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14.05.1982

Aus- und Weiterbildung die wichigtigste Zukunftsinvestition

Rolf Berger InBIT, Paderborn

Obwohl wir häufig wissen oder wissen können, was uns in der Zukunft erwartet, sind wir immer wieder überrascht, wenn die Zukunft Gegenwart geworden ist. Dies gilt ganz besonders für negative Zukunftsvorhersagen.

Bereits Mitte der 70er Jahre gab es übereinstimmende Prognosen über die Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt:

1. Hohe Arbeitslosenraten ab Beginn der 80er Jahre,

2. Arbeitskräftemangel spätestens in den 90er Jahren.

Heute stehen wir vor der ersten Prognose, die inzwischen Realität geworden ist, als hätte sie uns schicksalhaft getroffen; über die zweite Prognose, die in der Realität von heute angelegt ist, wagt man angesichts bestehender Arbeitslosigkeit erst gar nicht laut nachzudenken. Und doch hängen Arbeitslosigkeit heute und Arbeitskräftemangel morgen wie folgt zusammen:

- Die aus dem Arbeitsleben ausscheidenden Jahrgänge sind aufgrund der Bevölkerungsverluste im zweiten Weltkrieg verhältnismäßig gering; die Altersstruktur der Erwerbstätigen ist also unverhältnismäßig jung.

- Die geburtenstarken Jahrgänge drängen auf den Arbeitsmarkt; erst in der zweiten Hälfte der 80er Jahre wirkt sich der sogenannte Pillenknick aus; die Bevölkerung sinkt bis zum Jahre 2000 um rund zehn Prozent ab.

- Die Hochlohnpolitik der 70er Jahre und der internationale Wettbewerbsdruck zwingen die Unternehmen, mit Hilfe technologischer Rationalisierung die Produktivität zu steigern, der wissenschaftlichtechnische Wandel bewirkt im Produktions- und Dienstleistungsbereich zumindest relative personelle Einsparungen.

Dies alles wissen wir heute. Doch was tun wir? Statt einer aktiven Ausbildungspolitik, ausgerichtet auf die Notwendigkeiten der 90er Jahre, versuchen Schulen und Hochschulen, die "Quantitäten" zu bewältigen, ohne ihre Lehrinhalte neu zu definieren. Aber auch die Wirtschaft dringt zu wenig darauf, daß die Berufsausbildung zukunftsorientiert ausgerichtet wird. Bei Arbeitskräfteüberschuß kann es sich der Arbeitsmarkt leisten, die Schwachen sozial auszumendeln. Statt Voraussicht erleben wir allenthalben Reaktion. Dabei müßte die Wirtschaft, die über den Arbeitsplatz von morgen aufgrund ihrer Produktentwicklungen am besten Voraussagen machen kann, auch am ehesten in der Lage sein, den Arbeitsplatz von morgen und die künftigen Arbeitsweisen zu beschreiben.

Arbeitsplatz und Arbeitsweise von morgen

Wie sieht dieser Arbeitsplatz aus, auf den wir heute wegen der langen Ausbildungszeiten hin ausbilden müßten? Arbeitsplatz und Arbeitsweise von morgen sind vor allem durch folgende schon heute wirksame Tendenzen gekennzeichnet:

- Automation aller menschlichen Routinearbeiten,

- Einsatz intelligenzverstärkender Technologien bei der Systemplanung und Systemsteuerung,

- komplexer Kommunikationsverbund in der Arbeitsorganisation.

Die auf Arbeitsplatz und Arbeitsweise einwirkenden Tendenzen sind maßgeblich durch Maschinenentwicklungen bestimmt, die aufgrund technischer Entwicklung eine Beschleunigung des technischen Wandlungsprozesses erreicht haben. Es besteht die Gefahr, daß unsere Bildungs- und Ausbildungssysteme spätestens in den 90er Jahren wegen Überalterung kollabieren und die menschliche Anpassungsfähigkeit, wenn sie nicht systematisch geschult wird, nicht mehr mithält.

Sich auf diese Wandlungen durch Aus- und Weiterbildung vorzubereiten, ist nicht nur eine Zukunftsaufgabe, sondern auch eine Zukunftsinvestition. Dabei ist immer wieder erstaunlich - und ich füge hinzu, mit Entsetzen - festzustellen, daß auch in der Industrie und Wirtschaft die Kapitalinvestition viel stärker im Planungsbewußtsein verankert ist als die Humaninvestition. Während von der ökonomischen Theorie bis zur unternehmerischen Praxis Investitionsplanungen von den Zeit- bis zu den Finanzaspekten detailliert betrachtet und berücksichtigt werden, tut man bei den menschlichen Ressourcen so, als ob sie weitestgehend verfügbar und vor allem jederzeit zumindest mit kurzfristigen Anpassungsmaßnahmen qualitativ einsetzbar sind. Diese Annahmen der Vergangenheit werden sich für die Zukunft als falsch erweisen.

Heutige Entwicklungen der Technik konzentrieren sich auf den Einsatz solcher menschlichen Gehirntätigkeiten, die routinisierbar sind. Die Gehirnfunktion des Speicherns, Verknüpfens, Kombinierens und Selektierens sind seit Erfindung der neuen Informations- und Kommunikationstechnologien erstmalig nachgebildet und, was das "Über-Menschliche" ist, in der logischen und systematischen Perfektion, der Speicherfähigkeit und der Geschwindigkeit der Verarbeitung überboten worden.

Die Lernfähigkeit muß erweitert werden

Bei ungenügender Vorbereitung auf diese Entwicklungen durch eine die Lernfähigkeit erweiternde Aus- und Weiterbildung kommt der Mensch physisch und psychisch nicht mehr mit diesen technischen Entwicklungen mit. Wer es schafft, die menschlichen Fähigkeiten im Gleichklang mit den technischen Fähigkeiten zu fördern, wird Wettbewerbsvorteile erzielen.

Wegen der Bedeutung dieser Zukunftsinvestition "Mensch" muß noch deutlicher gemacht werden, warum das Zurückbleiben der menschlichen Fähigkeiten hinter den technischen Möglichkeiten zu erwarten und dementsprechend die Gefahr für die wirtschaftliche Produktivität zu sehen ist:

- In unseren Bildungsinstitutionen von der Grundschule bis zur Hochschule ändern sich die Ausbildungsinhalte immer langsamer als die industrielle Technologisierung. Der durch Informatik und Telematik erzwungenen neuen Alphabetisierung steht in unseren Bildungseinrichtungen ein modernes Analphabetentum der Lehrenden gegenüber, das mit billiger Technikkritik häufig nur ideologisch übertüncht wird.

- Die Technologiestrukturen verändern sich schneller als Organisationsstrukturen. Erfahrungsgemäß geben bestehende Organisationsformen menschliche und soziale Sicherheit; Veränderungen werden von den meisten Betroffenen negativ empfunden. Weder haben Ingenieure gelernt, technische Entwicklungen auf bestehende und damit bekannte Organisationsformen der Arbeit hin zu reflektieren und auszurichten, noch haben allgemeinbildende oder berufsbildende Ausbildungsinstitutionen bislang in ihren Zielkatalog die Einübung der Veränderungsanpassung durch den Mitarbeiter aufgenommen.

Es ist heute eine gepflegte Haltung geworden, wegen des überwiegend öffentlich-rechtlich organisierten Bildungssystems die Politik für den Ausbildungs- und Schulungsbereich verantwortlich zu machen; häufig wird der eigene Unmut mit Kritik befriedigt. Gefordert ist aber Handlung; denn was nützt die Kritik heute, wenn morgen wegen mangelnder Vorbereitung in der Ausbildung die industriellen und wirtschaftlichen Anforderungen nicht mehr erfüllt werden. Zwei Leistungen sind deshalb zu erbringen:

1. Industrie und Wirtschaft haben klarer als bisher und in Form detaillierter Vorschläge die Notwendigkeiten an die künftigen Ausbildungsinhalte der allgemeinbildenden Schulen wie der beruflichen Ausbildung zu formulieren.

2. Notfalls haben Industrie und Wirtschaft, wenn das öffentlich-rechtliche Bildungssystem seinen Mangel an Reaktionsfähigkeit und -geschwindigkeit nicht überwindet, durch Gründung eigener Ausbildungseinrichtungen - von der Gründung eigener Werksberufsschulen bis zu Privatuniversitäten - neue Akzente der Zukunftssicherung im Bildungsbereich zu setzen.

Ich habe den Eindruck, daß nur der Wettbewerb der Instititutionen die Herausforderung an die Selbstgenügsamkeit des öffentlich-rechtlichen Bildungssystems sein kann. Bildungspolitik ist wegen des gesellschaftlichen Humankapitals zu wichtig, als daß sie Bildungspolitikern allein oder gar den Kultusverwaltungen überlassen bleiben dürfte

*Dr. Rolf Berger ist Mitglied des Instituts für Betriebsorganisation und Informations-Technik (InBIT), Paderborn. Der Gastkommentar ist die gekürzte Fassung des Vortrags, den der Referent auf dem CeBIT-Kongreß "Kommunikation im Büro" am 23. April 1982 gehalten hat.