo aus Kalifornien. Argumente für und wider SAP gibt es viele, und nur der Softwarekonzern kann letztlich Klarheit in die Angelegenheit bringen.

"Kein Kommentar" aus WalldorfZeit dafür wäre es, denn solange die Walldorfer als Käufer gehandelt werden, wird es Commerce One schwer fallen, die rein technologischen Partnerschaften im ERP-Bereich auszubauen. Gegenwärtig sind die Marktplatzprogrammierer neben SAP noch mit Peoplesoft verbandelt, das seine Zentrale ebenfalls in der kalifornischen Stadt Pleasanton hat. Jedoch soll die Basis rasch verbreitert werden, kündigte Commerce-One-Manager Blaschke an. Nutzer der Walldorfer ERP-Konkurrenz werden sich allerdings genau überlegen, ob sie sich mit der Verpflichtung von Commerce One mittelfristig in eine mögliche Abhängigkeit von SAP begeben.

Ungeachtet aller Spekulationen will Commerce One laut Blaschke künftig mit einem "Business-Mix" Geld verdienen. Dieser setze sich aus Transaktionsgebühren und Dienstleistungen für die Marktplätze sowie dem Lizenzgeschäft zusammen: "Davon können wir leben", so der Zentraleuropa-Chef. Das Consulting und die Implementierung überlasse man hingegen den Partnern. Diese werden sich über die Nachrichten von Commerce One kaum freuen können - ebenso wenig wie die Investoren: Die Aktie des Softwareanbieters hat seit Anfang des Jahres rund 90 Prozent ihres Wertes verloren. Der Software-Index der Rating-Agentur Standard & Poor''s büßte im gleichen Zeitraum knapp zwölf Prozent ein.

Personalkarussell bei AribaDer Commerce-One-Konkurrent Ariba hat seinen dritten CEO-Wechsel in diesem Jahr hinter sich. Auf Keith Krach (Foto) folgt Robert Calderoni, der seit Ende 2000 als Finanzvorstand bei dem E-Procurement-Spezialisten arbeitet. Krach hatte erst Mitte Juli Larry Mueller als CEO abgelöst, der nach weniger als drei Monaten das Unternehmen "auf eigenen Wunsch" verlassen musste. Muellers Vorgänger war wiederum Krach gewesen. Dieser soll nun weiterhin als Vorsitzender des Kontrollrates fungieren.

Zwar gebe es noch keinen genauen Zeitplan, sagte Calderoni gegenüber der CW-Schwesterpublikation "Computerworld", aber sein erstes Ziel sei die Profitabilität des Unternehmens. Die Umsätze im vierten Fiskalquartal, das am 30. September endete, sollen zwischen 63 und 65 Millionen Dollar liegen, bekräftigte die Company in der vergangenen Woche ihre reduzierten Prognosen. Die endgültigen Zahlen wurden erst kurz nach Redaktionsschluss veröffentlicht. Im Quartal zuvor hatte Ariba einen Nettoverlust von 273 Millionen Dollar bei 85 Millionen Dollar Umsatz erwirtschaftet.

Das Unternehmen verwendet die Schlagworte "Marktplätze" und "Procurement" inzwischen sparsamer als noch vor einem Jahr. Nun bietet Ariba offiziell Lösungen an, mit denen sich die Beschaffungsausgaben verwalten lassen: "Spend Management Solutions". In spätestens sechs Monaten will die Firma daher ein eigenes Analyse-Tool für Beschaffungsprozesse in Unternehmen zur Marktreife gebracht haben.

Abb: Stabiler Abwärtstrend bei Commerce One

Vor einem Jahr sah die Welt für Commerce One noch anders aus. Inzwischen nähern sich die Lizenzumsätze dem Nullpunkt, und der Verlust weitet sich aus. Quelle: Commerce One