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Ausverkauf im Open-Source-Lager?

28.03.2006
Große Player der IT-Branche interessieren sich immer stärker für Open-Source-Firmen.

Von CW-Redakteur Ludger Schmitz

Mehr zum Thema

www.computerwoche.de/go/

573263: Loiacono: "Die Zukunft der Software heißt teilen."

572854: Jboss-CTO Labourey zu Übernahmeversuchen;

572452: Graf: 2006 wird das Jahr der Open-Source-Konsolidierung;

572943: Oracle-Chef Ellison über Defizite der Open-Source-Firmen;

572000: Investitionen in Open-Source-Startups.

Kürzlich sorgte Peter Graf, Executive Vice President bei SAP, mit der These, 2006 werde das "Jahr der Open-Source-Konsolidierung", für Aufsehen. Zeitgleich wurde bekannt, dass Oracle versuche, die Open-Source-Firmen Zend (Entwickler von PHP) und Jboss (Application Server) zu übernehmen. Plötzlich stand die Frage im Raum, übernehmen die "Big Names" mit ihren Kriegskassen eine Open-Source-Firma nach der anderen?

Das hielten selbst die poten- ziell Betroffenen für möglich. Sascha Labourey, Chief Technology Officer und Europa-Chef von Jboss, zeigte sich im Gespräch mit der computerwoche überzeugt: "Eine Konsolidierung kommt". Es gehe in diesem Jahr los, meinte auch Doron Gerstel, Mitbegründer und Chef von Zend. Seine Begründung: "Zwei Entwicklungen sind zusammengekommen: Open Source ist reif geworden und hat Akzeptanz bei den Unternehmen gewonnen. Gleichzeitig beginnen die operationalen Schwierigkeiten der Open-Source-Firmen bei Vertrieb und Support in großem Maßstab. Das macht diese Unternehmen für große IT-Firmen interessant."

John Loiacono, ehemaliger Softwarechef bei Sun, ging noch weiter: "In Sachen Open Source hat die Konsolidierung schon 2005 oder eher eingesetzt", stellt er mit Verweis auf die Übernahmen von Suse durch Novell und Gluecode durch IBM fest. "Alle großen Player sind auf Einkauftour. Was wir gesehen haben, war noch längst nicht alles."

Firmen positionieren sich neu

"Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass wir eine Reihe von Übernahmen erleben werden", meint auch Peter Ganten, Chef des Bremer Unix-Dienstleisters Univention. "Immer mehr IT-Anbieter haben erkannt, dass sich der Trend zu Open-Source- und freier Software fortsetzt. Deshalb stellt man sich in diesem Umfeld auf und kauft sich Kompetenzen hinzu."

Ganz anders sieht es Eva Beck, Business Manager Open Source and Linux bei Hewlett-Packard. Dass sie nicht an eine Übernahmewelle glaubt, mag damit zusammenhängen, dass HP eine andere Strategie verfolgt. Beck: "HP wird eher keine Firmen übernehmen. Wir ziehen wie bisher enge Partnerschaften mit Open-Source-Anbietern vor."

Open Source gilt was

Doch was motiviert andere große Hersteller, sich für die vor wenigen Jahren noch chaotisch anmutenden Firmen aus dem Open-Source-Spektrum zu interessieren? Alle Befragten sind sich einig: Quelloffene Software wird als erfolgreiches Entwicklungs- und Vertriebsmodell wahrgenommen. Für Olaf Jacobi, Chef von Collax, einem Anbieter komplett eingerichteter Linux- und Open-Source-Server, zeigen die Vorgänge der jüngeren Zeit, "dass Open Source definitiv den Durchbruch geschafft hat".

Man muss genauer hinschauen. Das Interesse der Haie gilt nicht allem, was im Open-Source-Becken herumschwimmt. Klassische Initiativen, die wie KDE von einer freien Entwickler-Community gesteuert werden, sind uninteressant. Das Gleiche gilt für die Tausende kleiner und kleinster Projekte, die oft von Anwendern aus Gründen der Selbsthilfe angestoßen wurden.

Die großen Player interessieren sich vor allem für Firmen, die "Professional Open Source" anbieten. Das sind Unternehmen, die aus Open-Source-Projekten hervorgegangen sind. Sie unterscheiden sich nur in zwei Punkten von ganz normalen Softwarehäusern: Ihre Produkte basieren auf quelloffener Software. Und an ihrer Weiterentwicklung ist eine Community in mehr oder weniger großem Umfang beteiligt. Das beschränkt sich häufig auf das Testing und Debugging, was immerhin sehr wichtig ist, hält man sich Microsofts Probleme vor Augen. Bei dieser Community handelt es sich in der Regel nicht um Studenten oder Feierabend-Entwickler, sondern um Anwender der Produkte und Partner der Softwarehäuser.

Das Geld sitzt locker

Dieses Modell haben Firmen wie MySQL, Zend und Jboss begründet. Ihnen folgen Alfresco, Collax, Open Xchange, Sugar- CRM, Zimbra und andere. Inzwischen ist eine ganze Menge Risikokapital in diese Unternehmen geflossen. Es sei für die Investoren aber noch nicht an der Zeit, Kasse zu machen, meint Jacobi von Collax, einer Firma, die 7,5 Millionen Euro Fremdgelder erhalten hat. "Dagegen spricht, dass im letzten Jahr in den USA über 400 Millionen Dollar Venture-Kapital in junge Open-Source-Startups investiert wurden. Der Markt befindet sich in einer Expansions- und Investitionsphase."

Mit Risikokapital im Rücken und Open-Source-Produkten im Angebot entwickeln sich die jungen Firmen zu kleinen, aber unangenehmen Konkurrenten für die klassischen IT-Anbieter. Sie stören das gewohnte Geschäft. Oracle dürfte besser dastehen, wenn es MySQL nicht gäbe. Jboss hat den Markt für Application Server auf den Kopf gestellt. Solche Konkurrenten wegzukaufen ist ebenfalls ein Motiv für die Großen der Branche.

Doch oft wollen die großen kommerziellen IT-Anbieter nur ihr Produktportfolio ausbauen. IBM hat es mit der Übernahme von Gluecode vorgemacht. Deren Application Server "Geronimo" hat IBM radikal überarbeitet - "bluewashed" erregt sich Jboss-CTO Labourey - und vertreibt es als "Websphere Community Edition", gegenüber dem "richtigen" Websphere als Lowend positioniert.

"Bait and Switch" nennen US-Manager diese Strategie, Anwendern ein kostenloses oder preiswertes Produkt zu überlassen, um sie später zum Wechsel auf ein höherwertiges und teures Produkt zu bewegen. Darüber können sich Open-Source-Freunde ziemlich aufregen. "Diese Strategie ist primitiv, weil sie ein schlechtes Signal an den Markt ausstrahlt", ärgert sich Labourey. "Open Source ist kein Kinderkram."

"Viele Open-Source-Produkte haben eine ausgesprochen hohe Qualität", zollt auch HP-Managerin Beck Anerkennung. Daher sei deren Einordnung ins Portfolio als "Appetithäppchen" problematisch. Und Elmar Geese, Vorsitzender des Linux-Verbands und Chef des Bonner Open-Source-Hauses Tarent GmbH, klagt: "Manche Unternehmen springen auf den Open-Source-Zug nur auf, um mit dem Speck quelloffene Software die Mäuse zu fangen. Diese Firmen stellen sich nicht hinter Open Source als solches, sondern hinter den Umsatz, den sie dahinter vermuten."

Es sei strategisch nicht sinnvoll, "den Kunden einen Wurstzipfel vor die Nase zu halten und darauf zu hoffen, dass sie danach schnappen", meint Collax-Chef Jacobi. "Wenn sich in der Community das Gefühl breit macht, nur als Durchlauferhitzer für die kostenpflichtigen Highend-Produkte benutzt zu werden, wird sie sich schnell auflösen. Deshalb geht die Strategie des Einstiegs über kostenlose Open-Source-Produkte und dann Umstieg auf Highend-Produkte nicht unbedingt auf."

Die hinter den Open-Source-Produkten stehende Commu- nity ist auch dann eine sensible Gruppe, wenn sie nicht aus Studenten oder Feierabend-Entwicklern, sondern aus Partnern und Kunden besteht. "Wenn der Käufer nicht vorsichtig ist, kann er die Community und damit die dynamische Umgebung verlieren, die eine Open-Source-Firma unterstützt. Damit würde der Wert der aufgekauften Software sehr schnell fallen", warnt Dan Kusnetzky, Executive Vice President Marketing bei Open Xchange.

Es kann zum Knall kommen

Alles hänge davon ab, wie sich die übernehmende Firma verhalte, so Kusnetzky: "Geht sie auf die Community zu, hört sie ihr zu? Vermittelt sie ihr das Gefühl, etwas Besonderes zu sein? Folgt sie den Empfehlungen?" An diesem Punkt kann es sehr schnell zum Knall kommen, merkt Univention-Chef Ganten an: "Die Community macht an einem Projekt immer nur so lange mit, wie sie Nutzen daraus zieht." Wird ein Open-Source-Produkt nicht weiterentwickelt, werden sehnlich erwünschte neue Features immer nur dem Highend-Angebot zugefügt, droht gar neue Konkurrenz: Auf der Basis des alten, GPL-lizenzierten Open-Source-Produkts könnte ein neues Community-Projekt entstehen. Ganten: "Das ist ja einer der Vorteile von Open-Source-Software: Sie hört eben nicht auf zu existieren, wenn das Herstellerunternehmen übernommen oder insolvent wird."