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09.02.2001 - 

Aufholjagd gegenüber SAP & Co.

Baan setzt auf Internet und Kollaboration

MÜNCHEN (CW) - Nach der finanziellen Konsolidierung legt Baan nun produktseitig nach. Mit den neuen Anwendungen zieht der zu Invensys gehörende Softwarehersteller in vielen Bereichen zunächst mit den Mitbewerbern aus dem Highend der betriebswirtschaftlichen Softwarelösungen gleich, zum Beispiel durch Portaltechnik und Web-Interface. Mit Produkten für das Collaborative Manufacturing folgt das Unternehmen den aktuellen Trends.

"Baan hat erheblich in die Internet-Funktionen investiert", beschreibt Allen Yurko, CEO des Baan-Eigners Invensys Plc., im CW-Interview noch die Zeit, bevor sein Unternehmen das angeschlagene Softwarehaus übernommen hat. Nun sollen sich die Investitionen auch auszahlen. Vor allem in den Bereichen Collaborative Manufacturing, also der Kooperation bei der Fertigung über Unternehmensgrenzen hinweg, und bei der Connectivity hat der Hersteller betriebswirtschaftlicher Komplettlösungen zugelegt und neue Komponenten für die aktuelle Version "Baan ERP 5.0c" herausgebracht. Dem Internet-Trend trägt der Softwareanbieter auch sprachlich Rechnung: Die Produkte heißen künftig I-Baan.

Ob die jetzt vorgestellten Erzeugnisse aber ausreichen, um in größerem Umfang neue Kunden gewinnen zu können, ist für den ERP-Analysten Helmuth Gümbel vom Beratungsunternehmen Strategy Partners allerdings fraglich. Mit den Ankündigungen sei Baan "hochkarätig schlagwortkompatibel" zu den anderen Anbietern von Software für das Enterprise Resource Planning (ERP). Differenzierungspotenzial fehlt dagegen.

In insgesamt fünf Bereichen haben die Holländer neue Produkte präsentiert: Portal, Connectivity, Collaboration, Web-Oberfläche und E-Business-Lösungen. Dem aktuellen Trend zur besseren Unterstützung von Prozessen von mehreren beteiligten Firmen folgt Baan mit seinen Anwendungen im Bereich Fertigung. Die "Collaboration"-Lösungen zielen darauf ab, die Fertigungs- und Logistikprozesse besser zu beobachten und zu steuern. "Wir wollen der Experte für E-Manufacturing sein", fordert Yurko. Mit fünf zusätzlichen Programmen soll der erste Schritt nun getan werden.

Der "Supply Chain Monitor" dient als Werkzeug, um die Aktivitäten entlang der kompletten Prozesskette zu beobachten. Er verfügt über typische Analysefunktionen. Anwender können ihre eigenen Sichten erstellen, mit Drill-down aus Grafiken Detailinformationen ziehen und Alarmschwellen definieren, bei denen sie über ungewöhnliche Kennzahlen informiert werden. Beim "Collaborative Supply Planning" synchronisieren das Anwenderunternehmen und seine Zulieferer die Bestellung direkter Güter über dynamische Anforderungen.

Dadurch erhält der Benutzer einen realen Blick auf die Verfügbarkeit von Materialien über mehrere Zuliefererschichten hinweg, statt wie bisher nur eine Zusage für einen Termin zu bekommen, ohne zu wissen, ob der Zulieferer überhaupt in der Lage ist, ihn zu halten.

Das Modul "Collaborative Vendor-Managed Inventory" erlaubt es einem Zulieferer, den Lagerbestand beim Kunden in Echtzeit zu verwalten. Er erhält einen ständig aktuellen Einblick in den Lagerbestand und wird bei Problemen sofort von einem Softwareagenten informiert. Beim "Collaborative Demand Fulfillment" werden die Anforderungen eines Kunden mit den Randbedingungen im eigenen Unternehmen abgeglichen. Auf diese Weise sollen die Planung verbessert und realistische Bestellzusagen gegeben werden. In etwa einem Vierteljahr folgt "Collaborative Logistics Management", eine umfassende Planungslösung für verschiedene Formen von Bestellungen, die in Echtzeit auf plötzlich eintretende Änderungen reagieren kann.

Schnittstellen per Mausclick definierenAus der technischen Sicht ist das Schnittstellen-Framework "Openworld 2.0" eine der wichtigsten Neuerungen - so sieht das zumindest der Baan-ASP-Partner Innobase. Mit Openworld können Anwender die ERP-Software mit anderen Anwendungen verbinden, zum Beispiel mit Nischenprodukten von Drittanbietern oder Legacy-Anwendungen. Verbindungen lassen sich über ein grafisches Konfigurations-Tool einrichten, mit dem per Drag and Drop automatisch Definitionen für die Datenkonvertierung zwischen zwei Anwendungen getroffen werden können.

Für die Integration in Web-Anwendungen lassen sich außerdem Schnittstellen für die Datenbeschreibungssprache XML einrichten. Auch das Interface zur eigenen Softwarelinie, die "Business Objects Interfaces" (BOI), wird dynamisch als XML-Schnittstelle zur Verfügung gestellt. Die Middleware Openworld hat Baan selbst entwickelt. Sie arbeitet auch mit anderen Middleware-Lösungen zusammen, etwa mit "MQ Series". So geht das Unternehmen einen anderen Weg als SAP, das auf Drittanbieterprodukte setzt, zum Beispiel von Webmethods für die XML-Schnittstellen.

Invensys Software Systems (ISS), die Softwareabteilung von Invensys, zu der auch Baan gehört, wird Openworld auch selbst einsetzen, um die verschiedenen Anwendungen miteinander zu verbinden. "Unsere Kunden brauchen eine komplette Anwendungssuite, die mit den Kunden und mit den Zulieferern verknüpft ist", gibt Invensys-Chef Yurko die Marschrichtung vor. Hierzu gehört neben "Invensys CRM", der früher als "Aurum" bekannten Software für das Kundenbeziehungs-Management, zum Beispiel auch die Produkte der ebenfalls zu ISS gehörenden Wonderware zur Steuerung von Maschinen in der Fertigung. Wonderware und Baan haben beide ihren Schwerpunkt in der diskreten Fertigung - eine engere Zusammenarbeit liegt also nahe. Allerdings schätzt Analyst Gümbel die Integration der verschiedenen ISS-Anwendungen schlechter ein als die von Mitbewerbern.

Die Integration der Programme ist auch vor dem Hintergrund bedeutsam, dass Invensys I-Baan ERP demnächst mit der früheren Marcam-Anwendung Protean zusammenführen will. Der ERP-Anbieter Marcam ist Mitte 1999 mit seinen ERP-Produkten Protean und Prism ebenfalls von Invensys übernommen worden. Mittelfristig sollen die nicht fertigungsspezifischen Komponenten von I-Baan ERP und Protean auf einer gemeinsamen Code-Basis aufbauen. Von der Fertigungsfunktionalität her sind die Programme dagegen komplementär: Protean ist für die Prozessfertigung entwickelt worden, Baan für die diskrete Fertigung. "Wir nutzen Openworld als Schnittstellen für Protean und Prism", erläutert Yurko, "Sie können also in einigen Bereichen sowohl Baan als auch Protean und Prism einsetzen."

Während Openworld für die Integration im Backend verwendet wird, dient das Portal zur Zusammenfassung von Funktionen aus Anwendersicht. Es ist als persönliches Informationsportal entwickelt worden. Via Web-Browser kann der Endanwender auf verschiedene Anwendungen und Dokumente zugreifen, die für ihn vorgesehen sind. Jeder Anwender erhält seine eigene Arbeitsumgebung. Hier hat er zum Beispiel Zugriff auf Reports und Dokumente, Web-Links und E-Mail. Auch Drittanwendungen lassen sich einbauen. Mit "Drag and Relate" können Geschäftsdokumente mit spezifischen Funktionen verknüpft werden, zum Beispiel eine Bestellung mit dem zugehörigen Status in der Fertigung. Diese Anwendung kommt von Toptier und ist von Baan in das Portal eingebaut worden - so macht SAP das in seinem Portal auch. Für die einfache Administrierbarkeit lassen sich verschiedene Rollen anlegen und pflegen. Sie dienen auch als Basis für die Rechtevergabe und damit für das zugrunde liegende Sicherheitskonzept.

Das Portal kann entweder als eigenständige Anwendung eingesetzt oder über vorderfinierte Templates als Frontend für spezifische Einsatzzwecke genutzt werden. So liefert Baan unter anderem Rollen für die Bereiche Verkauf, Beschaffung, Finanzwesen, Product-Lifecycle-Management, Fertigung, Unternehmensplanung, Produktkonfiguration, Distribution, Projekt-Management und Supply-Chain-Management aus.

Komplementär dazu dient der "Webtop" als HTML-basierter Thin Client dazu, auf die eigentliche ERP-Anwendung zuzugreifen und Daten zu erfassen oder zu verändern. Das ist im Portal nicht möglich. Der Webtop ist also das Web-Interface zu I-Baan ERP. Er kommt, anders als manches Web-Interface von anderen ERP-Anbietern, ohne Programmcode auf der Client-Seite aus.

Ein wenig eine Mogelpackung sind dagegen die Web-basierten Anwendungen, die Baan unter dem Namen "I-Baan Solutions" angekündigt hat. Die Kernkomponenten der Web-Shop-Lösung "I-Sell", "E-Sales", und der Beschaffungsanwendung "I-Buy", "E-Procurement", gibt es nämlich schon seit rund zwei Jahren. Neu ist immerhin eine Self-Service-Lösung für den Kundenkontakt: "I-Service".

Mit seinen Anwendungen konzentriert sich Baan auf bestimmte Branchen. Zielgruppe sollen primär die Unternehmen sein, die auch die Kernzielgruppe des Mutterkonzerns Invensys bilden: Hightech, Anlagenbau, klassische Fabriken und die Prozessindustrie. "Das ist unser Kernmarkt, und zwar in allen Größenordnungen", stellt Yurko klar. Er reiche von Firmen mit 200 Mitarbeitern und 50 PC-Arbeitsplätzen bis hin zu Konzernen wie Boeing mit mehr als 30000 IT-Arbeitsplätzen.

Nur mit Invensys CRM will Invensys auch Firmen außerhalb dieser Branchen ansprechen, zum Beispiel Serviceunternehmen oder Telekoms. Diese gehören explizit nicht zur Zielgruppe von Baan. Das ist einer der Gründe, warum CRM aus Baan ausgegliedert und in eine eigenständige Abteilung überführt wurde. Trotzdem soll die CRM-Lösung eine wichtige Rolle bei Baan spielen. "Die Invensys-CRM-Produktlinie ist immer noch das Baan Frontoffice", stellt Yurko klar. Und das soll auch so bleiben.

Abb: Über das Portal oder Net-Markets besteht Zugriff auf die I-Baan-Lösungen. Quelle: Baan