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11.05.1990

Ausbildung: Industrie und Professoren liegen im Clinch

Über die Informatik-Ausbildung an Hochschulen läßt sich seit Jahren vortrefflich streiten. Den einen ist sie zu theoretisch ausgerichtet, den anderen schon wieder zu praxisorientiert. Während Vertreter der Industrie sich ein kurzes Studium mit mehr praktischen Elementen wünschen, die die Studenten realitätsnah auf das Berufsleben vorbereiten, weisen die Professoren immer wieder auf ein solides, theoretisches Grundlagenwissen hin, das nicht den gerade geltenden Trends in der Industrie angepaßt werden kann.

In einem Fach, dessen Absolventen sehr begehrt sind, richtet sich von selbst das Interesse auf die Ausbildung. Und so gibt es denn auch viele Meinungen, wie diese Ausbildung auszusehen habe und was man besser machen könnte.

Bei der Siemens AG in München ist Frank Heinrich, Personalverantwortlicher im Bereich Daten- und Informationstechnik (DI), grundsätzlich zufrieden mit der Ausbildung der Informatiker. In seiner Abteilung sind 500 beschäftigt, 330 mit Hochschulabschluß und 170 mit Fachhochschulabschluß.

Gleichwohl sieht Heinrich einige Kritikpunkte an der Informatik-Ausbildung.

In erster Linie nennt der Siemens-Personalverantwortliche die lange Studiendauer, ohne daß "erkennbar mehr relevante Inhalte vermittelt werden". Die Ursachen liegen seiner Meinung nach in den großen Studentenzahlen, die von vielen Hochschulen nicht mehr bewältigt werden könnten, sowie in überfrachteten Studienplänen.

Die Professoren hätten nicht den Mut, "Inhalte zu streichen die früher relevant waren, heute aber überholt sind." Damit müsse immer mehr Stoff pro Semester bewältigt werden, und auch das Anfertigen der Diplomarbeiten dauere zunehmend länger. Unter dieser Stoffdichte leide dann letzten Endes die Praxisnähe. Heinrich: "Es soll Diplominformatiker geben, die während ihres gesamten Studiums nie programmiert haben."

Der Personalverantwortliche hat auch gleich ein paar Vorschläge parat, was man in Zukunft besser machen könnte:

- Verkürzung der Studiendauer durch Stoffreduzierung,

- Beschränkung der Dauer der Diplomarbeiten auf höchstens sechs Monate,

- Verstärkung der Praktika an Hochschulen,

- Unterstützung der Zusammenarbeit mit Unternehmen bei der Vergabe von Diplomarbeiten.

Rainer Fritsch, zuständig für das Personal-Marketing bei der Software AG in Darmstadt, ist ebenfalls nicht glücklich über die langen Studienzeiten an deutschen Universitäten. Es stört ihn jedoch nicht so sehr, wenn die angehenden Informatiker diese Zeit für Praktika oder als Werkstudenten nutzen. Bei der Einstellung achtet er deshalb in erster Linie auf die praktische Erfahrung und erst dann auf die Anzahl der Semester, die der Kandidat an der Alma Mater verbrachte.

Fritsch lobt die umfassende Informatik-Ausbildung und das breite Theoriespektrum, das an der Universität angeboten wird. Er sagt aber deutlich, wer in seinem Betrieb keine Chance bekommt: "Wir brauchen keine Spezialisten." Was ihm weniger gefällt und was er in letzter Zeit festgestellt hat, formuliert er so: "Einige Professoren legen zu großen Wert auf neue Systeme wie ,Künstliche Intelligenz' und vernachlässigen die alten. Wir brauchen Leute, die zum Beispiel in Assembler programmieren können."

Fritsch bemängelt an den Universitäten das Fehlen von Kursen zum Erwerb außerfachlicher Qualifikationen. Diese Fähigkeiten werden immer mehr von Hochschulabsolventen erwartet, und auch die Personalabteilungen schauen darauf, ob Studenten etwa über gute Sprachkenntnisse verfügen oder sich gar der Mühe unterzogen haben, einen Rhetorikkurs oder ein Seminar über Projekt-Management zu besuchen.

Lutz Kern, Leiter der Akademie für Fach- und Führungskräfte der Informatik der Integrata AG, Tübingen, ist ebenfalls der Meinung, daß der Praxisbezug der Informatik-Ausbildung besser sein könnte. Aus seiner Erfahrung weiß er, daß "viele Hochschulabgänger im Unternehmen Trainee-Programme durchlaufen, um auf die Praxis vorbereitet zu werden". Er plädiert für den verstärkten Einsatz von anwenderorientiertem Wissen, und zwar in den Bereichen

- Software-Engineering,

- Projekt-Management,

- Informations-Management und

- DV-Organisation.

Auf der anderen Seite nennt der Tübinger Akademieleiter als besonderen Pluspunkt das hohe Niveau der allgemeinen DV-Theorie.

Informatik-Professoren weisen ihrerseits deutlich darauf hin, daß die Ausbildung zum Diplom-Informatiker in der Bundesrepublik trotz der existierenden Rahmenordnung sehr heterogen sei. Klaus-Peter Löhr, Professor für Informatik an der Freien Universität Berlin: "Es gibt ein breites Spektrum zwischen stark theoretisch-mathematischer und mehr praktisch-methodischer Ausrichtung." An echter Programmierroutine (in Sprachen wie Pascal oder Modula) werde es bei vielen Absolventen mangeln, auch bei den weniger theoretisch orientierten Studiengängen. Der Grund dafür liege darin, daß "Programmierpraktika, Projekte und ähnliches sehr zeitaufwendig sind und von den Studenten häufig gemieden werden".

In der Arbeitswelt sollte nicht erwartet werden, so Löhr, daß die Absolventen fließend in Cobol, Fortran oder gar Assembler programmieren können. Diese Sprachen spielen aus gutem Grund keine Rolle mehr im Studium und sollten nach einer guten Ausbildung in kürzester Zeit erlernbar sein.

Wenn "Praxisnähe" verlangt wird, so vermutet Löhr, sei nicht nur Programmiertechnik und -methodik, sondern das gesamte Gebiet "Softwaretechnik" gemeint. "Hier hatte die Informatik-Ausbildung schon immer Mängel, weil Softwaretechnik vielfach nicht als wissenschaftliche Disziplin angesehen wurde", betont der Berliner Professor. In den letzten Jahren seien aber zunehmend neue Hochschullehrer-Stellen für Softwaretechnik geschaffen worden, so daß hier eine Besserung zu erwarten sei.

Sicher könnten bei vielen Informatik-Studiengängen die praxisbezogenen Komponenten verstärkt werden. Allerdings "darf man nicht das Kind mit dem Bade ausschütten und die fachliche Breite und theoretische Fundierung zu sehr beschneiden", kommentiert Löhr.

Der Professor kennt natürlich die Klagen der Industrie über die zu langen Studienzeiten und bedauert auch, daß die Sechs-Monate-Frist für eine Diplomarbeit in der Regel nicht eingehalten wird. Allerdings stünden die Informatiker mit ihren zwölf bis 13 Semestern Studienzeit im Vergleich zu anderen Ingenieurwissenschaftlern nicht so schlecht da.

Löhr räumt ein, daß die Universitäten mehr tun müßten, wenn es um die Ausweitung des Studiums mit außerfachlichen Qualifikationen geht: "Wir wollen keine Schmalspurstudenten". Er verlangt von seinen Studenten in den Seminaren, die Referate in freiem Vortrag zu halten und legt Wert auf eine auch sprachlich sauber zusammengestellte Hausarbeit. Aber andererseits meint er: "Wir können nicht die Fehler der Schule ausbügeln und das Aufsatzschreiben lernen ".

Professor Bernd Radig von der Technischen Universität München kann die Vorwürfe der Industrie in bezug auf Praxisferne der Hochschulen nicht nachvollziehen und erläutert die Situation seines Informatik-Bereiches an der Münchner Technischen Universität: In der bayerischen Hauptstadt befinden sich 40 Prozent von Deutschlands High-Tech-Industrie, also ist es selbstverständlich, daß man praxisnah ausbildet und gute Kontakte zur Wirtschaft pflegt, so der Professor. Immerhin gebe es in seinem Fachbereich fast 20 Lehrbeauftragte aus der Industrie, die den Studenten erzählen können, wie die DV-Realität aussehe.

Er plädiert für praxisnahe Projekte schon während der Studienzeit und kann seinen Studenten zum Teil Arbeiten in ausländischen Projektgruppen anbieten. Dies sei ein erster Schritt, sich außerfachliche Qualifikationen anzueignen. Er glaubt aber nicht, daß es Aufgabe seines Fachbereichs sei, spezielle Kurse dazu anzubieten. Die Studenten könnten etwa Kurse der betriebswirtschaftlichen Fakultät besuchen, wo Seminare zu Themen angeboten werden, die in der Industrie gefragt seien, wie Projekt-Management oder Budgetplanung. Radig: "Als Student hätte es mir nicht gepaßt, wenn mir jemand vorgeschrieben hätte, was ich tun sollte. Die Industrie kann ja ihre Wünsche kundtun, letzten Endes ist es die Entscheidung des Studenten, ob er sich an diesen Wünschen orientieren will oder auch nicht."

Auch Professor Franz Stetter vom Lehrstuhl für praktische Informatik an der Universität Mannheim kann die Klagen der Industrie nicht mehr hören. Die Vorwürfe seien doch schon seit Jahren bekannt. Er stellt klar: "Die Hochschule bildet nicht für den Markt aus." Ihre Aufgabe bestehe darin, Fundamente fürs ganze Berufsleben zu schaffen. Es könne nicht angehen daß die Hochschulen die Wünsche der Industrie erfüllen, denn "was heute aktuell ist, wird wahrscheinlich in zehn Jahren nicht mehr gefragt sein, und die Studenten sollen nicht auf irgendwelche Erfordernisse der Industrie vorbereitet werden". Wichtig sei, daß sich ein Absolvent so schnell wie möglich in ein Gebiet einarbeiten könne. Im übrigen muß sich ein Arbeitnehmer beim Firmenwechsel auch zunächst auf eine neue Situation einstellen. Den fertigen Spezialisten von der Universität wird es nicht geben, betont Stetter. Der Mannheimer Professor, der auch Sprecher des Fachbereichs 7 für Ausbildung und Beruf an der Gesellschaft für Informatik ist, will keinen Spezialisten, aber auch keinen Fachidioten. Immerhin bestehe ein breiter Katalog an Fächern aus dem die Informatik-Studenten ihr Nebenfach aussuchen könnten. Das Nebenfach mache 20 bis 25 Prozent der Gesamtstudienleistung aus. Erfreulich sei in diesem Zusammenhang, daß sich zunehmend mehr Informatiker als Nebenfach Betriebswirtschaft aussuchten. "Die Studenten sind sehr ziel- orientiert und wissen, was in der Industrie verlangt wird", hat Stetter festgestellt.

Natürlich wisse auch er, daß die Studienzeit in der Bundesrepublik lang sei. Und es sei durchaus möglich, daß sich die bundesdeutschen Informatiker bei der Arbeitssuche im gemeinsamen Markt 1993 schwertun könnten, denn die Kollegen aus England oder Frankreich seien doch um einiges jünger.