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Der MIPS-Wahn ist Gift fuer eine umweltgerechte Politik


22.10.1993 - 

Ausrangiertes Computergeraet bereitet Entsorgungsprobleme

Die industrielle Produktion hat bisher weit schneller zugenommen als die entsprechenden Entsorgungskapazitaeten. Mangelndes Umweltbewusstsein hat uns Muellberge beschert. Dem Elektroschrott ist nicht so leicht beizukommen. Vereinzelte Erfolge beim Recycling aendern nichts an der Notwendigkeit langlebigerer Produkte.

Die Bundesregierung hat sich das Ziel gesetzt, die Hersteller in die Entsorgungsverantwortung zu nehmen. Die Verpackungsverordnung stellte einen ersten Schritt in diese Richtung dar. Fuer komplexe technische Produkte sind die Elektroschrott-Verordnung, unter die Computer fallen, sowie die Altauto-Verordnung in Planung. Abgerundet wird diese Entwicklung durch die geplante Novellierung des Abfallgesetzes zu einem Kreislaufwirtschafts- und Abfallgesetz.

Nach der geplanten Elektroschrott-Verordnung muessen zukuenftig Hersteller von elektronischen Produkten diese zur Verwertung zuruecknehmen beziehungsweise einen Dritten damit beauftragen. Importeure sollen Herstellern gleichgesetzt werden; das heisst, sie treten in die Verantwortung des auslaendischen Herstellers.

Jaehrlich 1,5 Millionen Tonnen Elektroschrott

Auch wenn die genaue Formulierung und der Termin des Inkrafttretens der Elektroschrott-Verordnung noch immer diskutiert werden, gilt es fuer produzierende und importierende Unternehmen bereits heute, Recyclingkonzepte zu entwickeln und umzusetzen, um den aktuellen Marktanforderungen genuegen zu koennen.

Nach einer Abschaetzung des Zentralverbandes Elektrotechnik- und Elektronik-Industrie (ZVEI) werden mit Inkrafttreten der Elektroschrott-Verordnung alleine in den alten Bundeslaendern jaehrlich etwa 1,5 Millionen Tonnen Elektroschrott anfallen. Der Anteil von Computern wird dabei nach verschiedenen Abschaetzungen zwischen einem und zehn Gewichtsprozent betragen. Die vielfach zu hoerende Meinung, Elektroschrott bestehe fast ausschliesslich aus Computern, resultiert unter anderem absurderweise aus der Tatsache, dass einige Computerhersteller - beispielsweise Digital, Siemens-Nixdorf und IBM - sich fruehzeitig im Recycling engagiert haben.

Computer enthalten eine Vielzahl von Bauteilen und (Werk-)- Stoffen. Schon die bestueckten Leiterplatten umfassen nahezu die gesamte Palette der chemischen Elemente, die in zum Teil toxischen Verbindungen auftreten. Die Komplexitaet bereitet Schwierigkeiten beim Recycling, eine Trennung in die urspruenglichen Stoffe ist unter oekonomisch und oekologisch vertretbarem Aufwand oft nicht moeglich.

Recyclingprozesse muessen sich nach der werkstofflichen und chemischen Zusammensetzung der Altprodukte richten. Oft fehlen den Recycling-Unternehmen jedoch die Informationen darueber. Ohne die Unterstuetzung von Herstellern oder Importeuren koennen die Recycler nicht erkennen, ob gewisse Teile eine besondere Massnahme, beispielsweise die Untertagedeponierung, benoetigen oder nicht. Dies fuehrt einerseits zu unnoetigen Umweltbelastungen durch unsachgemaesses Recycling, andererseits durch uebertriebene Vorsicht zur unnoetigen Inanspruchnahme von Sonderabfallkapazitaeten.

Wie sieht die Computerentsorgung heute aus? Es setzt sich immer mehr der Gedanke durch, dass eine manuelle Geraetedemontage zumindest auf der Baugruppenebene notwendig ist, um sachgerechte Recyclingmassnahmen sicherzustellen und um nach sogenannten Fraktionen wie Platinen, Kabeln, Kunststoffgehaeusen etc. zu sortieren. Sie lassen sich anschliessend speziellen Verwertungsverfahren zufuehren. Die Demontage erfolgt heute vielfach unsystematisch, das heisst ohne Geraetesortierung und Losbildung, mit einer begrenzten Anzahl an Vorrichtungen, ohne Arbeitsplaene und nicht in Linie. Das widerspricht modernen Fertigungsmethoden. Die Darstellung von Recyclingverfahren fuer die durch Demontage erzielten Fraktionen sei im folgenden auf die drei problematischen Bereiche Platinen, Bildroehren und Kunststoffteile beschraenkt.

Platinen aus Altcomputern waren aufgrund von Gold-, Silber- und Platingehalt jahrelang ein begehrter Abfall. Mittlerweile konnte der Einsatz dieser Edelmetalle in der Platinenproduktion verringert werden, so dass die Goldgraeberstimmung nachgelassen hat. Stand der Technik zur Rueckgewinnung der Metallanteile (hauptsaechlich Kupfer) ist die pyrometallurgische Verhuettung. Die Platinen werden in die Kupferverhuettung gegeben, das Kunststoffbasismaterial verbrennt, und die Metalle gehen in die Kupferschmelze ein, aus der sie elektrolytisch abscheidbar sind.

Platinen enthalten als Flammschutz zumeist halogenierte Additive, die bei Erhitzung zu hochgiftigen Dioxinen und Furanen fuehren koennen. Dabei weisen die Flammschutzmittel unterschiedliche Bildungspotentiale fuer Dioxine und Furane auf. Die Verarbeitung von Platinen in der Kup- ferschmelze kann man aufgrund der Flammschutzproblematik nicht als optimale Loesung betrachten.

Neuerdings lassen sich der metallische Anteil auf der einen Seite und Kunststoff- sowie Verstaerkungsstoffe auf der anderen durch ein kaltes Verfahren trennen. Platinen, von denen Elektrolytkondensatoren und voluminoese Bauteile entfernt sind, werden gemahlen und die Trennung in Fraktionen durch physikalische Verfahren erreicht. Die Metallfraktion laesst sich nach einer elektrolytischen Trennung wieder einschmelzen, die Kunst- und Verstaerkungsstoff-Fraktion geht entweder in die Deponierung oder wird zu einfachen Produkten wie Paletten verarbeitet.

Zweiter problematischer Bestandteil des Computerschrotts sind die Bildroehren von Monitoren (im Elektronikschrott zusaetzlich Fernseher). Das Glas ist stark blei- beziehungsweise bariumhaltig, die Beschichtung auf der Innenseite des Frontglases enthaelt seltene Erden. Aufgrund der grossen Stueckzahlen, der hohen Dichte des Glases sowie des grossen Volumens von Bildroehren ergeben sich beachtliche Mengen dieser Fraktion.

Bildroehren-Recycling weiterhin problematisch

Die Bildroehrenverwertung war lange nicht gesichert. IBM beispielsweise hat alte Bildroehren zwischengelagert, bis das Unternehmen eine Verarbeitungsmoeg- lichkeit fand. Zur Stofftrennung haben sich zwei grundsaetzliche Verfahren herauskristallisiert. Zum einen werden zur Glastrennung spezielle Bildroehren-Shredder mit einem sich anschliessenden Loesungsprozess fuer die Leuchtschicht eingesetzt. Andererseits existieren auch Ansaetze, das chemisch unterschiedliche Front- und Konusglas in einem Stueckprozess voneinander zu trennen und anschliessend ebenfalls die Beschichtung zu loesen.

Waehrend beim ersten Verfahren die beiden unterschiedlichen Glassorten gemischt bleiben, erfolgt beim zweiten eine Trennung nach Glassorten. Doch durch den Trennungsprozess ist die eigentliche Aufgabe, die Verwertung des Glases, noch nicht erfolgt; sie bleibt schwierig.

Der Einsatz von Altglas in der Fertigung von neuen Bildroehren ist beschraenkt, da die chemische Zusammensetzung des Glases in der Produktion aufgrund von technischen Produktaenderungen staendig variiert und eine Vielzahl unterschiedlicher Glassorten in den Altgeraeten enthalten sind.

Die Verwertung des Glases im Bauwesen, in Keramik sowie die Weiterverarbeitung zu Schaumglas und dessen Einsatz im Strassenbau sind noch umstritten. Der Verdacht, dass sich Schwermetalle aus den Glaesern eventuell auswaschen lassen, ist noch nicht eindeutig ausgeraeumt.

Schwierigkeiten bereitet auch das Recycling der Kunststoffteile. Die Hersteller setzen in elektronischen Produkten viele unterschiedliche Kunststoffe ein. Eine sortenreine Sammlung und Verarbeitung ist deshalb oft nicht moeglich, zumal noch immer viele Kunststoffteile keine Materialkennzeichnung aufweisen.

Neben Deponierung oder Verbrennung bleibt als Verwertungsmoeglichkeit praktisch nur die Herstellung dickwandiger Produkte wie Blumenkuebel und Gartenbaenke, in denen das Kunststoffgemisch lediglich als Fuellstoff dient. Der Markt fuer solche Erzeugnisse ist bereits gesaettigt, so dass dieses Verfahren keine Loesung bietet.

Computerrecycling kostet Geld fuer eine Rueckfuehrlogistik, fuer die Computerdemontage, fuer die sich anschliessenden Recyclingverfahren sowie fuer die Gebuehren der Entsorgung nichtverwertbarer Anteile. Ein gutes Recyclingkonzept verbindet Oekologie und Oekonomie. Es vereint die auf den ersten Blick sich widersprechenden Ziele, die oekologische Belastung ebenso zu minimieren wie die Kosten.

Einen entscheidenden Schritt dazu stellt die erneute Verwendung von Computern und Peripherie sowie Baugruppen und -teilen dar. Einige Computerher- steller arbeiten einen Teil ihrer Altprodukte bereits auf. Sie pruefen die Geraete und setzen sie eventuell instand, bevor sie als Gebrauchtprodukte wieder auf den Markt kommen. Auch gibt es Beispiele dafuer, dass Baugruppen aus Altgeraeten nach Pruefung in den Ersatzteilmarkt gehen. Die Firma Covertronic in Haaren zum Beispiel betreibt die erneute Verwendung sogar bis auf die Bauteilebene der Speicher-Chips und Mikroprozessoren.

Welche Entwicklungen lassen sich fuer das Computerrecycling innerhalb der naechsten Jahre erwarten? Weitere, spezifische Verwertungsverfahren duerften entwickelt werden. Bei Platinen werden die elektronischen Bauelemente in das Bewusstsein ruecken. Es erscheint aus oekologischer Sicht unbefriedigend, dass in dem erwaehnten, sich durchsetzenden Trennverfahren fuer Platinen die in den elektronischen Bauelementen gebundenen toxischen Stoffe aufgeschlossen und verteilt werden und damit in die werthaltige Metallfraktion eingehen koennen. Eine nichtzerstoerende Trennung der Bauelemente von der Leiterplatte koennte hier eine Loesung darstellen.

Im Bildroehrenbereich wird der Mengendruck zu neuen innovativen Verwertungswegen fuehren, sowohl in der Sekundaerverwertung als auch in der Bildroehrenproduktion. Auf Dauer wird aber auch die Aenderung der Produkttechnologie - von der Elektronenstrahlroehre hin zum LCD-Bildschirm - einerseits fuer eine Entlastung sorgen, andererseits mit stark reduzierten Gewichten und Volumen neue Recyclingaufgaben stellen.

Die recyclinggerechte Produktgestaltung stellt einen wichtigen und komplexen Ansatz dar und ist fuer Hersteller eine lohnende Investition in die Zukunft, die ihm Entsorgungsverantwortung und das damit verbundene wirtschaftliche Risiko auferlegen wird. Entwicklungs- und Konstruktionsabteilungen haben es in der Hand, das Computerrecycling zu vereinfachen.

Aufgaben fuer Entwickler und Konstrukteure

Deshalb gehoeren Recyclingaspekte bereits heute in das Pflichtenheft fuer Neuentwicklungen und muessen bei der Konstruktion bedacht werden. Erste Computer, die modular aufgebaut und mit wenigen, leicht zu loesenden Verbindungselementen ausgeruestet sind, lassen sich einfacher und unter geringeren Kosten demontieren, als das bei herkoemmlichen Produkten der Fall ist. Neben der Demontierbarkeit gilt es, die Verwertbarkeit der eingesetzten Teile und Werkstoffe zu beruecksichtigen.

Beispielsweise erleichtert eine Minimierung der Zahl der eingesetzten Werkstoffe die Verwertung. Die Beschraenkung auf zum Beispiel zwei recyclingfreundliche Hauptkunststofftypen ueber das gesamte Produktprogramm laesst den Einsatz von alten Gehaeuseteilen zur Produktion von qualitativ hochwertigen Produkten, auch neuen Gehaeuseteilen, zu.

Unabhaengig von der Notwendig- und Wichtigkeit des Produktrecyclings duerfen uns Erfolge in diesem Bereich nicht die Augen verschliessen vor einer weitergehenden Tatsache: Der hohe Stoffdurchsatz unserer Industriegesellschaft ist aus oekologischer Sicht auf Dauer nicht aufrechtzuerhalten. Im Computerbereich mit seinen schnellen Innova- tionszyklen wandern zu viele funktionsfaehige und hochwertige Produkte zu schnell auf den Schrott. Wo immer moeglich, hat das primaere Ziel deshalb eine Verlaengerung der Lebensdauer von Produkten und Komponenten zu sein.

Diplomwirtschaftsingenieur Andreas Becker arbeitet freiberuflich als Berater fuer Umweltmanagement und Produktrecycling in Berlin.