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09.06.1978 - 

Die Auswirkungen neuer Techniken auf den Arbeitsmarkt:

Automatisieren um zu überleben

Wachstum, Arbeitslosigkeit, Automation und Mikroprozessoren sind Begriffe geworden, die hierzulande kein Redner außer acht lassen darf, wenn er meint, etwas Ernstes sagen zu müssen, und wenn er will, daß man ihn ernst nimmt. Jahrzehntelang haben wir nicht bemerkt oder nicht bemerken wollen, daß jede Rationalisierung darauf abzielt, Kosten zu senken und auch Arbeitsplätze freizusetzen.

Schon 1961 sagte Thomas J. Watson, International Business Machines (TBM), vor dem amerikanischen Kongreß:

"Wir können nicht behaupten, daß technische Veränderungen und die Automation nicht arbeitssparende Prozesse seien. Natürlich sind sie es. Sie setzen Arbeitskräfte frei. Faktisch ist das eine ihrer Hauptaufgaben."

Daß dem schon immer so war und so neu nicht ist, wie mancher behauptet, wenn er über Mikroprozessoren spricht oder schreibt, läßt sich belegen:

- 1955 erzeugten 11,3 Millionen Erwerbstätige im warenproduzierenden Gewerbe ein Bruttoinlandsprodukt von 123 Milliarden DM. 1975, also zwanzig Jahre später, waren es 11,6 Millionen Erwerbstätige, die ein Bruttoinlandsprodukt von 320 Milliarden DM erzeugten. Das bedeutet eine Steigerung der Produktivität um 153 Prozent.

- 1950 erzeugte ein Erwerbstätiger in der deutschen Volkswirtschaft im durchschnitt Waren und Dienstleistungen im Wert von 7020 DM. 1976 also 26 Jahre später, waren es vergleichbare 24 310 DM, also eine Steigerung um 245 Prozent.

Aber "dies war so lange kein Problem, als es insgesamt genügend Arbeitsplätze gab, um alle zu beschäftigen" (Bundesminister Matthöfer auf der Technologie-Tagung der IG Metall 1977).

Nun haben wir seit geraumer Zeit eine doch recht bemerkenswerte Arbeitslosigkeit, also haben wir ein Problem. Aber es bleibt die Frage, ob das Problem nicht vor seinem Entstehen hätte prognostiziert werden können. Auf jeden Fall kommt die Aufforderung des Bundeskabinetts an das Bundesministerium für Wirtschaft und das Bundesministerium für Forschung und Technologie, über die Auswirkungen der "elektronischen Revolution" auf den Arbeitsmarkt zu berichten, reichlich spät. Was Eugen Loderer, Vorsitzender der IG Metall, vor Jahresfrist sagte, daß nämlich die Politik den durch die Technologie aufgeworfenen Fragen hinterherhinke, gilt wohl auch noch heute.

Wenn es so ist, daß etwa 40 Prozent der heute geleisteten Arbeitszeit wegrationalisiert werden können (so schrieb der "Bonner Generalanzeiger" unter Berufung auf eine hausinterne Studie der Siemens AG), und bis 1981 jährlich etwa 80 000 Bundesbürger zusätzlich Arbeitsplätze verlangen, dann wird die Größenordnung des Problems deutlich. Es wird nicht dadurch gelöst werden, daß der Mensch abläßt von seinem maßlosen Streben, immer schneller werden zu wollen (Prof. Laermann, F.D.P.-MdB). Erfolgreiches Bestehen im internationalen Wettbewerb bedeutet doch nichts anderes, als daß die Unternehmen immer kostengünstiger und schneller produzieren als ihre Konkurrenten. "Automate or die", sagte schon l955 ein Präsident der Chrysler Corporation vor einem Ausschuß des amerikanischen Kongresses. Dem ist wohl so, und zwar auch dann, wenn man sich das Ende dieses Prozesses nicht so recht vorstellen kann.

Man wird sich wohl auch daran gewöhnen müssen, daß die Vollbeschäftigung als primäres politisches Ziel bleibt, aber für viele zukünftige Jahre nicht verwirklicht werden kann. Losungen des Problems sind bisher nur in Ansätzen erkennbar, aber sie werden - weil sie sich an partiellen Interessen orientieren - kontrovers diskutiert, wenn überhaupt. Da ist der Vorschlag der Gewerkschaften, die Arbeitszeit drastisch zu verkürzen, um das Arbeitsangebot gerechter zu verteilen. Da ist die Aussage des Bundespräsidenten vor dem 11. Bundeskongreß des Deutschen Gewerkschaftsbundes, mit den Mitteln des technischen Fortschritts neue Produkte herzustellen, die sich an sinnvollen Bedürfnissen der Menschen orientieren, ein Vorschlag, den auch der Bundesminister für Forschung und Technologie, Volker Hauff, vertritt. Wie dem auch sei: Es wird die Aufgabe der Bundesregierung, der Parteien, der Gewerkschaften und der Wirtschaft sein, rasch eine Übereinstimmung darüber herbeizuführen, was getan werden muß, um dieses schier unlösbare Problem gerecht zu lösen. Es ist bedauerlich, daß die Klage der Arbeitgeber gegen das Mitbestimmungsgesetz die Fortsetzung der "Konzertierten Aktion" unmöglich gemacht hat. Die Wirkungen der Automation auf den Arbeitsmarkt und die damit verbundenen Risiken für alle werden gravierender sein als die bisher in der Konzertierten Aktion behandelten Probleme.

Man kann nur hoffen, daß der Auftrag des Bundeskabinetts an die Bundesministerien für Wirtschaft und Forschung und Technologie nicht dazu führt, dieses Problem mit deutscher Akribie anzugehen, und - um jede Möglichkeit zu bedenken - zeitaufwendige wissenschaftliche Untersuchungen durch alle möglichen Institute zu veranlassen. Die Zeit wird nicht zur Verfügung stehen: Anbieter der Rationalisierungsmedien aller Art und ihre Anwender werden schneller sein, als man denken mag. Derlei interne Untersuchungen haben zudem den Nachteil, daß sie überhaupt nicht oder

zu spät der Öffentlichkeit bekannt werden. Bundespräsident Scheel ist beizupflichten, wenn er vor dem DGB-Kongreß ausgeführt hat:

"Die breite Einführung der Mikroelektronik wird, darüber sind sich alle Experten einig, die Arbeit vieler Menschen überflüssig machen, nicht zuletzt in den Verwaltungen von Staat und Wirtschaft. Leider wird die Öffentlichkeit darauf von den Verantwortlichen nicht ausreichend vorbereitet."

Warum, so fragt man sich, veranstaltet der Deutsche Bundestag keine öffentliche Anhörung zu diesem Problem? Man würde zwar keine neuen Argumente registrieren können, aber anders als bei hausinternen Untersuchungen würde eine Unterrichtung der Öffentlichkeit gewährleistet sein, die in einer "transparenten Demokratie" doch nur von Nutzen sein kann. Oder?

Zu lange war man auch in der Politik der Faszination der technologischen Möglichkeiten erlegen, Folgen wurden kaum bedacht (das Programm zur Humanisierung der Arbeitswelt ist gut, aber es gilt nur für Menschen, die Arbeit haben; nicht für Menschen, die durch Automation freigesetzt werden). Der amerikanische Kongreß hat sich seit mehr als 25 Jahren intensiv mit diesem Problem beschäftigt. Es lohnt sich für alle Bundestagsabgeordneten, Ministerialbeamten, Gewerkschaftler und Unternehmer, nachzulesen, was von wem in den Hearings vor dem amerikanischen Kongreß seit 1955 gesagt wurde. Friedrich Pollocks Buch "Automation", Europäische Verlagsanstalt 1964, sollte Pflichtlektüre für jeden sein, der an den eingeleiteten Entscheidungsprozessen beteiligt ist. Wenn man zu lange wartet und weiterhin glaubt, daß der technische Fortschritt auch mit den negativen Auswirkungen des technischen Fortschritts fertig werde (Bundespräsident Scheel),sollte an das Ergebnis einer Umfrage erinnert werden, die 1955 in Detroid durchgeführt wurde: in der Reihe der am meisten gefürchteten Gefahren stand die Automation an zweiter Stelle - unmitielbar hinter der Furcht vor der Sowjetunion.

*Werner Gerdes ist freire Journalist und Intimkenner der Bonner Szene.

Eugen Loderer, 1. Vorsitzender der IG Metall, 1977:

"Das bekannteste.. Beispiel dafür ist die Gefährdung der Arbeitsplätze von Millionen von Textverarbeitern in Büro und Verwaltung durch den Einsatz von Mikrocomputern. "

Erich Mayer,1. Bevollmächtigter der Verwaltungsstelle Villingen-Schwenningen der IG Metall, 1977:

"Im Jahre 1970 beschäftigten 280 Unternehmen der Uhrenindustrie 31800 Arbeiter. 1975 waren es noch 254 Betriebe mit nur 23 600 Beschäftigten. 1977 waren es 18 100 Arbeiter."

Dipl.-lng. Dr. F. Baur, Vorstandsmitglied der Siemens AG, 1977:

"Wo wir in der Arbeitsplatzbilanz zwischen Rationalisierungsverlust und neuem Zuwachs landen werden, wissen wir nicht. Aus heutiger Sicht könnte es so sein, daß die integrierten Schaltungen etwas mehr Arbeitsplätze überflüssig machen, als sie neue schaffen."

Hans Matthöfer, Bundesminister, 1977:

"Technischer Fortschritt ist also ein Mittel, um im internationalen Wettbewerb zu bestehen und Arbeitsplätze zu sichern."

Dr. Lothar Scholz, IFO-lnstitut für Wirtschaftsforschung München, 1977:

"Zieht man.... eine Zwischenbilanz dann ist man geneigt, denjenigen recht zu geben, die den technologischen Fortschritt der Elektronik in Richtung Mikroprozessor und Mikrocomputer als ,"Jobkiller" apostrophieren ...."

Bonner Generalanzeiger, 1978:

"In einem anderen deutschen Unternehmen wurde die Fertigung von Registrierkassen ebenfalls auf Elektronik umgeschaltet. Das Ergebnis: 1975 gab es noch 4200 Beschäftigte, 1977 waren es noch 720. Etwa 200 Arbeiter wurden umgeschult. Daneben wurden Arbeitsplätze für 100 Facharbeiter, 100 Angestellte sowie 50 Elektroingienieure und Systemspezialisten der EDV-Anwendung neu geschaffen."

Prof. Dr.-lng. Karl-Hans Laermann MdB (F.D.P.), 1978:

"So ist zum Beispiel zu befürchten, daß in einem Jahrzehnt bis zu 40% der bisherigen Arbeitsplätze im Bereich der Feinmechanik und Nachrichtentechnik 80% im graphischen Gewerbe, 50% im Bürobereich infolge automatischer Textverarbeitung überflüssig werden."

Martin Heiß, Vorstandsmitglied des Deutschen Gewerkschaftsbundes, 1976:

"Ich bestreite daß die Belastungen, die Gefährdungen in der Arbeitswelt abgenommen haben. Im Gegenteil, sie haben steigende Tendenz."

Economist, 1955:

"Eine Umfrage, die in der zweiten Hälfte des Jahres 1955 in Detroit durchgeführt wurde, stellte fest, daß in der Reihe der am meisten gefürchteten Gefahren Automation an der zweiten Stelle stand, unmittelbar hinter der Furcht vor Sowjetrußland."

W. C. Newberg, Chrysler Corporation, 1955:

"ln dem Gesamtbild unserer Wirtschaft sind die ökonomischen Gesetze der Automation brutal und einfach. Sie heißen: Automatisieren oder zugrunde gehen (automate or die)."

Eugen Loderer, 1. Vorsitzender der IG Metall, 1977:

"Es ist eine Tatsache: Noch hinkt die Politik den durch die Technologie aufgeworfenen Problemen hinterher."

Prof. Karl Steinbuch, 1968:

"Kurzum, ich halte die sorgfältige wissenschaftliche Analyse der Zukunft für eine Voraussetzung jeglicher verantwortlicher Politik."

Prof. Dr.-lng. Karl-Hans Laermann MdE (F.D.P.), 1978:

"Der Mensch muß ablassen von seinem maßlosen Streben, .... immer schneller zu werden..... Der Mensch muß ablassen, die Wertmaßstäbe seiner Leistungen in cbm Stahlbeton oder in t Stahl auszudrücken."

Dr. Herbert Ehreberg, Bundesminister:

"Die RationalisierungswelIe erfaßte bisher vor allem das warenproduzierende Gewerbe. 1955 erzeugten 11,3 Millionen Erwerbstätige im warenproduzierenden Gewerbe ein Bruttoinlandsprodukt von 123 Milliarden DM. Zwanzig Jahre später, 1975, geringfügig mehr Erwerbstätige, nämlich 11,6 Millionen, ein Bruttoinlandsprodukt von 320 Milliarden DM jeweils in Preisen von 1962."

Komitee des US-Kongresses, 1955:

"Diejenigen Geschäftsleute, welche von dem Problem der Kostenverringerung absorbiert sind, vergessen leicht, daß die automatische Produktionsweise .. schließlich den Grundlagen unserer freien Gesellschaft Schaden zufügen kann."

Hans Matthöfer, Bundesminister, 1977:

".... so ist doch politisch falsch und kurzsichtig, den technischen Fortschritt als verantwortlich für Arbeitslosigkeit anzuprangern. Wer dies tut, entläßt Unternehmer und Politiker aus der von ihnen zu tragenden Verantwortung."

Bonner Generalanzeiger, 1978:

"ln der Bundesrepublik sind rund acht Millionen Arbeitnehmer mit Informationsverarbeitung beschäftigt. Davon sind 2 Millionen reine Schreibkräfte, drei Millionen arbeiten als Diktierer oder Korrespondenten. Was sich gerade auf diesem Sektor infolge der immer stärker greifenden Elektronik zukünftig noch abspielen wird, läßt sich nur erahnen."

Dr. Fritz-Heinz Himmelreich, Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände, 1976:

"Unternehmerische Tätigkeit unterliegt system-unabhängig dem Zwang zu ökonomischer Rationalität. Insofern wäre jedes Bemühen um eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen, das ohne Beachtung seiner wirtschaftlichen Konsequenzen begründet würde, unglaubwürdig und wirklichkeitsfremd."

Prof. Karl Steinbuch, 1968:

"Erst wenn uns das Wasser sehr hoch am Halse steht, besteht wieder Aussicht auf eine grundsätzliche Veränderung. Not lehrt denken - wenn aber eine Gesellschaft den Denkverzicht zum höchsten Ideal hochgejubelt hat, dann braucht sie große Not, um wieder denken zu lernen."

Prof. Dr.-lng. Karl-Hans Laermann MdB (F.D.P.), 1978:

"Technischer Fortschritt, die Einführung neuer Technologien brachte wirtschaftliche Prosperität, brachte Wohlstand für die Industriestaaten und die Menschen, die in ihnen leben. Aber, so lautet die Frage: Um welchen Preis?

- Da ist das ständig steigende Gefälle zwischen den armen und den reichen Nationen in der Welt,

- Da ist, in ihren Auswirkungen schon spürbar, wieder wie in den Anfängen der Industrialisierung eine Gefährdung der Arbeitsplätze.

- Da ist das wachsende Unbehagen durch neue Technologien nicht mehr Freiheit des Individuums und der gesellschaftlichen Systeme zu erlangen, sondern in die Unfreiheit in die Abhängigkeit der Maschinen zu geraten.

Prof. Dr. Norbert Wiener, 1947:

"Diejenigen von uns, die an der Entwicklung der neuen Wissenschaft der Kybernetik mitgearbeitet haben, befinden sich in einer moralischen Position, die gelinde gesagt, nacht sehr angenehm ist. Wir können diese Wissenschaft niemandem andern übergeben als der bestehenden Welt, und das ist die Welt von Belsen und Hiroshima. Wir haben noch nicht einmal den Ausweg, die neue technische Entwicklung zu unterdrücken. Sie gehört unserer Zeit.... Es gibt Wissenschaftler, die hoffen, daß der Segen, der aus einem besseren Verständnis des Menschen und der Gesellschaft entspringen kann.... ein Gegengewicht zu den Möglichkeiten geben wird, die wir denen bieten, die alle Macht bei sich konzentrieren wollen und die notwendigerweise immer die Skrupellosesten sind. Ich schreibe im Jahre 1947, und ich muß sagen, daß diese Hoffnung recht gering ist."