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13.06.2003 - 

Vor der Verschmelzung mit dem Rivalen SSA

Baan will ERP-Giganten Paroli bieten

MÜNCHEN (wh) - Die Nachricht vom Verkauf der Invensys-Tochter Baan werten Experten und Kunden überwiegend positiv. Doch der geplante Zusammenschluss mit dem US-Softwarehaus SSA dürfte schwierig werden. Ob und wie Produktlinien und Strukturen integriert werden, kann das Management noch nicht beantworten. Dennoch lautet das erklärte Ziel, eine führende Position im ERP-Markt zu erringen.

Klemens Hauk, Vorsitzender der Deutschen Baan User Group (DBUG), gibt sich vorsichtig optimistisch. "Die Phase der Unsicherheit nach dem angekündigten Verkauf von Baan ist vorbei. Das ist zunächst einmal positiv." Eine gute Nachricht bedeutet für ihn auch die Ankündigung von Baan-Chef Laurens van der Tang, alle bestehenden Produktlinien weiterzuentwickeln und zu pflegen. Das gelte nicht nur für das ERP-Kernprodukt sondern auch für andere Anwendungen im "iBaan"-Portfolio, etwa für PLM (Product-Lifecycle-Management), SCM (Supply-Chain-Management) oder CRM (Customer-Relationship-Management).

Offene Fragen

Was die Transaktion auf lange Sicht für die rund 230 DBUG-Mitgliedsfirmen in Deutschland bedeute, lasse sich aber zurzeit nur schwer abschätzen, schränkt der Anwendervertreter ein. Anfang Juni hat der britische Mischkonzern Invensys seine Softwaretochter Baan an die beiden Investment-Gesellschaften Cerberus Capital Management und General Atlantic Partners verkauft (siehe CW 23/03, Seite 4). Der niederländische ERP-Spezialist soll mit dem US-amerikanischen Softwarehersteller SSA Global Technologies verschmelzen, der sich ebenfalls im Besitz der Investorengruppe befindet.

Weitgehend offen ist bislang, wie die Unternehmen zusammengeführt werden sollen. Auf den ersten Blick ergeben sich erhebliche Überschneidungen im Produktportfolio: Beide Softwarehäuser konzentrieren sich auf die Fertigungsindustrie und können dabei auf eine breite Produktpalette und umfangreiches Projekt-Know-how zurückgreifen. Bei genauerem Hinsehen zeigt sich, dass SSA mit seinem Kernprodukt "BPCS" (Business Planning and Control Software) in erster Linie Kunden aus der Prozessfertigung bedient, darunter die Branchen Chemie, Pharma, Nahrungsmittel und Getränke sowie Consumer Packaged Goods (CPG). Baan hingegen entwickelt seine iBaan-Produktfamilie vorwiegend für die diskrete Fertigung, beispielsweise für Unternehmen aus dem Maschinen- und Anlagenbau, Automobilhersteller oder die Luft- und Raumfahrtindustrie.

Hauk verweist zudem auf die Tatsache, "dass die zwei Hauptprodukte Baans und SSAs völlig unterschiedlich sind". Historisch bedingt sind die SSA-Systeme noch immer stark auf IBMs Mittelstandsplattform AS/400 (heute "I-Series") ausgerichtet, während Baan sich auf Unix- und Microsoft-Systeme konzentriert. "Die Integration verschiedener Produktlinien hat schon bei Invensys nicht funktioniert", gibt der DBUG-Vorsitzende zu bedenken. Auch Baan-intern gestaltete sich die Zusammenführung der zahlreichen zugekauften Produkte schwierig.

Rüdiger Spies, Vice President Enterprise Applications bei der Meta Group Deutschland, sieht ein ähnliches Problem auf seiten von SSA. Nach seiner Einschätzung ergeben sich für das fusionierte Unternehmen zwei Optionen: "Entweder man schafft eine gemeinsame technische Architektur oder man lässt zwei Produktlinien separat laufen und versucht etwa über Cross Selling zusätzliche Potenziale zu nutzen." Gegen erstere Variante spreche der zu hohe zeitliche Aufwand. "SSA hat schon genug damit zu tun, die zugekauften Produkte zu integrieren." Der Hersteller aus Chicago erwarb beispielsweise Anfang 2002 den E-Business-Applikations-Geschäftsbereich Interbiz von Computer Associates (CA) und damit Softwaretools für das Supply-Chain-Management (SCM) sowie für das Financial- und Human-Resource-(HR-)Management. Ende vergangenen Jahres kaufte SSA Infinium Software, einen Anbieter Web-integrierter Enterprise-Business-Applications, die an IBMs I-Series angepasst sind. Erst kürzlich kündigte SSA-CEO Mike Greenough an, sieben weitere Hersteller übernehmen zu wollen, darunter auch I2 und Manugistics.

Migrationspfade

Ob es dennoch Migrationspfade in die eine oder andere Richtung geben wird, lässt das Baan-Management offen. In einer offiziellen Mitteilung vermeiden die Niederländer diesbezügliche Ankündigungen und zitieren stattdessen den AMR-Research-Analysten John Bermudez. Der spricht angesichts der hohen Investitionen in Baans nächste ERP-Generation (Codename "Gemini") von einem "sinnvollen Migrationspfad" für SSA-Kunden, wenn diese "ihre ERP-Systeme in den nächsten zwei bis drei Jahren aufrüsten wollen".

Was das konkret heißt, mochte Baans Vertriebschefin Susan Heystee im Gespräch mit der COMPUTERWOCHE nicht sagen. Wichtig für Baan-Kunden sei zunächst das "langfristige strategische Commitment zur iBaan- Roadmap". Inwieweit sich im Produktbereich Synergien mit SSA nutzen lassen, müsse erst noch diskutiert werden. Anwendervertreter Hauk jedenfalls hält es für sinnvoll, SSA-Kunden einen Migrationspfad aufzuzeigen, statt dauerhaft zwei unterschiedliche Produkte zu pflegen.

Helmuth Gümbel von der Unternehmensberatung Strategy Partners wird deutlicher: Einerseits sei die Loyalität der ERP-Kunden vergleichsweise hoch, andererseits könne SSA kaum moderne Technik vorweisen. "Die Altsysteme bedürfen einer Erneuerung." Die von Baan angekündigte ERP-Plattform "Gemini" könne diese Rolle übernehmen. Die Kernfrage für SSA-Kunden sei, wie attraktiv das fusionierte Unternehmen entsprechende Migrationsangebote auf die Baan-Plattform gestaltet: "Sind die Bedingungen nicht interessant, könnten sich auch loyale Kunden nach einem neuen Anbieter umsehen."

Meta-Group-Experte Spies rät Neukunden, die Roadmaps beider Hersteller genau zu prüfen und zu hinterfragen. Bestehende Anwender sollten möglichst schnell auf eine aktuelle Version der eingesetzten Software wechseln, denn ein Migrationspfad auf ein anderes System werde in der Regel von der jeweils neuesten Version aus angeboten.

Unklar ist bis dato auch, wo das Management des fusionierten Unternehmens die erhofften Synergien heben will. Regional sind die Organisationen unterschiedlich aufgestellt. Während Baan überwiegend im europäischen Raum agiert, kann SSA auf eine große Kundenbasis im US-Markt und anderen Gebieten außerhalb Europas verweisen. Nach Angaben von Baan-CEO van der Tang soll der niederländische Anbieter weltweit als separate "Division" agieren, mit eigenen Strukturen für Vertrieb, Marketing, Entwicklung, Consulting und Support. Langfristig aber werde es nicht damit getan sein, Synergien nur im Backoffice anzustreben, kommentiert Hauk.

Trotz vieler offener Fragen haben sich die Niederländer ehrgeizige Ziele gesteckt. Die Kombination aus Baan und SSA soll zu einem Milliarden-Dollar-Unternehmen wachsen und zu den größten drei Herstellern im ERP-Markt aufsteigen. Dazu müsste zumindest Oracle mit seiner "Applications"-Familie verdrängt werden. Sollte der Datenbankriese tatsächlich den Konkurrenten Peoplesoft übernehmen (siehe Seite 1) würden sich die Kräfteverhältnisse deutlich zu Ungunsten von Baan/SSA verschieben.

DBUG-Vertreter Hauk hat nichts gegen hochgesteckte Ziele einzuwenden, warnt aber: "Baan sollte nicht in alte Fehler verfallen und glauben, an die Big Player wie SAP oder Peoplesoft/J.D. Edwards heranzukommen. Das hat schon früher nicht funktioniert."

Tatsächlich nimmt sich auch ein fusioniertes Unternehmen im Vergleich zu den Branchenschwergewichten bescheiden aus. So erwirtschaftete der Walldorfer SAP-Konzern im Jahr 2002 mit rund 29000 Mitarbeitern einen Umsatz von 7,4 Milliarden Euro. Die neue Nummer zwei Peoplesoft würde mitsamt der aufgekauften J.D. Edwards auf 2,8 Milliarden Dollar und 13000 Angestellte kommen. SSA und Baan sind mit einem zusammengerechneten Umsatz von rund 600 Millionen Dollar noch weit von der Milliarde entfernt. Die Belegschaft addiert sich auf rund 4300 Mitarbeiter.

ERP-Experte Gümbel bewertet die Fusionspläne dennoch positiv. Er erhoffe sich eine "Belebung der Wettbewerbssituation" in einem Markt, der von einem Oligopol beherrscht werde. Die Konzentration im ERP-Markt habe ein Ausmaß erreicht, das den Wettbewerb zu ersticken drohe. Das Quasimonopol der SAP schätzt er als schädlicher ein, als die marktbeherrschende Stellung Microsofts im PC-Markt. Gümbel: "Ein Antitrust-Verfahren gegen SAP wäre heilsam."