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14.08.1987 - 

Gewerkschaften mahnen Arbeitnehmer-Interessen an:

Automation ist nicht nur eine technische Angelegenheit

Mit der Zerlegung der Arbeit in kleinste und immer wiederkehrene Schritte zogen Henry Ford und seine Ingenieure praktische Konsequenzen aus den Lehren von Adam Smith und F. W. Taylor. Auf diese Weise machten sie die Arbeitsteilung zur Quelle einer schier unermeßlichen Produktivität in der industriellen Fertigung. Die Interessen der Arbeitnehmer an qualifizierter und menschengerechter Arbeit, die zugleich körperliches, geistiges und soziales Wohlbefinden gewährleistet, gerieten dabei unter die Räder des Fortschritts. Bewirken Industrieroboter ein Ende der Arbeitsteilung ? Dieser Frage geht der folgende Artikel nach.

Hochgradige Arbeitsteilung, negative Arbeitsumgebungseinflüsse, belastende Arbeitsvollzüge, lange und ungünstige Arbeitszeiten überfordern die physische; und psychische Leistungsfähigkeit vieler Arbeitnehmer. Hohe Krankenstände, eine Ausgrenzung gesundheitlich beeinträchtigter Arbeitnehmer und Frühinvalidität sind die Folgen. Aus diesem Grund kämpfen die Arbeitnehmer und ihre Gewerkschaften schon seit langem für die Verbesserung der Arbeitsbedingungen. Ihren Anspruch auf eine durchgreifende Humanisierung der Arbeit haben sie mit der Vorlage von Konzepten für eine soziale Gestaltung von Arbeit und Technik unterstrichen. Doch früher wie heute stoßen ihre Bemühungen um Überwindung gesundheitsbeeinträchtigender Risiken in der Arbeitswelt auf Widerspruch. Heute, so wird gewerkschaftlichen Forderungen entgegengehalten, seien die sozialen Risiken industrieller Arbeitsprozesse längst überwunden. Daran, so ist zu vernehmen, hätte vor allem der Einsatz von Industrierobotern erheblichen Anteil. In der Tat, die Technologie der Industrieroboter ist besonders geeignet zur flexiblen Automatisierung jener manuellen Handhabungs- und Bearbeitungsaufgaben, die sich beständig wiederholen, die einfache, aber genau festgelegte Bewegungsabläufe aufweisen und eine nur begrenzte sinnliche Wahrnehmung erfordern. Beispiele für solche Tätigkeiten sind unter anderem das Punktschweißen und Lackieren in der Automobilindustrie, das Be- und Entladen von Einzelmaschinen, die Montage an Fließbändern oder das Verpacken von Produkten an Fertigungsanlagen. Anforderungen an eine menschengerechte Gestaltung der Arbeit, die sich in einer dauerhaften Ausführbarkeit, einer Erträglichkeit und Zumutbarkeit sowie in einer Förderung der Persönlichkeit ausdrücken sollen, werden von diesen Tätigkeiten nicht erfüllt. Dies gestehen mittlerweile auch die Unternehmen ein, wenn der Einsatz von Industrierobotern bevorsteht oder geplant wird. Nachdem sie bis in die jüngste Vergangenheit hinein gesellschaftliche Aspekte industrieller Arbeit stets heftig bestritten haben sehen sie in der Anwendung der Robotertechnologie einen grundlegenden Beitrag zur Humanisierung der Arbeit. Eine Werbeanzeige von VW stellvertretend für viele andere erwähnt, brachte dies unlängst zum Ausdruck: "Besonders monotone und anstrengende Arbeiten, dazu unter schlechten Bedingungen, wie Lärm, Hitze, Staub und Dämpfen übernehmen unsere selbstentwickelten Industrieroboter. Neue anspruchsvolle Arbeitsplätze entstehen bei der Entwicklung und der Herstellung der Roboter: Programmierung, Wartung und Einsatzplanung bleiben in Menschenhand. "

Rationalisierung durch die Hintertür

Mit solchen Aussagen geht es den Unternehmen natürlich nicht darum, die gewerkschaftliche Kritik an gesundheitsbeeinträchtigenden Arbeitsbedingungen nachträglich zu rechtfertigen. Ihre Absichten richten sich vielmehr auf die Beseitungung von Arbeitsplätzen durch die Anwendung von Industrierobotern - die Automatisierung hochbelasteter Arbeitsplätze stellt dabei eher einen willkommenen Nebeneffekt dar.

Werden Roboter als Rationalisierungsmittel an Arbeitsplätzen mit gesundheitlichen Risiken und geringer sozialer Attraktivität eingesetzt, so die übereinstimmenden Aussagen mehrerer Untersuchungen, dann besteht ihr Beitrag zur Humanisierung der Arbeit zunächst in der Vernichtung von Arbeitsplätzen. Der Robotereinsatz ist keineswegs darauf beschränkt, nur hochbelastete Tätigkeitselemente zu automatisieren - in der Regel ersetzt er den gesamten Arbeitsplatz, wodurch sich zumeist auch Arbeitsbedingungen an vor- und nachgelagerten Arbeitsstationen verändern - allerdings keineswegs nur positiv. Die Ergebnisse vorliegender Studien lassen erkennen, daß der Roboter-Einsatz für die Mehrzahl der betroffenen Arbeitnehmer nicht mit einer Arbeitsverbesserung, sondern meist mit einer Belastungsverschiebung verbunden war. In den untersuchten Fällen waren Leistungsverdichtungen infolge der Übernahme zusätzlicher Arbeiten zu verzeichnen, es entstanden Restarbeitsplätze mit verringerten Arbeitsinhalten, an denen Tätigkeiten auf das Einlegen oder handhaben von Werkstücken reduziert wurden. Vielfach waren diese Tätigkeiten durch eine erhöhte Bindung an Maschinen- und Anlagentakte gekennzeichnet, wodurch räumliche und zeitliche Dispositions- und Kommunikationsspielräume der Arbeitnehmer eingeschränkt wurden. Zahlreiche der zu beobachtenden Veränderungen waren darüber hinaus begleitet von einer zunehmenden Monotonie in der Arbeitsausführung, der auf der anderen Seite steigende Aufmerksamkeits- und Wahrnehmungsanforderungen gegenüberstanden.

Vor diesem Hintergrund kann es nicht überraschen, daß die erwähnten Studien übereinstimmend eine negative Gesantbeurteilung der Robotertechnologie durch die betroffenen Arbeitnehmer verzeichneten. Der Grund für ihre Unzufriedenheit lag auf der Hand: Der Roboter-Einsatz hat das Problem des erforderlichen Belastungsabbaus nicht gelöst. Gleichwohl dürfen diese Untersuchungsergebnisse nicht so interpretiert werden, daß die betroffenen Arbeiter den Einsatz von Robotern grundsätzlich negativ gegenüberstehen. Der Einsatz von Robotern wird von ihnen durchaus als sinnvoll und hilfreich angesehen, allerdings unter konkreten Bedingungen, die eine Verschärfung sozialer Risiken ausschließen. Dies sicherzustellen, wird künftig eine der wichtigsten Aufgaben der Betriebsräte im Fertigungsbereich werden. Ansatzpunkte dazu liegen in der Verknüpfung von Automation und Arbeitsorganisation.

Soziale Interessen nicht vernachlässigen

Die Verschlechterung von Arbeitsbedingungen im Zusammenhang mit Roboter- Einsätzen ist keine notwendige Folge der fortschreitenden Automatisierung. Sie läßt jedoch erkennen, daß bei der Planung und Realisierung von Roboter-Einsätzen technisch- wirtschaftliche Aspekte dominieren. In der Überwindung dieser Dominanz, in der Durchsetzung sozialer Interessen der Arbeitnehmer bei der Planung und Gestaltung automatisierter Produktionsanlagen liegt daher ein neues und in seiner Bedeutung wachsendes Handlungsfeld für die Interessenvertretung der Arbeitnehmer. Deren Mitwirkung an der Einführung von Industierobotern war in der Vergangenheit vor allem darauf konzentriert, den Besitzstand der Betroffenen zu wahren und Entlassungen zu vermeiden. Damit kann jedoch nur zum Teil erklärt werden, daß bedeutsame Aspekte der Arbeitsgestaltung, der Arbeitsbedingungen und der Art des Arbeitskräfte-Einsatzes erst in jüngster Zeit vermehrt aufgegriffen wurden. Maßgeblich dafür war nämlich auch eine unzureichende betriebliche Informationspraxis. Übereinstimmend mit vorliegenden Untersuchungen kann daher festgehalten werden, daß die Erhöhung der Transparenz unternehmerischer Planungs- und Entscheidungsprozesse, verbesserte Informationen über Rationalisierungsziele sowie deren Folgen für die Arbeitnehmer eine wichtige Voraussetzung für die Entwicklung von Forderungen zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen beim Roboter-Einsatz darstellen. Hieran bestätigt sich zugleich die grundlegende Bedeutung der gewerkschaftlichen Forderung nach Ausweitung der Mitbestimmung als Instrument einer vorausschauenden Gestaltung von Arbeit und Technik. Dazu müssen bestimmte Mindestnormen für Arbeitsinhalte formuliert, Grenzen für Belastungen und Taktzeiten festgelegt werden. Erst die Verknüpfung von Automation und Arbeitsgestaltung eröffnet Chancen zur Überwindung inhumaner Arbeitsbedingungen durch den Roboter-Einsatz. Im einzelnen gehören folgende Maßnahmen dazu:

- Die Bildung von Arbeitssystemen, in denen unterschiedliche Tätigkeiten (Programmierung, Instandhaltung, Umrüsten, Einrichten) zusammengefaßt werden, um der Entstehung von Restarbeitsplätzen entgegenzuwirken;

- die Entkoppelung manueller und automatisierter Produktionsbereiche durch Puffer zur Sicherung von Handlungsspielräumen der Arbeitnehmer;

- die Gewährleistung von Kooperations- und Kommunikationsmöglichkeiten durch eine Anordnung von Arbeitsplätzen in Hör- und Sichtweite sowie zeitgleiche Pausenregelungen;

- die Abwehr steigender Leistungsabforderungen durch personalpolitische Ausgleichsmaßnahmen.

Die Verknüpfung von Automation und Arbeitsorganisation allein gewährleistet jedoch noch keine ausreichende Bewältigung sozialer Folgen des Roboter-Einsatzes. Zu bewältigen gilt es nämlich auch negative Beschäftigungseffekte. Da wenig dafür spricht, daß eine durch den Roboter-Einsatz gesteigerte internationale Wettbewerbsfähigkeit der Anwender-Unternehmen dazu führt, neue Arbeitsplätze in großer Zahl zu schaffen, müssen Produktivitätssteigerungen durch Roboter-Einsatz zugleich in eine Verkürzung der Arbeitszeit umgesetzt werden. Ansatzpunkt dafür bieten Qualifizierungsmaßnahmen während der bezahlten Arbeitszeit. Mit ihr können die Voraussetzungen dafür geschaffen werden, daß in der "Fabrik der Zukunft" - wie von Unternehmensleitungen und Industrieverbänden in jüngster Zeit verstärkt behauptet - "nur qualifizierte Alleskönner ernsthafte Beschäftigungschancen finden" .