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09.04.1993 - 

Jahresversammlung beschliesst Neuorientierung

Ausloeser der IBM-Krise sind fuer Guide-Chef die Anwender

Um den gegenwaertigen DV-Trends zu Dezentralisierung und Offenheit Rechnung zu tragen, sollen die thematischen Schwerpunkte der Arbeitskreise und -gruppen neu ausgerichtet werden. Zudem strebt der Verein eine Annaeherung an die konkurrierenden User-Gruppen Share und Common Europe an.

"Wir werden uns von einer proprietaeren zu einer offenen Organisation entwickeln", lautete die Parole, die der deutsche Chairman Juergen Dostal auf der 25. Guide-Jahresversammlung ausgab. Die 19 Arbeitskreise und 56 Arbeitsgruppen werden demnach ihre Arbeitsschwerpunkte verlagern. Kuenftig sollen nicht IBM-Produkte, sondern DV-strategische Themen wie die Realisierung von Client- Server-Architekturen oder das Downsizing im Vordergrund stehen.

Die Worte des Guide-Vorsitzenden, der sein Amt seit Monaten zur Verfuegung stellen moechte, aber bisher keinen Nachfolger finden konnte, haben bei der IBM Gewicht: Immerhin sind in dem Benutzerverein rund 2500 Unternehmen organisiert, davon allein 700 deutsche Anwender. Das Who-is-who der deutschen Wirtschaft gibt sich im Guide ein Stelldichein.

Allerdings steht der Verein in dem Ruf, sein Gewicht als Anwendervertretung niemals in die Waagschale zu legen. So hatte die IBM von den hier organisierten Kunden in der Vergangenheit kaum Schwierigkeiten zu erwarten. Man verhielt sich zurueckhaltend, Kritik drang aus den Reihen des Guide nie an die Oeffentlichkeit - wohl auch deshalb, weil bislang weder Nichtmitglieder noch Pressevertreter Zutritt zu den Veranstaltungen hatten.

Heute geben sich die Anwender zwar noch immer herstellerloyal, doch sie schlagen einen selbstbewussteren Ton an als frueher: "Wir werden unsere Interessen gegenueber der IBM deutlicher vertreten", kuendigte

Dostal an. Der Vorsitzende, hauptberuflich Geschaeftsfuehrer der Debis Systemhaus Network Services GmbH in Eschborn, spielte damit nicht zuletzt auf die Vielzahl von unbeantworteten Requirements an - Forderungen der Anwender, die IBM zur Zeit nur in Ausnahmefaellen beantwortet.

Deutlich zeigte sich auf der Jahresversammlung auch, dass die Kunden ihre DV-Strategie heute weniger am Angebot eines Herstellers ausrichten als frueher. Vor allem die Hardware hat an Bedeutung verloren. "IBM-Rechner sind nicht mehr das Mass aller Dinge", bekundete Dostal. Guide-Mitglieder kauften inzwischen bei vielen Herstellern, wobei der Preis eine zentrale Rolle spiele.

Die Folgen dieses Kaufverhaltens erkennt der Guide-Chef sehr wohl: "Wir als Anwender sind die Ausloeser der Krise der IBM", analysiert der Chairman. Der Grossrechner sei ins zweite Glied zurueckgetreten, Client-Server-Architekturen, das Betriebssystem Unix und die zugehoerige Hardware, die ueberall zu haben sei, haetten auch bei den Vereinsmitgliedern deutlich an Gewicht gewonnen. "Wo die IBM einstmals dominiert hat, gibt es heute einen staerkeren Wettbewerb."

Dass die IBM diesen Wettbewerb schmerzlich zu spueren bekommen hat, ging unter anderem aus den Grussworten des Bremer Geschaeftsbereichsleiters Hasso Eberleh hervor. Der IBM-Sprecher bemuehte sich, die Krise des Marktgiganten in einen historischen Kontext zu stellen. Einen wahren "Kulturschock" habe Big Blue vor 25 Jahren erlitten, als das Unternehmen zum Unbundling, der getrennten Vermarktung von Hardware, Software und Dienstleistungen, gezwungen worden sei.

Vor einer aehnlichen Situation stehe das Unternehmen heute. Ein Preisdruck, der durch den Standardisierungstrend der letzten Jahre entstanden sei, habe Big Blue schwer unter Druck gesetzt. Damals wie heute werde die IBM diese Krise ueberwinden. Erfolgsfaktoren fuer sein Unternehmen sieht Eberleh vor allem im Angebot kompletter Loesungen, Dienstleistungen und proprietaerer Systeme, dort, "wo diese ueberlegen sind". Der "Monolith IBM" muesse aufgeteilt werden, damit er auf die Anforderungen von Teilmaerkten reagieren koenne. Die Kooperation mit Partnerunternehmen in Vertrieb, Forschung, Software-Entwicklung und Produktion sei ein zentraler Erfolgsfaktor.

Dass es aber gerade die proprietaeren Systeme sind, die vielen Guide-Mitgliedern heute Kopfzerbrechen machen, wurde beispielhaft in einem der insgesamt mehr als 50 Fachvortraege deutlich. Volker Loehr, System Manager VSE bei der IBM in Boeblingen, stellte in seinem Beitrag das neue Release VSE/ESA 1.3 vor.

Die 31-Bit-Adressierung sowie eine Vielzahl von Eigenschaften zur Oeffnung des proprietaeren Systems fanden zwar den Beifall der Zuhoerer, doch die entscheidende Frage konnte Loehr nicht beantworten: "Welche Zukunft hat VSE ueberhaupt bei der IBM?"

Da Big Blue die Unterstuetzung der VSE-Version VSE/SP ab September (Version 3) beziehungsweise ab naechstes Jahr (Version 4) einstellt und die Anwenderschaft nach VSE/ESA herueberziehen will, ist bei vielen Kunden Unruhe entstanden.

Weil niemand so recht weiss, ob und in welcher Form IBM diese Anwender langfristig unterstuetzen wird, steht die Frage im Raum, ob aus Gruenden der Investitionssicherung ein Upgrading vollzogen werden soll oder ein grundsaetzlicher Umstieg auf eine neue, Unix-orientierte Strategie ratsam ist.

Hinzu kommt der Unmut, einer zwar ueberarbeiteten, aber vom Konzept her voellig veralteten und ausserdem zu teuren Technologie ausgesetzt zu sein. Ein Anwender bringt es auf den Punkt: "In der VSE-Welt ist man auf die 31-Bit-Adressierung stolz, Windows NT wird schon bald 32 Bit unterstuetzen, die naechste AS/400-Generation sogar 64 Bit." Von der fehlenden Grafikfaehigkeit wolle er gar nicht erst reden. Das Preis-Leistungs-Verhaeltnis stimme angesichts dieser technologischen Schwaechen nicht mehr.