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12.02.1993 - 

Behoerde mit 96 000 Mitarbeitern setzt auf Client-Server-Konzept

BA fuer Arbeit will Verbindung aller Dienststellen via ISDN

Die Bundesanstalt fuer Arbeit (BA) entschied sich bereits 1988 fuer ISDN. Bei einer EG-weiten Ausschreibung ueber die Beschaffung und Installation von etwa 500 ISDN-Telekommunikations (TK)-Anlagen setzte sich die Deutsche Bundespost Telekom durch. Bis Ende 1991 sollten 500 Systeme Octopus 8818 mit rund 50 000 Telefonen in den Arbeitsaemtern und Aussenstellen installiert werden. Die deutsche Einheit bescherte den Postlern einen zusaetzlichen Auftrag ueber 240 ISDN-TK-Einrichtungen. Mittlerweile wurden bereits 750 TK-Anlagen installiert.

Schritt eins, so Konrad Kirschner, Referent fuer Infrastruktur der Informations- und Kommunikationstechnik der Bundesanstalt fuer Arbeit, war die "grundsaetzliche Verbesserung und Vereinheitlichung" der Sprachkommunikation. So koennen die Nebenstellen ueber ISDN-Festverbindungen problemlos an das Netz des jeweiligen Arbeitsamtes angeschlossen werden.

ISDN-Nutzung ist fuer Sprache guenstiger

Sogar die ausschliessliche ISDN-Nutzung fuer die Sprachuebertragung ist preisguenstiger als die "alte analoge Welt", erlaeutert Kirschner. So sind Anschlusstechnik und Vermittlungssysteme billiger, und die Wartungsgebuehren waren bei den Analogsystemen sehr hoch. Die Einsparungen durch den digitalen Schwenk schaetzt Kirschner auf rund zwei Millionen Mark pro Jahr.

Die Bundesbehoerde betreibt derzeit rund 200 Rechenzentren mit 40 000 Bildschirmen. Neben der Arbeitsvermittlung mit Zugriff auf alle regionalen, teilweise auch ueberregionalen Stellenangebote zaehlen die Berufsberatung und natuerlich die Bearbeitung von sogenannten Leistungsantraegen zu den wichtigsten Aufgaben der Bundesanstalt. Einschliesslich der Zahlungen fuer Kindergeld gibt sie taeglich ueber 600 000 Ueberweisungen mit einem Gesamtwert von bis zu 500 Millionen Mark aus.

Die Datenverarbeitung zu dezentralisieren und mehr Computerleistung an den einzelnen Arbeitsplatz zu bringen, sind die Ziele der DV-Strategen in der Bundesanstalt fuer Arbeit. Weg vom Host-Terminal-Prinzip hin zu Client-Server-Loesungen, kennzeichnet Konrad Kirschner den Wandel der DV-Organisation in der BA. "Wie die meisten Grossanwender waren auch wir bisher auf die klassischen Hosts orientiert." Die Grossrechner werden zwar nicht von der Bildflaeche verschwinden. Die BS2000-Anlagen werden durch RISC-Maschinen unter Unix ersetzt. Der Trend in der BA, so Kirschner, geht aber eindeutig zu Client-Server-Systemen, ebenfalls unter Unix. Fuer dieses Konzept ISDN zu nutzen, bietet sich wegen der flaechendeckenden Installationen von ISDN-TK-Anlagen in jedem Arbeitsamt und jeder Aussenstelle an. Drehscheibe in diesem Szenarium ist deshalb die TK-Anlage. Kirschner, der die Verbindung von DV und TK-Anlage gerne als "gekoppelte Talente" lobt, will dem einzelnen Sachbearbeiter damit auch die oeffentlichen Kommunikationsdienste wie Telefax, E-Mail und gegebenenfalls Btx an den Schreibtisch bringen. Fuer ISDN als Netz fuehrt der BA-Mann etliche Gruende an. Einer davon ist die Aufhebung der Kommunikationsschwelle zwischen Inhouse-Netz und WAN. Das ist besonders wichtig, weil 50 Prozent aller Arbeitsplaetze in Nebenstellen angesiedelt sind, die heute ueber Datendirekt- Verbindungen (sogenannte HfD-Leitungen) mit 9,6 Kbit pro Sekunde Uebertragungsgeschwindigkeit mit den Arbeitsaemtern verbunden sind. Ferner kann mit ISDN das vorhandene Inhouse-Telefonnetz weiter verwendet werden. Die sonst notwendige herstellerspezifische Verkabelung entfaellt.

Auf Basis des ISDN plant die Bundesanstalt fuer Arbeit ein Kommunikationskonzept mit dem schoenen Projektnamen Ositel/ISDN (Open Systems Interconnection unter Telekom). Ziel von Ositel ist die Einfuehrung der Client-Server-Architektur ueber ISDN. Leistungstests, die die Telekom-Projektgruppe "Prokom" - eine Arbeitsgruppe des Grosskunden-Managements der Oberpostdirektion Nuernberg - anstellte, waren erfolgreich. Die Prokom-Spezialisten prueften zuerst, ob die digitalen Nebenstellenanlagen in der Lage sind, neben dem normalen Sprachverkehr auch noch die Datenkommunikations-Verbindungen zeitunkritisch abzuwickeln. Lastmessungen verliefen zur vollsten Zufriedenheit. Auch die anschliessenden Tests mit den Anwendungen Computerunterstuetzte Ausbildungsstellenvermittlung (Compas) und Kurs, einem Informationssystem zur Aus- und Weiterbildung, waren erfolgversprechend. So ist geplant, dass Nutzer vom Arbeitsamt Goettingen und dem Landesarbeitsamt in Stuttgart direkt auf den Server mit den entsprechenden Daten in Nuernberg zugreifen.

Zwei unterschiedliche Rechnerkopplungen via ISDN praktiziert die BA zur Zeit. Einzelne Workstations sind ueber Inhouse-ISDN an das Rechenzentrums-LAN des jeweiligen Arbeitsamtes angeschlossen. Andererseits koennen aber auch zwei Ethernet-Netze ueber ISDN verbunden werden. Mittler zwischen ISDN und DV-Welt ist ein Router, der selbst auf einer Unix-Workstation basiert. Als Uebertragungsprotokoll wird in der BA derzeit der De-facto-Standard TCP/IP (Transmission Control Protocol/Internet Protocol) eingesetzt. TCP entspricht der OSI-Protokollschicht 4 und IP der Schicht 3. In der Regel wird TCP/IP heute mit Unix kostenlos mitgeliefert.

Die Fachleute der Telekom entschieden sich fuer den Router der Nuernberger Bintec Computersysteme GmbH. Guenther Engelhardt vom Grosskunden-Management der Telekom in Nuernberg nennt die Gruende. PCs mit marktgaengigen ISDN-Karten muessen am LAN partizipieren koennen, als ob sie direkt angeschlossen waeren. Alle LAN- Applikationen sollen weiterhin ueber ISDN verfuegbar sein. Der Router muss lokale Ethernet-Netzwerke koppeln koennen. Vor allen Dingen darf das Verbindungsgenie den Anwender nicht in seiner Arbeit behindern. Das heisst, der Verbindungsauf- und Abbau muss automatisch geschehen, ohne dass der Nutzer etwas davon merkt. Bei Bedarf muss der Router selbstaendig ISDN-Basis-Kanaele zuschalten und, falls nicht mehr benoetigt, wieder abschalten koennen. Damit wird auch die Uebertragungsgeschwindigkeit im ISDN voll ausgeschoepft.

Sind 64 Kbit in der Sekunde im Vergleich zu den Geschwindigkeiten, die im herkoemmlichen, analogen Telefonnetz fuer die Datenuebertragung erreicht werden koennen, recht schnell, so transferieren Computer ihre Daten in lokalen Netzen zunehmend mit Mbit-Raten. Bintec-Geschaeftsfuehrer Gregor Krawczuk sieht darin kein Problem, denn je nach Ausbaustufe lassen sich bis zu 64 Basiskanaele - auf Wunsch lastabhaengig - zu einem logischen Kanal mit 4 Mbit zusammenschalten. Bintec-Entwickler brueten bereits ueber Super-Routern mit 300 und sogar 600 Basiskanaelen, verraet Krawczuk.

Router fuer Zugriffsschutz und Datenkompression

Je nach Ausbaustufe koennen die in der Bundesanstalt fuer Arbeit verwendeten IP-Router acht bis 16 S(Index)0-Schnittstellen gleichzeitig bedienen. Als Erweiterung ist die Anschlussfaehigkeit ueber 32 S(Index)0 und zwei S(Index)2M-Schnittstellen geplant. Neben einem wirksamen Zugriffsschutz komprimiert der Router den 48 Byte grossen TCP/IP-Header auf fuenf Byte. Ohne diese Kompression wuerde der Dialogverkehr, der nur kleine Datenpakete erzeugt, einen uebermaessigen Overhead haben, begruendet Guenther Engelhardt die Notwendigkeit der Header-Kompression.

180 Router hat die Telekom fuer die Bundesanstalt bei dem Nuernberger High-Tech-Unternehmen geordert. Davon werden die meisten fuer die Client-Server-Applikation Cotina in verschiedenen Arbeitsaemtern eingesetzt.

Hinter dem Kunstwort verbirgt sich die textorientierte Informationsverarbeitung im Arbeitsamt. Auf einem Server sind moegliche Standardtexte fuer Briefe abgelegt. Der Sachbearbeiter kreuzt die Textbausteine auf einem Formular an, und im Schreibbuero werden die Briefe zusammengefuegt.

In den Arbeitsaemtern Giessen und Ansbach laeuft die Client-Server- Anwendung Costat zur statistischen Datenauswertung via ISDN. Die Daten werden computerunterstuetzt erfasst, bearbeitet und fuer das Sachgebiet Statistik der Arbeitsaemter ausgewertet.

Erfolgreich verlief auch die Kopplung zweier LANs fuer das OFR (Optical Filing Retrievel)-Remote-Projekt. Fuer einen Teil der Kassenverwaltung gibt es bei der BA gesonderte Dienststellen, den sogenannten "Forderungseinzug". Wurde zuviel Geld gezahlt, zum Beispiel weil ein Arbeitsloser wieder Arbeit gefunden hat, aber noch Arbeitslosengeld erhielt, werden diese Dienststellen aktiv. Schriftgut und Akten sind auf OFR-Servern elektronisch archiviert. Um Betraege buchen und anweisen, Forderungen ausstellen und einziehen zu koennen, ist gleichzeitig der Zugriff zum BS2000- Rechner ueber das Rechenzentrums-LAN des Arbeitsamtes notwendig. Ueber ISDN erfolgt nun die Kopplung zum Ethernet-LAN. Von einem Arbeitsplatzsystem wird Window-orientiert (Motiv) auf beide Server zugegriffen. Wird die Bandbreite des ersten B-Kanals ueberschritten, schaltet der Router einen weiteren Kanal dazu. Das lastabhaengige Zuschalten spart natuerlich Fernmeldegebuehren. Pro Landesarbeitsamt sollen drei derartige LAN-Kopplungen installiert werden.

Inzwischen stellt sich fuer Konrad Kirschner aber auch der ISDN-Himmel nicht mehr so strahlend blau dar. Der Grund liegt in der Gebuehrenpolitik der Telekom. Ueber 2000 Datendirekt-Verbindungen hat die Bundesanstalt fuer Arbeit bei der Telekom gemietet. "Bis vor kurzem war es ein ganz leichtes Rechnen. Wir brauchten nur die 9,6-Kbit-Leitungen gegen ISDN-Festverbindungen auszutauschen. Damit hatten wir 64 Kbit Uebertragungsgeschwindigkeit und zusaetzlich weniger Kosten. Durch die Preisspruenge sieht alles anders aus". Gegenwaertig konzipiert die Telekom ein Telekom-Daten-Netz (TDN) fuer die Bundesanstalt. Kirschner setzt auf eine guenstige Preisgestaltung, schliesslich ist die BA mit ihren 5500 Basiskanaelen im ISDN Grosskunde.

Erklaertes Ziel der IV-Manager der BA ist es, dass jeder mit jedem kostenguenstig kommunizieren kann.

*Diplommathematiker Ingo Paszkowsky ist Fachjournalist in Berlin.

Eine Mammutbehoerde

Kaum eine Bundesbehoerde steht mehr im oeffentlichen Interesse als die Bundesanstalt fuer Arbeit, stellt die Anzahl der Arbeitslosen doch ein Konjunkturbarometer fuer die gesamte Wirtschaft dar. Die Arbeitsvermittlung, das Zahlen von Leistungen und die Ausbildungsstellen-Vermittlung erfordern einen riesigen organisatorischen Aufwand. Schon die grosse Anzahl der Organisationseinheiten zeugt vom Ausmass der Aufgaben: Zur Zentrale in Nuernberg kommen elf Landesarbeitsaemter und 184 Arbeitsaemter mit ueber 600 Nebenstellen. Insgesamt beschaeftigt die Mammutbehoerde etwa 96 000 Mitarbeiter. Den veraenderten Herausforderungen des Marktes, dem Zwang zur Kostendaempfung und dem europaeischen Binnenmarkt begegnet die Verwaltung unter anderem mit neuen Konzepten in Datenverarbeitung und Kommunikationstechnik.