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14.10.1988 - 

Einzelheiten über die Vernetzung bleiben hinter Schloß und Riegel

Auswärtiges Amt: Mikros leisten Bürokommunikations-Aufgaben Genüge

CW-Bericht, Stefanie Schopenhauer

BONN - Eine Proprietary-Lösung auf der Basis von Siemens-PCs und Tandem-Beretchsrechnern gibt den Ton im neuen Bürokommuni-kations-Konzept des Auswärtigen Amts (AA) an. Für die Kommunikation nach außen hingegen setzen die Bonner auf ISO/OSI-Standards, halten allerdings mit Einzelheiten in Hinblick auf die geplante Schaltstelle hinter dem Berg zurück. Das Thema ISDN wird in absehbarer Zeit eine Nebenrolle spielen.

Das neue Office-Automation-Konzept des Auswärtigen Amts kenn-zeichneit vor allen Dingen seine Überschaubarkeit: Kein techni-scher Firlefanz, kein Schnittstellendschungel, keine aufwendigen Software-Entwicklungen. Im Rahmen umfangreicher Kommunikations-analysen kristallisierte sich nämlich heraus, daß die Bonner Auslandsrepräsentanz am besten mit Mikrocomputern fährt, auf denen mit Standardprodukten komplizierte und zeitkritische Aufgaben abgewickelt werden. Die Bereiche ISDN-Integration und Mikro-Mainframe-Link wurden bisher ausgespart. Auch hängt das "Wohl und Wehe" der AA-Bürokommunikation nicht von Unix ab.

Vernetzung mit Tandem-Bereichsrechnern

Grob umrissen sieht die BK-Planung wie folgt aus: In diesem Jahr steht in der Bonner Zentrale die Einrichtung von 300 Bildschirmarbeitsplätzen an und in den folgenden Jahren sollen jährlich etwa 500 weitere dazukommen. Die Bestückung mit Mikros in allen Vertretungen soll binnen sechs Jahren über die Bühne gehen.

Zum Teil werden die PCs vom Typ PCD-2 und PCD-2T als Stand-alone-Lösungen, zum Teil in einem LAN-Verbund fungieren. Als Bereichsrechner in größeren und mittleren Dienststellen ist eine vom AA noch nicht genau bezifferte Anzahl von Tandem-Computern (Typenbezeichnung je nach Systemgröße CLX-S bis CLX-T16/620, Betriebssystem Guardian; Datenbank-Schnittstelle SQL) mit der Bürokommunikations-Software NonStop Office vorgesehen. Bis dato sind vier der besagten Bereichsrechner in Bonn und drei im Generalkonsulat in New York installiert.

Acht Anbieter in der engeren Wahl

Für den Informationsaustausch innerhalb der Vertretungen dienen lokale Netze auf der Basis von Lichtwellenleitern oder Koaxialkabeln. Nach einem LAN-Auftakt mit Schneider & Koch müssen die Weichen für die weitere Inhouse-Vernetzung aber noch gestellt werden. Bis zum kürzlich begonnenen Einzug der Siemens-PCs hatte für Office-Automation-Zwecke IBM mit den Systemen 5520 und 6580 das "Sagen", zum Teil auch im Rahmen eines vernetzten Systems wie im Sprachendienst. Daneben arbeitete das AA in den letzten zehn Jahren mit verschiedenen Textautomaten und Schreibmaschinen.

Big Blue gehörte natürlich auch zu den in die engere Wahl gekommenen acht PC-Anbietern. Nach einem ersten Aussiebungsprozeß unter insgesamt 26 Anbietern gingen HP, Siemens, Philips, Nixdorf, ICL, Mannesmann-Kienzle, IBM und NCR in die vorletzte Runde. Die Ausschreibungen mit einem Anforderungskatalog von 400 Einzelpunkten, die mit Hilfe von PCs und nach IT-Vorschriften des Bundesinnenministeriums ausgewertet wurden, nahm das Auswärtige Amt im übrigen für die Arbeitsplatz-Systeme und die Bereichs-rechner sowie Netze getrennt vor.

Über Einzelheiten der Ausschreibungsunterlagen hüllt sich das Genscher-Ministerium jedoch in Schweigen.

Dem Auswärtigen Amt beratend zur Seite gestanden haben zunächst die Gesellschaft für Mathematik und Datenverarbeitung (GMD), Sankt Augustin, und die Industrieanlagen-Betriebs-gesellschaft (IAGB), München, die nach den konzeptionellen Vorstudien und Kommunikations-Analysen von der Hamburger Unternehmensberatung Mummert & Partner abgelöst wurde. Reinhold Lock, der Bereichsleiter Öffentliche Verwaltung bei der hanseatischen Firma gibt an, daß sein Haus das ganze Pflichtenheft mit 1000 Einzelkriterien erstellt, in den Botschaften Umschau gehalten und schließlich auch den Entscheidungsvorschlag vorgelegt habe.

Testinstallationen mit den Mikros fanden im Mai und Juni 1987 mit Systemen der acht aufgeführten Hersteller statt. Hinsichtlich der beteiligten Anbieter bei der Ausschreibung für die Bereichs-rechner gibt das AA mit Rücksichtnahme auf den unterlegenen Wettbewerb ebenfalls keine Informationen preis. Hier waren die Pilottests in der Modellbotschaft, Referat 119 für Informations-verarbeitung, lokalisiert. Um die Funktionalität von Arbeits-abläufen zu prüfen und entsprechende Auswertungen vorzunehmen, wurde daneben ein gesonderter "Probelauf" mit Philips in der Botschaft Den Haag "in Szene gesetzt".

Homogenität reduziert den Schulungsaufwand

Auf den Siemens-PCs unter DOS 3.2, für deren Wahl nach Anwenderangaben insbesondere die obere AT-Leistungsklasse und das gute Preis/Leistungs-Verhältnis gesprochen haben, laufen als BK-Anwendungen "Word 4" und "Dbase 4". Die Menüführung hat das AA selbst aufbereitet. Ansonsten hält man hier aber nichts von selbstgestrickten Benutzeroberflächen, sondern harrt der Dinge, die sich bei OS/2 und X.Windows tun. Als Drucker kommen am Arbeitsplatz oder arbeitsplatznah Laserprinter PT-10, ebenfalls von Siemens, zum Zuge. In einer offiziellen Stellungnahme heißt es dazu: "Wo immer möglich, werden Standard-Software-Produkte verwendet. Einheitliche Programme sind erforderlich, da kleine Auslandsvertretungen mit Einzelgeräten arbeiten müssen und bei der Personalrotation (regelmäßige Versetzungen) zwischen Zentrale und Auslandsvertretung möglichst einheitliche Benutzeroberflächen eingesetzt werden sollen".

Der Schulungsaufwand ließe sich mit Hilfe der Verwendung von Standard-PCs in Grenzen halten, was insbesondere bei rund 1500 Versetzungen im Jahr eine nicht zu unterschätzende Rolle spiele.

Hinzu kommt, daß an vielen AA-Arbeitsplätzen sehr klar umrissene Anwendungen mit stark lokalem Charakter anzutreffen sind. Georg Boomgaarden, Leiter des Referats Informationsverarbeitung beim AA: "Die Auslandsvertretungen müssen eine große Zahl sehr unterschiedlicher Aufgaben erfüllen. Da die lokale Informationsverarbeitung am Arbeitsplatz eine so große Rolle spielt, können wir mit PC-Software bereits 50 Prozent des gesamten Rationalisierungseffekts erzielen."

Zusätzlich eigene Software-Programme

Sinnvoll einsetzen lassen sich die Rechnerzwerge im Rahmen der Textverarbeitung und der Dateiverwaltung unter anderem auf folgenden Gebieten:

- Firmenverzeichnisse für die Auslandshandelsförderung, die zum Teil halbjährlich herausgegeben werden;

- Lieferantenverzeichnisse mit Einsatz von CD-Rom zur Unterstützung von Handelsketten;

- Unterstützung der humanitären Hilfe der Bundesregierung im Ausland und Katastrophenhilfe (für eine bessere Koordinierung

internationaler Hilfsmaßnahmen ist eine Anbindung an das Undronet der Vereinten Nationen geplant);

- Diplomatenkarteien und

- Kontrolle des Exports von Rüstungsgütern.

Neben Standardprogrammen werden aber im Laufe der Zeit auch maßgeschneiderte AA-Eigenentwicklungen treten, so zum Beispiel im Paß- und Sichtvermerkswesen.

Große Probleme beim Zusammenspiel der Mikros mit den Bereichsrechnern sieht weder der Hersteller Tandem noch der Anwender. Im großen und ganzen könne man - so Wolfgang Litczner, Leiter des Tandem-Geschäftsbereichs Bundesbehörden - die Module Archivsystem, Electronic Mail, Kalender und Textverarbeitung in ihrer ursprünglichen Fassung belassen, sie würden aber im Fall des Falles "mit etwas Fleiß zugeschneidert." Er merkt an: "Wir mußten vertraglich zusichern, daß wir PCD-2 und Word 4 an unser Paket NonStopOffice anpassen, sofern erforderlich." Erste Priorität bei diesem Projekt habe die Sicherheit gehabt.

Die Tandem-Rechner nehmen alle Kommunikations-Aufgaben intern (LAN-Server-Funktionen) und Anwendungen mit großen Datenbeständen (zum Beispiel Paß- und Visawesen) wahr. Sie "bestechen" laut AA neben ihrer Fehlertoleranz durch eine hohe Verfügbarkeit und eine bedienerfreundliche und nicht personalintensive Konzeption.

Klagen über Mangel an Unix-Zertifikaten

Mit Unix stehen die Bonner derzeit noch auf Kriegsfuß, da nur die Verwendung einer zertifizierten Version gestattet ist, die von "einer dafür bestimmten amtlichen Stelle auf Sicherheit überprüft wurde wie in den USA gemäß dem Orange Book." Dazu der Passus aus der AA-Stellungnahme: "Eine Unix-Version, die die zuständigen Dienststellen zufriedengestellt hätte, wurde uns nicht angeboten." Zudem - so heißt es weiter - sei die Standardisierung - noch nicht so weit wie wünschenswert fortgeschritten, weil offenbar jeder Hersteller am liebsten sein eigenes Süppchen kochen wolle und laufend neue Abwandlungen auf den Markt kämen. Schließlich seien noch nicht genügend kostengünstige und für den Endbenutzer bedienerfreundliche Programme auf dem Markt.

Tandem beispielsweise könne mit einer Unix-Linie aufwarten, aber diese genüge ebenfalls nicht den Sicherheitserfordernissen. Außerdem entfielen im Falle eines entsprechenden Unix-Einsatzes die Vorteile der Ausfall-Sicherheit der fehlertoleranten Tandem-Systeme. Momentan sei die Frage nach diesem Betriebssystem im übrigen "nicht so dringlich".

Auch bei ISDN beeilt man sich in der Bundeshauptstadt nicht. Eine Anfang der achtziger Jahre installierte Telefonvermittlung stammt von Telenorma aus Frankfurt. Diese autonome PBX verfügt über keine ISDN-Features, sie ist - so das AA - "jedoch nach wie vor wirtschaftlich, so daß sich die Frage nach einer ISDN-Anlage erst stellt, wenn das bisherige System abgelöst wird. Im Ausland werden bei der Modernisierung der Telefon-Anlagen jeweils auch die Möglichkeiten einer ISDN-Nutzung geprüft."

Datenverarbeitung läuft weiterhin getrennt

Zwischen der zentralen Datenverarbeitung, die mittlerweile schon 30 Jahre auf dem Buckel hat, und den Bürokommunikations-systemen besteht ebenfalls keine Verbindung. Eingesetzt wird eine IBM 4381 mit Peripherie von IBM (unter anderem 3270-Terminals), aber auch anderen Herstellern wie Siemens, BASF und Rank Xerox sowie 1200 vom Auswärtigen Amt selbst erstellten Programmen zuzüglich 50 gemieteten oder gekaufen Fremdprodukten. Die Aufgaben des Großrechners: Auslandsbesoldung, Beihilfeabrechnung, Personal-planung, Führung umfangreicher Statistiken, fremdsprachlicher Terminologiedokumentationen, Bestandsverwaltungen und anderen Aufgaben mit großen Datenbeständen.

Die Kommunikation mit den Auslandsvertretungen stellt ein eigenes Kommunikationsnetz sicher. Konsulate und Botschaften kann man je nach Nachrichtenanfall, Wirtschaftlichkeit und Übertra-gungsbedingungen über Telex - das aufgrund der weitverstreuten Dienststellen vom AA weiterhin vergleichsweise rege genutzt wird - Standleitungen, Funkfernschreiben und Telefaxe erreichen. Fernkopien können in Zukunft über das lokale Netz an die PCs weitergeleitet werden. Zusätzliche Kommunikationsmöglichkeiten: Teletex, das ebenfalls direkt am Arbeitsplatz zur Verfügung steht, Datex-P, Satellitenfunk und UKW-Sprechfunk.

X.400-Ausschreibung ein eigenständiges Verfahren

Die Informationen werden verschlüsselt übermittelt und in der Zentrale von einer prozeßrechnergesteuerten Fernmeldeanlage entschlüsselt und weitergeleitet, Momentan dient dazu noch ein älteres System von einer amerikanischen Firma; es soll jedoch im Laufe des kommenden Jahres von einer Philips-Schaltstelle abgelöst werden.

Hierfür wurde inzwischen eine gesonderte X.400-Ausschreibung angesetzt. Die lokalen für OA-Zwecke eingesetzten LANs werden zu dem Fernmeldenetz des AA entsprechende Schnittstellen haben. Einzelheiten mochten weder das Auswärtige Amt noch Philips nennen, in der erwähnten Stellungnahme heißt es lediglich: "Die lokalen Netze sollen herstellerunabhängig sein und die international vereinbarten ISO/OSI-Standards berücksichtigen. Das Auswärtige Amt wird generell internationale Normen einsetzen; dies fordern auch die am 17. August 1988 vom Bundeskabinett gebilligten Richtlinien für den Einsatz der Informationstechnik in der Bundesverwaltung."

Die Haushaltsansätze für Datenverarbeitung und Bürokommunika-tion betragen 1988 10,848 Millionen Mark, für das Fernmelde- und Chiffrierwesen 14,234 Millionen Mark und für die Fernsprechanlagen 1,707 Millionen Mark. Boomgaarden: "Das Verständnis im Finanzministerium und beim Parlament für die neue BK-Strategie ist größer geworden." Außenminister Hans-Dietrich Genscher engagiere sich persönlich sehr für das OA-Projekt. Diesen Rückenwind brauche die Informationsabteilung des Auswärtigen Amtes aber auch, "denn man muß darauf achten, daß nicht plötzlich ein gewisser Nachhol-bedarf an Modernisierung entsteht, der uns im internationalen Vergleich zurückfallen läßt. Das würde unserem Ansehen als modernes Industrieland schaden."