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27.06.1980

Automation - Drohung oder Chance?

27.06.1980

Dr. Peter G. Rogge

Delegierter des Verwaltungsrates der Prognos AG, Basel

Pro Jahr werden rund 1 Million Arbeitsplätze auf den Äckern und in den Fabrikhallen der Europäischen Gemeinschaft eingespart werden. Fraglich ist, ob diese Einsparung durch Automation Arbeitslosigkeit bedeutet, und wenn ja, für wie lange?

Dieses ist ein Hintergrund, vor dem die fortschreitende Automation nicht als Chance, sondern als Drohung erscheinen könnte. Die Zeiten starken Wirtschaftswachstums, in denen die arbeitssparenden Effekte der Automation gar nicht groß genug sein konnten, sind vorüber. Wenn nun Zeiten starken Produktivitätswachstums infolge beschleunigter Automation bevorstehen, erkaufen wir dann nicht Produktivität, Rentabilität, Rationalität mit Verlusten auf dem Arbeitsmarkt, die in Quantität wie in Qualität schwer - sehr schwer - wiegen?

Würden diese Fragen aufgeworfen nur wegen der Abschwächung des Wachstums, wären sie zwar schwierig und schwerwiegend genug, doch müßte man Antworten nur in einer Richtung suchen. Spezielle Charakteristika der bevorstehenden Automationsphase komplizieren die Probleme jedoch.

Die Phase der elektronischen Automation, an deren Beginn wir eigentlich erst stehen, unterscheidet sich von den bisherigen Epochen des technischen Fortschritts wesentlich: Hatte die erste industrielle Revolution im wesentlichen in der Ablösung der Muskelkraft durch die Maschine bestanden, und hatte der nächste Schub sich vor allem auf die Automatisierung der maschinellen Produktionsprozesse bei Massengütern bezogen, so stehen wir heute mit den Produkten der Halbleiter- und Optoelektronik, vor allem mit dem Mikroprozessor und der neuen elektronischen Speicher- und Sensorentechnik vor der Übertragung wichtiger Denkfunktionen, die bisher dem Menschen vorbehalten gewesen waren, auf die "apparative Intelligenz".

Auch wechselnde Problemlösungen und Entscheidungen werden den "intelligenten Apparaten" zugänglich; der Mensch wird also bei arbeits- und zeitaufwendigen Denkprozessen, für die er bislang unersetzbar zu sein schien, durch kostengünstiger und präziser als er arbeitende Apparate und Anlagen substituiert.

Charakteristisch sind die Unterschiede gegenüber bisherigen lnnovationen: Erstmals wird eine leistungsfähigere Technologie nicht teurer, sondern ungleich billiger verfügbar, und außer durch diese Verbilligung wird der sich hier vollziehende technische Fortschritt dadurch noch beschleunigt, daß der Einsatz der Mikroprozessoren nicht mit dem Zwang zu einer Zentralisierung verbunden ist, sondern im Gegenteil unbegrenzte Möglichkeiten zur Dezentralisierung bietet.

Atemberaubende Konsequenzen in Sicht

Die Konsequenzen einer solcher Automatisierungstechnologie für Wirtschafts- und Industriestrukturen, für Arbeitsmarkt sowie Berufs- und Qualifikationsstrukturen, kann man nur als atemberaubend bezeichnen:

Zwar winken ganz erhebliche und gerade für die europäische Hochkostenwirtschaft im internationalen Konkurrenzkampf wichtige Produktivitätsgewinne, doch drohen demgegenüber durch den Einzug der elektronischen Datenverarbeitung in die Büros, von der Textverarbeitung bis zum Real-Time-Banking, auch Arbeitsplätze in großer Zahl verlorenzugehen. So rechnet man mit einem Einsparungseffekt - nicht unbedingt Freisetzungs-Entlassungseffekt - von bis zu 30 Prozent der Arbeitskräfte in Bank- und Versicherungswesen in den nächsten zehn Jahren.

Ist damit nicht das Urteil über den künftigen Beitrag der Automation zu unserer Wirtschaftsentwicklung gefällt? Müssen wir hier nicht das Fazit ziehen, daß wir zwar von der ständigen Rationalisierung durch Mechanisierung angesichts der begrenzten Arbeitskraftressourcen und der allmählich immer höheren Löhne begünstigt gewesen sind, daß aber in den vor uns liegenden Jahrzehnten die weitere Rationalisierung durch Automation eine Bedrohung darstellt, - und zwar eine Bedrohung des wirtschaftlichen Wohlstandes ebenso wie der sozialen Harmonie ebenso wie dadurch auch der politischen Stabilität?

Ich will mit meiner Antwort auf diese sehr ernst gemeinten Fragen nicht hinter dem Berg halten: So beunruhigend wie die neue Phase der Automation auch für den einzelnen Betroffenen oder auch für bestimmte Industriezweige sein mag, - so liegt auch in einem verzögerten Eintreten der Firma, einer Branche, eines Landes in die neue Phase der Automation eine ebenso beunruhigende und ernste betriebs- und gesamtwirtschaftliche Gefahr. Umgekehrt steckt aber in einem mutigen Einsetzen der durch die neuen Technologien gegebenen Möglichkeiten eine neue große Chance für die gesamte Volkswirtschaft.

Arbeitslosigkeit mangels Rationalisierung

Hier ist auf die außenwirtschaftliche Verflochtenheit der westeuropäischen Industrieländer aufmerksam zu machen. Gewiß hat Automatisierung kostensenkende und arbeitsplatzsparende Effekte; doch ebenso gewiß ist, daß Länder, die direkt und indirekt zwischen einem Drittel und der Hälfte ihres Volkseinkommens und ihrer Beschäftigung dem Handels- und Dienstleistungsverkehr mit dem Ausland verdanken, fühlbare Einbußen erleiden müßten, wenn sie in ihrer Produktivität hinter Konkurrenten zurückfallen.

Steigende Arbeitslosigkeit wäre die unausweichliche Folge. Der Grund? Nicht etwa der Verlust von Arbeitsplätzen durch Rationalisierung sondern vielmehr der Verlust von Wettbewerbsfähigkeit mangels Rationalisierung! Umgekehrt bei fortgesetzter, den Standard technologisch fortschrittlicher Industrieländer mindestens erreichender Rationalisierung: Sie verhindert, daß ein vergleichsweise hohes Lohnniveau. wie wir es in Nordwesteuropa haben, zum Abwandern der Nachfrage zu anderen Anbietern führt, wenn und insoweit hinter diesen Löhnen eine entsprechende Produktivität steht! Positiv ausgedrückt: Gelänge es, den Produktivitätsfortschritt in den europäischen Hochkostenländern gegenüber den wichtigsten Konkurrenten zu beschleunigen, so wäre eine Tendenz zu steigender Nachfrage zu erwarten, die Beschäftungsproblemen entgegenwirken würde!

Schließlich schafft die neue Phase der Automation für eine Hochlohnregion wie es Nordwesteuropa ist, dank ihrer arbeitssparenden Effekte besondere Chancen, denn sie läßt den Wettbewerbsnachteil eines hohen Lohnniveaus im internationalen Konkurrenzkampf in den Hintergrund treten; dank ihres kapitalintensiven Charakters läßt sie hingegen den Wettbewerbsvorteil einer traditionell starken Kapitalbildung fühlbar hervortreten. Würde es uns also in Westeuropa gelingen, uns die neuen Technologien wirklich zu eigen zu machen, so können wir hieraus größeren Nutzen ziehen als andere Volkswirtschaften, die reichlicher mit Arbeitskräften, aber bescheidener mit Kapital ausgestattet sind.

Anläßlich einer Informationstagung am 9. Juni 1980 und des zehnjährigen Bestehens der Systor AG, Zürich, hielt Dr. Peter G. Rogge den hier abgedruckten Vortrag mit dem Titel: "Auswirkungen der Automation auf die schweizerische Wirtschaft".