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Business Continuity: Die Rückversicherung der Branche


04.02.2000 - 

Ausfall-Rechenzentren schützen gegen Katastrophen

MÜNCHEN (kk) - Ausweich-Rechenzentren führen ein Leben im Schatten der IT. Jeder Anwender ist froh, wenn er die Dienste nicht in Anspruch nehmen muss, aber dankbar, wenn er im Katastrophenfall darauf zurückgreifen kann. Ein Preis- und Leistungsvergleich der Angebote lohnt sich.

Zweifelnd steht der Redakteur vor dem Firmengebäude: Dieser Komplex aus Glas und gebrannten Ziegelsteinen soll Schutz bieten gegen Erdbeben, Feuer, Wasser, und - wegen der Nähe zum Münchner Airport - vielleicht sogar einem Flugzeugaufprall standhalten? "Guardian IT GmbH" steht auf dem Klingelschild. Eingeweihte wissen, dass es sich bei dieser Firma um ein Unternehmen handelt, das sich das Motto "Business Continuity" auf die Fahnen geschrieben hat. Mithin verbirgt sich hinter den soliden Eisentoren ein Ausweich- oder Notfall-Rechenzentrum.

Robert Jeffares, bei Guardian verantwortlich für Operations und Services, hört das Wort "Notfall-Rechenzentrum" nicht gerne. "In Deutschland treten Naturkatastrophen, die Rechenzentren gefährden, praktisch nicht auf. Ebenso spielen Stromschwankungen oder -ausfälle anders als in Großbritannien oder den USA bei uns kaum eine Rolle." IT-Manager könnten so auf die Idee kommen, sich die Ausgaben für Desaster Recovery zu sparen - ein verhängnisvoller Fehler, der mit fatalen Folgen bestraft werden kann. Die Analysten von Meta Group schätzen, dass Unternehmen in Deutschland im Durchschnitt mindestens zwei Ausfälle der Informationstechnik pro Monat erleben.

Das US-Marktforschungsunternehmen Find/SVP berichtet, dass allein der Ausfall eines Platten-Arrays bei Verkehrsbetrieben in der Stunde knapp 9500 Dollar kostet, bei Fertigungsunternehmen 26700 Dollar und beim Wertpapierhandel über 29000 Dollar. Stürzt ein System komplett ab, dann erreichen die Kosten astronomische Größen. Die Marktforscher von Strategic Research haben ausgerechnet, dass Börsenmakler mit Verlusten in Höhe von 6,5 Millionen Dollar pro Stunde kalkulieren müssen. Kreditkartenunternehmen verlieren demach 2,6 Millionen Dollar und Banken, deren Geldautomatensystem stillsteht, entgehen in der Stunde rund 14500 Dollar an Gebühren. Nicht enthalten in diesen Untersuchungen und auch schwer abzuschätzen sind Folgekosten wie Strafen für Terminüberschreitungen oder ein angeschlagenes Image in der Öffentlichkeit.

Guardian-Manager Jeffares setzt auf "Business Continuity", also die Sicherstellung des unterbrechungsfreien Ablaufs von Schlüsselprozessen im Unternehmen. Wichtig sei es, den Kunden zu beraten, Szenarien durchzuspielen und die Einflüsse von Systemausfällen auf den Geschäftserfolg zu analysieren. "Manchem Kunden wird erst durch die Beratung die Tragweite seiner Entscheidung bewusst."

Anders als privatwirtschaftliche Unternehmen sind beispielsweise Kreditinstitute gesetzlich dazu verpflichtet, Risiko-Management zu betreiben. Die Richtlinien für das Kreditwesengesetz schreiben entsprechende Prozeduren ebenso vor wie das "Gesetz zur Kontrolle und Transparenz im Unternehmensbereich" (KonTraG), das für Aktiengesellschaften gilt. Versorgungsunternehmen, staatliche Einrichtungen oder Unternehmen im Gesundheitswesen sind ebenfalls an die Einhaltung von Risikobestimmungen gebunden.

Den IT-Managern der meisten Großfirmen sind Notfallpläne ins Pflichtenheft geschrieben. Burghard Schuster ist beim Pharmazieunternehmen Lilly Deutschland GmbH unter anderem für diesen Bereich verantwortlich und hat selbst für seine Firma einen Notfallplan erstellt. Seit 1995 nimmt seine Firma die Recovery-Services von IBM in Anspruch. Big Blue betreibt in Deutschland sowohl zwei stationäre Versorgungsrechenzentren in München und Mainz als auch fünf mobile, die auf LKWs installiert sind. Lilly hat Verträge für beide Varianten.

Schuster musste die Dienste von IBM schon einmal für einen der vier installierten AS/400-Server in Anspruch nehmen. Ein Fehler in der Stromversorgung des Betriebsgeländes verursachte Probleme bei der elektrischen Spannung, so dass Strom über die Erdungsleitung floss und "dreimal am Tag eine AS/400 kaputtgeschlagen hat". Vier bis fünf Wochen dauerte die Suche nach dem Grund für die Ausfälle. In dieser Zeit arbeitete die Mannschaft in einem Ausweichrechenzentrum der IBM.

Mittlerweile hat Schuster die Notfallprozeduren so weit verfeinert, dass er für jedes Computersystem, das in Produktion geht, eine Backup-Lösung einplant. "Das ist Teil eines jeden DV-Projekts, das wir in Angriff nehmen." Vorbereitet ist er auch für die Ankunft des mobilen Rechenzentrums, das in regelmäßigen Abständen für Recovery-Tests auf das Lilly-Firmengelände fährt: "Da werden dann nur zwei, drei Kabel eingesteckt und schon läuft das Ding."

Im Gegensatz zu anderen Anbietern wie Guardian, Info AG oder Comdisco hält die IBM keine Kundendaten vor. "Der Kunde sichert seine Produktionsdaten selbst, wir halten für ihn das Rechenzentrum bereit, aber ohne Daten", erklärt Werner Boemer, IBMs Serviceverantwortlicher für die mobilen Vorsorgeservices und alle Midrange-Systeme. Auch für die Anwendungsprogramme ist der Kunde verantwortlich. "IBM stellt die CPU-Rechenleistung zur Verfügung, das ist die gängige Art", so Boemer über das, was als "warme" Katastrophenvorsorge bezeichnet wird.

Big Blue könnte auch die "heiße" Variante anbieten, bei der im Ausweich-Rechenzentrum die gespiegelten Daten mitlaufen, doch dafür gibt es bei IBM derzeit keine Kunden. "Das Spiegelrechenzentrum müsste per Datenleitung angehängt sein, da ist die Hemmschwelle sehr hoch." Neben den hohen Leitungskosten schreckt die Anwender wohl auch die Furcht vor unberechtigtem Datenzugriff ab.

Lilly-Manager Schuster nutzt für die Auslagerung der wöchentlich gezogenen Sicherungsbänder, die für eine eventuelle Wiederherstellung der Daten vorgesehen sind, eine spezielle Firma, die den Datenbestand in feuerfesten und klimatisierten Safes unterbringt. Zusammen mit dem täglichen Backup glaubt Schuster für etwaige Ausfälle gerüstet zu sein, denn er nutzt zusätzlich Big Blues stationären Service. Der stellt sicher, dass die wichtigsten Anwendungen seiner Midrange-Rechner innerhalb von weniger als 48 Stunden lauffähig sind. "Das gilt auch für unsere Niederlassungen beispielsweise in Italien." Dass sich das stationäre Recovery-Zentrum in England befindet, hat einen einfachen Hintergrund: "IBM konnte mir zum damaligen Zeitpunkt in Deutschland kein entsprechend dimensioniertes Rechenzentrum anbieten."

Wie wichtig die Rechenkapazität des Notfall-Servicecenters beziehungsweise der entsprechend formulierte Vertrag ist, musste Edwin Mink von der Ciba Chemie erfahren. Auch ihm war seine AS/400 ausgefallen, und er bestellte den mobilen IBM-Service. "Die Überspielung der Daten auf das Ausweichzentrum hat um die 80 Stunden gedauert, da es zu leistungsschwach war. Bis dann war die hauseigene Maschine ebenfalls wieder lauffähig. Das bedeutet, wir haben den Service überhaupt nicht genutzt." Ciba betreibt jetzt selbst Vorsorge und leistet sich ein zweites Rechenzentrum.

Hohe Kosten nimmt auch der Chemiekonzern Lilly in Kauf: "Sie müssen bei IBM für eine AS/400 mit Servicegebühren in Höhe von rund 90000 Mark im Jahr rechnen", berichtet Schuster. Diese Zahlen bestätigt IBM-Manager Boemer, der die monatlich anfallenden Gebühren für eine AS/400 - je nach Ausstattung - auf 2500 bis 15 000 Mark beziffert. Will der Kunde eine S/390 absichern, muß er monatlich mindestens 8000 Mark an IBM überweisen, nach oben sind praktisch keine Grenzen gesetzt.

Die Info AG nimmt für eine Unix-Maschine mindestens 1800 Mark im Monat, Guardian ab rund 3000 Mark im Jahr. Preisvergleiche dürften sich für Anwender sicher lohnen, jedoch sollte auch auf die genaue Ausstattung des Servicevertrags geachtet werden. Von Bedeutung ist dabei beispielsweise, ob die Maschinen exklusiv für den Kunden zur Verfügung stehen oder im "Sharing"-Verfahren auch von anderen Kunden genutzt werden können.

Beispielsweise bedient IBM maximal 40 Kunden mit einem mobilen Vorsorgezentrum, das mit AS/400-Maschinen bestückt ist. Kommen neue Kunden hinzu, wird ein weiterer LKW angeschafft, "und der ist nicht unter 600000 Mark zu haben", erklärt IBM-Manager Boemer. Derzeit rollen fünf mobile IBM-Servicecentren durch Deutschland. Drei sind mit AS/400-Rechnern bestückt, eines enthält eine RS/6000 SP. Sogar ein Mainframe hat Räder unter den Füßen: Die S/390 beansprucht zusammen mit Peripherie allerdings gleich drei Truck-Aufleger.

Ein weiterer wichtiger Punkt im Servicevertrag ist die Anzahl der zur Verfügung stehenden Ausweich-Arbeitsplätze. Die Info AG kann derzeit 75 Leute unterbringen, eine Erweiterung sei aber jederzeit zu bewerkstelligen, erklärt Ole Berninger vom Hamburger Dienstleister. Kostenfrei können Kunden mit Vertrag bei Guardian die Notfall-Arbeitsplätze nutzen, zumindest sechs Wochen lang. Auch die Comdisco Continuity Services Deutschland GmbH (CCS) in Eching bei München bietet diesen Service an. "125 Leute können wir in unserer Work Area unterbringen", erklärt Günther Karl, Vertriebschef von CCS. Besonders stolz ist er auf die moderne Ausstattung des Arbeitsbereichs insbesondere mit Bandbreite. "Selbst Broker haben alle Leitungen und Dienste zur Verfügung."

Guardian, Comdisco, Info AG

Guardian bezeichnet sich selbst als die Nummer drei im deutschen Markt für Business Continuity, hinter IBM und der Info AG (siehe Tabelle). Der Rang scheint allerdings gefährdet, da sich Anfang Dezember 1999 die Comdisco Continuity Services Deutschland GmbH (CCS) aus dem Comdisco-Firmenverbund herausgelöst und als eigenständiges Unternehmen in Eching bei München gegründet hat. Nach Angaben von Vertriebschef Günther Karl bemüht man sich derzeit darum, die deutschen Kunden (rund 30 Firmen), die bislang in ausländischen Comdisco-Rechenzentren untergebracht waren, auf die hiesige Niederlassung zu überführen. Angeboten werden alle Services (warmes und heißes Backup), Online-Datenspiegelung ist über EMCs Symmetrix-Speicher auch ohne Rechner möglich. Unter den verfügbaren Servern fehlt nur der Mainframe.

Guardian, 1991 in Großbritannien ins Leben gerufen, erreichte 1995 durch Management-Buyout erstmals Eigenständigkeit. Seit 1998 ist die Muttergesellschaft Guardian IT an der Londoner Börse notiert. Die deutsche Niederlassung übernahm Anfang vergangenen Jahres die Abteilung für Mainframe-Recovery des Debis Systemhauses, mit dem zuvor ein Joint Venture bestand. Derzeit unterhält das Unternehmen neben dem Firmensitz München ein zweites Rechenzentrum in Frankfurt am Main, das im ehemaligen Bosch-Center untergebracht ist. Bosch agiert für die Sicherheitsspezialisten auch als Vertriebskanal.

Guardian stellt bis jetzt den Kunden die Rechner exklusiv zur Verfügung, denkt aber nach Aussagen von Operations-Manager Jeffares derzeit auch über Sharing-Modelle nach. Fast alle denkbaren Services werden angeboten, Online-Datenspiegelung oder nur das sichere Verwahren von Backup-Bändern in Tresorräumen. Ebenfalls groß ist die Auswahl an Servern: Vom IBM-Mainframe bis zum Compaq-Proliant, selbst eine Numa-Q-Maschine von Sequent läuft im Rechenzentrum.

Business Continuity ist bei der Info AG eines von drei Geschäftsfeldern. Angeboten werden Services für Backup (Verfügbarkeit) bis zum Teil-Outsourcing und der Online-Datenspiegelung. An Rechnern stehen dem Kunden vom Mainframe, AS/400 und den gängisten Unix-Maschinen auch Compaqs Intel-Server zur Verfügung. Wählen kann er auch, ob er eine dediziert nur für ihn reservierte Maschine buchen will oder die kostengünstigere Sharing-Lösung kauft.