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28.07.2000 - 

IT-Forschung/Technopark: Firmen stehen Schlange

Ausgründungen der GMD: Der Sprung ins kalte Wasser lohnt sich

Forschung bedeutet bei der GMD immer auch Anwendung. Der Informationstechnik verpflichtet, konzentriert sie sich auf Gebiete, die aus der Verknüpfung der Wissenschaften Physik, Chemie und Biologie entstehen. Für die Anwendung und wirtschaftliche Verwertung der Ergebnisse sind Ausgründungen zuständig. Gerda von Radetzky* schaute sich dort um.

Ein Haus ohne Gecko hat in Griechenland kein Glück. Die kleinen Vierfüßler, die jede Wand erklimmen, sei sie auch noch so steil, stehen auch für die "Gesellschaft für Kommunikation und Kooperation", kurz Gekko. Ein Projekt namens "Kommunikation und Kooperation" brachte die bei der GMD Forschungszentrum Informationstechnik GmbH in Sankt Augustin arbeitenden wissenschaftlichen Mitarbeiter Denis Giffeler und Hans Huber auf die Idee, eine Gesellschaft gleichen Namens zu gründen. Denn nach Abschluss eines Projekts heißt es: "Mach deinen Doktor oder geh", da es nur befristete Stellen gibt. Sie sind gegangen, warfen 1994 ihr Geld zur Gründung einer Gesellschaft bürgerlichen Rechts (GbR) zusammen und mieteten einen Raum auf dem Gelände des Zentrums. So entstand eines der ersten Spinoffs der GMD. Ein paar gebrauchte Büromöbel und die anfangs kostenlose Anbindung ans Deutsche Forschungsnetz hielten die Ausgaben in Schach. Mittlerweile wurde der Technopark gebaut, Gekko zog in einen gläsernen Turm.

Ohne jedes Fremdkapital expandiertSankt Augustin liegt Bonn gegenüber. Kontakte zu Behörden und Medien sind normal. Den ersten großen Auftrag erhielt Gekko vom Westdeutschen Rundfunk, die gesamte Hörfunkproduktion sollte digitalisiert und ein Intranet für 1500 Teilnehmer installiert werden. Am Ende stand ein 30 Terabyte großes Tonarchiv mit Web-gestützten Suchfunktionen, das ständig wächst. Den Gewinn steckten die Macher in die Gründung einer GmbH, die seit 1995 ohne jedes Fremdkapital expandiert. "Wir waren von Anfang an in der Gewinnzone", vermerkt der Informatiker und Jurist Giffeler stolz. Gekkos Angebot umfasst heute zahlreiche Dienstleistungen rund um Inter- und Intranet. Für die Zukunft sieht Huber "beliebig viel Arbeit" in Firmen mit gewachsenen Strukturen und daher unterschiedlichster Hard- und Software, die verknüpft werden muss, so dass ein durchgehender Workflow ohne Medienbrüche entsteht. Ein Standbein ist die CD-ROM-Produktion. Zur Zeit entsteht eine Scheibe für die Dasa, mit der der Nutzer virtuell zu den Planeten fliegen kann. Die 3D-Visualisierung erledigt Entec, ein weiteres Fraunhofer-Spinoff.

Entec hat sich auf die Medizin verlegt. Prozesse, die im menschlichen Körper ablaufen und normalerweise nicht sichtbar sind, werden in anschauliche dreidimensonale Bilder umgesetzt und auf CD-ROM gepresst. Eingesetzt werden sie als Lernsoftware bei angehenden Medizinern, nicht nur in Deutschland. Zur Zeit entsteht eine CD-ROM, die werdenden Müttern zeigen soll, wie sich ein Kind entwickelt, ein Vermarkter wird gesucht.

Medizin ist auch das Feld von Localite. Der Name ist Programm: Die Forscher entwickelten eine Software, die es Medizinern erleichtern soll, Tumore im Gehirn zu orten und damit die Kernspintomografie zu verbessern. Eingesetzt wird ein solches System bereits am Klinikum Krefeld.

Es sind nicht nur die Jungen, die den Sprung ins kalte Wasser wagen. Einer von ihnen, Wolfgang Appelt, hatte als 50-Jähriger mit seinem GMD-Team 1996 den mit einer Million Mark dotierten Europäischen Software-Innovationspreis gewonnen. Zwei Jahre darauf gründete er die Orbiteam. Das Produkt "Basic Support for Cooperative Work Systems" (BSCW) ist eine Software, die den Workflow in und zwischen Unternehmen unterstützt. Den Markterfolg - Appelt beziffert ihn auf ein jährliches Wachstum von 30 Prozent - führt er auch auf die Marketing-Methode zurück: Jeder Interessent kann die Grundversion eine Weile kostenlos auf dem GMD-Server nutzen. Durch das Feedback erfährt Orbiteam, was die Kunden wollen, und kann Wünsche individuell umsetzen. Denn darin liegt das eigentliche Geschäft: Großkunden wie Deutsche Telekom, British Telecom, IBM oder Volvo erhalten auf ihre spezifischen Bedürfnisse zugeschnittene Software in Lizenz. Das bringt Orbiteam rund 50 Mark pro Jahr und Anwender - bei der British Telecom gbt es rund 7000 Benutzer.

Gekkos Kunden aus dem ministeriellen Umfeld zogen nach Berlin, der Lurch folgte. Das Innenministerium ließ gerade das für die gesamte Regierung zuständige Beschaffungsamt (www.bescha.bund.de) ins Netz setzen. In Berlin sitzen auch die GMD-Töchter First und Fokus. 1997 nabelte sich auch Novedia ab. Dieser Anbieter hat sich wie Gekko der Dienstleistung rund um das Internet verschrieben. Nach drei Jahren macht er mit knapp sieben Millionen Mark doppelt so viel Umsatz wie Gekko.

Billigen Raum erhielten die Berliner über die Technische Universität, zu der der 1999 hinzugestoßene Wirtschaftsingenieur Henning Stiegenroth beste Beziehungen hat. Er lehrt an der TU "Grundlagen unternehmerischen Handels für Informatiker" und zieht damit Nachwuchs an. Denn eines beklagen alle Spinoffs: den Mangel an Arbeitskräften mit Know-how.

Die GMD soll zum 1. Januar 2001 mit der Fraunhofer-Gesellschaft vereint werden. Beiden ist gemein, dass sie anwendungsorientierte Forschung betreiben. Das dürfte einer der Gründe für die vielen erfolgreichen Spinoffs sein. Giffeler von Gekko weist allerdings nachdrücklich darauf hin, dass die vom Start weg positive Bilanz auf eine "Politik der knappen Mittel", der Investitionen in Weiterbildung der Mitarbeiter und in hochwertige Hard- und Software zurückzuführen seien, vor allem aber auf die ideale Kombination zwischen ihm und Huber. Der kennt als Informatiker nicht nur die Sache, sondern lernte an der Kölner Kunsthochschule für Medien die Mediengestaltung. Mit Horz Informatik zusammen hat Gekko die Jobbörse des WDR entwickelt.

Ob allerdings der Technopark in Sankt Augustin eine Domäne der Startups bleibt, ist ungewiss. Denn einziehen kann jeder. So residiert inzwischen dort auch die Deutsche Telekom, Xync hatte das Nachsehen. "Aber unsere Produkte laufen so gut, dass uns das nichts mehr ausmacht", meint Xync-Gründer Thorsten Mika.

Gute Kontakte zu Studios taten ein ÜbrigesDas Unternehmen stellt Tracking-Systeme für Kameras in Fernsehstudios her, die neben RTL und Sat 1 die größte japanische Fernsehanstalt NHK einsetzt. Damit werden Hintergründe wie Räume oder Landschaften simuliert. "Zur Zeit entwickeln wir eine Technik zur Verfolgung von Personen und Objekten. Der Moderator geht dann quasi durch den Wasserfall hindurch", meint der Erfinder. Auch er führt seinen Erfolg auf die angewandte Forschung bei der GMD zurück, die obendrein über ein virtuelles Studio verfügt, in dem die ersten Schritte ausprobiert werden konnten. Gute Kontakte zu Studios unter anderem in Frankfurt am Main und München taten ein Übriges, potenzielle Kunden zu überzeugen, so dass auch Xync nicht auf Fremdkapital angewiesen ist.

Viele der Spinoffs wollen unabhängig bleiben, bei manchen klopfen die Großen an. So auch bei Secude, das sich mit Verschlüsselung über Smartcards beschäftigt. Aus einem von SAP beim GMD-Institut für sichere Telekooperation in Darmstadt in Auftrag gegebenen Forschungsvorhaben entstand eine Diplomarbeit, dann sorgten die Walldorfer für Kontakte zur Großindustrie. Seit letztem Jahr gehört Secude mehrheitlich der Deutschen Bank.

Hoffnung auf das Berliner Spinoff Ivistar setzen T-Venture, die Risikokapital-Tochter der Deutschen Telekom, dazu das Bankhaus Wölbern und die DEWB, der Venture-Kapital-Bereich von Jenoptik. Sie alle glauben an die totale Steuerung via Web: Der User programmiert vom Büro aus online den Videorecorder daheim, stellt die Heizung auf 19 Grad und die Stereoanlage so ein, dass ihn beim Öffnen der Haustür sanfte Mozart-Klänge empfangen. Die Geschäftsidee beruht auf der Annahme, dass Gebäudetechnik und Internet immer mehr zusammenwachsen.

Die erst Ende Januar gegründete AG erhielt im Mai eine Geldspritze in Höhe von 1,8 Millionen Mark. Die Europäische Raumfahrtagentur (ESA) will damit die Entwicklung von "Sat Xpress", einem asymmetrischen Highspeed-Internet-Dienst, fördern. Der 55-jährige Unternehmensgründer Siegfried Dickhoven startete zwar mit einem Team aus der GMD heraus, verband sich aber sofort mit der bereits 40 Mann starken Media Motion AG, einem Kölner Multimedia-Unternehmen. Das brachte auch das den Wissenschaftlern fehlende kaufmännische Know-how mit.

Technik muss nicht im Vordergrund stehenGanz auf das Web haben sich Dialogis, Globit, Human IT, IKV, Iviews und RMH verlegt: Von virtuellen dreidimensionalen Messeauftritten über Verfolgungssoftware bis zu Simulationen reichen die Funktionen der angebotenen Produkte.

Technik muss aber nicht im Vordergrund stehen, wie die Agenda Consult beweist. Gründer Markus Rohde sieht ein wesentliches Manko bei Unternehmen in der Trennung zwischen IT-, TK- und Personalabteilung, die er als "Bildungsabteilung" bezeichnet. Die Kluft will er durch Beratung unter Einsatz multimedialer Lernsoftware überbrücken: "Wird ein System eingeführt, werden diejenigen, die es anwenden sollen, meistens übergangen. Es gilt, nicht das eine dem anderen nachzusetzen, sondern die Organisations- und Technikentwicklung mit der Bildungsentwicklung gleichzeitig in Angriff zu nehmen." Die Liste der Kunden liest sich wie das Who-is-Who deutscher Wirtschaft.

Die 20 Ausgründungen aus den acht Instituten der GMD spiegeln den deutschen Innnovationsmarkt wider (siehe Tabelle). Sankt Augustin bietet dazu eine hervorragende Infrastruktur: leistungsfähige Telekommunikation, Labors, Studios, Bibliotheken. Und die Kölner Region liefert die ersten Auftraggeber.

Der Faktor Mensch dürfte aber den größten Ausschlag für den Erfolg der Startups geben. Das ungeheuer breite und differenzierte Know-how wird nicht isoliert, Zusammenarbeit heißt die Maxime. Es ist ein Geben und Nehmen. Auch die GMD selbst profitiert: Forschungsaufträge aus der Industrie häufen sich.

Was den meisten an Technik interessierten Jungunternehmern fehlt, ist die Kunst, sich in die Rolle des Kunden zu versetzen. Marketing ist für viele ein Fremdwort, Öffentlichkeitsarbeit betreibt kaum einer. Andererseits wollen Firmen aus der Region aus dem vielfältigen Wissen schöpfen und stehen Schlange, um sich im Technopark niederlassen zu können. Jetzt soll er erweitert werden. Es fehlt wie üblich an Geld, Investoren sind willkommen (www.technopark.de).

*Gerda von Radetzky ist freie Journalistin in München.