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11.02.2000 - 

Verkauf von Coda spült Geld in leere Kassen

Baan kämpft um jeden Kunden

MÜNCHEN (bs) - Trotz geringerer Verluste für das Geschäftsjahr 1999 als zunächst erwartet stehen die Zeichen bei Baan auf Sturm. Pierre Everaert, der übergangsweise die Geschicke des Unternehmens lenkt, zieht die ganze Bandbreite der Möglichkeiten in Erwägung: von der weiteren Unabhängigkeit bis zum Verkauf der kompletten Firma.

"Am liebsten würden wir natürlich unabhängig bleiben und strategische Partnerschaften schließen", teilte Everaert dem "Wall Street Journal" mit. Zusammen mit der Investmentfirma Lazard Frères & Co. suche der niederländische Hersteller derzeit nach einem Ausweg aus der Krise.

Dazu gehören anscheinend auch potenzielle Investoren, Käufer oder Partner, die einige der Baan-Divisionen oder manche Produkte übernehmen würden. Ein erster Schritt in dieser Richtung ist getan: Anfang der Woche einigte sich der Softwareanbieter mit dem britischen Beratungshaus Science Systems über den Verkauf des Finanzsoftwarebereichs Coda. Science Systems ist der größte Implementierungspartner von Coda. Eine entprechende Absichtserklärung sei bereits unterzeichnet, teilt Baan-Deutschland-Sprecherin Susanne Melchior mit. Danach zahle Science Systems rund 50 Millionen Dollar in bar für Coda. Baan hatte 1998 rund 89 Millionen für den Finanzsoftwarespezialisten hingeblättert.

Der Verkauf von Coda ist laut Analysten ein richtiges Signal: Das Produkt passte nie so recht in das Portfolio der Niederländer, zudem sei die Integration der Mitarbeiter nicht zur Zufriedenheit gelungen.

Marktforscher, Anwender und Beratungspartner stehen aber auch einem Verkauf des gesamten Unternehmens durchaus positiv gegenüber: "Baan sollte gekauft werden, lieber heute als morgen", gibt Rainer Meffert, Abteilungsleiter DV bei dem Farben- und Lackehersteller Meffert AG in Bad Kreuznach, zu Protokoll. Mit dem Funktionsumfang der Produkte ist der Wirtschaftsinformatiker zwar zufrieden, abgesehen von einigen Schwächen in der Buchhaltung. Doch ein finanzstarker Partner oder Käufer würde Anwendern endlich wieder die Sicherheit geben, die sie bräuchten, um auch in Zukunft in Baan-Produkte zu investieren.

Für sein viertes Geschäftsquartal überraschte Baan mit einem niedrigeren Verlust als erwartet: Das Minus betrug 236 Millionen Dollar und enthält unter anderem 168 Millionen Dollar für einmalige Aufwendungen, die sich aus der angekündigten Restrukturierung des Unternehmens ergeben. Dazu gehören die Entlassung von vier Prozent der 4700 Personen starken Belegschaft sowie die Schließung mehrerer Büros. Im Januar hatte die Softwareschmiede noch mit einem Nettoverlust von 240 bis 250 Millionen Dollar gerechnet.

Der Umsatz kletterte im vierten Quartal 1999 von 131 im Vorjahr auf 143 Millionen Dollar, wobei ein Aufwärtstrend im Lizenzgeschäft gegenüber dem dritten Quartal verzeichnet wurde. Für das gesamte Geschäftsjahr 1999 lag das Defizit bei 289 Millionen Dollar (1998: 315 Millionen Dollar), die Einnahmen fielen um 14 Prozent auf 635 Millionen Dollar (1998: 736 Millionen Dollar). Die Umsatzergebnisse für Deutschland werden frühestens Ende März bekannt gegeben, teilte Jürgen Richter, Geschäftsführer von Baan-Deutschland, mit.

"Die Produkte waren nie Baans Problem", konstatiert Susanne Schwede, Analystin der Meta Group aus München. Die Lösungen seien weltweit bei rund 7000 Kunden mehr als 14 000-mal installiert. Diese große Basis spreche für das Unternehmen und seine Software. Allerdings sei das Image sehr beschädigt, bedingt durch einen schlechten Service und Support in den Wachstumsperioden 1996 und 1997 sowie unerlaubte Umsatzbuchungen 1998. Die unerfreulichen Ergebnisse der vergangenen zwei Geschäftsjahre sowie der überraschende Rücktritt von Chief Executive Officer (CEO) Mary Coleman hätten das Vertrauen in das Unternehmen überdies erschüttert. Schwede: "Baan steckt im Teufelskreis: Aufgrund der schlechten Zahlen und damit fehlenden Perspektive kaufen die Kunden keine Produkte. Aber gerade das wäre nötig, um aus der Talsohle herauszukommen."

Aus Sicht von Rudi Müller, Baan-Kenner und Geschäftsstellenleiter Industrie und Handel bei CSC Ploenzke in Hamburg, wäre eine Übernahme die Chance, das schlechte Image abzulegen: "Ein starker Partner könnte über die derzeitige finanzielle Schwäche hinweghelfen und damit Interessenten und Bestandskunden zeigen, dass und vor allem wie es mit Baan weitergeht." Stärken hätten die Niederländer speziell in den Wachstumssegmenten Customer-Relationship- (CRM-) und Supply-Chain-Management. Dort hätten sie einen Vorsprung gegenüber den Konkurrenten wie SAP und Oracle. Baans CRM-Software brauche auch einen Vergleich mit der Funktionalität der Produkte des Marktführers Siebel nicht zu scheuen. Ebenfalls überzeugend ist nach Müllers Auffassung die E-Commerce-Produktfamilie "E-Enterprise".

"Problematisch ist allerdings, dass Baan auf dem Markt immer noch nur als Anbieter von Enterprise-Resource-Planning-(ERP-) Systemen bekannt ist", kritisiert CSC-Mann Müller. Er fordert von dem Anbieter ein offensiveres Auftreten im Marketing und Vertrieb. Gleichzeitig warnt er jedoch davor, wieder in leere Marketing-Versprechungen zu verfallen. Sein Vorschlag: Nur das ankündigen, was freigegeben und verfügbar ist.

Die Äußerungen von Baans Interims-Chef Everaert öffnen Spekulationen über einen möglichen Käufer Tür und Tor. Gehandelt werden unter anderem Peoplesoft und Oracle, die sich mit dem Kauf von Baan einen großen Kundenstamm und endlich ein festes Standbein in Deutschland zulegen könnten. Peoplesoft, dessen deutsche Niederlassung von Verhandlungen mit Baan nichts weiß, scheidet laut Karin Henkel, Analystin von Strategy Partners, aus. Die eigene finanzielle Situation lasse eine derartige Übernahme nicht zu. Auch Oracle dürfte nur bedingt Interesse zeigen: Zum einen tritt die Ellison-Company ebenfalls als Vollsortimenter mit ERP-, CRM- und SCM-Anwendungen auf. Zudem wäre die Integration beider Anwendungen sehr schwer. Während Baan bei der Produktentwicklung recht konsequent Microsoft-Tools und damit auch die Komponentenmodelle COM und DCOM favorisiert, hat sich Oracle ganz den hauseigenen Werkzeugen und einer Bauweise in Anlehnung an die Common Object Request Broker Architecture (Corba) verschrieben.

Als weiterer Käufer wäre laut Henkel auch Computer Associates (CA) vorstellbar. Das Unternehmen ist bekannt für seine Einkaufstouren und hat überdies vor Jahren Teile des Quellecodes von Baan gekauft. Auch die Kapitaldecke lasse eine solche Transaktion zu. Von CA-Deutschland war bis zum Redaktionsschluss keine Stellungnahme zu erhalten.

"Konkrete Übernahmeverhandlungen gibt es nicht", sagt Baans Deutschland-Statthalter Richter. Hierzulande sei die Stimmung unter den Mitarbeitern ausgesprochen gut, was sich auch auf einer europäischen Vertriebsveranstaltung gezeigt habe, bei der in Berlin der Übergangschef Everaert als Motivator auftrat. Richter gesteht allerdings ein, dass hierzulande das Marketing verstärkt werden müsse. Er dürfte jedenfalls zu den derzeit meistgereisten Mitarbeitern gehören: "Ich fahre zu jedem potenziellen Kunden persönlich, auch mit Vertretern unserer Partnerunternehmen, und versuche ihn davon zu überzeugen, dass wir aus dem Tal herauskommen."

Baan-Chronik7. Mai 1998: Die US-Regulierungsbehörde stellt fest, dass Baan seinen Umsatz durch unerlaubte Geschäfte mit Tochterunternehmen "künstlich" aufgebläht hat.

15. Mai 1998: Baan kündigt an, seine Buchungspraktiken zu ändern. Die Wirtschaftsprüfer von Ernst & Young werden ihrer Pflichten enthoben.

6. Juli 1998: Jan Baan tritt als CEO zurück, Tom Tinsley wird sein Nachfolger.

20. Juli 1998: Aufgrund der neuen Buchhaltung müssen die Zahlen für das erste Quartal nach unten korrigiert werden.

13. Oktober 1998: Gewinnwarnung für das dritte Quartal. Die Aktie fällt um 29 Prozent und damit der Börsenwert um 1,1 Milliarden Dollar.

19. Oktober 1998: Anleger klagen gegen Baan wegen der unerlaubten Buchungspraktiken.

30. Oktober 1998: Baan kündigt die Entlassung eines Fünftels der Belegschaft an, Mary Coleman wird COO.

20. November 1998: Jan Baan verlässt den Aufsichtsrat.

14. Januar 1999: Baan-Deutschland verkauft Comet an Q.4 IBS.

21. Januar 1999: Der Verlust für 1998 von 315 Millionen Dollar wird bekannt gegeben.

28. Mai 1999: Tom Tinsley verlässt Baan, Mary Coleman wird CEO.

22. Oktober 1999: Der Verlust für das dritte Quartal ist mit 24,7 Millionen Dollar größer als erwartet.

4. Januar 2000: Nach nur sieben Monaten tritt Coleman zurück. Der ehemalige Philips-Manager Pierre Everaert tritt als Interims-CEO an. Verlust für 1999 wird auf rund 250 Millionen Dollar beziffert.

14. Januar 2000: Finanzchef James Mooney verlässt nach neun Monaten das Unternehmen, sein Nachfolger wird der ehemalige Philips-Manager Robert Arnold Ruijte.

21. Januar 2000: Mike Shinya wird weltweiter Vertriebschef, Paul Daly zeichnet als President für die Region Amerika verantwortlich.

2. Februar 2000: Der Hauptinvestor Fletcher gibt weitere 40 Millionen Dollar ab dem 30. Juni 2000 frei.

8. Februar 2000: Baan verkauft Coda für 50 Millionen an Science Systems.